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Veröffentlicht am 07.09.2023

Die gute Ehe

The Marriage Act - Bis der Tod euch scheidet
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Groß Britannien soll wieder zu alter Stärke finden. King William ist beliebt und immer mehr Paare für eine Smart Ehe. Sie bekommen bessere Häuser, bessere Jobs, bessere Schulen für die Kinder, bessere ...

Groß Britannien soll wieder zu alter Stärke finden. King William ist beliebt und immer mehr Paare für eine Smart Ehe. Sie bekommen bessere Häuser, bessere Jobs, bessere Schulen für die Kinder, bessere Krankenversicherungskonditionen und noch einiges mehr. Was ist da schon das bisschen Überwachung durch eine KI. Mit einem Gerät werden zufällige zehn Minuten Gespräche der Paare aufgezeichnet und ausgewertet. Und so schlimm ist es auch nicht, wenn der Algorithmus meint, die Eheleute brauchen Hilfe. Dann sendet er kleine Nachrichten und Tipps Eine kleine Einschränkung bei all den Vorteilen.

Ist eine smarte Ehe wirklich so erstrebenswert? Auch der Sicht von mehreren Paaren werden die Auswirkungen, die es haben kann, wenn man sich in eine solche Abhängigkeit begibt, beleuchtet. Da ist Roxi, die Influencerin, die sich fremd in ihrer Familie fühlt und doch gleichzeitig für die Smart Ehe eintritt. Oder Corinne, die sich scheiden lassen möchte und heilfroh ist, dass sie keinen smarten Vertrag geschlossen hat. Und Arthur, der seine Liebe gefunden hatte und nun keine neue finden will. Und Jeffrey, der gar keine Beziehung hat. Er ist als Beziehungsberater tätig, der bedürftigen Paaren hilft, ihre Beziehung wieder ans Laufen zu bringen, wobei seine Lösungsvorschläge mitunter etwas endgültiges haben. Und schließlich Anthony, der einen tieferen Einblick in die smarten Gedanken der Erfinder der smarten Ehe hat.

Dieser Roman zeiht einen wirklich in seinen Bann, zumindest wenn man den technischen Entwicklungen und den Auswüchsen, zu denen sie führen können, sowieso eher skeptisch gegenüber steht. Es ist eben so wie so oft im Leben, man bekommt eine Mohrrübe vorgehalten und merkt nicht, was man dafür aufgeben muss. Jedenfalls nicht bis es zu spät ist und man gegängelt wird und gezwungen wird, irgendetwas über sich ergehen zu lassen, was sie nie wollten. Und dürfen Regierungen so mit ihrem Volk umgehen? Eigentlich eher nicht, sie tun es aber. Kann man sich dagegen wehren? Am besten lässt man die Manipulatoren und Agitatoren nicht erst an die Macht kommen. Doch was macht man, wenn sich alle irgendwie bescheuert verhalten? Man kann selbst aktiv werden und wenn es nur dafür reicht eine Wahl der Vernunft zu treffen. Es ist packend zu lesen, welche Entscheidungen die Akteure in diesem Roman treffen, der eine wahrscheinlich leider nicht mehr ferne Zukunft ausgesprochen gut abbildet.

Veröffentlicht am 04.09.2023

Die Prozession

Der Anwalt des Königs
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Im Jahr 1541 muss der Anwalt Matthew Shardlake den Verlust seines Vaters verwinden. Leider hat der alte Mann Schulden hinterlassen. Deshalb nimmt Shardlake einen Auftrag des Bischofs Crammer an. Der politische ...

Im Jahr 1541 muss der Anwalt Matthew Shardlake den Verlust seines Vaters verwinden. Leider hat der alte Mann Schulden hinterlassen. Deshalb nimmt Shardlake einen Auftrag des Bischofs Crammer an. Der politische Gefangene Edward Broderick soll sicher und gesund von York nach London gebracht werden. Broderick wurde nach einem Aufstand gefangen genommen, mit dem sich die Yorker von der Herrschaft Londons befreien wollten. Und nun ist König Heinrich VIII mit einem großen Tross auf dem Weg nach York, um jeden weiteren Aufstand im Keim zu ersticken. Mit dabei ist des Königs junge Frau Catherine Howard. Bevor der König in York ankommt, wird ein Glasarbeiter tot aufgefunden.

Ein verdächtiger Todesfall für Matthew Shardlake und seinen Assistenten Jack Barak. Und das obwohl Shardlake nicht mehr in Missionen für den König oder einen seiner engeren Mitarbeiter unterwegs sein wollte. Doch so kann er die Schilden seines Vaters begleichen. Das sichere Geleit für den Gefangenen zu erhalten, erscheint nicht so schwierig. Aber weit gefehlt, schon kurz nach der Ankunft wird ein Handwerker umgebracht und der überaus schlaue Shardlake kommt an Dokumente, die eigentlich im Geheimen bleiben sollten. Jedenfalls meinen das diejenigen, die einen Anschlag auf Matthew verüben. Shardlakes Instinkt ist geweckt und wieder steckt er mitten in gefährlichen Intrigen.

Die Geschichte von der Herrschaft des schillernden Königs Heinrich VIII ist ausgesprochen interessant. Näheres darüber über einen historischen Kriminalroman vermittelt zu bekommen, macht echt Laune. Allerdings holt der Autor in diesem dritten Band der Reihe um Matthew Shardlake zu Beginn ein wenig sehr weit aus. Da muss man am Ball bleiben. Wenn man jedoch langsam die Intrigen durchblickt und sich nicht daran stört, dass der Anwalt Matthew Shardlake einen Anschlag nach dem anderen überlebt, wird der Roman nach und nach richtig spannend. Insbesondere auch, wenn man im Nachhinein die historischen Anmerkungen des Autors gelesen hat, aus denen hervorgeht, dass er sich näher an die Geschichte oder die Legenden gehalten hat als man meint. Gerade auch die Behauptungen, von denen man es gar nicht angenommen hätte, haben einen historisch erwähnten Kern. Man schließt das Buch mit dem Gedanken, historische Krimis möchte man häufiger lesen.

3,5 Sterne

Veröffentlicht am 03.09.2023

Das Davor und das Danach

Paradise Garden
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Billie ist vierzehn als ihre Mutter stirbt. Und die Welt danach ist nicht mehr die gleiche wie davor. Alles erscheint kalt und leer. Der Sommer hat seine Farbe verloren. Dabei war alles so schön geplant. ...

Billie ist vierzehn als ihre Mutter stirbt. Und die Welt danach ist nicht mehr die gleiche wie davor. Alles erscheint kalt und leer. Der Sommer hat seine Farbe verloren. Dabei war alles so schön geplant. Endlich einmal hatten Billie und ihre Mutter Marika Glück. Bei einem Radio-Quiz haben sie gewonnen. Und von dem Geld wollten sie endlich mal in Urlaub fahren. Die Hochhaussiedlung, in der sie wohnen, ist zwar vertraut, aber auch etwas, wodurch sie abgestempelt sind. Doch unerwartet meldet sich Marikas Mutter an. Sie sei krank und die deutschen Ärzte sollten herausfinden, was ihr fehlt.

Auch Jugendliche wollen nicht, dass sich in ihrem Leben etwas ändert. Sie haben mit sich selbst genug zu tun, da wäre es schön, wenn der äußere Rahmen bleibt. Doch Billie ist dieses Glück nicht beschieden. Unerwartet muss sie sich die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung nicht nur mit ihrer Mutter sondern auch mit ihrer Großmutter teilen. Von ihrer besten Freundin Lea muss sie eine andere Seite kennenlernen. Und der Tod ihrer Mutter löscht Billies bisheriges Leben aus. Es war ein einfaches und bescheidenes Leben,, dass Billie und Marika führten, aber Marika hatte Phantasie und sie waren glücklich, wenn es auch zum Monatsende manchmal knapp wurde.

Mit diesem Debütroman ist der Schriftstellerin Elena Fischer etwas Besonderes gelungen. Gerade zu Beginn trifft sie den Ton der Jugend hervorragend. Auch wenn man im weiteren Verlauf der Geschichte manchmal etwas erstaunt ist, was Billie alles schafft, ohne aufgehalten zu werden. Der jugendliche Schmelz bleibt jedoch erhalten. Ja, so eine Platte von Miles Davis könnte man auch mal hören. Und man erinnert sich, dass es auch im eigenen Leben Momente des Davor und des Danach gibt. Dann fühlt man mit Billie mit und wünscht ihr ein besseres Los. Zum Glück ist Billie eine, die auch oder gerade in ihrem jungen Jahren ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Auf ihrem Weg lernt sie ihre Mutter noch einmal neu kennen. Ihre Großmutter erfährt eine Wandlung, die nicht etwas unerwartet kommt. Doch diesen wunderbaren Roman kann man in sich aufsaugen und man freut sich einfach über die Sätze, die die Autorin so klug aneinander gefügt hat.

Zurecht hat es dieser schöne Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 geschafft.

Veröffentlicht am 30.08.2023

Familie, nein danke

Geschwister im Gegenlicht
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Das hat Sonja immer gedacht, wenn der Gedanke an ihre Eltern aufkam. Auch das Verhältnis zu ihrem Bruder Rolf ist nicht das Beste. Sie scheinen immer aneinander vorbei zu reden. Dann meldet sich Rolf mit ...

Das hat Sonja immer gedacht, wenn der Gedanke an ihre Eltern aufkam. Auch das Verhältnis zu ihrem Bruder Rolf ist nicht das Beste. Sie scheinen immer aneinander vorbei zu reden. Dann meldet sich Rolf mit seiner jüngsten Tochter Nina bei Sonja in ihrem Feriendomizil an der Ostsee an. Ein wenig durcheinander bringt er Sonja damit schon. Sie hat den Tod von ihrem Mann noch nicht richtig überwunden und will nach der Trauerphase erst wieder zum Leben finden. Dass ihre junge Nichte ihr durch ihre alleinige Anwesenheit helfen könnte, geht Sonja nach und nach immer deutlicher auf.

Die Geschwister Sonja und Rolf sind in der Nachkriegszeit im Rheinland aufgewachsen. Wegen eines deutlichen Altersunterschiedes waren sie Bruder und Schwester und doch wieder nicht. Und so scheint es auch heute noch, wo Rolf um die Sechzig ist und Sonja auch schon die Fünfzig überschritten hat. Wie werden sie die gemeinsame Zeit überstehen? Oder wird Sonja getreu ihrem Motto froh sein, wenn die liebe Verwandtschaft sich wieder auf den Weg gemacht hat. Überraschend für Sonja ist Rolf nicht der starke große Bruder, den sie erwartet hat, und für die dreizehnjährige Nina empfindet sie fast schon eine Bindung. Die gemeinsamen Tage halten vielleicht mehr als sie versprachen.

Dieses Hörbuch wird perfekt und angenehm vorgetragen von Hemma Michel. Durch die wunderbare Lesung kann man der Geschichte und den Empfindungen Sonjas und Rolfs sehr gut folgen. Das Schweigen der Eltern hat es ihnen als Kinder erschwert, die Eltern zu erkennen und ihren Weg zu finden. Erst als Erwachsene machen sie sich auf, jeder und jede auf seine oder ihre Weise, das Wesen von Mutter und Vater zu entschlüsseln. Nicht nur Schönes entdecken sie und mit Eltern, die in der Nazi-Zeit ihren Mann oder ihre Frau standen, muss erstmal zurecht kommen, bevor man entscheiden kann, ob und wie man sie konfrontiert. Weder für Sonja noch für Rolf war es leicht und Beide haben Wunden davongetragen. Es besteht die Hoffnung, dass sie als Geschwister ein wenig besser zusammenfinden. Sie auf ihrem Weg zu begleiten, ist ein beeindruckendes Erlebnis, das Gedanken an die eigenen Eltern und Großeltern auslöst. Vielleicht haben Kinder, Enkel und Urenkel doch noch einiges aufzuarbeiten.

Veröffentlicht am 29.08.2023

Musikalische Umerziehung

Sag nicht, wir hätten gar nichts
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Maries Eltern leben in Kanada nachdem sie aus China ausgewandert sind. Allerdings hat der Vater die Familie verlassen und ist nach Hongkong gegangen. Als ihre Mutter im Jahr 1990 erfährt, dass ihr Ex-Mann ...

Maries Eltern leben in Kanada nachdem sie aus China ausgewandert sind. Allerdings hat der Vater die Familie verlassen und ist nach Hongkong gegangen. Als ihre Mutter im Jahr 1990 erfährt, dass ihr Ex-Mann sich umgebracht hat, ist Marie erst zehn Jahre alt. Als kurz darauf die junge Ai-Ming nach den Demonstrationen auf dem Tiananmen Platz bei Marie und ihrer Ma auftaucht, hoffen Mutter und Tochter, eine Erklärung für den rätselhaften Selbstmord des Vaters zu bekommen. Jedoch hat Ai-Ming eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Und gemeinsam erfahren sie eine Geschichte zweier Familien, deren Leben von der Musik und der Kulturrevolution in China geprägt ist.

Sind Marie und ihre Eltern in Kanada heimisch geworden? Allem Anschein nach ist in ihrem Leben eine Leerstelle geblieben. Das gilt wohl in erster Linie für den Vater, der doch sein halbes Leben in China zurückgelassen hat. Ein Teil dieser Hälfte besteht aus Ai-Mings Familie, die auch Verluste zu erleiden hatte. Doch ihren Anfang nimmt die Geschichte in den 1940ern als ein Paar sich findet, über Aufzeichnungen eines Autors und die Affinität zur Musik und einigen großen europäischen Komponisten.

Im Jahr 2016 erstmals veröffentlicht zeigt dieser Roman einen Teil der modernen chinesischen Geschichte. Aus einem in sich ruhenden Land wurde eines, dessen Bevölkerung umerzogen werden musste, um zu guten Kommunisten zu werden. Natürlich blieb dabei einiges auf der Strecke. Menschen, die ein musisches Interesse und Talent hatten, oder die eine Liebe zu alten chinesischen Schriften und auch westlichen Büchern hatten, mussten um ihren Status und mitunter sogar um ihr Leben fürchten. Manchmal blieb keine andere Möglichkeit als das Land zu verlassen. Doch auch in der Ferne ist es nicht immer leicht, selbst wenn man keinen staatlichen Zwängen ausgesetzt ist, so ist es doch nicht jedem gegeben, seinen inneren Frieden zu finden.

Diese vielschichtige Erzählung mag zwar in manchen Bereichen etwas ausführlich geraten sein, doch fasziniert sie durch ihre geschickte Komposition und die liebevollen Worte zur chinesischen Sprache. Diesen Roman kann man nicht einfach so weglesen, doch die Zeit, die man benötigt, ist gut angelegt.