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Veröffentlicht am 29.07.2017

Platter, vorhersehbarer und komplett überzeichneter Roman mit stereotypen, nervigen Protagonisten

Kopf aus, Herz an
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Lilly Swanson ist 24 Jahre alt, als sie am Tag ihrer Hochzeit von ihrem Verlobten Michael ohne eine Begründung vor dem Altar stehengelassen wird. Wut und Verzweiflung machen sich in ihr breit und sie beschließt ...

Lilly Swanson ist 24 Jahre alt, als sie am Tag ihrer Hochzeit von ihrem Verlobten Michael ohne eine Begründung vor dem Altar stehengelassen wird. Wut und Verzweiflung machen sich in ihr breit und sie beschließt trotzig, die Hochzeitsreise nach Thailand alleine anzutreten.

Bereits auf dem Flug, auf dem sie aufgrund ihrer überstürzten Abreise zerzaust, mit verschmiertem Make-up und im Schlafanzug sitzt, lernt sie den hilfsbereiten Damien kennen, der als Gothic-Typ" so rein äußerlich gar nicht ihr Fall ist und ihr sogar ein bisschen Angst macht

Den Sicherheitsbeamten am Flughafen in Bangkok kommen die beiden verdächtig vor, weshalb sie kurzzeitig wegen des Verdachts des Drogenschmuggels festgenommen werden. Da Damien nach der Bestechung der Polizei pleite ist, bietet Lilly ihm spontan an, die Nacht bei ihr in der Honeymoon-Suite zu verbringen.

Eine Reihe an Missgeschicken, zahlreiche Fettnäpfchen, in die Lilly springt und kuriose Situationen schweißen das ungleiche Paar zusammen. Schon am ersten Tag sind sie sich so vertraut, dass sie sich gegenseitig traumatische Dinge aus ihrer Vergangenheit erzählen, über die sie sonst nicht sprechen.

Bevor die beiden aber letztendlich zueinander finden, muss noch das ein oder andere Missverständnis an dem exotischen Schauplatz in Thailand umschifft werden.

"Kopf aus, Herz an" ist der erste Band der "Destination Love"-Reihe von Jo Watson und beschreibt die persönliche Entwicklung von Lilly, die bislang immer auf ihre Vernunft gehört hat und ein geordnetes, (spieß-)bürgerliches Leben geführt hat. Dass ihr Verlobter sie einfach so unvermittelt vor dem Traualtar und 500 geladenen Gästen stehen lässt, wirft sie verständlicherweise komplett aus der Bahn. Kopflos flüchtet sie auf ihre Hochzeitsreise nach Thailand, wo ihr der unkonventionelle Backpacker Damien vorlebt, spontan zu sein und auf sein Herz zu hören.

Von dem Roman hatte ich mir wahrlich keine tiefgründige oder berührende Liebesgeschichte, sondern ein lockere, amüsante Chick Lit erwartet, die eine Wende in Lillys bisher streng getaktetes Leben bringt.

Zu Beginn besteht "Kopf aus, Herz an" fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung aberwitziger Situationen, in die sich die offensichtlich sehr tollpatschige Lilly immer wieder im Beisein von Damien bringt. Was mir auf den ersten Seiten noch ein Schmunzeln ins Gesicht zauberte, nervte im weiteren Verlauf des Romans eher, als dass es unterhielt, da man auf jeder Seite nur auf das nächste abstruse Ereignis gewartet hat.
Lilly gebärdete sich so hysterisch überdreht, dass mir nicht wirklich nachvollziehbar war, wie sich innerhalb der Kürze der Zeit eine so vertrauensvolle Nähe zwischen ihr und "Badboy" Damien ergeben konnte. Die körperliche Anziehungskraft zwischen beiden stand dann später im Vordergrund, womit ich gemerkt habe, dass ich mit bei dem Buch im Genre vergriffen habe. Der Sex mit dem Höhepunkt zur Mondfinsternis, Damien als Lillys Lehrmeister, der die Sexualität erst in ihr erweckt, war mir zu explizit.

Der Roman ist - "Kopf aus" - schnell zu lesen, aber keine Geschichte, für die ich mich begeistern konnte und die mir länger im Gedächtnis bleiben wird. Dafür wirkte die Situationskomik zu erzwungen und stellenweise sogar unrealistisch überzogen, die Protagonisten zu einfältig und stereotyp und die ganze Geschichte zu platt und vorhersehbar. Mir fehlte das gewisse Herzblut der Autorin für ihre Figuren und kreative Highlights, die der einfach strukturierten Handlung mehr Leben eingehaucht hätten. Dass es zwischen Lilly und Damien zum Happy End kommt, empfand ich als aufgrund der Trennungsphase zwischen zwei Thailand-Aufenthalten zu unrealistisch bzw. zumindest zu abrupt.

Band 2 der "Destination Love"-Serie "Herz auf Anfang" erscheint im Dezember 2017 und handelt wieder von einer Urlaubsliebe, jedoch mit anderen Protagonisten. Jo Watson konnte mich aber mit Band 1 nicht für weitere Teile von "Destination Love" begeistern.

Veröffentlicht am 28.07.2017

Absurde Geschichte über einen etwas einfältigen Dichter und klassischen Antiheld - amüsant zu lesen

Der Gentleman
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Lionel Savage hat seine Frau Vivien nur aufgrund ihres Vermögens geheiratet, um sich und seiner sechs Jahre jüngeren Schwester, für die er nach dem Tod der Eltern verantwortlich ist, versorgen zu können. ...

Lionel Savage hat seine Frau Vivien nur aufgrund ihres Vermögens geheiratet, um sich und seiner sechs Jahre jüngeren Schwester, für die er nach dem Tod der Eltern verantwortlich ist, versorgen zu können.
Savage ist Dichter, seit der Hochzeit vor einigen Monaten befindet er sich allerdings in einer Schaffenskrise und ist inzwischen so verzweifelt, dass er sich umbringen möchte. Da er aber nicht so richtig weiß, wie er seinem Leben ein Ende setzen könnte und er auch seinem Butler nicht mit der Beseitigung seiner sterblichen Überreste behelligen möchte, kommt es Savage ganz gelegen, dass während der Party seiner Ehefrau ein Gentleman in seinem Arbeitszimmer erscheint, mit dem er einen Pakt schließt. Noch am selben Abend ist Vivien verschwunden und Savage verspürt wieder die nötige Kreativität für seine Dichtkunst.
Als wenig später der Bruder von Vivien von seiner Afrika-Expedition nach London zurückkehrt und Savage erfährt, dass Vivien diesem in Briefen begeistert und scheinbar schwer verliebt von ihrem Ehemann berichtet hat, bekommt Lionel nicht nur ein schlechtes Gewissen, er merkt auch, dass er seine Ehefrau tatsächlich liebt. Er möchte sie wieder aus den Händen des Teufels befreien und so beginnt die abenteuerliche Suche nach seiner Frau und dem Eingang zur Hölle.

"Der Gentleman" erinnert ein wenig an Goethes Faust und ist auch so geschrieben, dass ich mir den Roman gut als ein Theaterstück hätte vorstellen können. Tatsächlich gibt der Autor in seiner Danksagung an, dass das Buch als Komödie für das Theater konzipiert war. Das fällt vor allem am Ende des Romans auf, als alle Protagonisten zum Finale in einem Raum versammelt sind und das Verschwinden von Vivien aufgeklärt werden kann.

Der Roman ist voller Ironie und stark übertreibender Dialoge geschrieben, so dass man weder Lionel Savage noch die ganze Handlung allzu ernst nehmen kann. Der Roman ist von einem imaginären Herausgeber verfasst, der von Savage gezwungen wurde, sein Werk zu veröffentlichen. Dieser "pünktliche Hubert" gibt in unzähligen Fußnoten (abwertend) an, was er von Lionel, seiner Dichtkunst und dem Roman hält.

"Der Gentleman" ist eine etwas absurde Geschichte über einen etwas einfältigen Dichter, der ohne seinen Butler völlig hilflos wäre und bei dem immer erst zuletzt der Groschen zu fallen scheint. Letztlich findet er jedoch aufgrund einer gut gemeinten Finte seiner Ehefrau, die aberwitziger Weise ein größeres Talent zur Dichtkunst zu haben scheint als Lionel selbst, zu seinem Glück.

Das Buch überzeugt durch seinen kreativen, ungewöhnlichen Schreibstil und ganz amüsante Szenen um den Antiheld Savage, ist aber nicht ganz so unterhaltsam und abenteuerlich wie ich es mir gewünscht hätte. So hatte der Roman doch einige Längen bis es zur etwas ernüchterndem Aufklärung des Verschwindens von Vivien kam.

Veröffentlicht am 26.07.2017

Sehr gefühlvoller Roman über eine Ehe, die aufgrund eines Fehlers vor dem Aus steht - emotionale Aufarbeitung an einem Wochenende

Jeder neue Tag mit dir
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Kathrin und Markus Killian sind seit 13 Jahren verheiratet und wohnen un München. Kathrin ist im vergangenen Jahr Partnerin in einer Werbeagentur geworden ud auch Markus ist als erfolgreicher Kameramann ...

Kathrin und Markus Killian sind seit 13 Jahren verheiratet und wohnen un München. Kathrin ist im vergangenen Jahr Partnerin in einer Werbeagentur geworden ud auch Markus ist als erfolgreicher Kameramann für Filmproduktionen gefragt und sehr oft unterwegs. Oft sieht sich das Paar tagelang nicht und so beschließt Markus, seine Frau zu ihrem Geburtstag zu überraschen und erscheint frühe als angekündigt zu Hause. Dort trifft er auf Kathrin, die eng umschlungen mit ihrem Arbeitskollegen im Wohnzimmer tanzt und offensichtlich gerade dabei ist, Markus zu betrügen.

Für Markus ist die Situation unerträglich, er packt seine Tasche und flieht über Nacht zu seinem besten Freund Jan. Bei seinem Aufbruch entdecken Kathrin und Markus auf dem Dachboden einen Koffer, den sie zu ihrer Hochzeit als Geschenk von allen Gästen bekommen haben und erst zu ihrem 15. Hochzeitstag öffnen sollen bzw. dann wenn ihre Ehr vor dem Aus steht.

Schon bei Jan auf der Couch beginnt Markus in Erinnerungen an Kathrin und die Anfangszeit ihrer Ehe zu schwelgen. Am nächsten Morgen fährt er zurück, um sich mit Kathrin auszusprechen. Trotz der Bedenken mit dem Öffnen des Koffers das Ende ihrer Ehe zu zementieren, werfen sie einen Blick hinein und entdecken im Verlauf des Osterwochenendes liebe, witzige oder hilfreich gemeinte Geschenke, die man nach 15 Jahren Ehe gebrauchen kann.

Durch das Spiel zu erraten, von wem das jeweilige Präsent sein könnte bzw. der Bedeutung, die damit verbunden ist, kommen sich Markus und Kathrin wieder näher und nutzen die gemeinsame Zeit, offen miteinander zu sprechen.
Beide haben den Ansporn, ihre Ehe zu retten, aber neben dem aktuellen Fehltritt Kathrins gibt es noch eine weitere unausgesprochene Wahrheit, die den Glauben an eine gemeinsame Zukunft erschüttern lassen.

"Jeder neue Tag mit dir" ist ein berührender Roman über eine Ehe, die aufgrund eines Fehlers, der nur ein Symptom dafür zu sein scheint, dass zwischen Kathrin und Markus schon seit Längerem mehr im Argen ist, kurz vor dem Scheitern steht.

Das Ehepaar hat sich, abgelenkt von Beruf und Alltag, zu wenig Zeit für sich genommen und auseinandergelebt. Fraglich ist, ob der Betrug, zu dem es ohne das vorzeitige Eintreffen von Markus unweigerliche gekommen wäre, so schwer wiegt, dass jegliches Vertrauen zwischen Markus und Kathrin zerstört ist und ihre Liebe keine Chance mehr hat.

Auch wenn er Leser sich auf die Seite von Markus schlägt, ist Kathrin keine unsympathische Protagonistin. Ich konnte mich in beide Ehepartner gut hineinversetzen und es war mit jedem kleinen Geschenk aufs Neue interessant zu erfahren, was sich dahinter verbirgt, welche Erinnerungen es bei Markus und Kathrin hervorruft oder welche Bedeutung es jetzt im Moment für sie hat.
In Rückblenden erfährt man viel von der Anfangszeit der Beziehung und den glücklichen Tagen ihrer Ehe und umso mehr hofft man selbst, dass die beiden sich wieder emotional annähern und einen Neuanfang wagen.

Der Roman beschreibt eine Situation bzw. einen Zustand der Ehe, in die/ den jedes Paar gelangen kann. Luisa Valentin schafft es, das Gefühlschaos, die Hilflosigkeit, Unsicherheit und Hoffnung sehr authentisch darzustellen, dass man die Situation auf sich selbst übertragen könnte und mit beiden in dem Wechselbad der Gefühle mitbangt.
Da Buch zeigt, dass man den (Ehe-)partner gerade in langjährigen Beziehungen nicht zu selbstverständliche nehmen darf und dass man sich kontinuierlich um den anderen bemühen und Respekt zollen muss. Gleichzeitig macht es nachdenklich, ob es die richtige Entscheidung ist, der Liebe eine zweite Chance zu geben oder ob man den Mut haben muss, ein Ende zu akzeptieren, um sich nicht weiter gegenseitig zu verletzen.

"Jeder neue Tage mit dir" ist keine seichte Liebesgeschichte, sondern ein sehr kurzweiliger Roman mit Tiefgang, auch wenn Titel und rosa Cover auf den ersten Eindruck etwas anderes suggerieren.

Veröffentlicht am 24.07.2017

Trauriger Roman über ein traumatisches Ereignis in der Vergangenheit, das bis ins Erwachsenenalter nachwirkt - leider mit unbefriedigendem Ende

Sommerkind
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Ragna ist Mitte 40 und arbeitet als Gedächtnisforscherin derzeit an einem Projekt, bei dem sie die Biografien verschiedener Personen untersucht. Bei ihren Nachforschungen stellt sie fest, dass es in ihrem ...

Ragna ist Mitte 40 und arbeitet als Gedächtnisforscherin derzeit an einem Projekt, bei dem sie die Biografien verschiedener Personen untersucht. Bei ihren Nachforschungen stellt sie fest, dass es in ihrem Leben ein weißen Fleck gibt und sie unter Erinnerungslücken an eine Zeit in ihrer Jugend leidet. Einzelne Erinnerungsfetzen dringen immer wieder an ihr Bewusstsein: Da ist ein weißblonder Junge auf einer Bank und ein jüngeres Mädchen, dass sie auf dem Grund eines Swimmingpools liegen sieht.

Kolja ist 15 Jahre alt, als seine Schwester in seinem Beisein ertrinkt. Er ist mit ihr gemeinsam in einem Schwimmbad und abgelenkt mit seiner Mitschülerin Ragna, die jedoch geistesgegenwärtig als gelernte Rettungsschwimmerin Malu aus dem Wasser ziehen kann.
Malu liegt nun im Wachkoma in einer Klinik in Süddeutschland, wo die Familie aus dem Norden hingezogen ist, und Kolja ist gezwungen, sie mindestens zweimal wöchentlich im Krankenhaus zu besuchen. Da liegt sie wie Dornröschen und er weiß nichts mit ihr anzufangen. Er fühlt sich schuldig und wird darin noch von seinen Eltern unterstützt, die ihn Zuhause mit eisigem Schweigen bestrafen. Sie besuchen Malu getrennt von ihm und bald trennen sich auch die Wege der Eltern.

"Sommerkind" erzählt einerseits den Badeunfall von Malu und die tragischen Konsequenzen für die gesamte Familie, insbesondere in der Person von Kolja und andererseits die Gegenwart, in welcher Ragna, die Lebensretterin von Malu, sich nur bruchstückhaft an den Unfall erinnert und sich auf die Suche nach ihrer Jugendliebe Kolja macht.

Während die Passagen, die Koljas Geschichte beschreiben, sehr eingängig sind und das Schicksal des Jungen, der von seinen Eltern stillschweigend verstoßen wird und sich lieber jeden Tag in eine Klink flüchtet, wo er sich mit den Mitpatienten seiner Schwester beschäftigt, tief berührt, empfand ich die Erzählung Ragnas aus der Ich-Perspektive anstrengend zu lesen. Bei ihr reihen sich oft nur einzelne Sätze scheinbar unzusammenhängend aneinander, einzelne Passagen aus Büchern, Gedichten oder Liedern, die in ihrem Kopf herumschwirren und ihre Verwirrtheit belegen.

Es ist traurig, wie die Familie Tönning mit dem Unglück umgeht und ihrem Sohn die Schuld an den Unglück und letztlich der Retterin die Schuld an der Situation Malus mit all ihren Folgen für die Familie gibt. Statt sich gegenseitig Halt zu geben, bricht die Familie in zwei Teile und Kolja hat noch als Erwachsener darunter zu leiden, flieht in die Einsamkeit.

In beide Protagonisten kann man sich gut hineinversetzen und umso enttäuschender fand ich dann das Ende der Romans, der für mich unbefriedigend aufhörte. Auch wenn Ragna ihre Erinnerungslücken durch Fahrten in ihre alte Heimat sowie nach Süddeutschland und die dort geführten Gespräche wieder füllen konnte, fehlte mir bei ihrer Suche letztendlich das Erfolgserlebnis und ein runder Abschluss des Romans. Darüber hinaus fehlte mir eine logische Erklärung für ihre partielle Amnesie (?), wie ihre Jugendliebe so in Vergessenheit geraten konnte und warum sie 30 Jahre später mit einer Suche nach ihm beginnt.

Kolja erschien mir sehr authentisch, weshalb ich sein Schicksal eines traumatisierten Jungen als besonders bewegend empfand, gerade weil es schien, als würde er als selbstauferlegte Strafe auch als Erwachsener kein Glück für sich zulassen.

Der Roman thematisiert Menschen im Wachkoma und welche Folgen das apallische Syndrom für die Patienten, aber vor allem auch die Familienangehörigen hat und wie belastend die lebenslange Pflege eines leblos wirkenden Menschen für die Angehörigen ist. Gleichzeitig wird auch die Frage nach der Schuld gestellt und ob es für das Kind tatsächlich ein Glück war, gerettet werden zu können und was ein Leben lebenswert macht. Auf der anderen Seite wird aber auch dargestellt, welchen Halt Freunde geben können und wie wichtig es ist, in solchen Situationen nicht allein gelassen zu werden.

  • Einzelne Kategorien
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  • Gefühl
Veröffentlicht am 22.07.2017

Berührende, melancholische Geschichte, die Hoffnung macht die Dämonen der Vergangenheit zu bezwingen - gewohnt sensibler Schreibstil der Autorin

Nachtblumen
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Jana ist 19 Jahre alt und gerade nach Westerland auf Sylt gezogen, um dort eine Ausbildung als Bauzeichnerin zu beginnen. Am Bahnhof wurde sie von ihrer neuen Psychotherapeutin Dr. Thea Flick abgeholt, ...

Jana ist 19 Jahre alt und gerade nach Westerland auf Sylt gezogen, um dort eine Ausbildung als Bauzeichnerin zu beginnen. Am Bahnhof wurde sie von ihrer neuen Psychotherapeutin Dr. Thea Flick abgeholt, die Jana ihr neues Zuhause, eine Art betreute Wohngemeinschaft, bringt. Das Ehepaar Völkner nimmt "besondere" Jugendliche und Heranwachsende bei sich auf, die im Leben Hilfe benötigen und dort eine zweite Chance bekommen, um nicht (weiter) abzudriften. Vier Jugendliche im Alter bis 23 Jahren wohnen bei den Völkners und absolvieren jeweils eine Ausbildung in deren Architekturbüro.

Jana fühlt sich in ihrer Ersatzfamilie zwar wohler als in ihrer letzten Einrichtung in Hannover, ist aber dennoch sehr still, ängstlich und hält sich im Umgang mit den anderen Jugendlichen zurück. Gegenüber Anke und Klaas Völkner hat sie geradezu ein schlechtes Gewissen, dass sie so bedingungslos und liebevoll aufgenommen wird, In der Berufsschule sind ihr zu viele Menschen und als Auszubildende hat sie Angst, Fehler zu machen. Auch in den Therapiesitzungen, in denen die unkonventionelle Thea Flick Jana vermitteln möchte, wieder Freude am Leben zu finden und aus sich herauszugehen, ist Jana sehr verschlossen.

Sie fühlt sich nur geborgen, wenn sie heimlich versteckt unter dem Bett schlafen kann und zieht sich ansonsten am liebsten allein an den Strand zurück, wo sie ihren Gedanken nachhängt. Dort wird sie neugierig auf ihren Mitbewohner Collin, der bereits im dritten Lehrjahr als Bauzeichner ist, sich von den anderen abschottet und nur mit Klaas zu kommunizieren scheint. Er zieht sich ans Meer zurück, um zu zeichnen.
Ganz langsam kommen die beiden sich näher und helfen sich dabei gegenseitig, aus ihrer Melancholie herauszufinden.

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive von Jana geschrieben, weshalb man als Leser einen guten Einblick in die Sorgen und Nöte erhält, die sie im Augenblick bewegen. Lange bleibt im Verborgenen, aus welchem Grund Jana Patientin bei Thea Flick ist und was sie in der Vergangenheit durchgemacht haben mag. Man erfährt zunächst nur, dass ihre Mutter schon früh an einer unheilbaren Form der Demenz erkrankt ist.
Die offenen Fragen, die sich zwangsläufig beim Lesen ergeben, werden erst gegen Ende des Romans gelöst, weshalb trotz der Ruhe und Melancholie der Handlung Spannung aufgebaut wird und man als Leser unbedingt mehr von Jana, aber auch von den anderen Protagonisten erfahren möchte.

Währenddessen zeichnet sich durch die Annäherung zwischen Jana und Collin eine zarte Liebesgeschichte ab, wobei diese nicht vergleichbar mit Emelys und Elyas Romanze aus "Kirschroter Sommer" bzw. "Türkisgrüner Winter" ist. Es fehlen die Leidenschaft und die tiefen Gefühle, die überspringen und den Leser fesseln könnten.

"Nachtblumen" ist ein sehr feinfühliger Roman, der überwiegend vom Seelenleben der lange so traurig un hilfsbedürftig wirkenden Jana handelt, die gar nicht den Eindruck erweckt, schon 19 Jahre alt zu sein, das es zu ergründen gilt. Wer vom lang ersehnten Nachfolger der beiden Bestseller von Carina Bartsch einen (Liebes-)roman mit einer aufregenden Handlung oder sich überschlagenden Ereignissen erwartet, wird insofern enttäuscht sein.

Mir hat dieser berührende Roman dennoch - vor allem aufgrund des sehr sensiblen und bildhaften Schreibstils der Autorin - gut gefallen und zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, auch wen die rein äußerliche Handlung überschaubar ist und mir zwischen Jana und Collin das Prickeln gefehlt hat.
Im Hinblick auf die Therapie und Janas Gesundung blieb mir die Geschichte zu sehr an der Oberfläche, um das Handeln der Protagonisten und die Weiterentwicklung von Jana nachvollziehen zu können. Wie Jana und Collin am Ende dann doch noch zueinander finden, fand ich im Gegensatz zum Rest der Geschichte nicht ganz so authentisch.
Nichtsdestotrotz ist "Nachtblumen" eine berührende Geschichte, die Hoffnung macht und zeigt, dass man die Dämonen der Vergangenheit bezwingen kann und auf eine positive Zukunft vertrauen darf, wenn man nur bereit ist, Hilfe anzunehmen und zuzulassen.