Vom Wert und vom Preis der Schönheit
Das schönste aller Leben"Das schönste aller Leben" ist das Romandebüt der Autorin Betty Boras. Schöne Menschen haben in vielen Lebensbereichen, ob privat oder beruflich, Vorteile, so sagt es die Volksweisheit, und das ist auch ...
"Das schönste aller Leben" ist das Romandebüt der Autorin Betty Boras. Schöne Menschen haben in vielen Lebensbereichen, ob privat oder beruflich, Vorteile, so sagt es die Volksweisheit, und das ist auch das Ergebnis so einiger Studien. Und wünschen sich nicht die meisten Eltern insgeheim, wenn auch oft unausgesprochen, ein hübsches Kind, oder zumindest kein hässliches? Wenn wir unseren Kindern das bestmögliche Leben wünschen, ist Schönheit ein wichtiger Bestandteil davon? Was passiert mit ihren Lebensperspektiven, wenn die Schönheit auf einmal beeinträchtigt wird? Doch ist Schönheit nur ein Vorteil, oder gibt es auch einen Preis, der damit einhergehen kann?
Dieses unterhaltsame und gleichzeitig tiefgründige Buch verhandelt das Thema Schönheit und ob und wie sie zu einem guten Leben beiträgt, eine Voraussetzung dafür ist oder es sogar verhindern könnte, aus vielfältigen Perspektiven, eingebettet in eine Mehrgenerationengeschichte einer rumäniendeutschen Familie.
Es gibt vier Erzählperspektiven:
1) Vio, das ist die kindliche und später jugendliche Viola, die gemeinsam mit ihren rumäniendeutschen Eltern aus dem Banat nach Deutschland auswandert. Die sich dort wünscht, nicht aufzufallen, sich anpassen und genauso wie ihre deutschen Mitschülerinnen sein möchte. Die als Jugendliche wegen Skoliose ein Korsett tragen muss und unter dem Schmerz und der Einschränkung der Bewegungsfreiheit sehr leidet. Und die auch spürt, wie sehr die Erwartungen der Eltern, aus ihrer Chance auf ein gutes Leben in Deutschland etwas zu machen, auf ihr lasten.
2) Ich, das ist die erwachsene Viola, Mutter einer kleinen Tochter, die als sehr hübsches Mädchen auf die Welt gekommen ist, aber durch einen tragischen Unfall, der von Viola unbeabsichtigt verursacht wurde, Narben im Gesicht davongetragen hat. Viola aus der Ich-Perspektive hadert sehr mit diesem Schicksal, macht sich dafür verantwortlich und entwickelt dadurch psychische Probleme.
3) Theresia, eine entfernte Vorfahrin dieser Familie, die vor Jahrhunderten zur Zeit Kaiserin Maria Theresias als Ziehtochter einer wohlhabenden Familie in Wien aufwuchs, doch aufgrund von einem aufgeflogenen außerehelichen Sexualkontakt mit einem Priester von der unbarmherzigen Keuschheitskommission in ein Straflager in das rumänische Banat verschleppt wurde. Auch Theresia galt als sehr hübsch, und das wurde ihr zum Verhängnis.
4) Die Banater Erde, die auf die Menschen blickt, von denen sie bearbeitet und geprägt wurde, die auf ihr geboren und in ihr gestorben sind, und die sie verlassen haben: "Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche." (S. 213)
Das Buch ist voll von tiefgründigen, ehrlichen Aussagen und in einer eindringlichen, besonderen Sprache verfasst. Es hat mich damit sofort in seinen Bann gezogen, schon ganz am Anfang, als etwa Viola ihren Wunsch nach einer schönen Tochter äußert: "Ich schäme mich, dass ich eine schöne Tochter möchte. Ich würde lieber sagen, sie soll glücklich sein. Das will ich auch, aber ich bin mir sicher, mit der Schönheit kommt ein Teil des Glücks von selbst. (...) Ich wünsche meiner Tochter Resilienz, möchte ihr ein gutes Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben, möchte, dass sie Zufriedenheit unabhängig vom Urteil anderer empfindet. Ich bin aber überzeugt davon, dass es von alledem mehr braucht, wenn sie weniger schön ist. Einen schönen Menschen resilient zu machen ist einfacher." (S. 9)
Neben physischer Schönheit ist auch die Frage nach einem schönen, guten Leben eine prägende, die sich durch das Buch zieht, und auch hier geht es wieder um den Preis: der Preis, die eigene Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, in dem man sich erst einmal fremd fühlt, genauso wie der Preis, physische Einschränkungen und Schmerzen, wie ein Korsett oder eine Zahnspange, auf sich zu nehmen, um die eigene Schönheit zu verbessern. Auch Themen wie Klasse, Identität und der dazugehörige Habitus sowie der Wunsch nach sozialem Aufstieg finden Raum in dem Buch: "Vio hatte schnell verstanden, dass das Gymnasium nur für die Besten war. Sie wollte unbedingt dazugehören, aber musste sie dafür nicht mehr wie Nina sein?" (S. 66)
Insgesamt ist es eine berührende Familiengeschichte, die ich äußerst gerne gelesen habe, die genauso unterhaltsam wie tiefgründig ist und mir neue Denkanregungen über die Verknüpfung von Schönheit, Identität, Migration und Chancen gebracht hat. Mein einziger Kritikpunkt ist der Handlungsstrang um die Ahnin Theresia: dafür, dass dieser vor mehreren Jahrhunderten spielt, hat er sich für mich nicht ganz genug in dieser historischen Zeitepoche verortet angefühlt und die Figuren in diesem Teil haben für mich in Bezug auf Sprache und Handeln zu modern und damit nicht vollständig authentisch gewirkt.
Dieser Kritikpunkt gilt nicht für alle anderen Teile, in denen ich die Charaktere als sehr authentisch konstruiert und passend in Zeit und Raum verortet wahrgenommen habe (vermutlich ist dieser Teil auch näher an der eigenen Biografie der Autorin dran).
In Summe vergebe ich gute 4 Sterne für ein empfehlenswertes Buch, das ich einer breiten Leserinnenschaft, aber insbesondere jenen, die sich für Familiengeschichten in Verbindung mit Identität, Migration und Schönheit interessieren, sehr empfehlen kann. Auf weitere Bücher dieser Autorin bin ich sehr gespannt!