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Veröffentlicht am 28.11.2024

Die Last der Normen - Fern Bradys Leben als autistische Frau

Strong Female Character
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Fern Brady erzählt in ihrer Autobiografie Mein Leben zwischen Sexismus und Autismus die bewegende Geschichte ihres Lebens als neurodivergente Frau, die vor allem durch die erst sehr spät erfolgende Diagnose ...

Fern Brady erzählt in ihrer Autobiografie Mein Leben zwischen Sexismus und Autismus die bewegende Geschichte ihres Lebens als neurodivergente Frau, die vor allem durch die erst sehr spät erfolgende Diagnose geprägt ist. Ohne Umschweife beleuchtet Brady ihre Erfahrungen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und den Herausforderungen von Autismus. Mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Humor und Bitterkeit gewährt sie einen tiefen Einblick in ihr Leben und gibt dem Leser neue Perspektiven auf Neurodivergenz und die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen.

Brady gelingt es auf eindrucksvolle Weise, die Schwierigkeiten und Missverständnisse, die das Leben einer autistischen Person prägen, lebendig und greifbar zu machen. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung, wie alltägliche soziale Interaktionen für sie zu einer Art „Übung" werden – wie eine Schülerin, die ständig an „Hausaufgaben" arbeiten muss, um mit der neurotypischen Welt zu interagieren. Die Autorin beschreibt ihre Reizüberflutung und die ständige Anstrengung, soziale Signale zu deuten, als etwas, das für autistische Menschen oft überwältigend und erschöpfend ist. In dieser Weise wird der oft theoretische Begriff von Autismus so anschaulich, dass ich mein Verständnis für die täglichen Herausforderungen deutlich erweitern konnte. Ein wiederkehrendes Bild, das Brady einführt, ist das Gefühl des „Falschseins" – eine konstante Unsicherheit, die sie seit ihrer Kindheit begleitet:

„Seit ich drei oder vier Jahre alt war, verfolgte mich ein Gefühl, das ich nicht in Worte fassen konnte. Es war ein Unbehagen, ein Eindruck von Falschsein und drohendem Unheil. In meinem kindlichen Kopf nannte ich es ‚Das schlechte Gefühl des Lebens‘."

Diese ständige Angst, gepaart mit der Unfähigkeit, sich mitzuteilen, zeigt, wie isoliert sich viele autistische Menschen in einer Welt fühlen können, die nicht für sie gemacht ist.

Besonders berührend ist die Darstellung ihrer Kindheit, die von Isolation und Missverständnissen geprägt ist. Fern fühlt sich nicht nur von ihren Mitschülern, sondern auch von ihrer Familie entfremdet. Das Gefühl, „nicht richtig zu sein", wird von der strengen katholischen Erziehung ihrer Eltern noch verstärkt, was ihr Leben zusätzlich erschwert. Sie beschreibt, wie der Katholizismus ihr die Last von „moralischer Richtigkeit" auferlegte, die in ihrer Kindheit und Jugend als erdrückend empfunden wurde. Ihre Beziehungen zu anderen Familienmitgliedern, insbesondere zu ihrer Großmutter, sind ebenfalls von Entfremdung geprägt.

Ein weiterer zentraler Teil des Buches sind die Beziehungen, die sie mit anderen Menschen eingeht, sei es mit Freundinnen, die sie kaum finden konnte, oder mit Männern wie John. Dieser wird von Brady als „exzentrisch, selbstsüchtig, leider attraktiv" beschrieben. Seine protestantische Familie mit ihren absurden Normen (darunter bizarre Anekdoten über Nekrophilie) wird dabei zur Karikatur einer Gesellschaft, die Brady selbst kaum versteht.

Brady führt auch aus, dass ihre weibliche Autismus-Erfahrung sie von den traditionellen Erwartungen an Frauen befreite. Erst als sie begann, autistische Frauen zu bewundern, die diese Perspektive ebenfalls teilten, konnte sie das Label „Autismus" positiv annehmen. Diese Frauen eröffneten ihr eine neue Sichtweise auf Autismus als eine Möglichkeit, den traditionellen Rollenmustern für Frauen zu entkommen.

Sexualität spielt eine wesentliche Rolle in diesem Buch, und Brady spricht mit bemerkenswerter Offenheit über ihre sexuellen und partnerschaftlichen Erfahrungen. Diese sind zwar äußerst freizügig und befreien sie von traditionellen gesellschaftlichen Normen, doch nicht alle Erfahrungen verlaufen positiv. Ihre Freude am Sex steht im starken Gegensatz zu den gesellschaftlichen Erwartungen an Keuschheit und soziale Anerkennung, doch manchmal hinterlässt diese Freiheit auch Narben. Sie beschreibt, wie sie, ohne Angst vor Konsequenzen, einer Art „Rudelverhalten" der neurotypischen Mehrheit entgegengesetzt war, die weiter für stigmatisierende Erfahrungen sorgte. Auch ihre Beziehungen, insbesondere zu John, zeigen, wie schwierig es für sie sein kann, zwischen sexuellen Bedürfnissen und emotionalen Anforderungen in einer Partnerschaft zu navigieren.

„Mein Leben zwischen Sexismus und Autismus“ ist ein kraftvolles und aufschlussreiches Buch, das nicht nur die persönlichen Erfahrungen einer autistischen Frau beleuchtet, sondern auch einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Normen wirft, die Frauen in ihrem Leben einengen. Die Erzählweise ist dabei sowohl humorvoll als auch tiefgründig, was dem Buch eine besondere Dynamik verleiht. Die Mischung aus persönlichen Erlebnissen und gesellschaftskritischer Reflexion sorgt für einen fesselnden Lesefluss.

Obwohl das Buch mit seiner Mischung aus Witz und Bitterkeit überzeugt, fällt es stellenweise schwer, der Erzählweise zu folgen, da sie teils sprunghaft wirkt. Dies könnte bewusst als stilistisches Mittel gewählt worden sein, doch es erfordert einige Anpassung des Lesers an den Erzählfluss. Insgesamt gebe ich dem Buch vier von fünf Sternen. Es lohnt sich besonders für Leser, die sich für Themen wie Neurodivergenz, feministische Perspektiven und die Vielfalt an sexuellen sowie partnerschaftlichen Erfahrungen interessieren.

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