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Veröffentlicht am 05.07.2019

Light Trees

Bell und Harry
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Grandpa ist zu den Kindern gezogen als seine Frau verstarb und seitdem wird Light Trees verpachtet. Die Londoner kommen in den Sommerferien ins nordenglische Yorkshire, um Ruhe zu finden. Sie haben allerdings ...

Grandpa ist zu den Kindern gezogen als seine Frau verstarb und seitdem wird Light Trees verpachtet. Die Londoner kommen in den Sommerferien ins nordenglische Yorkshire, um Ruhe zu finden. Sie haben allerdings nicht damit gerechnet, dass das Land bewirtschaftet wird und es dann schnell vorbei sein kann mit der Ruhe. Kleine Missverständnisse können zum Glück ausgeräumt werden. Und so werden aus den beiden Jungen Bell und Harry dicke Freunde. Mit der Zeit scheint es beinahe so als gehörten die Batemans aus London zur Familie.

Gerade für Harry sind die Aufenthalte in Yorkshire etwas Besonderes. Wann hätte er in London schon die Gelegenheit, die Berge zu erkunden, sich die alten Geistergeschichten erzählen zu lassen, mit dem Rad durch Berg und Tal zu fahren. Für ihn ist auf dem Land mehr los als in der Stadt. Als Einheimischer versteht Ben das nicht immer, aber so ist es halt. Selten weiß man zu schätzen, was man hat. Gemeinsam gehen Bell und Harry durch dick und dünn, begehen so manche Eselei und werden über die Jahre erwachsen.

Bereits im Jahr 1981 erschien die englische Erstausgabe dieses Buches und aus einigen Äußerungen lässt sich schließen, dass die Handlung Ende der 1960er bis Anfang der 1970er einsetzen muss. Die Autorin verfolgt den Weg ihrer Jungs bis in die späten 1990er und wagt damit einen prophetischen Blick in eine Zukunft, die so nicht eingetreten ist, die aber so hätte eintreten können. Unabhängig davon schafft sie es, einen leichten Sommerwind über die Felder wehen zu lassen, ebenso wie klirrende Kälte. Im Wechsel der Jahreszeiten erleben Bell und Harry ihre Kindheit und Jugend. Ihre Abenteuer sind manchmal typische Jungsabenteuer, bei denen sie von Glück reden können, wenn sie alles heil überstehen. Doch manchmal haben die Ereignisse eine Zartheit, mit der man nicht gerechnet hat. Die im deutschsprachigen Raum spät entdeckte Autorin schafft mit ihrem knapp zweihundertseitigen Sommerroman eine Möglichkeit aus dem Alltag in eine Sommerfrische abzutauchen und eine ähnliche Ruhe zu finden, wie die Londoner. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann.

Veröffentlicht am 02.07.2019

Die verlorenen Jungs

Mortal Engines - Der Grüne Sturm
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Sechszehn Jahre sind vergangen seit Anchorage an der Küste Amerikas gestrandet ist. Tom und Hester sind sesshaft geworden. Über ihre Tochter Wren sind sie überglücklich. Doch die junge Dame hat Lust auf ...

Sechszehn Jahre sind vergangen seit Anchorage an der Küste Amerikas gestrandet ist. Tom und Hester sind sesshaft geworden. Über ihre Tochter Wren sind sie überglücklich. Doch die junge Dame hat Lust auf Abenteuer, den Wert ihres ruhigen Lebens in Sicherheit weiß sie nicht wirklich zu schätzen. Sie ist schließlich eine Jugendliche und damit etwas rebellisch, wie fast alle jungen Leute. Als einige der verlorenen Jungs nach Anchorage kommen, um das Zinnbuch zu stehlen, mit dem man angeblich den Krieg gewinnen kann, ist Wren nicht abgeneigt, sich ihnen anzuschließen. Dann jedoch etwas unfreiwillig begibt sie sich auf eine Abenteuerfahrt.

Auch dieser dritte auf deutsch erschienene Band über die fahrenden Städte und ihre Bewohner sprüht vor Ideen. Trotz des relativ langen Zeitabstandes, mit dem die Handlung gegenüber dem Vorgängerband einsetzt, trifft man viele Bekannte wieder, sogar einige, mit denen man nicht gerechnet hätte. Wren ist eine sympathische, wenn auch etwas stürmische junge Frau, die mehr Abenteuer geboten bekommt als ihr letztlich lieb ist. Tom und Hester begeben sich auf die gefährliche Mission ihre augenscheinlich entführte Tochter heimzuholen und müssen sich dabei ihren eigenen Problemen stellen.

Wieder lebendig vorgetragen wird dieses Hörbuch von Robert Frank. Wie bereits in den vorherigen Bänden kann man sich nie ganz sicher sein, ob der vermeintliche Sympathieträger wirklich so liebenswert ist wie man meint, ebenso wie es sein kann, dass einige, die den Boshaftigkeitsstempel aufgedrückt bekamen, sich als nicht so verkehrt erweisen. Ob man diese Wechsel oder Unsicherheiten immer so gerne mitmacht, muss man sich selbst überlegen. Eine gewisse Würze bekommt das Buch dadurch gewiss. Und nicht nur einmal wird es knapp für die Helden, so dass jederzeit für Spannung gesorgt ist. Natürlich bleiben genug Fragen offen, um sich auf den wohl abschließenden vierten Band freuen zu können.

Veröffentlicht am 30.06.2019

In Ewigkeit

Bösland
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Als 13jähriger Junge wurde Ben mit der Leiche seiner Mitschülerin Mathilda in den Armen gefunden. Er wurde beschuldigt, das junge Mädchen umgebracht zu haben. Jahrelang war er in einer psychiatrischen ...

Als 13jähriger Junge wurde Ben mit der Leiche seiner Mitschülerin Mathilda in den Armen gefunden. Er wurde beschuldigt, das junge Mädchen umgebracht zu haben. Jahrelang war er in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Erst mit Anfang zwanzig konnte er in eine Wohngruppe ziehen und später nahm er die Gelegenheit wahr, ein Fotolabor zu führen. Nach langen Jahren jedoch kommen beängstigende Erinnerungen zurück. Ben beginnt wieder, seine Psychologin von damals aufzusuchen. Sie ermutigt ihn, sich seinen Erinnerungen zu stellen. Sie glaubt an ihn, seine jahrelangen Fortschritte. Ben ist unsicher. Wird er etwas in Gang bringen, was er nicht aufhalten kann?

Bens Eltern haben sich nicht gut um ihren Sohn gekümmert. Man könnte daher auf die Idee kommen, der Mord sei eine Folge der ungenügenden Fürsorge gewesen. Die Sorge, etwas könne aufgerüttelt werden, was besser in Ruhe bliebe, erscheint also durchaus berechtigt. Kann man Psychologen glauben, die Patienten für geheilt oder so gefestigt erklären, dass sie sich dem aussetzen können? Man denkt schnell an Presseverlautbarungen, in denen die Beurteilungen durch Psychologen nicht so gelungen waren. Allerdings wie so häufig registriert man nicht, wie oft sie richtig lagen. Und da ist ja auch noch Bens Jugendfreund Felix, der damals mit ihm durch dick und dünn ging.

Die Geschichte von Ben und Felix ist dermaßen an den Haaren herbei gezogen, dass man einfach nicht glauben kann, was man da liest. Man sucht nach einem psychologischen Trick, nach einer gewissen Raffinesse. Und dennoch - der Roman ist wie er ist und damit einfach sehr spannend. Setzt man sich über die eigene mangelnde Fähigkeit, die Story zu glauben, hinweg, erhält man eine schnell geschnittene, fesselnde Erzählung, die in sich schlüssig ist. Die kurzen Kapitel, deren Stil zwischen Erzählung und Rede wechselt, ist rasant und ansprechend. So ein Roman lässt sich leicht in einem Rutsch durchlesen, wobei die Kapitelüberschriften schön gruselig gestaltet jeweils eine eigene Seite bekommen, wodurch es noch etwas schneller vorangeht. Ein Buch, das man an einem Sommernachmittag inhalieren kann.

Veröffentlicht am 29.06.2019

Oma Rita

Der Zopf meiner Großmutter
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Maxim ist beinahe sechs, seine Großeltern sind mit ihm von Russland nach Deutschland gekommen. Sie wohnen noch im Übergangsheim. Die Großmutter betüdelt Max zum einen von hinten und vorn, zum anderen jedoch ...

Maxim ist beinahe sechs, seine Großeltern sind mit ihm von Russland nach Deutschland gekommen. Sie wohnen noch im Übergangsheim. Die Großmutter betüdelt Max zum einen von hinten und vorn, zum anderen jedoch führt sie auch ein strenges Regiment. Es gibt einfach zu viele Dinge, die Max nicht darf. So vieles ist verboten, weil es gefährlich sein könnte. Max’ Opa ist dagegen die Ruhe selbst, kaum je sagt er etwas, immer wirkt er zuverlässig. Und doch ist er es, der sich in der Fremde neu verliebt. Und Max ist der, der mit der Tochter der neuen Liebe zur Schule geht.

Wo sind denn seine Eltern? Schließlich ist Max mit den Großeltern da. Und die Großmutter, die die Bekanntschaft ihres Mannes mit Nina eher noch bestärkt. Merkt sie nichts oder macht sie es absichtlich. Man kann sie nicht durchschauen, allerdings traut man ihr so einiges zu. Schließlich wird vermutet, dass sie mal eine gefeierte Tänzerin war. Indessen quält sich Max mit seiner Nicht-Schwester Vera, die schon in jungen Jahren geschäftstüchtig ist. Doch auch Max entledigt sich findig der vielen Einschränkungen, die ihm die Großmutter auferlegt. Man stelle sich nur das erste Eis spendiert vom Großvater vor, das er kaum zu essen wagt.

Sie sind schon sehr skurril die Mitglieder dieser ungewöhnlichen Patchwork-Familie. Aus Sicht des erwachsenen Lesers wirken die Kinder noch am normalsten, obwohl das bei den Eltern nicht so einfach ist. Die Großmutter scheint so ein russisches Urgestein zu sein, die eigentlich an Deutschland am liebsten kein gutes Haar lassen würde. Man fragt sich, wieso sie überhaupt eingewandert sind. Das hat dann aber wohl etwas mit Max zu tun, der, obwohl er in den Augen der Großmutter nicht viel taugt, doch eine bessere Zukunft haben soll. Man kann sich richtig vorstellen, wie Oma Rita mit nur wenigen deutschen Worten alle einschüchtert und sich nur mit ihrem Tonfall auch auf russisch verständlich machen kann. Und so schmunzelt man mit ihnen, leidet manchmal und schüttelt auch mal den Kopf, über die etwas gewöhnungsbedürftige Auffassung der Einwanderer. Mit Leichtigkeit schafft es die Autorin uns deren Lebenswelt nahe zu bringen, einfach im Sinne, so sind sie eben. Diese erfrischende Familiengeschichte hat Tiefgang, zum Glück ohne Schwermut auszulösen.

Veröffentlicht am 28.06.2019

Fremde Schwester

Zara und Zoë - Rache in Marseille
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In der Nähe von Marseille wird die schlimm zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Da ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen ist, wird die pan-europäische Eingreiftruppe hinzugezogen, ...

In der Nähe von Marseille wird die schlimm zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Da ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen ist, wird die pan-europäische Eingreiftruppe hinzugezogen, was bei der örtlichen Polizei nicht gut ankommt. Dennoch beginnen die herausragende Profilerin Zara von Hardenberg und ihr schwedischer Assistent Isaakson mit den Ermittlungen. Der Tot des Mädchens scheint tatsächlich auf etwas Größeres hinzudeuten, doch für die Polizei ist es nahezu unmöglich, an Aussagen aus dem Umfeld der Jugendlichen zu bekommen. Die Mauer des Schweigens ist undurchdringlich. Zara sieht nur noch eine Möglichkeit, sie muss ihre Schwester kontaktieren, mit der sie seit zwölf Jahren kein Wort mehr gewechselt hat.

Zwei Schwestern wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zara, die Polizistin, die sich streng an Recht und Gesetz hält. Zoe, die genau davon nichts wissen will und nur nach ihren eigenen Regeln spielt. Kann es zwischen den Beiden überhaupt eine Zusammenarbeit geben? Vor dem Hintergrund der möglichen Unruhen in den Banlieues, den Vorstädten, in denen ein Außenstehender kaum noch Zutritt hat, in dem häufiger Drogenhandel und Gewalt das Alltagsbild bestimmen, entwickelt sich der altbekannte Kampf Gut gegen Böse. Korruption und Machtmissbrauch tun ein Übriges dazu, die Situation zu verschlimmern. Möglicherweise muss es zu einem Knall kommen.

Wohlmöglich sind die ungleichen Schwestern nur ein Mittel, um die Handlung des Romans in die gewollten Bahnen lenken zu können. Dies allerdings funktioniert sehr gut. Unversehens fühlt man sich hineinkatapultiert in eine fremde und bedrohliche Welt. Vorstädte, in die man nur noch mit Begleitschutz, hineinermitteln kann. Das jagt einem mehr als einen Schauder über den Rücken. Auch wer da mit wem verflochten ist und weshalb gewisse Dinge geschehen, man möchte es eigentlich nicht glauben und doch ist es nich völlig von der Hand zu weisen. Wie konnte diese Welt nur so werden? Und wie soll sie wieder in ruhigere und freiheitlichere Bahnen gelenkt werden? Auch wenn hier zunächst das Schlimmste verhindert wird, ist die Welt nicht gerettet. Schließlich handelt es sich bei diesem packenden Thriller um einen Reihenstart, der weitere gefährliche Abenteuer mit einem realistischen Hintergrund erwarten lässt.