Kluger Blick hinter die Oberfläche
Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, ...
Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, das er seinem Sohn gestohlen hat. Diese Entspannungstechnik hat er von Laura. Kurz vor den Sommerferien hatte er noch mal alles gegeben. War mit verschwitztem Hemd durch die Schulflure geeilt und hatte Gönnern die Hand geschüttelt. Kollegen mussten erinnert werden, die Zensurenblätter vor der Abgabe zu unterschreiben. Und dann hatte Laura die Affäre mit ihm beendet, weil sie sie als folgenschweren Fehler ansah. Seit diesem verrückten Tag, an dem er mit Laura im Meditationsraum auf der Matratze lag, hängt er am Haken einer Schülerin.
Esther und er leben längst aneinander vorbei. Einzig in den Nächten, wenn der Duft ihrer Lavendelseife in seine Nase steigt, fühlt er sich noch immer behaglich neben ihr. Sein Lieblingskind Sophia – er hatte da nie einen Hehl draus gemacht – bereitet ihm Freude. Der Sohn Julian scheint endlich die Kurve gekriegt zu haben. Sein erfolgreicher Bruder hatte ihn im Bauunternehmen untergebracht. Wäre Karl seinem Vater gerecht geworden und hätte Medizin studiert, stünde er jetzt in seiner Gunst.
Am Nachmittag müsste Karl mit Sophia auf eine Ausstellung, er hatte es ihr versprochen. In der Mittagspause allerdings ruft ihn Laura an, sie müsse ihn dringend sprechen. Julian vermisst sein Dope und hat Sophie im Visier. Dieser Tag entwickelt sich zu genau dem, über den Karl einmal sagen wird:
Diesen Sommer ist meine Familie explodiert. S. 187
Fazit: Peter Zimmermann hat den einen Tag einer komplexen Kleinstadtfamilie durchgespielt. Mit kluger Beobachtungsgabe verhandelt er mit Bedürfnissen. Karl leidet darunter, seinem Vater nicht gerecht zu werden. Er missgönnt seinem Bruder, dass ihm das gelingt. Seine Frau hat in der Beziehung zu Karl resigniert. Einzig die Kinder hielten sie noch, aber die werden flügge. Sie bereut, ihr Studium abgebrochen zu haben und sinniert darüber, was sie einmal in Karl gefunden hatte. Aus der Sicht Karls, Sophies, Lauras und Julians erfahre ich die familiären Hintergründe. Auch zwischen der ehrgeizigen, vom Vater hofierten Sophie und ihrem Bruder brodelt es. Sophie verehrt den wortkargen Vater, der viel Raum für Interpretationen lässt. Ebenso naiv unterschätzt sie ihren Bruder. Ihr Bruder ist da schon wesentlich näher an der Realität und durchschaut des Vaters Desinteresse und die Phrasen, die er drischt, um Aufmerksamkeit zu heucheln. Karls Frau ist klar, dass er sie mit seinen angeblichen Überstunden hintergeht, aber er ist ihr die Mühe nicht wert, ihn zu konfrontieren. Am Stichtag trifft Karl mindestens eine schwerwiegende Entscheidung, die das gesamte Familienkonstrukt auseinanderbrechen lässt. Die Figuren sind sehr genau ausgearbeitet und überraschen mich mit ihren Persönlichkeiten. Ich liebe den Blick hinter die Oberfläche und bin voll auf meine Kosten gekommen. Unterhaltsam, überraschend, amüsant und ein bisschen, ach du meine Güte.