Naivität als Geduldsprobe
Nach dem Medusa-Retelling ging es jetzt auch fix weiter in der ersten Buchreihe von Julia Holz, denn wir haben mit „Enemies are Made“ schon den zweiten Band vorliegen, der sich mit Pandora beschäftigt. ...
Nach dem Medusa-Retelling ging es jetzt auch fix weiter in der ersten Buchreihe von Julia Holz, denn wir haben mit „Enemies are Made“ schon den zweiten Band vorliegen, der sich mit Pandora beschäftigt. Das war schon im ersten Band deutlich angeteasert worden und ich war auch hier sehr gespannt, denn Pandora ist ebenfalls keine Figur, mit der ich mich schon übermäßig beschäftigt habe, sodass ich hier sehr offen auf alles war.
Positiv ist an der Sache auf jeden Fall, dass Julia offenbar einen Stil gefunden hat, den sie hier weiter konsequent durchzieht. Das bedeutet, wir haben wieder die abwechselnden Perspektiven von Pandora und Grace, wie diese in ihrem irdischen Leben heißt. Da wir wie bei Isla auch keine Protagonistin haben, die sich lieber von allem Göttlichen ferngehalten hat, können wir mit Grace jetzt richtig Belle Haven erkunden und dabei vor allem mehr verstehen, was an der Uni vor sich geht und was dort genau warum gelehrt wird. Wir haben generell wieder den bereits existierenden Freundeszirkel und es war schön, da direkt an etwas anzuknüpfen, was man nur kurz mal aus den Augen verloren hat und wo man jetzt wieder richtig eintauchen kann und sich wohl fühlen kann. Man merkt auch, dass wir trotz wechselnden Paares durchgehende Handlungen haben. Bei Isla und Adrian haben wir noch offene Fragen. Stehno muss sich noch in ihrer Rolle einfinden. Und auch das Schicksal von Andromeda muss noch geklärt werden. Hier haben wir also ein klares Korsett, das die Geschichte von Pandora einrahmt.
Mit dem männlichen Protagonisten haben wir einen kompletten Neuzugang und hier wird schnell gelüftet, dass es sich um Prometheus handelt, der als Eden auf der Erde wandelt. Auch hier wieder eine Figur, bei der ich nur weiß, dass sie den Menschen das Feuer gegeben hat, dementsprechend fand ich es sehr berührend, seine Geschichte durch die Pandora-Kapitel zu ergründen. Es hat auch insgesamt dafür gesorgt, dass ich Eden viel lieber mochte als Grace. Er hatte eine angenehme raue Fassade, in beiden Perspektiven, aber man hat ihm stets angemerkt, dass er gute Dinge wohldurchdacht erledigt. Aber er hat dabei eine Aura, die sehr attraktiv wirkt. Grace wollte ich viel, viel lieber mögen, aber ich muss schon sagen, dass es mit ihr schwer war. Und es ist etwas, was ich hier Julia auch nicht richtig als Entscheidung zu Last legen kann, denn Pandora als erschaffen von verschiedenen Göttern ist in der Anlage als naiv und treu dem Olymp gegenüber gezeichnet. Dementsprechend wäre es wohl kein richtiges Retelling gewesen, sie sofort als toughe und total unabhängige Frau zu charakterisieren. Aber auch wenn es für die Geschichte konsequent war, so war es stellenweise sehr schwierig zu lesen. Das gilt konkret für die Grace-Kapitel, weil ihre Recherchen zu Eden so unfassbar plump waren und sie hat es wieder und wieder so gemacht. Da fehlte mir dann irgendwann eine gewisse Cleverness, es vielleicht mal etwas anders zu versuchen. Grace spielt später selbst mit der Eigenschaft Naivität, aber selbst wenn da eine selbstreflexive Perspektive war, aber puh, es war echt extrem anstrengend.
Umso überraschter war ich, dass mir die Dynamik zwischen den beiden dennoch gefallen hat. Das hat wahrscheinlich Eden ausgeglichen, der ihr plumpes Wirken immer angemessen und doch auch wieder charmant erwidert hat. So war die Spannung auf jeden Fall gut da und wurde natürlich auch durch das Miteinander von Pandora und Prometheus in der Vergangenheit gut ergänzt. Ein Kritikpunkt ist auch, dass mir Band 2 zu inhaltlos erscheint. Bei Band 1 hatte ich den Eindruck, dass genug passierte, aber zu viel drum herum geschrieben wurde. Bei Band 2 gibt es auch wieder viel drum herum, aber dann inhaltlich auch nicht genug. Und das liegt glaube ich daran, dass Julia sich entschieden hat, für Grace und Eden kein wichtiges Zwischenergebnis zu erzielen. Auch bei Isla und Adrian ging es hier noch weiter und trotzdem wirkte ihr Rahmen in Band 1 auserzählt. Bei Grace und Eden ist das aber sehr offensichtlich nicht der Fall. Das heißt, man merkt, dass auf Großes hin erzählt wird, aber wir bekommen es einfach nicht. Und dann finde ich, dass die erzählerischen Höhepunkte in Band 2 fehlen. Ich konnte es gut lesen, aber wenn man dann knapp über 500 Seiten gelesen hat und feststellt, dass gar nicht so viel passiert ist, dann ist das doch schade.
Das Ende führt uns zur Protagonistin des dritten Bandes hin und auch zum ergänzenden Part gibt es Andeutungen. Ansonsten wird auch deutlich, dass das Finale einen großen Showdown liefern wird, von dem ich auch angenehm wenig erahnen kann. Das ist alles reizvoll, aber ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass die Entwicklung von Grace deutlicher in Band 2 abgeschlossen worden wäre. Sie hat Schritte gemacht, aber für mich nicht genug.
Fazit: „Enemies are Made“ war für mich ein richtiges Auf und Ab. Es war spannend, die Geschichte von Pandora und Prometheus zu ergründen, aber es war anstrengend, Graces Naivität zu ertragen und gleichzeitig zu wissen, dass es in der Geschichte eigentlich konsequent ist. Zudem finde ich leider, dass es sich beim Lesen wie ein klassischer Zwischenband von beispielsweise Fantasy-Reihen anfühlte. Es ist inhaltlich nicht so viel passiert und es wird nur alles für den finalen Band vorbereitet. Angesichts der Pärchen-Struktur fand ich das hier aber nicht clever, weil es sich nicht fertig erzählt anfühlt, Cliffhanger hin oder her.