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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.02.2023

Der Vorfall

Macht
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Macht, ist im Original unter dem Titel Magta 2021 im Norwegischen erschienen.
Der Roman zeigt eine Frau im Ausnahmezustand, der jedoch schon jahrelang anhält. Liv wurde als Studentin vergewaltigt. Das ...

Macht, ist im Original unter dem Titel Magta 2021 im Norwegischen erschienen.
Der Roman zeigt eine Frau im Ausnahmezustand, der jedoch schon jahrelang anhält. Liv wurde als Studentin vergewaltigt. Das lässt sie auch jetzt als verheiratete Frau und Mutter nicht los. Ihre ständige Überlegung: Jeder zehnter Frau ist das passiert.
Manisch zählt sie die Frauen in ihrer Umgebung ab.
Erst spät im Buch wird der Vorfall genauer betrachtet.
Es wird darüber reflektiert, wo die Macht liegt, wo man sie abgibt oder wieder findet. Liv will kein Opfer sein, aber der Vorfall bestimmt ihr Leben. Es ist eine Wunde, die ständig neue Formen annimmt.Kann Liv wieder eine normales Leben führen?
Die Stärke der Norwegischen Autorin Heidi Furre ist, dass sie eine Sprache für Livs Zustand findet. Sprachlich gibt es so einige besondere Sätze. Es ist ein dichter Text, streckenweise unbequem, aber mit Atmosphäre.

Veröffentlicht am 20.02.2023

Die Wirkung von Callocain

Blautöne
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Blautöne ist ein in Dänemark angesiedelter Roman mit einem interessanten Thema, das geschickt behandelt wird.
Die Autorin Anne Cathrine Bomann nähert sich dem Thema Trauer mit zwei zeitlich versetzten ...

Blautöne ist ein in Dänemark angesiedelter Roman mit einem interessanten Thema, das geschickt behandelt wird.
Die Autorin Anne Cathrine Bomann nähert sich dem Thema Trauer mit zwei zeitlich versetzten Handlungsebenen. Zum einen Elizabeth ab 2011, deren kleiner Junge gestorben ist und sie wird schlecht damit fertig.
Dann in der Gegenwart bzw. überraschenderweise darüber hinaus geht es an der Uni um zwei Psychologie-Studentinnen, Shadi und Anne sowie ihr Dozent Thorsten, die sich wissenschaftlich mit Trauer in ihren Auswirkungen beschäftigen. Diese Passagen an der Uni sind keineswegs trocken, denn es geht auch um das Privatleben der Beteiligten. Shadi und Anne sind ziemlich unterschiedlich, nähern sich aber mit der Zeit an.
Das Rätsel um die fatale Wirkung eines Medikamentes eint es sie.

Anne Cathrine Bomann ist selbst Psychologin und ihre Darstellungen daher glaubwürdig. Sie erfasst die seelischen Nöte ihrer Figuren gut und geht feinfühlig damit um. Dabei ist auch die Idee von der Pille, die Trauergefühle erstickt spannend, denn es wird gezeigt,m wie gefährlich das sein kann.

Das Buch ist auch sprachlich stark, genau und geschmeidig. Daher ist der Roman, der auch spannende Momente hat, einfach lesenswert.

Veröffentlicht am 20.02.2023

Das jahr der Veränderung

Wovon wir leben
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In Wovon wir leben zeigt die Österreichische Schriftstellerin Birgit Birnbacher ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema. Das Leben eines Menschen kann sich durch einen einzigen Vorfall ändern.
Die ...

In Wovon wir leben zeigt die Österreichische Schriftstellerin Birgit Birnbacher ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema. Das Leben eines Menschen kann sich durch einen einzigen Vorfall ändern.
Die Protagonistin war Krankenschwester und gab aufgrund einer Verwechslung einer Patientin die falsche Spritze. Die Frau überlebte, aber Julia wird entlassen.
Sensibel zeigt die Autorin den emotionalen Zustand einer Frau und die Lebenssituation im ländlichen Raum. Hinzu kommt die Beziehungsgeschichte zwischen Julia und dem Städter Oskar, die aber eher verhalten bleibt. Auch der nicht mehr junge Vater und der Bruder, der in einem Sanatorium lebt, sind Komponenten in Julias Leben.
Für Julia stellt sich die Frage, gehen oder bleiben?

Birgit Birnbacher findet einen Ton, daher funktioniert die Geschichte. Auch viele Beschreibungen sind stilistisch sauber gemacht. Es ist ein interessanter Roman.

Veröffentlicht am 19.02.2023

Hans, der Starke

Der Inselmann
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Der Inselmann von Dirk Gieselmann ist ein Leseerlebnis.

Ein Mann und eine Frau sowie ihr 10jähriger Sohn Hans ziehen auf eine abgelegen Insel.
Dieses Buch ist sprachlich stark und ausdrucksvoll. Für mich ...

Der Inselmann von Dirk Gieselmann ist ein Leseerlebnis.

Ein Mann und eine Frau sowie ihr 10jähriger Sohn Hans ziehen auf eine abgelegen Insel.
Dieses Buch ist sprachlich stark und ausdrucksvoll. Für mich ist es eine Überraschung, dass jemand heute noch über so eine Sprache verfügt, die wie eine imposante, kraftvolle Mischung aus Siegfried Lenz und Christoph Ransmayr wirkt.

Beispiel: Die Insel ist der Gipfel eines Bergs, der aus dem Wasser ragt, geformt von einem Gletscher im Winter der Welt.

Mich hatte der Autor schon dadurch, dass er seinem Roman ein Zitat von Tomas Tranströmer voranstellte.
Dirk Gieselmann verzichtet auf einen journalistischen Stil und setzt dafür auf Naturbeschreibungen. Die Umgebung und die Kälte sind übermächtig.
Getragen wird der Roman durch die Eindrücke, die auf den Jungen einwirken. Er ist von der Insel fasziniert. Der Blick eines 10jährigen wird hier glaubhaft wie selten gezeigt.
Doch dann wird er für Jahre von der Insel in ein Internat verfrachtet.

Ort und Zeit werden nicht direkt benannt, aber vermutlich sind es die sechziger Jahre. Das kann man aus Sprache und dem Verhalten der Figuren schließen.

Mit 176 Seiten ist der Roman nicht umfangreich, aber er ist doch prall gefüllt mit sinnlichen, eindrucksvollen Beschreibungen.
Ich denke, dass Buch ist nicht für jeden das Richtige, aber es gibt eine relevante Leserschaft, die ausgehungert nach so einer wuchtigen, melancholischen Sprache ist.

Veröffentlicht am 19.02.2023

Familiengeschichte über 3 Generationen

Saubere Zeiten
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Der Protagonist und Erzähler Jakob Auber hat seine Mutter schon früh verloren. Die Erinnerungen an sie und ihrem Tod in seiner Kindheit prägen die ersten Passagen des Buches, das ich als Hörbuch (erschienen ...

Der Protagonist und Erzähler Jakob Auber hat seine Mutter schon früh verloren. Die Erinnerungen an sie und ihrem Tod in seiner Kindheit prägen die ersten Passagen des Buches, das ich als Hörbuch (erschienen bei Aufbau audio) gehört habe.
Dann in der Gegenwart liegt auch sein Vater im sterben.
Zurück im Elternhaus wird er wieder von Erinnerungen geflutet, auch an die seines Großvaters, der im Nachkriegsdeutschland mit einer Drogerie erfolgreich war, ein Waschmittel zu entwickeln. Auber mach Sauber wird zum geflügelten Wort, vergleichbar mit Rei in der Tube.

Die Geschichte seiner Familie lässt Jakob nicht los. Er beginnt weiter nachzuforschen, zum Beispiel anhand der Tagebücher und Tonbänder.
Einige Passagen stellen dadurch auch Jakobs Vater Hans in den Vordergrund, später auch den Großvater und zeigt den Werdegang.
Diese Erzählform hat auch seine Fallstricke, funktioniert aber.

Andreas Wunn hat mit Saubere Zeiten ein mehr als ordentliches, weitgehend undramatisches Romandebüt vorgelegt.