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Veröffentlicht am 08.09.2024

Eine alte Dame erzählt

Das Philosophenschiff
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Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob hat vor einiger Zeit mit dem Rauchen begonnen. Sie will es dem Tod, der sicher bald kommt, etwas leichter machen. Weil der Schriftsteller dafür bekannt, ...

Die hundertjährige Architektin Anouk Perleman-Jacob hat vor einiger Zeit mit dem Rauchen begonnen. Sie will es dem Tod, der sicher bald kommt, etwas leichter machen. Weil der Schriftsteller dafür bekannt, nicht immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ist genau der Richtige, um einen Teil ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Und tatsächlich nimmt der Autor sich der Aufgabe an. Manchmal ist es leichter sich unter Fremden zu unterhalten und seine Geschichte zu erzählen. Als junges Mädchen wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern im Jahr 1922 aus Petersburg verbannt. Auf einem Passagierschiff müssen sie Russland mit unbekanntem Ziel verlassen.

Anouk Perleman-Jacob hat ihren Weg gemacht. Über Deutschland und Amerika hat sie ihr Weg nach Österreich geführt. Doch von ihrer Karriere, ihrem Privatleben will sie nur am Rande erzählen. Nein, ihr geht es um die Ausweisung von ihrer eigenen Regierung aus ihrem Heimatland, aus ihrer Heimatstadt. Was hat ihrer Meinung nach dazu geführt? Und wieso verliert das Schiff plötzlich an Fahrt? Geht es ihnen nun allen an den Kragen? Offensichtlich nicht, denn dann wäre Anouk nicht mehr da, um zu berichten. Ein anderes Boot geht längsseits und ein geheimnisvoller Reisender wird an Bord gebracht.

Wenn ein Roman zum Nachforschen animiert, was Fiktion ist und was Wahrheit, dann ist der Ansatz gelungen. Wie auch in den Informationen zu lesen, handelt es sich tatsächlich teilweise um geschichtlich belegte Ereignisse. Anouk und ihre Lebensgeschichte in diesen Kontext hineinzuschreiben hat etwas Besonderes. Man fragt sich selbst, wie wäre es, wenn das Land einen als unliebsam abstempelt und einen ausweist. Keine schöne Vorstellung. Das macht etwas mit einem, das Weltbild wird verrückt. Vielleicht wird man auch selbst verrückt. Anouks Resilienz ist spektakulär und auch wie pfiffig sie mit dem Autor spielt. Da muss der Autor fast schon kriminalistische entwickeln, um zu kontern. Einzig der Sinn mancher Nebensätze erschließt sich nicht immer. Anouks Geschichte dagegen berührt, der geheimnisvolle Fremde gibt Rätsel auf und die Nominierung dieses Romans sowohl für den deutschen als auch für den österreichischen Buchpreis erscheint mehr als gerechtfertigt.

Das Titelbild mit dem in der Ferne sichtbaren Dampfschiff in der ein wenig diesig und trostlos wirkenden Küstenlandschaft passt gut zu der Stimmung, die einen wohl überfällt, wenn man vom eigenen Land den Stuhl vor die Tür gestellt bekommt.

Veröffentlicht am 06.09.2024

Eine Bewältigung

Knife
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Der Schriftsteller Salman Rushdie fällt während einer Lesung im Amphitheater in Chautauqua im August 2022 beinahe einem Messerattentat zum Opfer. Mit vielfachen Stichwunden kommt er schwerstverletzt ins ...

Der Schriftsteller Salman Rushdie fällt während einer Lesung im Amphitheater in Chautauqua im August 2022 beinahe einem Messerattentat zum Opfer. Mit vielfachen Stichwunden kommt er schwerstverletzt ins Krankenhaus. Seine Frau Eliza reist an sein Krankenlager. Ihr wurde gesagt, Es wäre nicht sicher, dass Salman es schafft. Doch nach der Notoperation ist Salman Rushdie noch da. Es folgt eine lange Zeit der Rekonvaleszenz, in der es bergauf geht, allerdings nicht immer stetig. Zum Glück hat er die Unterstützung seiner Familie. Nach und nach beginnt er, sich mit dem Attentat auseinanderzusetzen. Als es ihm möglich ist, fängt er an, die Erlebnisse und Gedanken in diesem Buch niederzuschreiben.

Leider kommt man heutzutage schneller an Messerattentate heran als in früheren Zeiten. Das muss leidvoll auch der Autor Salman Rushdie erfahren. Sei vielen Jahren lebt er wegen seines Romans „Die satanischen Verse“ unter einer Todesdrohung. Wegen eben dieser langen Zeit, in der nichts geschah, ist der Gedanke an einen Angriff nicht völlig aus dem Kopf, aber natürlich war mit einem Mordversuch auf offener Bühne nicht zu rechnen. Und dann passiert das Unsägliche. Mit viel Glück, eisernem Willen und hervorragender medizinischer Versorgung überlebt der Schriftsteller den Anschlag. Mit diesem Buch verarbeitet er die schockierenden Erlebnisse.

Natürlich kann man sich an die schrecklichen Bilder und Meldungen aus dem August 2022 und wie froh man war, dass der Autor sich nicht unterkriegen ließ. Mit diesem Buch legt er seine sehr persönlichen Gedanken und Gefühle zu dem Attentat vor. Das ist sehr beeindruckend zu lesen. Man fühlt mit, erlebt sein Unverständnis, seine Auseinandersetzung mit dem Attentäter und mit welcher Energie er sich sein Leben zurückerobert. Da möchte und muss man sich verneigen. Auch seine Einstellung zur Religion ist bemerkenswert, Sätze, die aus der Seele sprechen. Diese Gedanken nach einem Mordversuch fordern und regen zum Nachdenken an. Eine Lektüre, die gerne weiter empfohlen wird.

Veröffentlicht am 05.09.2024

Der Gute

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Bürgermeister
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Suzie Harris schmuggelt sich in eine Sitzung des Stadtrats. Sie will Bürgermeister Geoffrey Lushington ein Vorhaben nahebringen. Leider scheitert ihr Plan, denn der beliebte Bürgermeister stirbt vor ihren ...

Suzie Harris schmuggelt sich in eine Sitzung des Stadtrats. Sie will Bürgermeister Geoffrey Lushington ein Vorhaben nahebringen. Leider scheitert ihr Plan, denn der beliebte Bürgermeister stirbt vor ihren Augen. Nach dem ersten Schrecken reagiert Suzie geistesgegenwärtig und informiert ihre Freundinnen Judith und Becks, die sofort herbeieilen. Denn so einfach ist der Bürgermeister nicht gestorben. Die Polizei stellt fest, dass sein Kaffee vergiftet wurde. Judith, Suzie und Becks werden zu externen Beraterinnen ernannt. Polizistin Tanika Malik ist befördert worden und darf diese Entscheidung selber treffen. Mit Feuereifer gehen die drei Frauen an die Arbeit.

Judith Potts und ihre Freundinnen sind wieder da und ermitteln in ihrem dritten Fall. Es ist ein Rätsel. Wer sollte den überaus beliebten Bürgermeister umbringen wollen? Zunächst ergeben die Nachforschungen eher, dass Geoffrey Lushington den Menschen in seiner Umgebung selbstlos geholfen hat, wenn sie irgendwie in Not geraten waren. Das passt doch irgendwie nicht. Der Mann war einfach zu gut. Die Freundinnen fangen an, zu graben und zu überlegen. Wenn man es genau nimmt, kann der Täter nur ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin der Sitzung sein.

Eins auf Deutsch gelesen, eins auf Englisch und jetzt wieder auf Deutsch, aber immer erfreulich. Judith Potts, Suzie Harris und Becks Starling laufen zu hoher Form auf. Allerdings kommt Officer Tanika Malik ein wenig kurz. Durch das Einbeziehen der Freundinnen in die Ermittlung fehlt ein wenig die Anspannung der Heimlichkeit, mit der die Freundinnen vorher vorgehen mussten. Einerseits, andererseits können Judith und ihre Mitstreiterinnen so ihre Qualitäten besser ausspielen. Und die werden richtig gefordert, denn es gibt keine keine richtigen Verdächtigen, nur das mit der Vergiftung ist klar. Es ist spannend zu lesen, die sich immer neue Informationen und Verwicklungen ergeben. Schön ist es auch, dass auch eine ältere Dame wie Judith es schafft, sich weiterzuentwickeln. Ein schöner britischer Kriminalroman, dessen Cover eine schöne Vorstellung des Örtchens Marlow gibt.

Veröffentlicht am 05.09.2024

Mord an Mittsommer

Refugium
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Ihr Vater hat Gäste auf seine Insel eingeladen. Die 13jährige Astrid ist nicht glücklich, dass sie gewissermaßen repräsentieren muss. Als jedoch ein Boot am Anleger vorfährt und die Insassen unvermittelt ...

Ihr Vater hat Gäste auf seine Insel eingeladen. Die 13jährige Astrid ist nicht glücklich, dass sie gewissermaßen repräsentieren muss. Als jedoch ein Boot am Anleger vorfährt und die Insassen unvermittelt beginnen auf Eltern und Gäste zu schießen, ist Astrid so schockiert, dass sie erstmal verstummt. Zum Glück überlebt das junge Mädchen den Anschlag. Die ehemalige Polizistin Julia Malmros und ihr Gast Kim Ribbing hören die Schüsse und eilen an den Tatort. Helfen können sie nicht mehr. Immerhin finden sie Astrid, die nur leicht verletzt ist. Weshalb die wohlhabenden Eltern von Astrid und deren Gäste umgebracht wurden, ist so schnell nicht festzustellen.

Die ehemalige Polizistin Julia Malmros und der Hacker Kim Ribbing treffen in diesem Reihenstart erstmals aufeinander. Ein ungleiches Paar sollte man meinen, doch sie ergänzen sich gut. Julias Ex-Mann Johnny leitet die Ermittlungen von Seiten der Polizei. Das gibt manchmal Anlass zu Spannungen, allerdings sehen beide ein, dass die Regeln im Sinne der Ermittlungen hin und wieder etwas gebogen werden müssen. Trotzdem sind zu Beginn nur wenige Hinweise zu finden. Und Astrid ist zunächst noch so verstört, dass sie nichts über die Ereignisse sagen kann.

Das Ermittler-Team ist schon recht zusammengewürfelt. Die Ex-Eheleute und der jüngere Hacker bilden kein gleichschenkliges aber ein interessantes Dreieck. Dabei ist Kim Ribbing als finanziell unabhängiger Erbe mobiler als die anderen. Mit Leichtigkeit reist er um die Welt, um auch vagen Hinweisen nachzugehen. Mit seinen Mitmenschen hat er es nicht so leicht. Julia greift eigentlich auf ihre Fähigkeiten von früher zurück, da ihr Projekt als Krimi-Autorin ins Stocken geraten ist. Der Beginn des Romans bekommt dadurch einen besonderen Reiz. Später hat man eher einer normale Verbrecherjagd, die jedoch so packend geschildert sind, dass dieser Thriller schnell gelesen ist. Die Story entwickelt sich rasant und durch die vielen Schauplätze fast schon filmreif. Der nächste Band der Reihe ist bereits erschienen. Nur als kleine Erinnerungsstütze.

Veröffentlicht am 03.09.2024

Die Auserwählten

The Atlas Six
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Libby hat gerade ihren Abschluss an der Universität für Magische Angelegenheiten gemacht. Eigentlich ist sie etwas angesäuert, weil ihr Kommilitone Nico das begehrte Stipendium erhalten hat. Da bekommen ...

Libby hat gerade ihren Abschluss an der Universität für Magische Angelegenheiten gemacht. Eigentlich ist sie etwas angesäuert, weil ihr Kommilitone Nico das begehrte Stipendium erhalten hat. Da bekommen beide eine Einladung von dem geheimnisumwitterten Altas Blakely. Dieser vertritt die nach allgemeinem Wissen verschwundene Bibliothek von Alexandria und diese bietet alle zehn Jahre den sechs besten Absolventen an, ihre Studien in der Bibliothek fortzusetzen. Nur kurz haben die Kandidaten Zeit eine Entscheidung zu treffen. Als ewige Konkurrenten sagen Libby und Nico natürlich zu.

In diesem ersten Band einer Trilogie lernen sich die sechs Neulinge für die Bibliothek von Alexandria, die immer wieder ihren Ort gewechselt hat. Zu Libby und Nico, den Physiomagiern, gesellen sich Reina, eine Naturmagierin, der Empath Callum, die Telepathin Parisa und Tristan, der jede Illusion durchschaut, auch wenn man nur eine kleine Hautunreinheit abdecken möchte. Die Sechs sind schon sehr unterschiedlich und als sie erfahren, dass sie zwar sechs Kandidaten sind, aber nur fünf von ihnen aufgenommen werden, wird die Konkurrenzsituation noch intensiver. Wie sollen sie sich verhalten? Allianzen bilden? Sich zusammenraufen? Von den Angehörigen der Bibliothek bekommen sie nur wenig mit. Nur Atlas und Dalton Ellery halten einige Vorträge. Ansonsten sind sie frei in ihren Studien.

Manchmal hat die Bibliothek, hier die örtliche, doch etwas Gutes. Wenn man sich vor einiger Zeit nicht sicher war, ob einem ein Buch gefallen kann, hat man in der Bücherei die Chance seine Unsicherheit nahezu kostenfrei in Sicherheit zu verwandeln. Zunächst erscheinen die Kandidaten in diesem Roman übermäßig befähigt, tappen jedoch lange im Dunkeln, was die Bibliothek anbetrifft. So ist besonders der Beginn des Buches etwas mühsam. Ab einem gewissen Punkt gibt es jedoch Hinweise, dass der Zweck des Betriebs der Bibliothek von Alexandria ein anderer ist als der bloße Wissensspeicher und auch Atlas und Dalton eigene Pläne verfolgen, dann beginnt dieser erste Band einer Dark Academia Reihe richtig interessant zu werden. Es werden etliche Rätsel angerissen und wie es sich für einen ersten Band gehört nicht alle gelöst. Ob man die Reihe weiterverfolgen wird, wird man den Angeboten der Bücherei überlassen, denn die Unterhaltung war gut.