Cover-Bild Lady L.
Band der Reihe "Quartbuch"
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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Wagenbach, K
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 176
  • Ersterscheinung: 19.02.2026
  • ISBN: 9783803133878
Romain Gary

Lady L.

Gert Woerner (Übersetzer)

Ende des 19. Jahrhunderts wächst Annette in Paris in der berüchtigten Rue de Lappe auf. Nichts deutet darauf hin, dass sie es je aus ihrem Milieu herausschaffen wird, doch eine überaus glückliche Verkettung überaus glücklicher Zufälle katapultieren sie aus der französischen Gosse in die feinsten Kreise der englischen Aristokratie. Dass diesem »gesellschaftlichen Aufstieg« aus recht durchsichtigen Motiven intensiv nachgeholfen wurde, verbirgt sie ebenso geschickt wie ihre leidenschaftliche Liebe zu einem gut gebauten Anarchisten.
Ihr Gefährte Sir Percy Rodiner hält diese Geschichte zunächst für erfunden, doch Lady L. erzählt mit viel Liebe zum Detail.
Das literarische Chamäleon Romain Gary schreibt dieses ironische Lustspiel über eine Hochstaplerin des beginnenden 20. Jahrhunderts mit unverkennbarem Genuss. Eine schwungvolle Räuberpistole über Idealismus, Eitelkeiten, Luxus, Liebe und Egoismus.
»Lady L.« wurde 1965 von Peter Ustinov mit Sophia Loren und Paul Newman in den Hauptrollen verfilmt.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.03.2026

Über eine Verwandlungskünstlerin und die Frage, wer wir wirklich sind

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Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und ...

Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und Urenkel, alle wichtige Stützen der britischen Gesellschaft, in verantwortungsvollen Positionen: "Du hast selten eine Versammlung von seriöseren und bedeutenderen Leuten gesehen." (S. 13)

Kaum einer davon, vielleicht mit Ausnahme des allerjüngsten Urenkels, steht ihr wirklich nahe. Auch sich selbst betrachtet die alte Dame kritisch: "Aber sie durfte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stil das Einzige war, was ihr noch blieb, und dass ihre Schönheit nur noch einen Maler inspirieren konnte, nicht mehr einen Liebhaber. Es ist kaum noch etwas übriggeblieben von mir, dachte sie, nur ein paar klägliche Reste - des restes." (S. 9)

Denn Lady L. weiß nur zu gut, dass ihr Jahrhundert keines war, "in dem Frauen um ihrer selbst willen geliebt wurden" (S.8). Ihr größtes Kapital in jungen Jahren war ihre überwältigende Schönheit, und diese hat sie bestmöglich für ein gutes Leben genützt. Denn ein solches war ihr nicht in die Wiege gelegt worden: wie sie nun ihrem staunenden und immer entsetzter werdenden, treuen und sie schon so lange verehrenden Butler Percy bei einem Spaziergang durch den Garten offenbart, stammt Lady L. nämlich nicht aus dem Hochadel, wie sie immer vorgetäuscht hatte.

Geboren wurde sie nämlich als Annette Boudin in einer verrufenen Gegend in Frankreich, in einer Arbeiterfamilie, mit einem saufenden, oft im Gefängnis sitzenden, sexuell übergriffig werdenden, politisierenden Vater und einer Mutter, die als Waschfrau viele Stunden am Tag die Wäsche aus den umliegenden Rotlichtetablissements wusch und jung verstarb.

Schon früh muss Annette der Mutter bei der harten Arbeit helfen und wünscht sich eine angenehmere Zukunft, vom Vater und seinen Freunden lernt die kluge junge Frau schon früh die Auseinandersetzung mit diversen politischen Ideen, kommt insbesondere mit den Anarchisten in Kontakt und verliebt sich in einen von ihnen, den jungen Armand, hochidealistisch und bereit, für seine Ideale alle ethischen Grenzen über Bord zu werfen und ohne wirklichen Raum für Liebe zu einer einzelnen Person in seinem Herzen: "Inzwischen sprach Armand von der universalen Liebe. Das war nun freilich das Letzte, was sie interessierte. Alles, was sie sich wünschte, war seine Liebe." (S. 65)

Neben ihrer Schönheit und ihrer hohen Intelligenz ist Annette außerdem eine talentierte Schauspielerin und Wandlungskünstlerin, und als sich die Gelegenheit bietet, in Kooperation mit den Anarchisten und der Unterwelt die Identität einer jungen Adeligen anzunehmen, ist sie sehr gerne dazu bereit und passt perfekt in die Rolle. Immer mehr wird aus Annette, der jungen Frau aus dem Rotlichtmilieu, Diana L., eine Frau aus dem Hochadel: "ihr angeborener Schönheitssinn half ihr, sich die richtigen Umgangsformen anzueignen, und bald hatte sie entdeckt, dass das ganze Leben im Grunde nur eine Stilfrage war..." (S. 75), "Sie fing auch an, Gefallen an guter Musik zu finden, und wusste bald einen echten Virtuosen von einem begabten Dilettanten zu unterscheiden." (S. 86)

Annette, die die schönen Dinge liebt, scheint eine regelrechte Begabung dafür zu haben, sich nicht nur mit diesen zu umgeben, sondern sie wirklich wertzuschätzen und den Stil einer Adeligen aus allerbestem Hause zu verkörpern. Vielleicht ist sie ja innerlich die wahre Adelige, genau, weil sie so eine Liebe zu diesem Lebensstil hat, oft mehr als andere, die in dieses Milieu hineingeboren wurden?

Das Buch ist äußerst unterhaltsam, witzig und kurzweilig geschrieben. Auf nicht einmal 200 Seiten entfaltet sich eine rasante Verwandlungs- und Gangstergeschichte, in der getäuscht und gelogen wird, gefeiert und gestohlen, gelegentlich auch gemordet, und in der es doch auch viele tiefgründige, nachdenkenswerte Szenen gibt.

Es geht um Anarchismus und hohe Ideale, darum, wie leicht sich die meisten Menschen täuschen lassen, aber auch um die Wertschätzung schöner Dinge, die nicht allen gegeben ist. Um die Frage, ob die Liebe zu einem einzelnen Menschen mit einer starken idealistischen Einstellung vereinbar ist und was passieren kann, wenn das nicht mehr der Fall ist. Und auch um den Preis des ewigen Vortäuschens einer falschen Identität.

Insgesamt ist es ein humorvolles, dabei leichtfüßiges, unterhaltsames und inspirierendes Werk, das den feinen Spagat schafft, dabei überhaupt nicht oberflächlich zu sein, sondern gleichzeitig zum Nachdenken anregt über tiefsinnige Fragen der Menschheit und verschiedene Gesellschafts- und Regierungsformen, aber auch darüber, wer wir wirklich sind, wie das definiert wird, was uns prägt, und wie viel Freiheit wir dabei haben, selbst zu bestimmen, wer wir sein und wie wir gesehen werden wollen. Ich kann es einer breiten Leserschaft sehr empfehlen, denn es hat das Potenzial, sowohl für jene, die sich gerne unterhalten lassen, als auch für Fans anspruchsvollerer Literatur gewinnbringend zu sein.

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