Profilbild von solveig

solveig

Lesejury Star
offline

solveig ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit solveig über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2021

Von hoher Komplexität

Otmars Söhne
0

Nur 24 Stunden schildert Buwalda auf den mehr als 600 Seiten seines Romans, die dem Leser einiges an Durchhaltevermögen abverlangen. Doch schafft er es spielend, zumindest meine Aufmerksamkeit zu halten. ...

Nur 24 Stunden schildert Buwalda auf den mehr als 600 Seiten seines Romans, die dem Leser einiges an Durchhaltevermögen abverlangen. Doch schafft er es spielend, zumindest meine Aufmerksamkeit zu halten.
Er erzählt von drei Menschen, deren Leben sich berühren und die sich miteinander verflechten. Auf der unwirtlichen sibirischen Insel Sachalin muss Ludwig, der auf einer Geschäftsreise hier den CEO des Shellkonzerns, Johann Tromp, getroffen hat, seinen Heimflug in die Niederlande wegen eines Schneesturm verschieben. Ludwig, der mit seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, ahnt: jener Tromp könnte sein leiblicher Vater sein. Während er noch zögert sich ihm zu offenbaren, begegnet er seiner ehemaligen WG-Mitbewohnerin Isabelle, die zu einem Interview mit Tromp ebenfalls auf die Insel geflogen ist. Geschickt lässt der Autor in diese Wartezeit ausführliche Rückblicke und Erinnerungen einfließen. Ludwig denkt zurück an seine Kindheit, das Leben mit Stiefvater und –geschwistern, seinen beruflichen Werdegang und seine Begegnung mit Isabelle in seiner Studentenzeit. Ebenso erfahren wir aus Isabelles Sicht von ihrer Familie und ihren Erlebnissen als investigativer Journalistin. Buwalda knüpft ein kompaktes Netz aus den Themen Familie, Identität, Loyalität, Schuld; vor allem das Thema Sexualität prägt den Roman. Dabei erzählt er so detailliert, dringt so tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten ein, dass sich der Leser wie ein Voyeur vorkommt.
Raffiniert konzipiert und lebendig geschrieben, fesselt seine Erzählung dennoch. Allerdings lässt er den Leser nach dem Countdown (beginnend mit Kapitel 111) bei Kapitel 75 mit einem unerwartet offenen Ende zurück, so dass kein Zweifel bleibt, dass eine Fortsetzung geplant ist: es handelt sich um den ersten Teil der Trilogie 111.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.02.2021

Überlebensstrategie

Kindheit
0

Schon recht früh spürt die kleine Tove, dass sie anders ist als die Kinder ihrer Umgebung. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wächst sie in Kopenhagens Arbeiterviertel auf, wo Geldknappheit und ...

Schon recht früh spürt die kleine Tove, dass sie anders ist als die Kinder ihrer Umgebung. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wächst sie in Kopenhagens Arbeiterviertel auf, wo Geldknappheit und Arbeitslosigkeit das Leben der Menschen bestimmen. Zu ihrem Alltag gehört auch die an Lieblosigkeit grenzende Reserviertheit ihrer Mutter, so dass sie stets bemüht ist, sich möglichst unsichtbar zu machen, um ihrem Zorn zu entgehen. Um nicht unterzugehen, entwickelt das Mädchen seine eigene Strategie: das Verfassen von Gedichten gibt ihm Halt und Trost. Toves größter Wunsch - Schriftstellerin zu werden - ist in den Augen ihrer Familie etwas Unmögliches; sie soll Geld verdienen. Und schließlich ist es soweit: die Konfirmation markiert wie für so viele Kinder jener Zeit auch für Tove das Ende der Kindheit und den Eintritt ins Berufsleben.
Die Autorin lässt uns die Phasen ihrer eigenen Kindheit hautnah miterleben. Sie schildert ihre Freuden, Verzweiflung und Zukunftsängste sehr eindrucksvoll, aber keineswegs sentimental. Wunderbar fantasievolle Formulierungen berühren den Leser und ziehen ihn tief in ihren autobiographischen Roman.
„Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern" sagte Ditlevsen selbst einmal, und so erstaunt es kaum, wie intensiv ihre Erzählung ist und beim Leser ankommt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2021

Berufung?

Was in zwei Koffer paßt
0

Als Einundzwanzigjährige ist Veronika Peters in ein Benediktinerinnenkloster eingetreten, „um etwas herauszufinden, das ich noch immer als lohnenswert erachte, obwohl die Antworten stets wieder entgleiten ...

Als Einundzwanzigjährige ist Veronika Peters in ein Benediktinerinnenkloster eingetreten, „um etwas herauszufinden, das ich noch immer als lohnenswert erachte, obwohl die Antworten stets wieder entgleiten …“
Auf unterhaltsame Weise schildert sie diese Zeit und lässt uns teilnehmen an ihren Mühen, sich dem Leben der Nonnen anzupassen und in die Gemeinschaft einzufügen. Immer wieder zweifelt sie an ihrer Entscheidung. Wie schwierig ist es, die Klostergelübde einzuhalten, neben dem Verzicht auf Familie und Eigentum etwa das Gebot des unbedingten Gehorsams? Das fällt ihr nicht leicht, doch sie hält durch, auch mit Hilfe einiger ihr freundschaftlich gesinnter Schwestern. An vielen Stellen empfand ich das Buch allerdings als zu oberflächlich; Peters´ Konflikte und ihre Beschäftigung mit ihrer "Berufung" gerieten mir - gegenüber ihren Erzählungen aus dem Klosteralltag und den Beschreibungen ihrer Mitschwestern - zu sehr in den Hintergrund. Etliche Leser spekulieren gar darüber, ob ihr Buch auf tatsächlichen Erlebnissen beruht oder womöglich nur Fiktion ist. Wie dem auch sei - Peters hat ein interessantes Thema aufgegriffen und es sehr ansprechend zu Papier gebracht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2021

„So tagträume ich mich zurück..."

Vati
0

Ebenso schemenhaft und unvollkommen wie Träume gestaltet sich Monika Helfers Roman über ihren Vater. Aus zahlreichen Bildern und Erinnerungsstücken setzt Monika Helfer das Bild ihres Vaters aus ihrem Gedächtnis ...

Ebenso schemenhaft und unvollkommen wie Träume gestaltet sich Monika Helfers Roman über ihren Vater. Aus zahlreichen Bildern und Erinnerungsstücken setzt Monika Helfer das Bild ihres Vaters aus ihrem Gedächtnis zusammen. So sehr sie sich bemüht, es bleibt leicht unscharf, selbst wenn sie so manche Lücke mit ihren eigenen Vorstellungen zu füllen versucht. Auch sind sie und ihre Schwestern bei gemeinsamen Erinnerungen nicht immer einer Meinung; jede hat so manche Episode in einem anderen Licht gesehen: „Ich versuche mich zu erinnern, das muss genügen.“ Doch ist es gerade diese Unschärfe, die Helfers Buch so sympathisch und ihren Versuch, das Wesen ihres Vaters zu erfassen, glaubhaft macht.
Zu Lebzeiten war „Vati" für Monika und ihre Geschwister schwer zu verstehen. Als Kriegsversehrter mit einem amputierten Bein betreibt er mit seiner Frau Grete ein Erholungsheim in den Vorarlberger Alpen. Seine Liebe gilt seiner Frau und den Büchern; seinen Kindern gegenüber scheint er zwar pflichtbewusst, aber recht distanziert zu sein. Nach Gretes frühem Tod zieht er sich längere Zeit völlig zurück - auch von seinen Kindern. Er war schon immer schweigsam, und auch nach seiner zweiten Heirat bleibt er ein stiller, in sich gekehrter Mann, der wenig von seinen Gedanken und Gefühlen preisgibt.
Auch dieser autobiographische Roman, in dem Monika Helfer Leben und Persönlichkeit ihres Vater nachspürt, besticht durch den schlichten, unprätentiösen Stil der Autorin, der schon in ihrem Buch "Die Bagage" so gut zu den geschilderten Personen passte und ihrer Geschichte Authentizität und Nachdruck verleiht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2021

Eine "neue Rasse"

Gott ist nicht schüchtern
0

Dieser Roman lädt absolut nicht zum Entspannen ein, im Gegenteil. Mit der sehr persönlichen Geschichte dreier Flüchtlinge aus Syrien trifft Olga Grjasnowa einen Nerv; denn Situationen, in denen Menschen ...

Dieser Roman lädt absolut nicht zum Entspannen ein, im Gegenteil. Mit der sehr persönlichen Geschichte dreier Flüchtlinge aus Syrien trifft Olga Grjasnowa einen Nerv; denn Situationen, in denen Menschen um ihr Leben fürchten und fliehen müssen, bestehen (leider) in vielen Ländern.
Aber Grjasnowas Buch erzählt mehr als die Flucht von Menschen, die sich in ihrem Land politisch engagieren und dafür Repressalien, Haft und sogar denTod fürchten müssen. Es beschäftigt sich mit den Hintergründen, den Motivationen zum Verlassen des eigenen Landes. Da ist Hammoudi, dem in Paris eine vielversprechende Karriere als Chirurg offensteht. Doch ihm wird bei seiner Besuchsreise in die Heimat die Verlängerung seines Reisepasses verweigert. Gezwungen, in Syrien zu bleiben, engagiert er sich schon bald für verletzte Widerstandskämpfer und zivile Opfer des Terrorregimes Assads. Er gerät ins Visier der regierungstreuen Truppen und muss um sein Leben fürchten. Auch Amal, die bislang ein finanziell abgesichertes Leben führte, drohen wegen ihrer Beteiligung an Demonstrationen Haft und Folter. Und doch wägt sie lange ab, bis sie sich zur Flucht entschließt.
Sehr bildhaft schildert die Autorin die Situation ihrer beiden Hauptfiguren, die sich allerdings erst viel später - bereits im Exil - kurz begegnen. Sie berichtet nüchtern, aber eindrucksvoll von den waghalsigen Fluchtmanövern, in die Türkei, über das Mittelmeer weiter zum europäischen Festland - ein Thema, das bestimmt nicht erfreulich ist, das man aber nicht verdrängen darf. Und schließlich ihr Ankommen in Deutschland. „Ankommen" jedoch nur im physischen Sinn; denn sehr schnell wird ihnen klar, dass sie hier nicht dazugehören: "Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge…“.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere