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Veröffentlicht am 13.09.2018

Mitreißender Thriller

Der Abgrund in dir
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Ich will gar nicht so viel zum Inhalt sagen, sonst verrate ich noch alles Spannende an diesem Thriller. Und es ist tatsächlich ein Thriller, einer, der diese Bezeichnung auch verdient hat!

Also nur ganz ...

Ich will gar nicht so viel zum Inhalt sagen, sonst verrate ich noch alles Spannende an diesem Thriller. Und es ist tatsächlich ein Thriller, einer, der diese Bezeichnung auch verdient hat!

Also nur ganz kurz: Rachel Childs ist auf der Suche nach ihrem Vater, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben ist. Im Verlauf dieser Suche lernt sie einen Mann kennen, der sie liebt und den sie später heiratet.
Rachels Leben wird von Katastrophen bestimmt, sie ist Reporterin für einen Fernsehsender und berichtet über eine Unwetterkatastrophe auf Haiti, die sie später nicht mehr loslässt und ihr Leben mit Panikattacken beeinträchtigt. Und auch ihr Mann entpuppt sich langsam als ganz anders, als es den Anschein hatte.

Der Thriller ist sehr dicht und extrem spannend erzählt. Er lebt von den unvorhergesehenen Wendungen und der bedrohlichen Atmosphäre. Am Anfang der Lektüre hat man noch gar keine Ahnung, worauf man sich da eingelassen hat. Die schlimmsten Katastrophen passieren hier ganz beiläufig im Nebensatz.

Mir gefällt besonders, dass keine der Figuren eindimensional ist. Rachels Mann hat seine guten Seiten und auch Rachel hat ihre Abgründe. Die Stimmung ist fast durchgehend düster. Der andauernde Regen und Rachels Angstzustände vermitteln eine unheilvolle, beklemmende Atmosphäre, die für einen Thriller sehr passend ist!

Das Cover gefällt mir überhaupt nicht; die typischen Diogenes Cover sind mir zu weiß, zu einfallslos, zu monton. Das trifft auch hier zu, obwohl es sich schon von den üblichen Diogenes Covern abhebt. Leider nicht im Positiven. Das Bild lässt an einen Thriller im Schnee, abgeschieden in einer Waldhütte denken und das ist hier ganz klar nicht der Fall. Ich würde mir mehr Mut zu Farbe und Kontrasten wünschen!

Nichtsdestotrotz steckt hinter diesem blassen Cover ein aufregender und mitreißender Thriller, der sehr stimmig und dicht erzählt wird und mit vielschichtigen Charakteren zu einer runden Geschichte wird.

Veröffentlicht am 11.09.2018

Blick in menschliche Abgründe

Mörderinnen
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Eine Sammlung von vier Geschichten über vier Mörderinnen und ihre Motive. Veikko Barthel gibt einen Einblick in die Lebensgeschichten und das Umfeld der Täterinnen. Er schreibt dabei nicht immer wertfrei, ...

Eine Sammlung von vier Geschichten über vier Mörderinnen und ihre Motive. Veikko Barthel gibt einen Einblick in die Lebensgeschichten und das Umfeld der Täterinnen. Er schreibt dabei nicht immer wertfrei, aber das ist auch gar nicht seine Absicht, wie er im Vorwort erläutert.

„Die Kindsmörderin“ ist noch klar unterteilt in Tat, Prozess, Urteil. Elvira bringt ihr Kind unbemerkt auf die Welt, erstickt es, nimmt es mit zur Arbeit und zerkocht es, spült die Überreste in der Toilette hinunter. Die Gründe für die Tat werden erst im Verlauf des Prozesses deutlich.
Warum die vermeintlich so grausame Babymörderin so handelt, wird für die Leserin am Ende des Prozesses durchaus nachvollziehbar.

„Die Gattenmörderin“ beginnt damit, dass der Verteidiger die Angeklagte trifft, dann wird aus der Sicht der Täterin erzählt wie es zur Tat kommt. Hertha steht unter dem Verdacht ihren Mann umgebracht zu haben, sie verleugnet die Tat komplett, meint, er hätte Selbstmord begangen. Beide sind Rentner, reich, die Kinder sind ausgezogen und haben eigene Familien, beide leiden darunter, dass sie keine Aufgabe mehr haben und werden zu Alkoholikern. An seinem Geburtstag spitzt sich die Situation so zu, dass sie schließlich in seinem Tod mündet.
Die Geschichte ist stringenter erzählt als die erste, leider beschränkt sie sich nur auf die Biografie der Täterin, der juristische Aspekt, der mir bei der ersten Geschichte besonders gut gefallen hat, fällt hier weitestgehend weg.

„Die Sadistin“ beginnt wortwörtlich mit einem Cliffhanger, der erst am Ende aufgeklärt wird. Hier wird die Geschichte aus Sicht des ermittelnden Kommissars geschildert. Dieser ist damit beauftragt, eine Frau ausfindig zu machen, die in pornografischen Videos gequält und misshandelt wird. Die Videoszenen werden sehr sachlich und neutral geschildert, das macht es aber nicht unbedingt einfacher sie zu lesen. Diese Erzählung fokussiert sich mehr auf das Opfer, erst im Laufe ihres Verhörs kommt die ganze Wahrheit ans Licht.

Die letzte Geschichte ist im Gegensatz zu den vorhergehenden ziemlich lang geraten. „Die Giftmörderin“ wird persönlicher beschrieben als die Fälle davor. Sie hat ein relativ offenes Ende was das Motiv und die Schuld angeht, überlässt es der Leserin ihr eigenes Urteil zu fällen, obwohl Natascha, die Giftmörderin, durchaus wertend beschrieben wird.

Gut hat mir gefallen, dass es mit der Auswahl der Täterinnen einen Einblick in verschiedene Gesellschaftsschichten gibt: arm, reich, lesbisch/bisexuell, Migrationshintergrund.
Der Schreibstil ist vor allem im Vorwort recht umständlich und akademisch. Die eigentlichen Geschichten sind dann einfach und sehr flüssig zu lesen. Teilweise driftet die Sprache ins Reißerische um Spannung zu erzeugen, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Während die ersten beiden Geschichten sehr kurz und relativ direkt erzählt werden, sind die letzten beiden eher umständlich und ausschweifend geraten.

Alles in allem ist mit „Mörderinnen“ eine interessante, vielfältige Sammlung von echten Kriminalfällen gelungen. Beim Einblick in die Biografie der Täterinnen wird deutlich, dass schon Kleinigkeiten dazu führen können, dass die Grenze zum Mord überschritten wird. Barthel schafft es die Taten zumindest zum Teil nachvollziehbar zu machen und der Fokus auf Frauen als Täterinnen ist eine sehr willkommene Abwechslung zum überwiegend männlichen Täterbild der Kriminalliteratur.

Veröffentlicht am 11.09.2018

Emotionale Chronik einer Liebesgeschichte

Verwirrnis
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Friedeward und Wolfgang lernen sich während ihrer Schulzeit in Ostdeutschland kennen und lieben. Sie fahren gemeinsam in den Urlaub und verlieben sich fern vom konservativen katholischen Zuhause ineinander. ...

Friedeward und Wolfgang lernen sich während ihrer Schulzeit in Ostdeutschland kennen und lieben. Sie fahren gemeinsam in den Urlaub und verlieben sich fern vom konservativen katholischen Zuhause ineinander. Sie halten ihre Beziehung geheim bis sie eines Tages von Friedls Vater überrascht werden . Dieser droht damit den älteren Wolfgang anzuzeigen, wenn er nicht sofort den Ort verlässt, die Schule wechselt und jeden Kontakt zu Friedeward abbricht.
Jahre später treffen sie sich zufällig wieder, in Jena, wo Friedeward beginnt Philosophie zu studieren. Sie lernen Jacqueline kennen, eine Studentin, die Friedhelm dazu bringt sich zu Wolfgang zu bekennen und ihm im Gegenzug verrät, dass sie lesbisch und in einer Beziehung mit der älteren Herlinde, einer Dozentin, ist. Er wechselt nach Leipzig um seinen Traum von einem Germanistikstudium zu verfolgen und bei Wolfgang, der Musik studiert, zu sein. Die vier werden Freunde und Friedeward und Jacqueline denken darüber nach zum Schein zu heiraten um seinen Vater ruhigzustellen und jeglichen Anschuldigungen zu entgehen.

Der Roman wird chronisch erzählt, entfaltet sich Seite an Seite der Geschichte des geteilten Deutschlands. So wird in der DDR bereits 1957 Homosexualität legalisiert, in der Gesellschaft und vor allem in Friedewards Bewusstsein, das geprägt ist von seinem Vater, der ihn über lange Zeit mit Schlägen misshandelt hat und für den Homosexualität eine Sünde ist, ist die Akzeptanz noch lange nicht angekommen.
Christoph Hein erzählt nüchtern und fast distanziert von Friedwards Leben, wörtliche Rede kommt kaum vor, die erzählte Zeit wird teilweise stark gerafft. Trotz der relativ sachlichen Erzählweise wachsen den Lesenden die Figuren ans Herz. Wir erleben Friedewards ganzes Leben, bleiben immer an seiner Seite, gehen durch Höhen und Tiefen, leiden und lieben mit ihm.

Hein gelingt mit seinem Roman ein großartiges Zeitzeugnis am Beispiel des schwulen Studenten, später Universitätsprofessoren, Friedeward Ringeling. Er schafft es, mich trotz seines nüchternen Schreibstils emotional zu berühren und mir Friedewards Lebensgeschichte nahezubringen. Der Roman liest sich durchweg fesselnd, die Figuren sind überzeugend und authentisch gestaltet. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 11.09.2018

Kurzweilige Komödie über drei lebensmüde Frauen

Man muss auch mal loslassen können
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Drei Frauen treffen sich in der Beratungsstelle für Suizidgefährdete „Dare it“. Charlotte um sich Tipps für ihren Abgang zu hole, Jessy um wenigstens zu versuchen sich Hilfe zu holen und Wilma um aktenkundig ...

Drei Frauen treffen sich in der Beratungsstelle für Suizidgefährdete „Dare it“. Charlotte um sich Tipps für ihren Abgang zu hole, Jessy um wenigstens zu versuchen sich Hilfe zu holen und Wilma um aktenkundig zu werden, weil sie das Rauchverbot beeinflussen will.
Sie beschließen gemeinsam ihr Ableben zu planen und durchzuführen. Nachdem mehrere Versuche scheitern, sehen sie ihre Chance in einem Überfall als Geiseln ohne eigenes Zutun ihr Ziel zu erreichen.
Stattdessen beginnt jedoch eine lustige, aufschlussreiche Reise mit den beiden Gaunern, an deren Ende, zugegebenermaßen erwartungsgemäß, ein Happy End steht.

Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive der Figuren erzählt, sie sind dabei gut zu unterscheiden, weil jede Figur einen unverwechselbaren Tonfall hat. Jessy zum Beispiel streut immer wieder englische Redewendungen und Wörter ein, die sie gelernt hat, indem sie sich Serien immer im Original anschaut.

Monika Bittl gelingt mit ihrem Roman ein warmherziges, witziges Buch über Freundschaft und die Kraft, die entstehen kann, wenn sich Menschen gegenseitig helfen. Sie setzt sich dabei auch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander, fordert zum Nachdenken auf und bleibt dabei doch optimistisch und selbstironisch.

Eine runde, kurzweilige Komödie, die ein schweres Thema humorvoll und lebensfroh umsetzt, dabei noch aktuelle Ereignisse und mit 'Despacito' auch aktuelle Popkultur miteinbezieht.

Veröffentlicht am 01.09.2018

300 Seiten zu lang

Slow Horses
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Slow Horses ist eine Abteilung des MI5 in der die ausgemusterten Agenten ihre Zeit absitzen sollen. Sie dient keinem anderen Zweck, als dass die Agenten hier ihre Zeit verbringen und sinnlose Sichtungsarbeiten ...

Slow Horses ist eine Abteilung des MI5 in der die ausgemusterten Agenten ihre Zeit absitzen sollen. Sie dient keinem anderen Zweck, als dass die Agenten hier ihre Zeit verbringen und sinnlose Sichtungsarbeiten erledigen, bis sie von selbst kündigen. River Cartwright ist hier gelandet, nachdem er bei einer Verfolgungsjagd dem Falschen hinterhergerannt ist und dafür verantwortlich gemacht wurde, dass King's Cross explodierte. Zumindest in der Theorie.
Jetzt wird ein Jugendlicher pakistanischer Herkunft von einer rechten Terrorgruppe gefangen genommen und soll vor laufender Kamera ermordet werden. River und die anderen Slow Horses sind so von der Inkompetenz des MI5 überzeugt, dass sie beschließen den Jugendlichen selbst zu retten, mit der Hoffnung wieder ins Hauptgebäude einzuziehen.

Der Agentenkrimi von Mick Herron beginnt langsam und steigert sich im Verlauf auch nur unwesentlich. Die vielen Figuren, die trotz ausführlicher Hintergrundbeschreibung eher blass bleiben, erschweren es den Überblick zu behalten. Sie bleiben weitgehend uninteressant und austauschbar. Dies wird zusätzlich erschwert, weil die Figuren alle ähnlich aufgebaute Namen haben.
Die Handlung entwickelt sich nicht organisch, sondern plätschert so vor sich hin; ein Spannungsbogen entsteht nicht, da oft einfach so Dinge aus dem Nichts passieren und keine Erwartungshaltung aufgebaut werden kann, die dann widerlegt werden würde.

Der Plot könnte interessant sein, weil er durchaus aktuelle Ereignisse aufgreift, schaltet sich aber durch das extrem langsame Voranschreiten quasi selbst aus.

Das Frauen-Männerverhältnis ist für einen Spionageroman schon relativ ausgeglichen, es kommen zumindest mehrere Frauen vor, sogar eine in einer Führungsposition, aber der Fokus liegt leider auf den männlichen Charakteren.

Ein Lesefluss entwickelt sich überhaupt nicht, die unterschiedlichen Handlungsstränge sind nicht klar unterscheidbar und ich habe oftmals mehrere Seiten gelesen, bevor ich überhaupt gemerkt habe, um wen und was es gerade geht. Es gibt viele nichtssagende Dialoge, deren Nutzen sich mir nicht erschlossen hat und deren Fehlen nicht bemerkt werden würde.
Ich hätte jederzeit aufhören können zu lesen und hätte das Buch einfach vergessen. Außerdem musste ich unzählige Male neu ansetzen, Seiten doppelt oder dreifach lesen, bis ich aufgenommen habe, worum es geht, weil das Buch überhaupt nicht fesselnd geschrieben ist.