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Veröffentlicht am 04.11.2017

Wer Wind sät

Gefährliche Saat
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Schon immer lebt Djamal in Berlin, er hat eine deutsche Freundin, die ihm viel bedeutet und sein Vater hat ihm einige Werte beigebracht. Ein gutes Leben könnte man meinen. Allerdings wird Djamal nach einem ...

Schon immer lebt Djamal in Berlin, er hat eine deutsche Freundin, die ihm viel bedeutet und sein Vater hat ihm einige Werte beigebracht. Ein gutes Leben könnte man meinen. Allerdings wird Djamal nach einem Vorfall, während dem er seine Mutter verteidigen wollte, festgenommen und beschuldigt, die Sache ausgelöst zu haben. Djamal kann nicht verwinden wie er durch den Staat behandelt wird. Gemeinsam mit den Erlebnissen in seinem Herkunftsland bereitet dieses Ereignis den Boden für einen Verführer, der seines Gleichen sucht. Zur selben Zeit suchen die Behörden fieberhaft nach einem Attentäter, dessen Spuren nach Berlin führen.

Auf zwei Ebenen nähert sich dieser Roman dem Problem des Terrorismus, mit dem wir heute zu kämpfen haben. Der junge Djamal, der sich auf der Suche befindet, dessen Vertrauen in den Staat erschüttert wird, der keinen Halt mehr findet. Nicht einmal seine Freundin Nina kann sein Abdriften aufhalten. Auf der anderen Seite die Ermittler Marc Bauer und Lukas Weber, die alles versuchen, einen Attentäter zu stellen, der offensichtlich nach Berlin geflüchtet ist. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stellen verläuft nicht immer reibungslos und Gefährdungslagen müssen auch die Mühlen der Politik durchlaufen, deren Reaktion manchmal in einem „Wir fürchten uns nicht besteht“ und die damit die Sicherheitsbehörden in große Schwierigkeiten bringen. Schließlich soll dieses „Wir fürchten uns nicht“ nicht in einem „Das ist ja fürchterlich“ enden.

Zunächst etwas spröde wirkt der vorliegende Roman, denn er führt in eine Welt, die einem sehr fremd vorkommt. Wieso sucht Djamal, er hat doch nichts auszustehen. Vielleicht etwas, dass nie leicht nachzuvollziehen ist, wenn man nie in einem Land mit einer anderen Kultur gelebt hat. Man fragt sich, wieso sie sich von allem angegriffen fühlen. Keiner muss sich völlig assimilieren, doch sollte nicht auf beiden Seiten Toleranz vorherrschen? Packend wird das Buch, wenn die Spuren ausgelegt sind und so langsam die missliche Ernte eingebracht wird. Welche Fäden ziehen Ermittler, Politiker und Verführer? Hat die Familie überhaupt noch irgendeinen Einfluss? Kann man einem Attentäter in die Seele blicken? Gerade zum Schluss hin werden Fragen aufgeworfen, die einen an einigem zweifeln lassen? Leider lässt sich hierüber keine Diskussion eröffnen, denn schließlich soll nicht zu viel verraten werden.

Spannend, hart, tragisch und möglicherweise näher an der Realität als einem lieb sein kann.

Veröffentlicht am 03.11.2017

Für Europa

Das Vermächtnis der Spione
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Zwei Agenten Alec Leamas und Liz Gold sind an der Berliner Mauer gestorben. Das ist lange Jahre her. Heute verlangen die Kinder der Verstorbenen, dass der britische Staat Rechenschaft ablegt. Ist der Geheimdienst ...

Zwei Agenten Alec Leamas und Liz Gold sind an der Berliner Mauer gestorben. Das ist lange Jahre her. Heute verlangen die Kinder der Verstorbenen, dass der britische Staat Rechenschaft ablegt. Ist der Geheimdienst Schuld am Tod seiner beiden Mitarbeiter? Dazu wird der ehemalige Agent Peter Guillam aus Frankreich zurück nach London beordert. Es laufe eine Untersuchung gegen ihn, dabei seien eigentlich verschwundene Dokumente aufgetaucht, die tatsächlich für die Darstellung der Nachkommen sprechen könnten. Guillam soll nun verifizieren, was damals wirklich geschah und ob etwas vertuscht wurde.

Als Abschluss zu den Romanen um George Smiley „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ bietet dieses Buch eine ungewöhnliche Ausgangssituation. Das eigentliche Geschehen ist lange vergangen. Und in der heutigen Zeit verlangen die Kinder der ehemaligen Agenten eine Antwort auf die Frage, was damals mit ihren Eltern geschah. Dazu versuchen die heutigen Mitarbeiter des Dienstes zu rekonstruieren, was geschehen ist. Gleichzeitig versuchen sie einen Weg zu finden, die Forderungen irgendwie zu bedienen und gleichzeitig zu vertuschen, was nicht herauskommen soll. Und wie so häufig, soll auch gleich nach einem Sündenbock gesucht werden. Eine Rolle, die Peter Guillam nicht gerne einnehmen möchte.

Etwas unklar bleibt, ob es nicht besser wäre, wenn man die anderen beiden Bücher kennen würde, die zu dem Handlungskomplex gehören. Zwar wird einiges erläutert, aber irgendwie bleibt doch ein Gefühl, dass das Wissen lückenhaft sein könnte. Nichtsdestotrotz ist die ungewöhnlich komponierte Handlung spannend, das Verhalten der Agenten durchtrieben und hinterhältig. Einem geheimen größeren Plan scheint gefolgt zu werden. Man versinkt in Aussagen, Protokollen und Gedanken des ehemaligen Agenten. Gelingt es, die Kinder der verstorbenen Spione, ruhig zu stellen? Gefesselt verfolgt man die perfiden Ränkespiele der neuen Agentengeneration, die der alten Generation in nichts nachsteht. Allerdings bleibt schließlich doch einiges in der Schwebe. Gerade dieser Eindruck bringt die Frage nach den Vorbänden auf, die man vielleicht doch lesen sollte. Schön jedoch das Plädoyer des Autors für Europa, dem man nur aus ganzem Herzen zustimmen kann.

Veröffentlicht am 01.11.2017

Social Medial

Manche mögen's steil
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Vicky ist IT-Fachfrau und Programmiererin in einer männerdominierten Firma. Ihre Freundschaften bestehen hauptsächlich aus WhatsApp-Nachrichten und Facebook-Posts. Sehr liebevoll geht sie mit ihren Onlinefreunden ...

Vicky ist IT-Fachfrau und Programmiererin in einer männerdominierten Firma. Ihre Freundschaften bestehen hauptsächlich aus WhatsApp-Nachrichten und Facebook-Posts. Sehr liebevoll geht sie mit ihren Onlinefreunden um, die sicher im Netz verstaut sind und in der echten Welt keine Probleme machen. Wenn ihre einzige echte Freundin Vicky zart darauf hinweist, dass diese Social Medialisierung doch nicht das Wahre sein kann, stellt Vicky die Ohren auf Durchzug. Als in ihrer Firma eine Führungsposition neu besetzt werden soll, wird der am geeignete Kandidat während einer Klettertour in den Bergen gesucht. Eine Katastrophe - ohne Smartphone, ohne Verbindung, nur offline-Kommunikation.

Wie ist es, wenn hunderte nach unten auf ihr Handy starren und dabei den Blick für die Landschaft verlieren? Vicky ist ein echtes Beispiel für einen Social Media Nerd. Sie fühlt sich beinahe nur noch im Netz wohl und sicher. In der Interaktion mit einem Gegenüber wird sie unsicher und fürchtet jede Kleinigkeit. Da kann sie eigentlich auf so einer Klettertour nicht bestehen. Sie muss aber, schließlich will sie die Chance auf eine Beförderung. Ganz untypisch für sie macht sie dann doch mal den Mund auf und spricht Klartext. Und vielleicht wird es ja auch mit dem gut aussehenden Kollegen Konstantin was. Obwohl, dieser Bergführer hat auch schon was, wenn er nur nicht immer so viel fordern würde, was das Klettern anbelangt versteht sich.

Man kann sie gut verstehen, wenn sie meint, Klettern sei doch nun garnicht ihr Ding und ihr das Handy wegzunehmen sei eine Frechheit. Köstlich amüsiert man sich über die witzigen Dialoge, die sich ergeben, wenn sich Vicky genötigt sieht, der Offline-Welt ihre Gedanken zu erklären. Schlagfertig steht sie ihre Frau. Etwas weniger forsch ist Vicky, wenn es um ihre Gefühle geht. Gerade das jedoch macht sie lebendig und authentisch. Sehr wirklichkeitsnah wirkt ihr Kampf um Anerkennung. Die gläserne Decke, die trotz bester Qualifikation so schwer zu durchdringen ist. Was, wenn die Entscheidung schon vor der Abreise fest stand? Wozu muss man sich das überhaupt geben, wenn man doch ein überzeugter Bewegungslegastheniker ist? Und dann noch dieser Kollege, der plötzlich näher ist als man je in Betracht gezogen hätte. Und erst dieser vermaledeite Bergführer, der einem deutlich vor Augen führt, dass es auch noch eine Welt außerhalb des kleinen Bildschirms gibt.

Witzig-bissig-humorvoll und ein wenig zuckersüß, ganz anders als man es bei einer Programmiererin erwarten würde, gerade der richtige Blick auf eine Bergwiese, wenn man sonst eher in dunkle Krimi-Abgründe blickt.

Veröffentlicht am 31.10.2017

de Bodt & Co

Giftflut
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Es sieht wie ein normaler Mord aus. Der Leiter des größten Wasserbetriebes der Berliner Wasserwerke und seine Frau liegen tot in der Badewanne. Kommissar de Bodt und seine Mannschaft stehen vor einem Rätsel. ...

Es sieht wie ein normaler Mord aus. Der Leiter des größten Wasserbetriebes der Berliner Wasserwerke und seine Frau liegen tot in der Badewanne. Kommissar de Bodt und seine Mannschaft stehen vor einem Rätsel. Wer sollte diesen unbescholtenen Leuten etwas antun wollen. Bald werden in Paris und London ähnliche Taten entdeckt. Die Lage verschärft sich. Und als die erste Brücke einstürzt, ist der Teufel los. Die Stimmung im Lande ist am Boden, die Märkte brechen zusammen und die Welt zittert vor dem, was noch kommen mag. Es gibt weder eine Spur zu den Tätern noch einen Hinweis auf die Motive.

Mit unkonventionellen Methoden, von denen nicht ganz klar ist, ob sie sich noch im Rahmen der Legalität bewegen, macht sich Kommissar Eugen de Bodt auf die Suche nach den Tätern und den Hintergründen. Scheinbar mit viel Geld ausgestattet begehen die Täter ein Attentat nach dem anderen. Fieberhaft versuchen die Ermittler Schlimmeres zu verhindern. Doch wenn ein Vorfall in die Politik hineinspielt, gibt es auf einmal viele Parteien, denen gedient werden soll. De Bodt wäre nicht er selbst, wenn er sich das einfach so gefallen ließe. Wieder einmal ist er wie der Dorn in der Seite seiner Vorgesetzten, der, den sie am liebsten los wären, auf den sie aber eben wegen seiner unkonventionellen Methoden nicht verzichten können.

Mit einer atemberaubenden Ermittlungsfahrt durch Europa nimmt einen der Autor mit auf einen Weg, der an vielem zweifeln lässt. Die Skrupellosigkeit der Täter ist schier unglaublich. Sie scheinen vor Nichts zurückzuschrecken und den Tod vieler Menschen in Kauf zu nehmen. Wer kann solch ein Handeln an den Tag legen. Nahezu unbesiegbar scheinen die Drahtzieher zu sein. Wenn jeder nur das nötigste weiß, kann er schließlich nicht viel verraten. Eugen de Bodt versucht, sich in die Täter hineinzudenken. Es wirkt wie eine doppelte Struktur, die zunächst auf tote Gleise führt und schließlich doch einen Ansatzpunkt bietet. Man taucht ein in diese Welt des Schreckens und fiebert darauf, dass endlich das grausame Tun beendet wird. Und nach etlichen unerwarteten Kniffen, nach einer Achterbahnfahrt der kalt geplanten Unsäglichkeiten, zeichnet sich ein Silberstreif am Ermittlungshorizont ab.

Dieser Thriller trifft genau den Ton der Zeit, man wünscht sich den entscheidenden Schritt nach vorn in eine bessere Welt.

Veröffentlicht am 30.10.2017

Schnitzer

Flavia de Luce 8 - Mord ist nicht das letzte Wort
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Flavia de Luce ist echt heilfroh, nach hause zu kommen. Sie freut sich auf das Willkommen, dass ihr die Familie hoffentlich bereiten wird. Das blöde Internat in Kanada war wirklich eine bescheuerte Idee. ...

Flavia de Luce ist echt heilfroh, nach hause zu kommen. Sie freut sich auf das Willkommen, dass ihr die Familie hoffentlich bereiten wird. Das blöde Internat in Kanada war wirklich eine bescheuerte Idee. Mal wieder allerdings wird Flavia enttäuscht, niemand erwartet sie so richtig. Mit großer Sorge hört sie, dass ihr geliebter Vater wegen eine Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt wird. Flavia ist froh über jede Ablenkung und gerne übernimmt sie eine kleine Aufgabe für die Frau das Geistlichen. Sie soll einen Brief an einen begnadeten Schnitzer überbringen, der nicht weit entfernt lebt. Flavias Spürnase wird unweigerlich geweckt als sie den älteren Herrn tot auffindet.

Natürlich kommt Flavia nicht umhin, erst einmal den Ort zu untersuchen, an dem der Mann offensichtlich gestorben ist. Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Und wenn sie schon die Gelegenheit hat, die erste zu sein, die einen oder zwei Blicke umherwirft, dann nimmt sie die Gelegenheit doch wahr. Natürlich informiert Flavia auch die Polizei, aber sie wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht gleichzeitig versuchte schneller als diese zu sein. Ein Fall, in den sie sich hineinstürzen kann, der sie alle Not vergessen lässt.

In ihrem achten Fall erlebt Flavia de Luce keine fröhliche Heimkehr. Kein Wunder, dass sie die Gelegenheit nutzt, ihre Sorge und Angst mit einer Ermittlung, die sie wahrlich fordert, zu überdecken. Wer würde eine solche Gelegenheit nicht nutzen. Flavia, die am Beginn der Pubertät die Veränderung spürt, und die nochmal ihr altes Kinder-Ich wiederfindet, die mit Gladys durch den Winter fährt, Eis und Schnee trotzt. Dogger ist weiterhin ihr liebevoller Beschützer. Doch die Krankheit des Vaters hängt drohend über allem. Da hilft kein noch so schwieriger Fall. Es ist wie eine Spinne, die in ihrem Netz hockt und auf die Möglichkeit zum Angriff wartet. Flavias unbeschwerte Kindheit könnte bald unwiderruflich vorbei sein.

Und so liest man dieses Buch, gespannt auf jede Entwicklung und doch mit Sorge im Hinblick auf die kommende Zeit. Wer will schon gerne erwachsen werden und wer konnte sich dem je entziehen.