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Veröffentlicht am 06.11.2020

Interessante Mischung aus historischen Fakten und fiktionaler Geschichte, aber nur mäßig spannend und trotz Bomben ohne Knalleffekt

Vergeltung
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Als junger Mann hat der Ingenieur Dr. Rudi Graf zusammen mit seinem Freund Wernher von Braun davon geträumt, eine Rakete zu Mond zu schicken. Im November 1944, als der Krieg für Deutschland verloren scheint, ...

Als junger Mann hat der Ingenieur Dr. Rudi Graf zusammen mit seinem Freund Wernher von Braun davon geträumt, eine Rakete zu Mond zu schicken. Im November 1944, als der Krieg für Deutschland verloren scheint, wird das Knowhow der Ingenieure dazu genutzt, England aus den Niederlanden zu bombardieren. Die V2, eine ballistische Rakete, die mit Überschallgeschwindigkeit fliegt, ist dabei für eine Raketenabwehr unbezwingbar. Im November 1944 werden mehrere davon in kurzen Abständen über der Nordsee abgefeuert, wobei eine präzise Zielsetzung nicht möglich ist. Der Schaden in London ist dennoch enorm, hunderte Menschen sterben im Zuge der Angriffe.

Einen der angriffe erlebt die junge englische Offizierin Kay Caton-Walsh leibhaftig in London mit, als sie die Nacht mit einem verheirateten Kommandeur der englischen Luftwaffe verbringt. Da die Affäre danach ans Licht zu kommen droht und Kay den Ehrgeiz entwickelt hat, im Krieg etwas Sinnvolles für England zu leisten, meldet sie sich freiwillig für einen Einsatz in Mechelen in Belgien, um die Startrampen der deutschen V2-Raketen mittels mathematischer Berechnungen aufzuklären und unschädlich zu machen.

Der Roman handelt an fünf Tagen im November 1944, als die Deutschen in einem Verzweiflungsakt massiv London bombardieren und damit vor allem Zivilisten treffen. Robert Harris verknüpft in seinem Roman historische Fakten und historisch belegte Personen mit einer fiktiven Geschichte und frei erfundenen Figuren, wobei es vor allem Dr. Rudi Graf und Kay Caton-Walsh sind, die einem die Geschichte nahebringen. Graf ist kein Nationalsozialist, sondern Ingenieur, der im Gegensatz zu Wernher von Braun, der weitaus weniger Skrupel hat, seine Fortschritte in der Forschung nie als Waffe gegen Menschenleben einsetzen wollte und vom Krieg desillusioniert ist. Auf der anderen Seite steht die engagierte junge Offizierin der WAAF, die ihr Leben für die Mission in Belgien aufs Spiel setzt. Der Druck, der auf ihnen lastet, ihre jeweilige Aufgabe erfolgreich zu beenden, die Verunsicherung, wem sie in den besetzten Ländern trauen können und wem nicht und die Emotionen, die damit verbunden sind, sind spür- und nachvollziehbar.

Die Kapitel wechseln zwischen den beiden Perspektiven des deutschen Ingenieurs und der englischen Offizierin, wobei man in Rückblenden aus den Erinnerungen Grafs mehr über seinen biografischen Hintergrund und die Entwicklung der noch nicht ausgereiften V2-Rakete erfährt.

Der Plot ist interessant und überzeugt durch historische Fakten, so dass die fiktive Geschichte um den Kampf Gut gegen Böse glaubwürdig wirkt. Die Umsetzung ist allerdings nur mäßig spannend. Die Aspekte um Sabotage und Verrat kommen nur kurz zum Tragen und das Ende der Geschichte erfolgte mir zu abrupt und gehetzt. Der Roman hätte durchaus Potenzial für mehr Details gehabt, um die Lebenswirklichkeit von den deutschen Ballistikern unter dem Druck der Nationalsozialisten und den englischen Offizierinnen in dem besetzten Belgien bei ihren unter Zeitdruck durchgeführten Berechnungen, um den Weg der Rakete zurückzuverfolgen, darzustellen. Im Gegensatz zur bombastischen V2 ist der Roman letztlich ohne merklichen Knalleffekt.

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Veröffentlicht am 04.11.2020

Mir war die Geschichte zu wenig kreativ, es wurden zu viele Klischees bedient und das Ende war mir einfach zu vorgezeichnet

Willst du Blumen, kauf dir welche
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Lena ist Buchhändlerin, wohnt bei ihrer Tante Hilde und glaubt an die große Liebe, die sie noch finden wird. Um die Verkaufszahlen ihrer Buchhandlung zu steigern, organisiert sie eine Lesung mit dem Buchautor ...

Lena ist Buchhändlerin, wohnt bei ihrer Tante Hilde und glaubt an die große Liebe, die sie noch finden wird. Um die Verkaufszahlen ihrer Buchhandlung zu steigern, organisiert sie eine Lesung mit dem Buchautor Benjamin Floros, der ein Buch über erfolgreiches Onlinedating geschrieben hat. Lena ist eher skeptisch, was den von ihm angepriesenen Algorithmus der Liebe betrifft, den er behauptet entwickelt zu haben und lässt sich auf eine Wette mit ihm ein. Nachdem Ausfüllen eines umfangreichen Fragebogens findet Benjamin auf diversen Datingseiten mehrere Männer, die sich als geeignete Kandidaten herausstellen. Lena soll sieben davon unter seiner Anleitung daten, um den perfekten Mann für sie herauszufiltern. Lena hat eigentlich schon nach den ersten beiden Dates, die ein Desaster waren, keine Lust, mehr aber Benjamin schafft es, sie zu weiteren Versuchen zu überreden und vielleicht kann die Liebesformel ja doch noch zu Lenas Liebesglück verhelfen...

Der Roman handelt im wesentlichen von Blind Dates, die allesamt nicht so erfolgreich verlaufen, weil sich bei jedem Mann bei einem Treffen von Angesicht zu Angesicht entscheidende Macken zeigen, die beim Online-Flirt verborgen geblieben sind. So trifft Lena auf ein Muttersöhnchen, einen Fitnessfreak ohne Hirn, einen verheirateten Casanova, um nur drei Stereotypen zu nennen. Die Pleiten sind vorhersehbar, denn eigentlich ahnt man von Anbeginn bereits, wie der Roman enden wird.
Die Begegnungen sind dabei etwas übertrieben dargestellt, was mir zu gewollt komisch war. Aber nicht nur die Männer werden vorgeführt und demonstrativ dümmlich dargestellt, auch Lenas Freundin Michelle ist fürchterlich naiv und oberflächlich. Sogar Lena ist genervt von ihr und behandelt sie von oben herab, so dass diese Frauenfreundschaft wenig authentisch ist.

Für mich zog sich der Roman etwas in die Länge, aber wer dieses Art von Humor mag, wird sich von dieser Liebeskomödie gut unterhalten fühlen. Mir war die Geschichte zu wenig kreativ, es wurden zu viele Klischees bedient und das Ende war mir einfach zu vorgezeichnet. Letztlich ist das Thema auch etwas ausgelutscht. Es fehlte das überraschend Neue, Bücher über miserable Dates, wenn der Traumprinz doch an ganz anderer Stelle wartet, habe ich einfach schon zu Hauf gelesen.

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Veröffentlicht am 02.11.2020

Statt der Hochzeit und der Liebesgeschichte stehen die historischen Ereignisse im Vordergrund - lehrreich, aber sehr zäh und mühevoll zu lesen

Die sardische Hochzeit
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Der Kriegsveteran Leo Lanteri wird 1922 von seinem Vater, einem Olivenbauer, nach Sassari auf Sardinien geschickt, um eine berühmte Olivensorte auf das Festland nach Ligurien zu holen. Auf Sardinien fühlt ...

Der Kriegsveteran Leo Lanteri wird 1922 von seinem Vater, einem Olivenbauer, nach Sassari auf Sardinien geschickt, um eine berühmte Olivensorte auf das Festland nach Ligurien zu holen. Auf Sardinien fühlt Leo sich fremd und ist von den dortigen Gepflogenheiten irritiert. Zudem trifft er auf einen ehemaligen Kriegskameraden, was Erinnerungen an den Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg hervorruft, die ihn seelisch belasten. Bei seiner Suche gelangt er auf das Landgut Soriga, wo er die Tochter des Besitzers, Gioia, kennenlernt und sich auf den ersten Blick in die musikalisch begabte junge Frau verliebt. Doch sie ist bereits dem Sohn des Pferdegestüts Marras versprochen und soll diesen in einer Woche heiraten. Auch Gioia verliebt sich auf Anhieb in den Fremden, ist sich jedoch ihrer Verantwortung für die Familie bewusst. Denn durch die Vermählung mit Gavino Marras soll auch die lang gehegte Fehde zwischen ihren beiden Familien beendet werden.

Währenddessen erobert Benito Mussolini Rom und es kommt italienweit zu Aufständen und Gewalttaten zwischen Kommunisten und Faschisten, so auch auf Sardinien, wo selbst Kinder zwischen die Fronten geraten.

Jedes einzelne Kapitel beginnt mit der Erklärung eines Mythos oder Aberglaubens, der auf der Insel herrscht, was dem Leser die Mentalität der Sarden, die auch dem Protagonisten Leo fremd ist, näher bringt. Auch das Personenverzeichnis zu Beginn ist hilfreich, um einen Überblick über die handelnden Personen zu erhalten.

Anders als gedacht, steht in dem Roman weder die titelgebende "sardische Hochzeit" noch die Liebesgeschichte zwischen Leo und Gioia im Vordergrund. Der Roman ist stattdessen geprägt von den historischen Ereignissen in Italien vier Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkriegs und den Unruhen, die 1922 ausbrechen.

Aufgrund der Vielzahl der Personen, der Verwendung zahlreicher italienischer Begriffe und der Integrierung so vieler historischer Fakten in die fiktive Geschichte empfand ich den Roman als zu überfrachtet. Die Liebesgeschichte und die Hintergründe zu den Protagonisten und ihren Familien gehen im Vergleich zu den politischen Vorgängen und der Schilderung gewalttätiger Szenen etwas unter, was ich schade fand.

Man merkt dem Roman an, wie viel Herzblut die Autorin in die Recherche gesteckt hat, was den historischen Roman sehr authentisch macht. Die beklemmende Atmosphäre ist aufgrund der Kämpfe zwischen den rivalisierenden Kräften und der folgenschweren Machtergreifung Mussolinis spürbar. Dennoch hätte ich mir einen stärkeren Fokus auf die Figuren und ihre familiären Hintergründe gewünscht, um für mehr Spannung zu sorgen. So ist der Roman zwar lehrreich, aber auch mühevoll und wenig lebendig zu lesen.

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Veröffentlicht am 31.10.2020

Zeitreise in das Berlin der 1920er-Jahre - spannender Auftakt der Buchreihe um die patente und neugierige Hebamme Hulda Gold, die ein Herz für die Armen hat

Fräulein Gold: Schatten und Licht
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Hulda Gold ist eine junge, engagierte Hebamme, die im berüchtigten Bülowbogen, einem der ärmsten Viertel Berlins zur Zeit der 1920er-Jahre, schwangere Frauen und Wöchnerinnen versorgt. Dabei liegt ihr ...

Hulda Gold ist eine junge, engagierte Hebamme, die im berüchtigten Bülowbogen, einem der ärmsten Viertel Berlins zur Zeit der 1920er-Jahre, schwangere Frauen und Wöchnerinnen versorgt. Dabei liegt ihr als moderne Frau, die sich ihre Unabhängigkeit bewahren möchte, nicht nur ihre Arbeit, sondern auch das Wohlergehen der armen Menschen am Herzen, weshalb sie sich mitunter unentgeltlich um ihre Patientinnen kümmert.
Die Niederkunft der Erstgebärenden Lilo Schmidt ist mustergültig verlaufen, Hulda sorgt sich jedoch um die junge Frau, die vom Tod ihrer Nachbarin und Freundin Rita Schönbrunn, eine lebensältere Frau, die als Prostituierte arbeitete, erschüttert ist. Ihre Leiche war im Landwehrkanal aufgefunden worden. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus, was Lilo jedoch nicht glauben mag.
Als Hulda neugierige Fragen im Bülowbogen stellt und neben Kriminalkommissar Karl North eigene Ermittlungen anstellt, bringt sie sich letztlich selbst in Gefahr.

"Fräulein Gold: Schatten und Licht" ist der Auftakt der dreiteiligen Buchreihe um die junge Hebamme Hulda Gold aus Berlin. Der erste Band handelt im Frühling/ Sommer 1922 und lässt den Leser anschaulich in das Berlin der damaligen Zeit, wo Licht und Schatten, Wohlstand und Armut, Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg sowie Inflation und drohende Wirtschaftskrise dicht nebeneinander liegen, eintauchen. Durch die lebendige Beschreibung der Szenerie und die typische Berliner Schnauze so manches Nebencharakters ist die Atmosphäre spürbar.
Hulda ist einerseits eine starke, patente junge Frau, die ihrer Zeit voraus ist und sich aus Angst vor dem Verlust ihrer Unabhängigkeit nicht an einen Mann binden möchte, andererseits aber auch eine empathische Frau mit einer weichen Seite, die die Augen nicht vor den Armen verschließen kann und sich selbst nach Liebe und Geborgenheit sehnt.
Ihr Interesse für den (ungeklärten) Todesfall und ihre Einmischung in die Ermittlungen von Kommissar North waren mir hingegen nicht so ganz nachvollziehbar und von zu vielen Zufällen geprägt. Dennoch mochte ich den spürbaren Zeitgeist der 1920er-Jahre und Hulda, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und habe sowohl die Aufklärung der Kriminalfalls durch sie und den etwas zwielichtigen Kommissar North sowie Huldas Beziehung zu ihrem Exfreund Felix Winter und ihr romantisches Interesse für den Kommissar gespannt verfolgt.

"Fräulein Gold: Schatten und Licht" ist ein gelungener erster Band, der Lust auf mehr von Hulda Gold macht.

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Veröffentlicht am 30.10.2020

Ein dramatischer Psychothriller, der mit einem Plottwist überrascht und durch die Erfahrung der Autorin authentisch erzählt ist

Meine Seele so kalt
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Auf dem Heimweg aus der Schule wird der fünfjährige Jacob von einem Auto erfasst und stirbt noch am Unfallort. Der Fahrer ist flüchtig und die trauernde Mutter kann nichts zur Identifizierung des Täters ...

Auf dem Heimweg aus der Schule wird der fünfjährige Jacob von einem Auto erfasst und stirbt noch am Unfallort. Der Fahrer ist flüchtig und die trauernde Mutter kann nichts zur Identifizierung des Täters beitragen. Die Ermittlungen von Detective Inspector Ray Stevens und Constable Kate Evans laufen ins Leere bis sich nach über einem Jahr eine neue Spur ergibt.
Jenna lässt nach dem Unfall ihr alles Leben hinter sich und zieht nach Wales in ein einsames Cottage am Meer. Sie lebt dort zurückgezogen und orientiert sich beruflich als Fotografin um. Doch die Geister der Vergangenheit lassen sie nicht ruhen. Jede Nacht träumt sie von dem Unfall und sieht Jacob vor Augen.

"Meine Seele so kalt" beginnt mit dem tragischen Tod des kleinen Jungen und entwickelt sich dann eher wie ein klassischer Kriminalroman als ein Thriller. Die Perspektiven wechseln kapitelweise zwischen DI Ray Stevens und den Ermittlungen an dem Fall der Fahrerflucht und der Sicht von Jenna, die sich traumatisiert in das Cottage in Wales zurückgezogen hat, wo sie Schuldgefühle quälen und sie mit niemandem über den Unfall sprechen kann.
Nach einem Drittel des Romans kommt es zu einem Plottwist und zu einer Wendung, die den Krimi zu einem Psychothriller machen. Auf raffinierte Art und Weise hat die Autorin den/die Leser/in bewusst auf eine falsche Fährte geführt und auf einmal erscheint nichts mehr so wie ursprünglich angenommen. Rückblenden in die Vergangenheit zeigen auf, was Jenna tatsächlich quält und wovor sie davon läuft. Gleichzeitig bleibt es - selbst als der Fahrer des Unfallfahrzeugs verhaftet und vor Gericht gestellt wird - spannend, was sich an dem Abend tatsächlich ereignet hat.

Es ist kein reißerischer, blutiger, sondern ein dramatischer Psychothriller, bei dem letztlich nicht die Tat an sich, sondern die Hintergründe dafür in den Fokus rücken, so dass die Rollen von Täter und Opfer verschwimmen. Die Autorin war früher selbst Polizeibeamtin und das merkt man der Geschichte an. Die Handlung ist authentisch erzählt und auch ihre Gefühle als Mutter sind in die Geschichte empathisch eingeflossen.

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