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Veröffentlicht am 18.08.2017

Über Kindsmord und Klassengesellschaft

Dann schlaf auch du
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Roman oder Thriller? Die Einordnung des Buches in ein Genre ist nicht eindeutig, weshalb es aber eine breite Leserschaft faszinieren wird. Anfang und Ende deuten auf einen Thriller – eine „Nounou“, wie ...

Roman oder Thriller? Die Einordnung des Buches in ein Genre ist nicht eindeutig, weshalb es aber eine breite Leserschaft faszinieren wird. Anfang und Ende deuten auf einen Thriller – eine „Nounou“, wie die Kinderfrau in französischen Familien genannt wird, ermordet die von ihr gehüteten zwei Kinder ihrer Arbeitgeber, die untersuchende Kommissarin führt akribische Ermittlungen. Die Spannung zu erfahren, wie es zu der furchtbaren Tat Louises gekommen ist, bleibt durchweg aufrechterhalten. Im Fokus und auf einen (tragischen) Roman hindeutend steht aber auch das Thema Klassengesellschaft/-gegensätze. Louise entstammt einer bildungsfernen Schicht, bekam früh ein ungewolltes Kind, führte bis zur Witwenschaft eine lieblose Ehe, hat für die Schulden ihres Mannes aufzukommen, ist nicht in der Lage, sich mit Behörden u.ä. auseinanderzusetzen. Ihre Arbeitgeber hingegen sind erfolgreich als Musikproduzent bzw. Rechtsanwältin. Vor allem Myriam entspricht dem Bild einer typischen französischen Frau – Karriere im Beruf, ermöglicht durch die Stütze einer im Hintergrund wirkenden Tagesmutter. An Louises minderer sozialer Herkunft stören sie sich zusehends, würden sie, die doch eigentlich unentbehrlich für sie ist, sogar gerne wieder loswerden. In chronologischer Folge werden die Monate von Louises Tätigkeit als Nounou geschildert, unterbrochen durch kurze Einschübe dritter Personen, die Kontakt zu ihr hatten und vielleicht ein Puzzleteil bei der Suche nach dem Tatmotiv liefern. Auf jeden Fall wird der Leser in die Lage gesetzt, sich ein umfassendes Bild von der Täterin und ihrem möglichen Motiv zu machen.

Das Buch ist wirklich lesenswert und wurde zu Recht im letzten Jahr mit dem Prix Goncourt, einem renommierten französischen Literaturpreis für das beste erzählerische Werk des Jahres in französischer Sprache, ausgezeichnet.

Veröffentlicht am 15.08.2017

Über ein nicht der Norm entsprechendes Kind

Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning
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Zwar empfand ich es als etwas anstrengend, dieses Buch zu lesen, was vor allem an seinem anstrengenden Protagonisten Frank gelegen hat. Doch war es durchaus ein besonderes Leseerlebnis, über Franks Besonderheiten ...

Zwar empfand ich es als etwas anstrengend, dieses Buch zu lesen, was vor allem an seinem anstrengenden Protagonisten Frank gelegen hat. Doch war es durchaus ein besonderes Leseerlebnis, über Franks Besonderheiten zu lesen. Der erst Neunjährige unterscheidet sich so gänzlich von seinen Altersgenossen – er ist ein wandelndes Lexikon, liebt alte Filme und kennt sich bestens mit ihnen aus, kleidet sich am liebsten in Nadelstreifenanzug und Zylinder. Sich um ihn zu kümmern und der Mutter den Rücken freizuhalten, damit diese sich mehr als 20 Jahre nach Erscheinen eines erfolgreichen Bestsellers endlich dem Schreiben eines zweiten Werks widmen kann, wird der jungen Alice durch den Verlegers aufgegeben. Für sie ist es ein hartes Stück Arbeit, die Zuneigung von Frank zu erlangen, und auch die seiner Mutter, die sie nicht gerade mit Kusshand aufnimmt.
Wer wie ich Familiengeschichten rund um problematische Familien mag, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. Der Protagonist Frank ist vermutlich Autist und diese Krankheitsform wird recht liebevoll ausgeleuchtet. Eine gewisse Affinität zu alten amerikanischen Filmen ist nützlich. Denn viele der in Bezug genommenen Filme mit von Frank detailliert beschriebenen Filmszenen und Schauspielern sagen einem ansonsten wenig.

Veröffentlicht am 10.08.2017

Bruderliebe

Das Glück meines Bruders
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Der Ich-Erzähler Botho, sein älterer Bruder Arno und dessen Verlobte fahren im Sommer 2010 in das Dorf Doel nach Belgien, wo die Brüder einst ihre Ferien bei den Großeltern verbrachten. Inzwischen steht ...

Der Ich-Erzähler Botho, sein älterer Bruder Arno und dessen Verlobte fahren im Sommer 2010 in das Dorf Doel nach Belgien, wo die Brüder einst ihre Ferien bei den Großeltern verbrachten. Inzwischen steht das Dorf kurz davor, platt gemacht zu werden, um eine Hafenerweiterung zu ermöglichen. Erinnerungen werden wach, vor allem an Bothos Jugendliebe, auf deren Suche er sich begibt. Mehr und mehr zutage treten die Komplikationen im Verhältnis der Brüder und ihre Rivalitäten. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen. Während Botho sein Abitur nachholte, studierte und Lehrer wurde, blieb Arno ein zumeist arbeitsloser Handwerker, verfiel dem Alkohol, wurde fast kriminell. Erst Bothos Unterstützung bewahrte ihn vor dem endgültigen Absturz. Arno hasst die Akademiker geradezu, Botho fühlt sich nach seinem Werdegang entwurzelt. Dennoch verbindet beide Bruderliebe.

Leicht lesen lässt sich der Roman nicht. Typisch sind seitenfüllende, temporeiche Schachtelsätze. So manche wütende Tirade Arnos will zweimal gelesen werden, um sie zu verstehen. Dem Verständnis nicht gerade zuträglich sind zahlreiche originalflämische – und damit authentisch wirkende - Dialoge, deren Bedeutung sich wenn überhaupt nur demjenigen erschließt, der auch das norddeutsche Plattdeutsch versteht. Eine Art Glossar wäre hilfreich gewesen. Fasziniert hat mich, wie zu Beginn der Geschichte alles auf die Schilderung einer idyllischen Vergangenheit der Protagonisten in Kindheit und Jugend hindeutete und sich dann nach und nach herauskristallisierte, wie problembeladen die Zeit doch tatsächlich war und als Folgewirkung in der Gegenwart noch immer ist.

Zu dem Buch sollte nur greifen, wer anspruchsvolle Literatur mag.

Veröffentlicht am 01.08.2017

Familiengeschichte umrahmt von deutscher Nachkriegsgeschichte

Altes Land
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Bücher wie das vorliegende lese ich immer wieder gerne – Schilderung familiärer Verhältnisse über mehrere Generationen mit Bezug zur deutschen Geschichte in den Nachkriegstagen.
Vera und ihre Mutter werden ...

Bücher wie das vorliegende lese ich immer wieder gerne – Schilderung familiärer Verhältnisse über mehrere Generationen mit Bezug zur deutschen Geschichte in den Nachkriegstagen.
Vera und ihre Mutter werden nach ihrer Vertreibung aus Ostpreußen auf einem Hof im Alten Land bei Hamburg einquartiert. Dort in der Elbmarschlandschaft bei den alteingesessenen Obstbauern bleibt sie, die den Hof nie verlässt und ein unangepasstes Leben führt, zeitlebens fremd. Jahrzehnte später nimmt sie ihre alleinerziehende Nichte aus Hamburg nach Scheitern ihrer Beziehung bei sich auf.
Im Vordergrund steht die Thematik des Flüchtens und Ankommens, dargestellt anhand der Protagonistinnen Vera und ihrer Nichte. Wo sind die eigenen Wurzeln, die Heimat, das Zuhause? Beide Frauen sind stark geprägt vom Verhältnis zu ihrer jeweiligen Mutter. Beide Stränge finden letztlich ihren Ausgangspunkt in der traumatischen und nie überwundenen Vertreibung von Veras Mutter aus Ostpreußen. Auch um – böse – Erinnerungen geht es, vorrangig die von Vera aus ihrer Kindheit zu Kriegsende, daneben die ihres Stiefvaters und Hoferben Karl, der psychisch traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist. Abgesehen von den Schicksalen der beiden Frauen werden noch so manche Werdegänge der Altenländer Bauern geschildert, von denen einige ihre Höfe noch ganz der Tradition folgend in schmucken Reetdach-Bauernhäusern fortführen, Sohn auf Vater folgend, andere hingegen zu Biobauern werden oder gar ihre Höfe an zugezogene Städter verkaufen. Die bildhafte Beschreibung des Alten Landes und ihrer urigen Bewohner ist wirklich gelungen. Bodenständig und gemütlich wirkt alles dadurch, dass die Autorin die Romanfiguren plattdeutsch reden lässt, von dem man sich einfach einige Sätze auf der Zunge zergehen lassen muss: „Schall ik di wat geven, dat du slapen kannst?“, „mookt se mien Huus schier“, „Kiek man nich hen“. Vieles wird offen gelegt in langen Gedankengängen der Figuren, die über ihr Leben und ihre Mitmenschen nachdenken.

Ein wundervoller Roman.

Veröffentlicht am 29.07.2017

Anspruchsvoll

Sieben Nächte
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Dieses Buch spricht besonders die Generation um die 30 an. Die Geschichte handelt und wird erzählt von einem namenlosen, nur einmal S genannten jungen Mann, der diesen ihm bevorstehenden Altersabschnitt ...

Dieses Buch spricht besonders die Generation um die 30 an. Die Geschichte handelt und wird erzählt von einem namenlosen, nur einmal S genannten jungen Mann, der diesen ihm bevorstehenden Altersabschnitt als bedeutende Zäsur in seinem Leben ansieht und eben hierüber sinniert. Die Perspektive, sich anpassen zu müssen, sich auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau festlegen zu müssen, erschüttert ihn. Aus diesem Grund lässt er sich auf einen Pakt mit einem flüchtigen Bekannten ein. In sieben Nächten soll er die sieben Todsünden erfahren und darüber schreiben. Das soll ihm helfen, evtl. eine Alternative zum angepassten Leben zu finden. Und so begleiten wir S. auf sieben nächtlichen Streifzügen durch seine Stadt, in denen er etwa in einem Restaurant Fleisch isst, Pferdewetten auf der Trabrennbahn abschließt, in der Universitätsbibliothek sitzt.
Das Buch wird nicht jedermanns Lesegeschmack treffen. Ich selbst kann mit Erzählungen wie der vorliegenden, die aus einer Aneinanderreihung von – zudem recht sprunghaften – Gedanken bestehen, nicht viel anfangen. Hinzu kommt, dass S. auf hohem Niveau philosophiert, was das Lesen sehr anstrengt. Es bedarf schon wiederholten Lesens einzelner Passagen, um auch nur ansatzweise zu erfassen, was der Autor mitteilen will. Bei genauer Betrachtung hat das von dem Protagonisten Erlebte wenig mit Todsünden zu tun. Aber Leser sehr anspruchsvoller Literatur werden sich zu Hause fühlen. Das Buch enthält eine Reihe zitierungswerter Sätze. Nebenbei möchte ich noch anfügen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht so recht stimmt; 16,- EUR für einen Buchtext, der sich von S.11 bis S.138 erstreckt abzgl. einiger Leerseiten zwischen den Kapiteln sind viel Geld.