Profilbild von marcello

marcello

Lesejury Star
offline

marcello ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit marcello über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2021

Tatsächlich Umarmung für die Seele

Soul Food
0

Ich lese definitiv zu wenig Bücher von People of Color. Das kann man auf der einen Seite so auslegen, dass ich von der Hautfarbe unabhängig zu einem Buch greife, aber man kann es auch deutlich negativer ...

Ich lese definitiv zu wenig Bücher von People of Color. Das kann man auf der einen Seite so auslegen, dass ich von der Hautfarbe unabhängig zu einem Buch greife, aber man kann es auch deutlich negativer auslegen, dass es auf den deutschen Buchmarkt immer noch nicht genug Stimmen von People of Color schaffen. Da ich von Angie Thomas im Jugendbereich schon sehr begeistert, aber thematisch auch erschüttert werden konnte, wollte ich nun Elizabeth Acevedo eine Chance geben, die nach „Poet X“ mit „Soul Food“ zum zweiten Mal in Deutsch veröffentlicht wurde.

Bei „Soul Food“ musste ich mich definitiv erst an den Erzählstil gewöhnen, denn es gibt immer wieder sehr kurze Kapitel. Dazu werden zwischendurch Kapitel eingeschoben, die nicht die Handlung voranbringen, sondern vielmehr als Erklärung dienen. Das ist definitiv ein seltener Stil, den ich zu lesen bekomme. Auch wenn ich ihn nach Beendigung des Buchs nicht als Favorit sehen würde, so muss ich doch zumindest gestehen, dass es dem Geschehen eine eigenwillige Dynamik gegeben hat. Zudem gewöhnt man sich beim Leben definitiv an die Stilistik und findet gut hinein.

Durch die recht knappe Erzählweise ist auch eine gewisse Oberflächlichkeit nicht zu leugnen. Man kommt als Leser*in definitiv nicht so nah an die Figuren rund um Emoni dran, wie man das aus anderen Lektüren kennt, aber dafür ist mir auf der anderen Seite aufgefallen, dass es Acevedo an vielen Stellen gelungen ist, mit nur wenigen Worten eine Atmosphäre zu kreieren, die Verständnis und Mitgefühl erzeugt. Deswegen hatte ich letztlich definitiv das Gefühl, dass ich verstanden habe, wer Emoni ist und wer die ihr lieben Menschen sind. Es hat sicherlich auch geholfen, dass die aufgegriffenen Themen nahbar waren. Für mich persönlich ist Kochen ein riesiges Thema. Ich bin zwar keine so intuitive Köchin wie Emoni, aber dennoch konnte ich ihr Bedürfnis sehr gut nachvollziehen, über ihr Gekochtes etwas beim Esser zu erzeugen. Es ist auch absolut rübergekommen, dass es ihr Traum ist und das konnte berühren.

Ein wichtiges Thema war natürlich auch ihre Herkunft, als halbe Puerto Ricanerin und als Kinder einer schwarzen Mutter, die sie nie persönlich kennengelernt hat, und dass sie damit kulturell oft zwischen den Stühlen steht. Ebenso die Schwangerschaft in der Jugend, die Liebe in der Jugend. Das Buch hat definitiv vieles geboten, das nachdenklich macht. Bei all dem war es mir vor allem wichtig, dass ich Emoni verstehen kann und dass sie dabei durchweg sympathisch rübergekommen ist, war dann ein netter Bonus. Ich habe es auch genossen, dass die Handlung trotz eingestreuter schwerer Thematik nie auf übermäßige Dramatik gesetzt hat. Sei es der Vater ihrer Tochter Emma, sei es die abgehobene Oma und seien es die Geldsorgen, all das hätte dafür sorgen können, dass die Handlung in ein tiefes emotionales Loch abdriftet, aber stattdessen war die Handlung stets von Hoffnung geprägt. Deswegen war das Buch definitiv auch Nahrung für die Seele, weil es mitten in der Realität wie eine warme Umarmung war.

Fazit: Ich habe mein erstes Buch von Elizabeth Acevedo sehr genossen, weil es thematisch mit Kochen und vielem mehr meine eigene Lebenswelt getroffen hat und somit berührt hat. Es war eine Geschichte mitten aus dem Leben, die trotz des zeitweiligen Ernst der Lage stets Hoffnung versprüht hat. Einzig der Erzählstil war etwas gewöhnungsbedürftig, hat aber für Dynamik gesorgt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2021

Qualitativer Dämpfer

Eisige Wellen
0

Die Einführung in die Welt der Grisha ist mit „Goldene Flammen“ wirklich gut gelungen und dennoch müssen sich gerade Trilogien oft den Vorwurf machen, dass der zweite Band, in diesem Falle „Eisige Wellen“, ...

Die Einführung in die Welt der Grisha ist mit „Goldene Flammen“ wirklich gut gelungen und dennoch müssen sich gerade Trilogien oft den Vorwurf machen, dass der zweite Band, in diesem Falle „Eisige Wellen“, oft ein sogenannter Zwischenband ist, in dem die Handlung eher dahin plätschert. Ist dieses Urteil auch über den zweiten Band von Leigh Bardugo zu fällen?

Die Antwort ist relativ schnell mit ‚Ja‘ zu geben, denn „Eisige Wellen“ bietet nur zu Beginn und zum Schluss einen wirklichen erzählerischen Höhepunkt, wo sich Sonnenkriegerin Alina wenig überraschend einem Kampf mit dem Dunklen stellen muss. Hier sind jeweils neue Entwicklungen zu begrüßen sowie auch wichtiger Veränderungen, die bei Alina erfolgen und den weiteren Fortgang enorm beeinflussen werden. Alles dazwischen aber ist wohl tatsächlich eher Aufbau für das, was da noch kommen wird. Aber die inhaltlichen Schwächen werden auch noch durch anstrengende zwischenmenschliche Entwicklungen ergänzt. Das in Kombination hat einen wirklich zähen Lesefluss ergeben.

Absoluter Lichtblick ist in dieser schwierigen Ausgangslage sicherlich Prinz Nikolai oder auch Sturmhond genannt, der im ersten Band keinerlei Rolle gespielt hat, aber mit seiner frechen und vor allem respektlosen Art und Weise gegenüber dem Dunklen und anderen direkt Eindruck hinterlässt. Ich bin durch sein Auftauchen wirklich überrascht worden, zumal er als möglicher Herrscher für Ravka auch eine Alternative für die Zukunft des Landes darstellt, die nicht zu unterschätzen ist. Mit ihm sind auch neu das Geschwisterpaar Tamar und Tolya, die als gebürtige Shu, die sich dem klassischen Dasein von Grisha entzogen haben, ebenfalls für eine neue Komponente stehen. Im Gegensatz zu Nikolai bleiben sie aber doch deutlich blasser und dennoch würde ich sie als sinnvolle Ergänzung des Personenkreises in diesem Band bezeichnen.

Kommen wir aber noch einmal zu den angesprochenen Schwächen. Der zwischendurch fehlende fesselnde Inhalt wird auch dadurch in seiner Präsenz befördert, weil das zwischenmenschliche Drama sehr nervig daherkommt. Im ersten Band gab es schon viel Eifersucht, aber hier wird dem Ganzen wirklich noch einmal die Krone aufgesetzt. Mal und Zoya, Mal und Alina, Alina und Nikolai, ständig werden dort unnötige Steine in den Weg gelegt, was eindeutig an den Nerven zehrt. Verbunden damit ist auch der Faktor, dass Alina in diesem Band eine fragwürdige Entwicklung durchläuft. Ich brauche wahrlich keine Sauberfrau als Protagonistin, aber ihre Reise gen Machtgier erfolgt viel zu schnell und kaum ohne nachvollziehbare Begründung. Hier setzen sich also die Schwächen des ersten Bandes fort, denn das innere Gefühlsebene verharrt erneut an der Oberflächlichkeit. Und das, obwohl wir bei Alina sogar die Ich-Perspektive erleben. Bei dieser Ausgangskonstellation ist es dann wohl verständlich, dass das ständige Eifersuchtsdrama nur noch ein zusätzliches Übel ist, durch das man irgendwie durch mit.

Gerade vor dem Hintergrund, dass ich inzwischen auch die Krähen-Dilogie gelesen habe, wird hier deutlich, dass die Grisha-Trilogie eine ganz andere hätte sein können, wenn auch hier mehrere Perspektiven eingebunden worden wären. Die Welt der Grisha ist definitiv komplex genug und vielleicht muss man sogar sagen, so komplex, dass sie schlichtweg mehrere Sichtweisen bräuchte, um sie noch viel spannender für die Leser*innen zu übertragen. Nach diesem doch eher enttäuschenden Band bleibt nur zu hoffen, dass das Finale sich wieder lohnt.

Fazit: „Eisige Wellen“ bietet Ausrufezeichen zu Beginn und zum Schluss, doch dazwischen ist überraschend viel Leere. Zwar werden neue und interessante Figuren eingeführt, aber das kann auch nicht über ein Geplätscher des Geschehens hinwegtäuschen, das leider zu sehr von Eifersuchtsdrama durchzogen ist. Zudem ist Alinas Entwicklung fraglich. Hier wird es schwer, das Ruder noch einmal rumzureißen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2021

Hat nicht an allen Stellen Klick gemacht

Back To Us
0

Morgane Moncomble ist eine der Autorinnen, die bei mir noch gar nicht so lange auf der Liste der Must-Reads steht, die mich aber gerade mit „Bad At Love“ und „Never Too Late“ schwer begeistert hat. Dennoch ...

Morgane Moncomble ist eine der Autorinnen, die bei mir noch gar nicht so lange auf der Liste der Must-Reads steht, die mich aber gerade mit „Bad At Love“ und „Never Too Late“ schwer begeistert hat. Dennoch ist mir dabei schon aufgefallen, dass es schwer ist, einen Moncomble-Stil zu identifizieren. Sie schreibt stilistisch nämlich sehr unterschiedliche Geschichten, mal emotional tief drin, mal eher quirlig, mal sehr düster, dann wieder supersüß. Ihr neustes Buch, „Back To Us“, bestätigt diesen Eindruck nur wieder. Wenn die Geschichte nicht gerade in Paris spielen würde und ihren Namen auf dem Buchcover stehen hätte, ich hätte es nicht erraten können. Ist das jetzt ein Vor- oder Nachteil? Ich tendiere zu Ersterem. Auch wenn ich einen gewissen einprägsamen Stil bei Autor*innen bewundere, so ist es doch auch bewundernswert, immer wieder in eine neue Schreibe schlüpfen zu können.

Moncomble hat sich auch für „Back To Us“ wieder für ein sehr persönliches Vorwort entschieden, was mir erneut sehr gefallen hat. Damit stimmt sie immer schon in das Geschehen ein, ohne aber auch nur annähernd schon zu viel vorwegzunehmen. Stattdessen ist es ein Gefühl dafür, warum die Autorin sich speziell für diese Geschichte entschieden hat und das ist persönlich und das hebt das Lesevergnügen auf ein eigenes Level. Nun aber zu der Geschichte selbst. Ich fand sie vom Papier her direkt sehr süß, dazu auch direkt die einleitenden Briefe, die sich Aaron und Fleur als Kinder geschrieben haben. Dazu eben die Hommage an K-Drama mit Staffeln und Episoden, was ich als eigener Serienjunkie, wenn auch nicht für K-Drama, nur sehr gut finden konnten. Dennoch hat es bei mir und der Geschichte nicht durchweg Klick gemacht.

Dieses Gefühl des fehlenden Klicks wirklich auf den Punkt zu bringen, ist gar nicht so einfach, weil meine Kritikpunkte immer mit lobenden Gedanken Hand in Hand gehen. Am besten kann man das wohl an der Figur von Aaron festmachen. Er ist ein wirklich sehr ungewöhnlicher Charakter für ein NA-Buch. Auch wenn es nie thematisiert wird, hatte ich bei ihm stellenweise das Gefühl, dass er sich eigentlich auf dem Spektrum einer Asperger-Erkrankung befinden muss, denn seine sozialen Fähigkeiten tendieren wirklich gen null. Ich finde auch nicht, dass sein letztliches Geheimnis eine Erklärung dafür bietet, denn die Ansätze für meinen Eindruck waren schon vor dem Vorfall zu erkennen. Dementsprechend ist er aber keine Figur, die man sofort ins Herz schließt, weil sie dafür viel zu unnahbar ist, weil sie sich ihren Gefühlen eben nicht stellen will. Und dennoch habe ich Aaron von Anfang an sein Happy End gewünscht. Durch seine Perspektive war er auch nicht einfach nur unnahbar, sondern verständlich unnahbar.

Ein weiterer dieser Knackpunkte ist die Chemie zwischen Aaron und Lilas. Es ist für mich völlig in Ordnung, bei einer NA-Lektüre ganz ohne explizit beschriebene Sexszene auszukommen. Bei diesem Buch hätte ich sie vermutlich auch als unangenehm empfunden, denn die beiden haben für mich null sexuelle Chemie ausgestrahlt. Ist das jetzt schlecht? Ein bisschen schon, denn zu einer gesunden Beziehung gehört nun mal auch die körperliche Ebene. Nun haben die beiden ja ein gemeinsames Sexualleben, aber die entsprechenden Vibes dazu sind null bei mir angekommen. Dafür kann ich aber nicht meckern, da die Gefühlsebene wirklich gut getroffen worden ist. Ja, sogar sehr intensiv, denn Lilas fühlt so viel. Manchmal sogar fast zu viel, denn sie ist oft am Weinen. Ja, ich weiß, es gibt Menschen, die sehr nah am Wasser gebaut sind, aber ihr liefen wirklich ständig die Tränen lautlos über die Wangen. Aber das kann ich separieren, denn die Geschichte hat mich definitiv mitgenommen und das auf vielen Ebenen. Selbst mit vergleichsweise wenigen Momenten konnten nahezu alle Nebenfiguren begeistern. Es ist daher eine runde Geschichte, bei der sich Knackpunkte und Stärken die Klicke in die Hand gaben.

Fazit: „Back To Us“ ist für Moncomble eine weitere ungewöhnliche Geschichte, da sie sich stetig neu zu erfinden scheint. Mit der Widmung an K-Dramen war sicherlich schon ein seltenes Merkmal gegeben, aber auch Aaron war wahrlich nicht alltäglich für eine NA-Lektüre. Doch ungewöhnlich ist nicht immer gut. „Back To Us“ ist sicherlich wieder eine sehr unterhaltsame Geschichte geworden, aber nicht die, die mir beim Namen Moncomble noch lange in Erinnerung bleiben wird.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.04.2021

Extrem beeindruckend trotz stellenweiser Langatmigkeit

Das Lied der Krähen
0

Der Inhalt der Krähen-Dilogie, die hier mit "Das Lied der Krähen" startet, wird gemeinsam mit der Grisha-Trilogie zur neuen Netflix-Serie "Shadow and Bone" verflochten, was ich beim Lese natürlich im Hinterkopf ...

Der Inhalt der Krähen-Dilogie, die hier mit "Das Lied der Krähen" startet, wird gemeinsam mit der Grisha-Trilogie zur neuen Netflix-Serie "Shadow and Bone" verflochten, was ich beim Lese natürlich im Hinterkopf hatte. Das ist jedoch etwas heikel, denn zeitlich spielen die Reihen eigentlich versetzt, aber gewiss nicht parallel. Deswegen ist bereits im Vorfeld klar, dass der Inhalt von "Das Lied der Krähen" wohl stärker abgeändert wird, damit sich eine schlüssige Verzahnung ergeben kann. Dennoch habe ich diesen Gedanken erstmal beiseitegeschoben und mich ganz auf das Lesevergnügen konzentriert.

Relativ schnell bin ich beim Lesen von "Das Lied der Krähen" auf den Gedanken gekommen, dass es eigentlich fast nicht zu glauben ist, dass dieses und "Goldene Flammen" tatsächlich beide von derselben Autorin sein sollen, denn lustigerweise ergeben sich genau die gegensätzlichen Pro- und Kontra-Argumente in der Bewertung. Wo "Goldene Flammen" stellenweise oberflächlich war, sich aber kaum eine Pause gegönnt hat, ist "Das Lied der Krähen" teilweise langatmig, aber dafür enorm fokussiert und detailreich in der Charakterentwicklung. Aber dennoch wäre es gelogen zu behaupten, dass man Leigh Bardugos Stil letztlich nicht doch erkennt. Lustig ist es dennoch, dass ich nun komplett gegenteilige Rezensionen schreiben werden.

Dank der Grisha-Trilogie ist mir diesmal der Einstieg in die Welt von "Das Lied der Krähen" nicht so schwer gefallen. Zwar findet die Handlungen an völlig neuen Orten statt, aber dennoch finden wir uns erneut in der erschaffenen Welt von Bardugo wieder, die von ständigen Kriegen, neuen Allianzen und eben den Grishas geprägt ist. Jedoch gibt es eine Erweiterung um das Jurda Parem, eine Art Droge, die Fähigkeiten der Grisha verändert und damit auch verstärkt. Es gibt auch wieder neue Begrifflichkeiten, aber in all das findet man gut hinein. Zumal sich bereits hier die Liebe zum Detail auswirkt, da Ketterdam als neuer Handlungsort förmlich vor den Augen entsteht, da alles intensiv und anschaulich beschrieben wird. Während "Goldene Flammen" in vielen Elementen noch eher einem Jugendroman entsprach, habe ich diesen Gedanken bei "Das Lied der Krähen" nicht mehr gehabt. Zwar haben wir es erneut nicht mit erwachsenen Figuren zu tun, aber die sechs Hauptfiguren sind bereits so vom Leben gezeichnet, dass sie die Bitterkeit des Lebens bereits kennen. Sie haben keine Träume mehr, stattdessen kämpfen sie in einer komplizierten Welt ums ständige Überleben und können daher keine Gutmenschen sind. Das schafft atmosphärisch eine ganz andere Ausgangslage, die aber dann auch ganz hervorragend zur sich entwickelnden Handlung passt.

Das Geschehen wird aus mehreren Perspektiven erzählt, was es möglich macht, nahezu allen sechs Figuren ordentlich Raum zu gewähren. Einzig Wylan wird hier etwas stiefmütterlich behandelt, was ja möglicherweise im zweiten Band noch nachgeholt werden kann. Aber bei den anderen fünf wird eine höchst ambivalente Charakterentwicklung betrieben. Einzig Jasper ist davon eine Figur, die man auf Anhieb ins Herz schließt, weil er angesichts der düsteren Welt noch etwas Optimismus verbreitet. Die anderen sind zu sehr vom Leben gezeichnet und tragen ihr Innerstes nicht so offensichtlich nach außen. Aber man wird behutsam von Kapitel zu Kapitel tiefer in ihr Seelenleben hineingezogen und deswegen konnte ich nach Beendigung der Lektüre nur konstatieren, dass ich zu allen Figuren, so unterschiedlich sie doch waren, eine Verbindung aufgebaut bekommen habe. Das war Bardugo in dem Ausmaß bei "Goldene Flammen" noch nicht gelungen. Gleichzeitig hat diese Entscheidung für intensive Charakterentwicklungen den Nachteil, dass die Handlung stellenweise ausgebremst wird. Wenn gerade richtige spannende Sachen passieren, wird bei einem Teil des Kapitels ein Rückblick zu der Figur eingeschoben, die deren Handeln zwar erklärt, aber gleichzeitig das Geschehen in der Jetztzeit unnötig in die Länge zieht. In der Konsequenz hätte ich mich wahrscheinlich für einen etwas anderen Erzählstil entschieden. Im Grunde war alles richtig gemacht, aber vielleicht nicht immer ideal gegeneinander gesetzt.

Wenn man die Rückblenden zwischendurch mal ausspart und nur die Handlung der Gegenwart bedenkt, dann muss ich schon den Hut vor Bardugo ziehen, denn es ist eine extrem raffinierte, komplexe, exzentrische und einfach mitreißende Geschichte entstanden, die immer wieder etwas Neues zu bieten hatte. Zudem hat es mir gefallen, dass das Buch trotz minimaler Gewichtung gegen Kaz und Inej es geschafft hat, allen Charakteren ihren Teil einzuräumen. Sie mögen die Gesichter sein, aber nur alle zusammen sind sie das Herz dieser Operation. Kaz sticht sicherlich mit seinem Mastermind heraus und es ist wirklich faszinierend, wie er eine Eventualität nach der anderen schon längst bedacht hat, aber jede Figur wird für ihre besonderen Momente in Erinnerung bleiben. Zudem hat es unheimlich viele Wendungen gegeben, man konnte die Geschichte zu keinem Zeitpunkt vorausahnen, was angesichts so vieler Bücher im Genre Fantasy eigentlich unmöglich erscheint. Das macht in der Summe eine der intelligentesten Handlungsentwicklungen aus, die ich seit langem gelesen habe.

Fazit: "Das Lied der Krähen" ist atmosphärisch und stilistisch so ganz anders als die Grisha-Reihe, was aber nichts am Lesevergnügen ändert. Dieses ist schlichtweg anders, denn der Auftakt der Krähen-Dilogie überzeugt mehr mit Handlung, Charakterentwicklungen und Liebe zum Detail. Nach diesem echten Erlebnis kann ich ein gewisses Bauchgrummeln dennoch nicht leugnen, denn wie viel wird davon in "Shadow and Bone" zu erleben sein?

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2021

Intensiv mit Mängeln

With(out) You
0

Auch wenn ich den außergewöhnlichen Buchtitel „So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt“ natürlich mitbekommen habe, ist „With(out) You“ nun meine erste Begegnung mit der Autorin Maike Voß. Zum ...

Auch wenn ich den außergewöhnlichen Buchtitel „So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt“ natürlich mitbekommen habe, ist „With(out) You“ nun meine erste Begegnung mit der Autorin Maike Voß. Zum Zugreifen beim Buch hat sicherlich beigetragen, dass das Cover wirklich außergewöhnlich schön geworden ist und bei bold von dtv unterkommen durfte. Dort habe ich bereits einige Bücher gelesen und ich bin tatsächlich oft zu dem Fazit gekommen, dass es außergewöhnliche Bücher sind, die sich kaum problemlos in eine Sparte einsortieren lassen. Daher ist es kaum verwunderlich, dass auch „With(out) You“ wahrlich keine alltägliche Lektüre ist.

Von der Covergestaltung und des Klappentexts her könnte man durchaus noch auf eine klassische NA-Lektüre spekulieren, wie man sie bei Lyx nahezu ausschließlich anfindet. Doch bold hat eigentlich schon alles verraten. Natürlich wäre es gelogen, würde ich behaupten, dass das Buch gänzlich anders wäre, denn natürlich geht es um die Liebe zweier junger Menschen, die die Universität besuchen und sich noch in ihrer Identität als junge Erwachsene zurechtfinden müssen. Dennoch ist dieses Buch von einer emotionalen Schwere begleitet, die man so extrem nur selten erlebt. Dazu verfügt Voß über eine sehr poetische Sprache, gerade wenn es um die Liebe und die philosophischen Passagen geht, was dem Buch schon fast etwas Kostbares verleiht. Es war also definitiv eine sehr schwermütige Reise, aber eine, die die Leser:innen tief drin berührt.

Dennoch hat das Buch meiner Meinung nach Schwächen aufzuweisen, die dieses zwischendurch schwebende Gefühl, herbeigeführt durch die Sprache, ausbremsen. Das ist zum einen die Tatsache, dass ein wichtiger Teil der Liebesgeschichte zwischen Luna und Eli schon stattgefunden hat. Wenn dem so ist, dann habe ich es gerne, wenn wir Leser:innen anhand von Flashbacks dennoch daran teilhaben können, da gerade das erste Kennenlernen immer etwas Magisches an sich hat. Und das fehlt hier. Da die ersten Interaktionen zwischen Luna und Eli in der Echtzeit dann so von Distanz und fast Feindseligkeit geprägt sind, ist es schwer sich vorzustellen, was dort mal gewesen sein soll. Ein zweiter Kritikpunkt ist dieser langgezogene Teil, als Luna nach Hamburg zurückkehrt und die Versöhnung mit Eli immer wieder in weite Ferne geschoben wird. Zwar gibt ihr das Zeit, sich selbst eigenständig wieder in ihrem alten und gleichzeitig neuen Leben einzurichten, aber es war auch so frustrierend, wie jedes angefangene Gespräch zwischen den beiden doch nicht zum Ziel führte. Ich wäre am liebsten in die Seiten gesprungen und hätte beide geschüttelt. Aber dieses Gefühl ist für mich nicht Mitfiebern, sondern wirklich eher Frust und das bleibt mir nie positiv im Gedächtnis.

Was dafür aber wieder sehr intensiv ist, ist die Darstellung von toxischen Beziehungen mitsamt Stalking. Ich habe mich vor Julien wirklich in jedem Augenblick gefürchtet und ich fand die Entwicklung des Ganzen sehr erschütternd, aber völlig in sich logisch und authentisch. Oft gibt es ja Unverständnis für Opfer dieser Beziehungen, die keinen Weg raus finden, aber ich denke, dass Lunas Geschichte sehr deutlich vor Augen geführt hat, wie sehr man in einem Gefängnis ist und dass es keinen einfachen Weg hinaus gibt. Am Ende wurde es noch richtig spannend, selbst wenn ein großes Fragezeichen übrig geblieben ist, aber ist eh nur Nebensache. Dazu kommen die Nachwirkungen und die Zukunftsperspektive. Auch hier kaum bis wenig Optimismus, aber das passt zu der realistischen Darstellung, die wieder und wieder gelingt. Ob es hier eine konkrete Vorlage der Autorin gibt, ich weiß es nicht, es würde mich aber definitiv nicht wundern.

Fazit: „With(out) You“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte geworden, die auch wichtige Themen wie toxische Beziehung und Stalking anspricht. Dabei wird aber wenig Lebensfreude verspürt, was eine insgesamt doch bedrückende Lektüre ergibt. Während inhaltlich zudem das ein oder andere fehlt, steht auf der Habenseite die unheimliche Authentizität der Erzählung. Hier kann jeder für sich selbst entscheiden, was letztlich zählen muss.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere