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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.03.2018

Eine echte Perle der aktuellen Jugendromane

Nackt über Berlin
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Fetti und Fidschi – klingen wie zwei Antihelden aus einem Zeichentrickfilm, sind aber eigentlich Jannik und Tai. Jannik hat ein bisschen mehr auf den Rippen, hat eine ausgeprägte Affinität für klassische ...

Fetti und Fidschi – klingen wie zwei Antihelden aus einem Zeichentrickfilm, sind aber eigentlich Jannik und Tai. Jannik hat ein bisschen mehr auf den Rippen, hat eine ausgeprägte Affinität für klassische Musik… und für seinen besten Freund Tai. Den findet man nicht ohne seine Kamera mit der er alles um sich herum aufnimmt.
So auch ihren Rektor, der ihnen eines Nachts betrunken auf der Straße begegnet und den sie kurzum in seiner eigenen Wohnung einsperren. Doch schon nach kurzer Zeit wird aus dem Spaß Ernst, denn der Rektor scheint etwas mehr über einen Todesanfall an der Schule zu wissen, als er je zugeben hat. Plötzlich wird aus dem jugendlichen Scherz eine ernste Sache, doch für beide verschwimmen schnell die Grenzen, was machbar ist oder nicht.
„Nackt über Berlin“ ist ein skurriler, zunächst lustiger Jugendroman, jedoch setzt sich Alex Ranischs Geschichte bei Weitem von anderen Coming-of-Age-Spartengenossen ab. Es gibt viel Wortwitz, viel schmunzeln, denn Tai und Jannik sind ein paar Unikate, die einem schnell ans Herz wachsen. Doch neben den Streichen, der aufkeimenden Liebe von Jannik zu Tai und den Geständnissen ihres Rektors, gibt es auch viele Momente zum Innehalten. Denn wir haben hier nicht einfach nur eine lustige Geschichte, sondern auch Charaktere, die einfach passen. Jannik ist so unsicher, zeitgleich so herzlich und so unbedarft, dass man nicht nur für ihn mit Tai mitfiebert, sondern gänzlich all seine Unsicherheiten versteht: zu dick, zu alternativ, zu anders – wir alle haben uns schon einmal so gefühlt. Zeitgleich sitzt in einer abgeschlossenen Wohnung der gefallene Rektor: Vom angesehenen Vorbild zum jämmerlichen Alkoholiker, der sich um Kopf und Kragen redet. Doch auch hier – es ist nicht nur zum Lachen, schneller als man denkt hat man Mitleid mit Herrn Lamprecht, versteht seine Zwickmühle und beneidet ihn keineswegs um seine zwischenmenschlichen Baustellen.
Daher ist Nackt über Berlin eine kleine besondere Perle. Ein verdammt gut geschriebenes Buch, mit genügend Tiefe um in Erinnerung zu bleiben, mit genug Witz zum Lachen und Figuren, die einem ans Herz wachsen.

Veröffentlicht am 14.03.2018

Auf hoher See

Woman in Cabin 10
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Endlose Weite, das beruhigende Rauschen der Wellen, nur das Wasser, sonst niemand – was nach der nächsten großen AIDA-Reise und dem Traum von Erholung pur klingt, ist für die Journalistin Lo der reine ...

Endlose Weite, das beruhigende Rauschen der Wellen, nur das Wasser, sonst niemand – was nach der nächsten großen AIDA-Reise und dem Traum von Erholung pur klingt, ist für die Journalistin Lo der reine Albtraum. Sie befindet sich auf einem Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse, dazu noch auf Pressereise. Ein wahrgewordener Traum, in privater als auch in beruflicher Sicht. Doch die Stimmung schlägt schnell um, denn schon in der ersten Nacht wird sie Zeugin eines Mordes. Nur, dass keiner die Passagierin aus der Nachbarskabine je gesehen hat. Schon nach kurzer Zeit beginnt Lo selbst zu zweifeln, wenn nicht immer mehr seltsame Dinge passieren würden…

Eigentlich mag ich keine Thriller, in denen nur ein „begrenzter“ Raum zur Verfügung steht. Geiselnahmen, Schiffahrten, Flugzeuge – all das, löst vorrangig erstmal Skepsis in mir aus. Aber Ruth Ware spielt in ihrem Thriller „Woman in Cabin 10“ ihre Karten gut aus. Ein guter Thriller, nicht langweilig, nicht zu verworren, obwohl die einzelnen Charaktere in den verschiedenen Kabinen zunächst sehr unübersichtlich waren.

Doch man freundet sich schnell mit Lo an. Eine – für einen Thriller – gar nicht mal so blasse Hauptfigur, die für den Leser nachvollziehbar handelt und sogar sympathisch wirkt. Das Buch hat Irrungen und Wirrungen, Ware führt den Leser auf Umwege zum eigentlichen Ziel: Wer ist die Frau aus Kabine 10? Die restlichen Passagiere sind - im Gegensatz zur unserer Protagonistin - jedoch nicht mit Tiefe gefüllt. Da kann man schon mal den ein oder anderen Gast verwechseln und verwirrt hin und her blättern.

Die Auflösung hingegen war überraschen und für mich nicht vorhersehbar. Während jedoch die Identität der mysteriösen Frau höchst überraschend war, war das Ende des Buches leider viel zu stringent. Nachdem das Geheimnis um den ominösen Fahrtgast gelüftet war, kamen leider keine neuen Wendungen dazu.

Bis dahin war der Thriller spannende Unterhaltung, danach lag das Buch leider im Durchschnitt und wurde solide und etwas eintönig zu Ende gebracht.

Veröffentlicht am 13.02.2018

Lauf, Addie, Lauf!

Frag mich, wie es für mich war
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Wir alle erinnern uns an unsere Jugendzeit – frei, unbeschwert, nichts konnte uns aufhalten. Was sollte schon passieren? Zwischen Partys, Schule und Freizeit hat so mancher Grenzen überschritten, den jugendlichen ...

Wir alle erinnern uns an unsere Jugendzeit – frei, unbeschwert, nichts konnte uns aufhalten. Was sollte schon passieren? Zwischen Partys, Schule und Freizeit hat so mancher Grenzen überschritten, den jugendlichen Leichtsinn im Hinterkopf und den Gedanken von „Wird schon schief gehen.“ Ging es meistens auch – im Falle von Addie aber nicht. Sie ist schwanger, von ihrem Freund – dabei war es nur ein unbedachter Moment. Doch jetzt gilt die Entscheidung – Abtreibung oder nicht, statt Wettkampf oder Lernen?
Die unbequeme Frage nach der Abtreibung, das große Tabuthema, all das thematisiert Christine Heppermann in „Frag mich, wie es für mich war“. Addie entscheidet sich für die Abtreibung, mit Rückenstärkung ihres Freundes und ihrer Eltern. Auch wenn der Abbruch relativ unkompliziert von statten geht, bemerkt Addie immer mehr Veränderungen. Emotionaler Rückzug, Lustlosigkeit, ein Lügennütz um ihre Freunde. Nicht nur, dass Heppermann sich einem schwieirigen Thema gewidmet hat, sie hat auch Addie eine eigene Stimme gegeben. Die Kapitel sind ein wilder Mix aus Gedichten, kurzen Tagebucheinträgen, sehr prosalastig. Doch nach den ersten Kapiteln ist man schnell in einem Lesefluss und kann das Buch an einem Abend lesen. Denn ein Ablegen, kurzes Absetzen ist fast gar nicht möglich. Zu sehr saugt man Addies Geschichte auf, ihre Gedichte und ihre Notizen.
Mit wirklich wenigen Worten füllt Heppermann jedoch Seiten, spickt sie mit Gefühlen. Nicht alles muss ausgesprochen werden. Addies Lustlosigkeit spiegelt sich in ihren unzählig durchgestrichenen, immer wieder verkehrenden Aufsätzen wieder. Des Weiteren ist Addies Zwiespalt mit der Religion interessant. Geht sie auf eine mit Nonnen geführte Schule, führt sie ihre eigenen Zwiegespräche mit Maria. Zieht Vergleiche, stellt Fragen und bringt in ein Jugendbuch noch ein Thema, das nicht unbedingt gewöhnlich ist und in der Kombination für einige Diskussionen sorgt.
Trotzdem fehlt dem Buch eine kleine Prise – wovon? Tiefe. Nicht, weil die Kapitel kurz sind, nicht weil es Gedichte sind, nicht weil es anders ist – all das, macht das Buch aus. Jedoch gibt Heppermann viel Raum für Interpretation, viel Platz für Spekulationen – an manchen Stellen wünschte man sich jedoch eher einen Punkt statt ein Fragezeichen, auch wenn offene Enden ihre Daseinsberechtigung haben.

Nichtsdestotrotz ist „Frag mich, wie es für mich war“ lesenswert, weil es eben anders ist. Kein typisches Jugendbuch, sondern eine Geschichte, die sich den unbequemen Themen stellt und sich klar abhebt.

Veröffentlicht am 08.02.2018

Die Witwe einer Generation

Olga
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Bernhard Schlinks Name klingelt noch aus Schulzeiten in meinen Ohren. Damals noch ohne filmische Stütze las ich „Der Vorleser“ fast an einem Tag weg und schätzte Schlinks schnörkellose Art und Weise zu ...

Bernhard Schlinks Name klingelt noch aus Schulzeiten in meinen Ohren. Damals noch ohne filmische Stütze las ich „Der Vorleser“ fast an einem Tag weg und schätzte Schlinks schnörkellose Art und Weise zu Schreiben und dem Leser eine Epoche durch eine Geschichte viel näher zu bringen.
Als knapp fünfzehn Jahre später Olga auf dem Nachttisch lag, ging es ähnlich schnell. Schlink erzählt seine Geschichte über eine Waise aus Pommern, die sich durch alle Irrungen und Wirrungen des Lebens zu einer starken, wenn auch undurchsichtigen Person entwickelt. Vielleicht kein Publikumsliebling, aber jede Sturheit, jeder Starrsinn erklärt sich durch ihre Geschichte, die Schlink – in gewohnt guter Art – beschreibt.
Olgas Eltern verstarben früh, so dass sie bei der Großmutter aufwuchs. In der Schule und ihrem näheren Umfeld, wächst sie als Außenseiterin auf, die nicht nur bei der Arbeitswahl sondern auch bei den sozialen Kontakten an ihre Grenzen stößt. Nur bei der Familie des Gutsherrn und deren Kindern kann sie sich frei entfalten. Trotz aller Widrigkeiten schafft Olga ihre Ausbildung zur Lehrerin. Die Liebe zu Herbert, dem Sohn des Gutsherrn scheint vor Hindernissen kaum standhalten zu können. Sie die angehende Lehrerin, er der Abenteurer mit der Sehnsucht nach der Ferne.
Durch Schlinks Art und Weise die Geschichte in drei Teilen zu erzählen, kriegt der Leser einen unverbesserlichen Eindruck. Nicht, dass er so durch Olga Selbst, durch ihr Ziehkind und durch ihre Briefe an Herbert Olgas Charakter und Leben erklärt, so baut er selbst die Spannungen auf, erklärt und revidiert Entscheidungen. Jeder Teil ist ein kleines Puzzlestück mehr, das Olga, die zunächst harsch, bieder und hart wirkt, liebenswert und nachvollziehbarer macht. Es ist Olga, die ihren Werdegang erzählt, aber es ist Frederik, der ihr Tiefe und Gefühle verleiht und es sind die Briefe, die Olga erklären und als Liebende zeigen.
Bernhard Schlink macht also das, was er so kann: Kurze, prägnante Sätze mit Wissen, Geschichte und Stärke zu füllen. Olga ist wahrlich ein dünnes Buch, schnell gelesen – doch trotzdem gefüllt mit viel Potential zum Nachdenken, mit vielen Szenarien, die nachwirken, kleinen Anekdoten, die erst Stunden später nachwirken. Er spannt eine Figur ein, die sich selbst als „Witwe einer Generation“ tituliert und einer heutigen Zeit vor Augen führt wie es war zwei Weltkriege zu überleben, sich selbst hintenanzustellen und den Ansichten ihrer engsten Vertrauten kritisch gegenüber zustehen. Sei es die politische Haltung Herberts, der als Freiwilliger der Schutztruppe nach Deutsch-Südwestafrika geht oder auch Eik, der mit der NSDAP sympathisiert.
Es sind viele Themen für eine kleine Frau, viele Themen für ein so kleines Buch, doch Schlink gelingt es den Bogen zu spannen und aus Olga mehr zu machen als nur einen kleinen Roman für zwischendurch.

Veröffentlicht am 26.01.2018

Besser als der erste Teil...

Hangman. Das Spiel des Mörders (Ein New-Scotland-Yard-Thriller 2)
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Was, wenn du einen Mörder suchst, aber der schon tot ist? Was, wenn es zu einem toten Opfer auch immer einen toten Täter gibt? Das passiert gerade in London, wo sich die Stadt noch von den Ragdoll-Morden ...

Was, wenn du einen Mörder suchst, aber der schon tot ist? Was, wenn es zu einem toten Opfer auch immer einen toten Täter gibt? Das passiert gerade in London, wo sich die Stadt noch von den Ragdoll-Morden erholt. Doch plötzlich tauchen Leichen auf, die eine Verbindung zu Detective Baxter und den blutigen Taten entstehen lassen. Ehe sie sich versieht, ist sie in den laufenden Ermittlungen zwischen den USA und England eingebunden und unterstützt – nicht ganz freiwillig – sowohl das FBI als auch die CIA, bis all das Ausmaße annimmt, die so keiner erahnen konnte…
Nach Ragdoll sollte Daniel Cole Thrillerfans schon ein kleiner Begriff sein, nach Hangman spätestens aber in allen Köpfen verankert sein. Der zweite Teil der Serie rund um Emily Baxter, eine leicht verschrobene, alkoholkranke, aber auf ihre Art und Weise liebenswürdige Ermittlerin, geht auf gleichem Niveau weiter wie schon beim Debüt Ragdoll. Wieder eine abstruse, wilde, verworrene Story, die sich abhebt. Denn was gibt es Schlimmeres, als all die abgedroschenen Geschichten, die wir alle schon mal gehört haben. Die immer wieder neu erzählt werden und zu Haufe auf den Mängelexemplartischen zu finden sind, weil sich nur die Cover unterscheiden. Doch Hangman hebt sich erstaunlich gut ab mit seiner komplexen Story, den gut konstruierten Windungen und den neuen sowie alten Protagonisten.
Es folgt also Spannung pur, wie man es von einem Thriller erwarten darf. Gut geschriebener Nervenkitzel, gruselige Szenarien und die abschließende Sehnsucht auf den dritten Teil.