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Veröffentlicht am 25.04.2025

Wie entkommt man dem Trauma, das man geerbt hat?

Evil Eye
3

Yaras Leben ist perfekt – zumindest, wenn man ihrem Instagram-Account glaubt: Sie arbeitet als Kunst-Dozentin und Social-Media-Managerin am College und lebt mit ihren zwei Töchtern und ihrem Ehemann in ...

Yaras Leben ist perfekt – zumindest, wenn man ihrem Instagram-Account glaubt: Sie arbeitet als Kunst-Dozentin und Social-Media-Managerin am College und lebt mit ihren zwei Töchtern und ihrem Ehemann in einem großen Haus in den USA. Hinter der Fassade sieht es jedoch ganz anders aus: Neben ihren zwei Jobs trägt Yara die gesamte Care-Arbeit allein. Ihr Mann arbeitet von früh bis spät und verbringt die Abende damit, beim Essen im Bett seine Lieblingsserien zu schauen – ohne Rücksicht auf Yaras Bedürfnisse. Als wäre das nicht schon genug, kämpft Yara mit den Folgen ihrer traumatischen Kindheit in einer konservativen palästinensisch-US-amerikanischen Familie. Nach einem Vorfall auf der Arbeit beginnt sie, sich mit ihrer Vergangenheit sowie der ihrer Mutter und Großmutter auseinanderzusetzen – denn dieses Trauma wurde über Generationen hinweg weitergegeben.

Der Schreibstil ist angenehm, eindringlich und mitreißend. Ich fand den Einstieg über Yaras Tagebucheinträge, die immer wieder zwischen den Kapiteln auftauchen, sehr gelungen. Sie geben einen tiefen Einblick in Yaras Kindheit – voller Ungerechtigkeit, Gewalt und Traurigkeit.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Etaf Rum es geschafft hat, Yaras komplexe Gefühlswelt in Worte zu fassen. Ihre inneren Kämpfe sind total greifbar: das Funktionieren im Autopilot, Erinnerungslücken, das Zittern vor Wut, die lähmenden Zweifel – das alles ist so realistisch und kraftvoll beschrieben, dass es mir oft unter die Haut ging.

Einziger Kritikpunkt: Das Erzähltempo. Yara steckt lange in ihrem Strudel aus Zweifeln und Schmerz fest. Das ist zwar realitätsnah und nachvollziehbar, aber an manchen Stellen habe ich mir gewünscht, dass die Handlung etwas schneller vorankommt.

Der pola Verlag bringt mit dieser Übersetzung eine wichtige Perspektive in die deutsche Literaturwelt, die viel zu selten sichtbar ist: die von Palästinenser*innen. „Evil Eye“ ist ein krasses Buch, das mich noch eine Weile begleiten wird. Große Empfehlung!

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