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Veröffentlicht am 14.05.2018

Vielschichtiger Krimi, der in der Nachkriegszeit spielt

Kaltenbruch
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Die Geschichte aus der Nachkriegszeit ist eine Mischung aus Roman und Krimi, der mich ein bisschen an die Bücher von Mechthild Borrmann erinnerte. Wer also ihre Bücher mag, den kann ich auch "Kaltenbruch" ...

Die Geschichte aus der Nachkriegszeit ist eine Mischung aus Roman und Krimi, der mich ein bisschen an die Bücher von Mechthild Borrmann erinnerte. Wer also ihre Bücher mag, den kann ich auch "Kaltenbruch" von Michaela Küpper empfehlen.

Frühsommer 1954. Der Düsseldorfer Kommissar Peter Hoffmann erhofft sich einen Karrieresprung, doch durch eine unbedachte Aussage wird er statt der erwarteten Beförderung in die rheinische Provinz strafversetzt. Als in dem kleinen Dorf Kaltenbruch der junge Heinrich Leitner mit der Axt erschlagen wird, soll Hoffmann den Täter finden. Schnell hat er einen Verdächtigen bei der Hand: Gruber, ein Alkoholiker und Raufbold, der bei Schlüter, dem größten Arbeitgeber im Ort, angestellt ist. Kröger, der örtliche Polizist, ist jedoch skeptisch, ebenso wie Hoffmanns neu eingestellte Schreibkraft Lisbeth Pfau. Doch dann passiert ein weiterer Mord und Hoffmann steht wieder am Anfang seiner Ermittlungen....

Zu Beginn hatte ich kleine Probleme mit der Zuordnung der vielen Namen, doch nach kurzer Zeit war ich mitten im Geschehen. Traumatische Kriegserlebnisse, Flucht und düstere Geheimnisse verstecken sich hinter der Fassade der Dorfbewohner von Kaltenbruch...nichts ist, wie es scheint. Mit Rückblenden zu einzelnen Figuren des Ortes erfährt man nach und nach mehr über dessen Vergangenheit. Besonders die Bewohner des Leitner Hofes scheinen einige Geheimnisse zu haben. Gertrude Starck, die neue und begüterte Frau an Altbauer Leitners Seite und ihre Tochter Dana, sind genauso Flüchtlinge, wie die armen Kaminskis, die jedoch Außenseiter im Dorf bleiben. Marlene, die ihre Eltern im Krieg verloren hat und am Leitnerhof wohnt, hat gleich zwei Verehrer, wobei einer davon geheim gehalten wird. Aber auch der größe Arbeitgeber während des Krieges, die reichen Schlüters, sind weiterhin dick im Geschäft. Sie scheinen die richtigen Fäden zur richtigen Zeit gezogen zu haben....oder etwa doch nicht?

Die Autorin siedelt ihre Geschichte in einem kleinen rheinischen Dorf in den Fünfziger Jahren an und hat die Atmosphäre der Nachkriegszeit hervorragend eingefangen. Auf der einen Seite herrscht Aufbrauchsstimmung, auf der anderen leiden die Menschen noch immer an den Auswirkungen des Krieges. Viele von ihnen haben ihre alte Heimat verloren, mussten fliehen. In der neuen Heimat sind sie ausgegrenzt, wie die aus Schlesien kommenden Kaminskis. Und so fällt auch rasend schnell der Verdacht auf die Zugezogenen...

Auch der Großstädter Hoffmann spürt bald, dass er hier nicht wirklich willkommen ist und möchte den Fall so schnell wie möglich lösen. Dabei prallen die Dörfler und der Ermittler aus der Stadt immer wieder aneinander. Wäre nicht Lisbeth Pfau, das "Pfauenküken", wie Hoffmann sie nach Aufgabe seiner anfänglichen Abneigung nennt, wäre er wohl noch immer am ermitteln...;)
Wie die Beiden sich langsam zusammenraufen und der hochnäsige Hoffmann etwas von seinem hohen Ross fällt, zauberte einige Male ein Lächeln in mein Gesicht und hat die manchmal düstere Atmosphäre aufgelockert. Besonders die Rückblenden in die Vergangenheit einzelner Protagonisten sind erdrückend, konnten mich aber mehr abholen, als das Geschehen in der Gegenwart. Ich hatte dabei das Gefühl wirklich mitten im Geschehen zu sein und mit der Geschichte zu verschmelzen, während sich die Gegenwart einfach "nur" gut lesen lies.
Leider hatte ich viel zu schnell einen Verdacht in die richtige Richtung und wurde am Ende nicht wirklich überrascht, aber bestätigt.

Schreibstil:
Michaela Küpper schreibt wunderbar flüssig und dialoglastig. Ihre Figuren sind authentisch und vielschichtig dargestellt. Die Autorin hat die Zeitepoche der spießigen Fünfziger Jahre mit den neuen technischen Errungenschaften, wie die Stenorette (Diktiergerät), sehr atmosphärisch eingefangen.
Die einzelnen Kapitel werden mit dem Namen der erzählenden Figur gekenntzeichnet und erleichtern dem Leser die Frage, aus welcher Sicht erzählt wird.

Fazit:
Ein vielschichtiger Krimi, der die Traumata und Folgen des Krieges eindringlich aufzeigt. Die Nachkriegszeit wurde sehr atmosphärisch eingefangen. Gerne würde ich das anfangs unfreiwillige Team Kommissar und Schreibkraft beim ermitteln neuer Mordfälle begleiten und hoffe auf Nachfolgebände.

Veröffentlicht am 11.05.2018

Tolles Sittenbild Südafrikas zur Zeit der Apartheit

Summ, wenn du das Lied nicht kennst
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Dieser nicht nur von außen liebevoll gestaltete Roman glänzt auch mit einem eindrucksvollen Inhalt, der uns nach Südafrika in die 1970er des Apartheitregimes führt.
Es ist die Zeit der Rassenunruhen und ...

Dieser nicht nur von außen liebevoll gestaltete Roman glänzt auch mit einem eindrucksvollen Inhalt, der uns nach Südafrika in die 1970er des Apartheitregimes führt.
Es ist die Zeit der Rassenunruhen und die Willkür der weißen Minderheit gegenüber der schwarzen Mehrheit.

In dieser Zeit wächst die neunjährige Robin in Johannesburg auf. Sie verlebt eine unbeschwerte Kindheit bis ihre Eltern eines Abends von Schwarzen ermordet werden. Robin und ihr schwarzes Kindermädchen Mabel werden auf die Polizeistation gebracht, wo Mabel misshandelt und Robin völlig allein gelassen wird. Ab diesem Zeitpunkt erlebt der Leser den grenzenlosen Hass zwischen den Rassen und die verschiedenen Sichtweisen. Ganz klar wird aufgezeigt, wie Kindern genau das nachplappern und nachleben, was ihnen ihre Eltern vorleben. Obwohl Robin ihr Kindermädchen Mabel über alles liebt, ist es für sie zum Beispiel selbstverständlich, dass Mabel nicht ihre Toilette benutzen darf. Durch den Tod ihrer Eltern ist Robin plötzlich Waise und kommt vorerst zu ihrer Tante Edith. Diese wollte selbst nie heiraten und Kinder und fühlt sich der Verantwortorung nicht gewachsen.
Hier kommt Beauty ins Spiel, eine gebildete Xhosa-Frau, die noch eine Ausbildung als Lehrerin machen durfte, bevor es der schwarzen Bevölkerung untersagt wurde. Sie ist Witwe und alleinerziehende Mutter. Sie ist auf dem beschwerlichen Weg von der Transkei nach Johannesburg um ihre vermisste 17jährige Tochter Nomsa zu suchen, die bei der Demonstration schwarzer Schüler in Soweto in den vordersten Reihen stand. Beauty kommt bei Edith unter und kümmert sich großteils liebevoll um Robin.

Die sehr unterschiedlichen Lebensumstände von Beauty und Robin werden mit viel Tiefgründigkeit und teilweise sehr dramatischen Szenen dargestellt. Die beiden Hauptprotagonistinnen erzählen aus ihrer Sicht, wobei der Part von Robin oft passend zu ihrem Alter naiv-kindlich daherkommt. Trotzdem sind ihre Aussagen oft unheimlich stark und berührend und zeigen ihre verletzte kindliche Seele.
Beauty hingegen ist eine starke Persönlichkeit, die Robin zeigt, dass es weder auf Rasse, Alter oder Religion ankommt, sondern auf Liebe, Familie und Freundschaft. Dabei lässt sie nie ihr Ziel aus den Augen ihre Tochter zu finden und nach Hause zu bringen.

Trotz des teilweise traurigen und erschreckenden Inhalts gelingt es der Autorin mit ihrer poetischen Sprache den Leser an die Seiten zu fesseln. Bianca Marais spricht aber nicht nur die Rassenprobleme an, sondern generell über die Ausgrenzung von Randgruppen wie Homosexuellen und Juden. Dazwischen gibt es aber auch witzige Szenen, vorallem zwischen Robin und ihrem Freund Morris, die sich mit der Bedeutung von Fremdwörtern, die sie aufgeschnappt haben, übertrumpfen möchten und äußerst interessante und lustige Bedeutungen dafür von sich geben.

Über Südafrika zur Zeit der Apartheit wusste ich viel zu wenig. Ich war zu der Zeit in der das Buch spielt fast genauso alt wie Robin und kann mir kaum vorstellen, was sie alles in diesem Alter durchmachen musste. Einige Passagen haben mich sehr mitgenommen. Unvorstellbar wie brutal gegen Kinder vorgegangen wird oder dass Schwarze keine ärztliche Hilfe (abseits der Hospitals für Schwarze), erhalten, selbst bei einem lebensgefährlichen Herzinfarkt. Das hier der Leitsatz der Ärzte völlig außer Acht gelassen wird, hat mich zutiefst entsetzt. Dieser Roman ist ein Plädoyer gegen Rassismus und Andersartigkeit!

Das Buch war bis etwa 100 Seiten vor dem Ende ein absolutes Highlight und hätte von mir 5 Sterne und den "Lieblingsbuchstatus" erhalten. Doch leider hat Bianca Marais das Ende etwas vermasselt. Robin scheint sich die Vorbilder aus ihren Detektivromanen wie "Die schwarze Sieben" und "Fünf Freunde" etwas zu sehr als Vorbild genommen zu haben. Die Autorin verirrt sich hier in einige unglaubwürdige Passagen und wollte wohl etwas mehr Spannung in die Geschichte bringen. Diese Szenen mit Robin haben leider das wunderbare Flair des Romans ein bisschen zerstört. Mich hat es etwas traurig gemacht, denn diese Geschichte ist wirklich etwas ganz besonderes und wird noch lange in meiner Erinnerung bleiben.

Schreibstil:
Der poetische, feinfühlige und wirklich eindrucksvolle Schreibstil der Autorin hat mich von der ersten Seite an berührt und in die Geschichte versinken lassen. Durch die lebendigen Schilderungen der Begebenheiten und der Gedanken und Gefühle von Beauty und Robin kommt der Leser den beiden Protagonisten sehr nahe.

Cover:
Der Wunderraum Verlag hat sich auf liebevoll ausgestattete Romane mit einem schönen Innenleben, einem Buchrücken aus Halbleinen und einem bedruckten Lesebändchen spezialisiert. Ich habe bereits ein Buch aus dem zum Random House gehörenden Verlag gelesen und war schon bei "Zartbitter ist das Glück" begeistert von diesem Schmuckstück. Auch "Summ, wenn du das Lied nicht kennst" ist wieder eine Augenweide und lässt mich glücklich über den Einband streichen, dessen Grafiken sich daraus erheben.

Fazit:
Ein wunderbarer Debütroman, der mich berührt und mitgenommen hat in die 1970er Jahre nach Südafrika. Die Autorin hat einen wundervollen poetischen Schreibstil und der Roman wäre ein absolutes Highlight geworden, hätte sie die letzten hundert Seiten nicht etwas zu unglaubwürdig dargestellt. Mit dem abenteuerlichen Ende hat sie dem Buch leider das Flair ein bisschen genommen. Trotzdem eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 10.05.2018

Roman mit Schwächen

Das Geheimnis des Winterhauses
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Vor einigen Jahren habe ich die Bücher der Autorin verschlungen. Da ich ein großer Neuseelandfan bin, war vor allem die Weiße Wolke Saga mein absolutes Highlight. Die letzten Romane haben mir dann schon ...

Vor einigen Jahren habe ich die Bücher der Autorin verschlungen. Da ich ein großer Neuseelandfan bin, war vor allem die Weiße Wolke Saga mein absolutes Highlight. Die letzten Romane haben mir dann schon weniger gefallen und vorallem "Eine Hoffnung am Ende der Welt" fand ich richtig schlecht. Deswegen hatte ich eine Sarah Lark Pause eingelegt.
Nachdem dieser Roman wieder sehr gute Bewertungen erhalten hat, habe ich ihn mir aus meiner Bücherei mitgenommen. Leider hat er meine Erwartungen nicht ganz erfüllt.

Das begann damit, dass die ersten Kapitel in Wien spielen, die Autorin aber überhaupt keinen Wien-Bezug herstellen konnte. Der Roman hätte genauso in Deutschland, England oder den USA spielen können. Das fand ich schade! Dann führt der Weg unser Hauptprotagonistin nach Dalmatien ins ehemalige Jugoslawien, dem heutigen Kroatien. Ellionor (auch ein sehr "österreichische Name"!) ist Historikerin und weiß nicht, als sie in Kroatien ankommt, dass diese Gegend einmal zu Österreich gehört hat?! Ich dachte ich lese nicht richtig! Bei uns in Österreich weiß jedes kleine Kind, welche Länder einmal zur Habsburger-Monarchie gehört haben. Und die Autorin willl mir erzählen, dass eine österreichische Historikerin das NICHT weiß?!! Hier hätte ich das Buch fast in die Ecke gepfeffert! Man sollte nicht nur über Neuseeland richtig recherchieren, sondern auch über andere Gegenden, über die man schreibt Bescheid wissen bzw. der Protagonistin die richtigen Worte in den Mund legen!

Aber beginnen wir mit der Geschichte, die uns die Autorin hier erzählen will. Wie schon erwähnt befinden wir uns zuerst in Wien, wo Ellionor durch eine schwere Nierenerkrankung (die sich im späteren Verlauf irgendwie in Luft aufgelöst hat!) ihrer Kusine Karla erfährt, dass sie nicht mit dem Rest der Familie verwandt ist. Ihre Großmutter Dana wurde damals adoptiert und in Ellionor erwächst der Wunsch ihre wahren Wurzeln zu suchen. Der erste Weg führt sie nach Dalmatien, wo sie auf Geschichten über ihren Urgroßvater Franjo Zima stößt. Dieser hat Liliane, die Tochter einer großen Winzerfamilie, zuerst geschwängert und dann sitzen gelassen. Gemeinsam mit seinem Freund verschwand er in einer Nacht-und-Nebel Aktion nach Neuseeland, um als Gumdigger das große Geld zu verdienen. Liliane wurde verheiratet und ihr das Kind weggenommen (Großmutter Dana). Ellionor reist daraufhin mit ihrem unsympathischen Ehemann Gernot, der sich von ihr aushalten lässt, weil er als Künstler noch immer auf seinen Durchbruch wartet, nach Neuseeland. Gernot möchte in Auckland in einer Galerie seine Bilder ausstellen, während sich Ellionor auf die Suche nach Spuren ihres Urgoßvaters macht. Ellionor verliert sich immer mehr in die Geschichte ihrer Vorfahren. Sie findet im Tagebuch von Dana, ihrer Großmutter, viele Hinweise, doch führen auch einige Spuren lange Zeit nirgendswohin. Alte Briefe und ein Autor, der über die Geschichte einer Geliebten von Franjo ein Buch geschrieben hat, decken weitere Geheimnisse auf....

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und der Vergangenheitspart, der bis ins Jahr 1904 zurückreicht, ergibt sich aus Tagebucheinträgen und Briefen. Schreibstil und Schriftart sind dementsprechend verschieden und angepasst.
Die Charaktere sind gut gezeichnet, wobei die Männer diesmal eher schlecht wegkommen. Franjo, der seinen Namen später auf Frank Winter ändert, ist ein Hallodri. Mit seinem Charme und seiner sprachlichen Überzeugungskraft fällt er immer wieder auf die Füße und bricht sämtliche Frauenherzen. Trotzdem ist ihm das Glück nur teilweise hold. Ich fand seine Beschreibung gelungen.
Gernot, Ellionors Ehemann in der Gegenwart, ist ein Ich-bezogener Schmarotzer, der auf Kosten seiner Frau lebt und es versteht sie zu manipulieren und klein zu halten. Er ist eitel und empfindet kaum Empathie für andere Menschen.
Ellionor hingegen ist eine sehr sympathische, jedoch zu leichtgäubige Frau, die wenig Selbstwertgefühl hat. Ihr sehnlichster Wunsch nach einem Kind hat sich ebenso nicht erfüllt, wie ein fixes Standbein für Gernot.

Der Part in der Vergangenheit hat mir sehr gut gefallen. Der Gegenwartsstrang konnte mich allerdings nicht wirklich überzeugen. Hier war doch vieles vorhersehbar und fühlte sich nicht immer ganz rund an. Der Epilog fiel außerdem sehr kitschig aus und wäre meiner Meinung nicht wirklich mehr vonnöten gewesen.

Schreibstil:
Der Schreibstil ist wie gewohnt flüssig und sehr bildhaft. Jedoch finde ich, dass die Autorin diesmal ihren Roman anders angelegt hat. Mich hat das nicht gestört, denn ich finde es gut, wenn man sich verändert. Da Sarah Lark bereits viele Neuseelandromane geschrieben hat, war auch das Thema der Harzgewinnung und der Kauribäume etwas ganz Neues und sehr interessant zu lesen. Die Autorin erklärt den Beruf des Gumdiggers anschaulich. Viele junge Männer aus dem Süden sind damals nach Neuseeland ausgewandert. Ähnlich den Goldgräbern wurde auch ihnen das schnelle Geld versprochen, war jedoch Schwerstarbeit und nur für die ersten Arbeiter auch gewinnbringend.

Die Landschaftsbeschreibungen sind wie immer überaus gelungen und sehr bildgewaltig. Hier hat Sarah Lark wieder Bilder im Kopf entstehen lassen.

Fazit:
Ein Roman mit einigen Schwächen. Der Gegenwartsstrang war vorhersehbar, konnte mich nicht überzeugen und war auch noch schlecht recherchiert. Der Vergangenheitsstrang konnte mich jedoch überzeugen und hat mich auch an der Geschichte dranbleiben lassen.

Veröffentlicht am 08.05.2018

Grandiose Atmosphäre

Dornengrab
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Von der Autorin habe ich im Januar dieses Jahres ihren Roman "Blut schreit nach Blut" gelesen, der eigentlich nicht ganz in mein übliches Genre passte, mir aber richtig gut gefallen hat. Als bei Lovelybooks ...

Von der Autorin habe ich im Januar dieses Jahres ihren Roman "Blut schreit nach Blut" gelesen, der eigentlich nicht ganz in mein übliches Genre passte, mir aber richtig gut gefallen hat. Als bei Lovelybooks ihre neue historische Mysterynovelle vorgestellt wurde, habe ich mich sofort beworben und es nicht bereut.

Wir sind in mitteralterlichen Worms. Hartmuth, der Sohn eines Schlachters, will groß hinaus. Seine Pläne haben nichts gemeinsam mit dem seines Vaters, einmal in sein Geschäft einzusteigen. Er hat genug von der Armt und fühlt sich zu Höherem geboren. Die eher unscheinbare Margarethe, Tochter einer reichen Kaufmannsfamilie, passt damit genau in sein Beuteschema. Obwohl sich ihr Vater gegen eine Heirat ausspricht, gelingt es Hartmuth seine Pläne durchzuziehen. Schon bald betrügt er Margarethe mit der jungen und betörenden Elslinn. Doch seine junge Geliebte möchte bald mehr und Hartmuth sieht seine Existenz gefährdet...

Dieses Büchlein ist ziemlich dünn und ich bin auch nicht wirklich ein Kurzgeschichtenfan, aber schon zu Beginn hat mich Aikaterini Maria Schlössers atmosphärischer und bildhafter Schreibstil sofort wieder gefangen genommen. Ich habe die 112 Seiten in einem Rutsch duchgelesen.

Die Geschichte wird so stimmungsvoll erzählt, dass man mit Hartmuth durch den Schlamm und den Regen stapft, mit ihm grübelt und sich ängstigt. Man riecht die verfaulten Rosenblätter, den Gestank in den Gassen und den feuchtwarme Qualm der Gaststube. Ebenso spürt man Hartmuths Ängste, die Unsicherheit und seine Wut durch die Zeilen. Seine Gedanken, die sich um Elslinn, seine Frau und seinem Kumpel Jorgen drehen und der Verdacht, dass ihm jemand in den Wahnsinn treiben möchte. Die geheimnisvollen weißen Rosenblätter und der Verwesungsgeruch, den er permanent in der Nase hat, stragen dazu noch bei.
Dies wird so atmosphärisch und spannend beschrieben, dass man die poetischen Worte mit einer leichten Gänsehaut liest und nicht aufhören kann, bis man am Ende angelangt ist. Mystisch, spannend und atmosphärisch!

Fazit:
Die Autorin überzeugt mich auch mit ihrer mystischen historischen Kurznovelle. Der grandiosen Schreibsil sucht Seinesgleichen. Ich muss unbedingt mehr von Aikaterini Maria Schlösser lesen!

Veröffentlicht am 07.05.2018

Tschechiche Zeitgeschichte spannend eingefangen

Das hungrige Krokodil
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Die Autorin erzählt in diesem Roman die wahre Geschichte des Arztes Pavel Vodák, dessen Tagebuchaufzeichnungen jahrelang in seiner Arzttasche geschlummert haben. Diese Zeitdokumente hat sie gemeinsam mit ...

Die Autorin erzählt in diesem Roman die wahre Geschichte des Arztes Pavel Vodák, dessen Tagebuchaufzeichnungen jahrelang in seiner Arzttasche geschlummert haben. Diese Zeitdokumente hat sie gemeinsam mit Vodáks Tochter Pavli gesichtet und daraus eine interessante Familiengeschichte geschrieben, die den politischen Umbrauch der damaligen Tschechoslowakei beschreiben.

Nach dem Lesen der Leseprobe, die einen kleinen Einblick in die Vorbereitungen Pavels gibt, sein Land zu verlassen und in den Westen zu flüchten, wollte ich unbedingt bei der Lovelybooks Leserunde mitlesen. Genau dieser Abschnitt nahm mich auch sofort gefangen. Man konnte die Angst und Unsicherheit von Pavel spüren und im Laufe des Romans auch seine Erkenntnis, dass er nicht nur seine Zukunft mit der Flucht verändert hat, sondern auch die seiner ganzen Familie, begreifen.

Nach dem Abschnitt aus dem Jahre 1970, in dem Pavel seine Flucht aus Prag vorbereitet, blendet die Autorin zurück ins Jahr 1939. Pavel ist 18 Jahre alt und lebt in Budweis. Seine Mutter ist Deutsche und sein Vater tschechischer Militärangehöriger. Pavel hat eben sein Medizinstudium angefangen, als der Krieg seine Pläne durchkreuzt.
Der Titel "Das hungrige Krokodil" erklärt sich daraufhin bald. Pavel erkennt zuerst in der deutschen Besatzung und danach durch das russische Regime "die Gefräßigkeit des Krokodils", die Gefahr die von der jeweils politischen Lage ausgeht. Als Regimegegner und einem Bruder, der sich für den Kommunismus einsetzt, steckt er in einer Zwangslage. Erst Jahre später kann er sein Studium fortsetzen, heiratet und bekommt seine Tochter Pauline, genannt Pavli. Seiner Frau wird das Studium jedoch im neuem Regime verwehrt....
Wir erleben mit Pavel den Prager Frühling und seine Bemühungen unauffällig zu bleiben. Doch er erkennt, dass er nicht in Prag bleiben und ihm nur die Flucht in den Westen helfen kann, einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Er sieht in der Tschechoslowakei keine Zukunft mehr.
Doch auch nach der Flucht ist er getrieben und fühlt sich heimatlos und entwurzelt. Seine Gefühle und Gedanken werden sehr authentisch erzählt und man zieht direkte Vergleiche zur heutigen politischen Situation und den Flüchtlingen in unserem Land. Einzig Pavli, die noch als Kind nach Deutschland kam, findet hier eine neue Heimat.

Ich fand den Part am Beginn und am Ende, der sich mit der Flucht auseinandersetzt und bei dem wir Familie Vodák begleiten, sehr emotional und eindringlich. Hingegen kamen mir die Erzählungen der 30 Jahre dazwischen etwas nüchtern und distanziert vor. Hier hatte ich eher das Gefühl einer Aneinanderreihung von Ereignissen, mit Ausnahme der Beschreibung des Prager Frühlings. Diese Gewalt machte mich schier sprachlos.... Zum Ende hin erleben wir noch den Fall der Mauer und die Möglichkeit die alte Heimat wieder zu besuchen. Diesen Moment fand ich sehr emotional.

Der Autorin gelingt es Pavel sehr authentisch darzustellen. Das liegt aber auch daran, dass es eigentlich seine Notizen sind und seine Tochter ein lebendiges Bild ihres Vaters abgeben konnte. Pavel hatte Humor, setzte sich für die Schwachen ein, war kritisch und hatte einen guten Blick für die politische Lage. Manche seiner Handlungen konnte ich, vorallem da er Kinderpsychologe war, nicht verstehen. Außerdem empfand ich wichtige Personen rund um Pavel etwas zu blass und nicht wirklich greifbar dargestellt. Trotzdem nahm mich Pavels Lebensgeschichte gefangen.

Fazit:
Sandra Brökel hat die Stimmung der damaligen Zeit sehr gut eingefangen. Wir erleben hier 50 Jahre tschechoslowakische Zeitgeschichte, die bewegt und einen Einblick in die politische Lage und die Veränderungen im Leben der Tschechen gibt. Ein ergreifender biografischer Familienroman.