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Veröffentlicht am 01.03.2025

Der Nebel

Der letzte Mord am Ende der Welt
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In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin ...

In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin Niema hält das Gemeinwesen zusammen. Emory, die immer Niemas Lieblingsschülerin war, ist noch dabei, ihren Weg zu finden. Auch sie hat schon eine Familie gegründet. Bei einigen Talenten hat sie festgestellt, dass sie diese eher nicht besitzt. Lehrerin zu werden, ist nun fast die letzte Möglichkeit. Doch wofür Emory steht, ist das Stellen von Fragen. Ihr Wissensdurst ist schier unersättlich und sie versucht, die Gedanken in die richtige Reihe zu bringen. Als Niema tot aufgefunden wird, könnte gerade das es sein, was die kleine Gemeinschaft retten könnte.

Die drei Wissenschaftler allen voran Niema führen und leiten die kleine Inselpopulation. Sie geben den Weg vor und die anderen halten sie an die Empfehlungen. Damit führen sie nach der Katastrophe ein zwar hartes und entbehrungsreiches, aber doch angenehmes und sicheres Leben. Durch den hinterhältigen Mord gerät das ganze Gefüge durcheinander. Die Lage wird dadurch erschwert, dass sich keiner an den vorangegangenen Abend erinnern kann. Emory fällt nun die heikle Aufgabe zu, das Rätsel zu lösen. Zeit hat sie dafür nur 107 Stunden, denn mit Niemas Tod ist auch die Schutzbarriere heruntergefahren worden und der Nebel rückt näher.

Welch schönes Idyll könnte der verbliebene Rest der Welt sein, könnte man bei Anblick des farbenfroh gestalteten Covers denken. Man sieht den Leuchtturm, die Seilbahn, ein Boot, eine Hai-Finne. Eine Hai-Finne? Ganz so ungefährlich ist das Leben auf der Insel wohl doch nicht. Doch wie wird Emory mit der Bedrohung, die Gemeinschaft durch den Mord erfährt, fertigwerden? Kann sie dieser Aufgabe überhaupt gewachsen sein? Wer könnte die Macht und die Mittel gehabt haben, eine so gemeine Tat zu begehen? Emory ist eine, die anpackt. Als Leser möchte man sich gerne mit ihr identifizieren, auch wenn man erfährt, dass das aus gewissen Gründen eigentlich nicht geht. Auch einige Ungereimtheiten, die eher auf mathematischer Ebene liegen, werden im Verlauf geklärt. Überhaupt entwickelt sich der postapokalyptische Kriminalfall auf ganz andere Weise als man vermuten könnte. Neben der einfachen Aufklärung eines Mordes, die alles andere als einfach ist, geht es auch um eine Fortentwicklung. Wer sollte in einer Welt das Sagen haben? Und was wäre, wenn es einmal nicht die üblichen Verdächtigen wären? Ein Gedanken-Experiment, das hier gewagt wurde und dem man viel Erfolg wünschen möchte. In der heutigen Zeit beginnt man bald, sich zu fragen, auf welche Insel man fliehen sollte und ob die Gegenwart, den Autor nicht beinahe schon eingeholt hat. Die Schlussfolgerung, die man vielleicht ziehen kann, ist irgendwie hoffnungslos und hoffnungsfroh zugleich. Ein lesenswerter Roman, der sich nicht hundertprozentig einem Genre zuordnen lässt.

Veröffentlicht am 28.02.2025

Die Glückshaube

Demon Copperhead
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In einem Trailer wird der kleine Demon Copperhead mit einer Glückshaube auf dem Kopf geboren. Seine jugendliche Mutter versucht von den Drogen weg zu kommen. Bald ist Demon hauptsächlich be seinem Freund ...

In einem Trailer wird der kleine Demon Copperhead mit einer Glückshaube auf dem Kopf geboren. Seine jugendliche Mutter versucht von den Drogen weg zu kommen. Bald ist Demon hauptsächlich be seinem Freund Maggot, der bei seinen Großeltern aufwächst. So unglücklich ist er nicht. Doch irgendwann lernt seine Mutter einen Neuen kennen, der es gut versteht, sowohl ihr als auch Demon das Leben zur Hölle zu machen. Leider stirbt seine Mutter bald und für Demon beginnt eine Odyssee durch ein tragisches Leben, in dem es zwar auch mal Aufs aber immer wieder auch Abs gibt.

Dieser rothaarige kleine Junge muss echt einiges aushalten. Vielleicht würden ihn die anderen als Trailer Trash bezeichnen. Doch zum Glück hat er Maggot, mit dem er durch die Gegend zieht. Maggots Mutter sitzt im Gefängnis. Um den Grund dafür ranken sich Geschichten, die es in sich haben. Durch Maggot und dessen Großeltern kommt auch Demon mal raus. Eine große Enttäuschung für Demon ist es allerdings, dass er nicht von Maggots Großeltern aufgenommen wird. Demon ist aber nicht jemand, der einfach aufgibt. Ein ums andere Mal durchsteht er schwierige Zeiten und verliert doch nicht seinen Mut.

Mit diesem Hörbuch begleitet Fabian Busch den jungen und langsam erwachsen werdenden Demon Copperhead einfühlsam durch die Jahre. Die Zeit des Hören fliegt dann nur so dahin. Wenn man ein wenig nachliest oder das Buch auch kennt, kann man bestätigen, dass dieser Roman dem Klassiker David Copperfield von Charles Dickens nachempfunden ist. Auch mit Demon haben wir einen Waisenjungen, der unverschuldet und schwierige und auch für ihn gefährliche Situationen gerät. So manches Mal denkt man, noch schlimmer kann es doch nicht kommen und dann kann es mit dem Hören auch etwas mühsam werden, weil man sich fragt, warum sich Demon auf bestimmte Sachen einlässt oder Angebote nicht annimmt. Doch dann hält man sich an das klassische Vorbild und hofft auf ein versöhnliches Ende. Wie die Autorin die Worte, mit denen sie Demon erzählen lässt, immer altersgerecht verwendet, ist wirklich klasse, Durch dick und dünn - man ist immer ganz nahe bei Demon Copperhead.

Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025.

Veröffentlicht am 26.02.2025

Teenager verschwunden

Schmerz
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Die Polizistin Dora wird seit einem Einsatz, bei dem sie eine schwere Kopfverletzung erlitt, von Schmerzen geplagt. Voll einsatzfähig ist sie seitdem nicht und meist ist sie im Innendienst. Ihr Kollege ...

Die Polizistin Dora wird seit einem Einsatz, bei dem sie eine schwere Kopfverletzung erlitt, von Schmerzen geplagt. Voll einsatzfähig ist sie seitdem nicht und meist ist sie im Innendienst. Ihr Kollege Rado wird von einer Aktion ausgeschlossen, weil befürchtet wird, dass er den Zielpersonen zu nahe stehen könnte. Nun während beinahe alle Polizeikräfte woanders gebunden sind, kommt die Meldung herein, dass eine jugendliche Person verschwunden ist. Aus dieser Not heraus werden Dora und Rado losgeschickt, um etwas zu dem Verschwinden von Morgan herauszufinden. Dabei ergeben sich erstmal wenige Hinweise, möglicherweise ist Morgan einfach abgehauen.

Mit diesem Reihenstart finden die Außenseiter Dora und Rado zu einem ungewöhnlichen Team zusammen. Für Dora ist das Leben seit ihrer Verletzung anders geworden. Sie hat den Eindruck, dass sie manchmal mehr sieht und empfindet als andere. Damit hat sie schon einige Fälle weitergebracht, eher zum Unmut der Kollegen. Rado dagegen, hat serbische Wurzeln, wobei seine Verwandten nicht alle eine weiße Weste haben. Trotzdem hat er sich bei der Polizei hochgearbeitet. Manchmal fragt er sich jedoch, ob er das volle Vertrauen genießt. Und nun ist ein junger Mensch verschwunden und so richtig besorgt scheint niemand zu sein. Doch Dora hat sofort ein ungutes Gefühl.

Dieser spannende Kriminalroman ist in Island angesiedelt. Der bodenständige Rado und die impulsiv empfindsame Dora bilden ein Zufallsteam, dass unerwartet gut harmoniert. Zwar fragt man sich, wie die eigentlich schwerkranke Dora weiterarbeiten kann und zusätzlich gerät sie in bedrohliche Situationen, bei denen man sich fragt, inwieweit sie für die Handlung entscheidend sind. Von diesem kleinen Manko abgesehen entwickelt sich die Geschichte fesselnd. Das Schicksal der verschwundenen Person ist ungewöhnlich und nimmt einen unerwarteten Verlauf. Ebenso überraschend ist das Ergebnis der Razzia. Dora und Rado wachsen dabei mehr zusammen als sie wohl selbst erwartet haben. Diese Reihe startet gut und macht neugierig auf weitere Fälle. Die Neugier kann mit einem Folgeband gestillt werden, der bereits angekündigt ist.

Der Umschlag des Buches ist ansprechend gestaltet. Durch den Farbschnitt gerät er noch auffälliger und wird somit zum echten Hingucker.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Geteilter Vater

Mickey und Arlo
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Mit Leib und Seele ist Mickey Vorschullehrerin und natürlich trinkt sie nicht in der Schule. Doch eines Tages wird der fünfjährige Ian nicht abgeholt. Eigenmächtig entscheidet Mickey, ihn selbst nach hause ...

Mit Leib und Seele ist Mickey Vorschullehrerin und natürlich trinkt sie nicht in der Schule. Doch eines Tages wird der fünfjährige Ian nicht abgeholt. Eigenmächtig entscheidet Mickey, ihn selbst nach hause zu bringen. Sie ahnt nicht, welche Schwierigkeiten sie sich damit einhandelt. Als Mickey erfährt, dass ihr verstorbener Vater ihr eine Menge Geld hinterlassen hat, ist sei wie vom Donner gerührt. Ihr Vater, ein Alkoholiker, hat ihre Mutter verlassen, als Mickey erst kurz zu Schule ging. Doch das Geld ist an eine Bedingung geknüpft, Mickey muss sieben Therapiestunden ablegen. Arlo hatte den besten Vater, den sie sich vorstellen konnte. Und sie hat ihn gepflegt bis zum Schluss. Als sie erfährt, dass ihre unbekannte Halbschwester das ganze Geld erbt, ist sie wie vom Donner gerührt.

Zwei Frauen, Schwestern, die sich nie kennengelernt haben. Wie hätte das Leben sein könnten, wenn sie sich immer gekannt hätten? Auf Beide hat der Vater, der als Alkoholiker häufig fies und unleidlich war, ihrer beider Leben beeinflusst? Mickey wollte nie so werden wie er und doch trinkt sie jeden Tag, manchmal bis zum Augenstillstand. Also meinte immer, sie müsse seine Sucht managen und doch ist er gestorben. Und nun? Die Therapiestunden mit Mickey erweisen sich auch als nicht so einfach.

Eine ungewöhnliche, aber nicht völlig abwegige Geschichte, die einen mitnimmt. Auch wenn man selbst die Problematik mit der Sucht nicht so ganz versteht, weil man Glück gehabt hat und damit nur am Rande in Berührung kam, so berührt die Geschichte doch. Sie stellt die Schwestern mit ihren Stärken und Schwächen dar, menschlich wie Menschen eben sind. Sie hadern mit sich, ihrem toten Vater und den anderen Menschen, die in ihrem Leben sind oder auch gerade nicht. Es ist sehr berührend beschrieben, wie sie versuchen, etwas zu ändern, nicht immer erfolgreich. Und dennoch stehen sie auf, wenn sie gescheitert sind und versuchen von Neuem, zu einer Lösung zu finden. Das zeigt große Empathie und ist auch wegen der klaren Sprache sehr angenehm zu lesen.

Die Darstellung der zwei Frauen auf dem Cover, die zusammen und doch irgendwie getrennt sind, ist sehr treffend und passt gut zu dem Roman.

Veröffentlicht am 21.02.2025

Der Pilot

Nacht der Ruinen
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Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische ...

Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische Soldat Joe Salmon, der früher Joseph Salomon hieß, nach Köln geschickt, um einen Lynchmord aufzuklären. Salmon stammt aus Köln. Glücklicherweise konnte er nach der Kristallnacht noch aus Deutschland fliehen. Und jetzt durchstreift er mit dem britischen Kriegsreporter George Orwell die zerstörte Stadt. Zur Tarnung soll für die wenigen in den Trümmern lebenden Kölner eine Zeitung herausgegeben werden. Doch insgeheim begibt sich Joe auf die Suche nach dem Mörder und nach dem, was noch von seiner Vergangenheit übrig ist.

Der Krieg ist noch nicht ganz vorbei, aber das tausendjährige Reich ist in Köln zum Glück beendet. Joe Salmon erkennt seine Stadt kaum wieder. Nahezu alles ist zerstört. Wasser und Strom gibt es kaum. Das bekommen auch die Amerikaner zu spüren, die sich in den weniger noch stehenden Häusern einquartiert haben. Auf der Suche nach dem vermeintlichen Mörder erfährt Salmon wie es nun in Köln zugeht. Viele wollen die Nazi-Zeit möglichst schnell vergessen, daran, dass sie selbst mitgemacht haben, erinnern sie sich lieber nicht. Nur wenige Menschen haben es geschafft, aufrecht die Zeit zu überstehen.

Mit seinem neuen Roman bringt Cay Rademacher seinen Lesern eine weit entfernte, aber vielleicht nicht so ferne Zeit nahe. Die Zerstörungen sowohl an Leib und Leben als auch an Häusern und der ganzen Infrastruktur einer Stadt werden sehr eindrücklich und bildhaft geschildert. Hinzu kommt die spannende Suche nach einem Mörder. Kleinste Puzzleteile müssen zusammengefügt werden, um auf eine Geschichte zu kommen, von der man annehmen kann, dass Joe nicht sicher ist, ob er sie überhaupt wissen wollte. Beklemmend wird es, wenn Joe bei seinen Ermittlungen erfährt, wie die Nazis ihre Mitmenschen, auch Kinder, bewerteten und darüber urteilten, ob ihr Lebens des Lebens wert ist. Manchmal gerät die Erzählung etwas kleinteilig. Doch die dramatischen Ereignisse ergreifen einen beim Lesen und man hofft, dass man so eine Zeit nie erleben muss.