Über Opferhaltung und Hilflosigkeit
Ein verlassenes Haus"Ein verlassenes Haus" ist das Debüt der Autorin Lisa Wölfl. Das Buch beginnt stark, man ist gleich in der Geschichte drinnen, in dem inneren Monolog der Ich-Erzählerin Sonja, die sich vom Minister für ...
"Ein verlassenes Haus" ist das Debüt der Autorin Lisa Wölfl. Das Buch beginnt stark, man ist gleich in der Geschichte drinnen, in dem inneren Monolog der Ich-Erzählerin Sonja, die sich vom Minister für Wirtschaft und Arbeit im Fernsehen beschimpft fühlt, als er in ihren Augen über den fehlenden Arbeitswillen arbeitsloser Menschen herzieht.
Sonja ist 48 Jahre alt, lebt zusammen mit ihrem Mann Harald, Teenagertochter Katharina und Sohn Sebastian, der im Volksschulalter ist, in Niederösterreich, und ihre Probleme sind zahlreich. Sie hasst ihren älter werdenden Körper und vergleicht ihn mit dem Bild eines verlassenen Hauses: "Mein Körper ist ein verlassenes Haus. Die Kinder sind ausgebrochen und haben dabei die Fenster zerschlagen. Mein Boden ist morsch. An der Wand Graffiti, im Keller Drogenbesteck. Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich bekomme kaum Besuch von schwindeligen Investoren. Ich gehe an meinem eigenen Schimmel kaputt." (S. 27)
Diese Metapher zieht sich an verschiedenen Stellen durch das Buch und wiederholt sich mehrmals. Zu Sonjas Selbsthass kommt noch dazu, dass das Geld nie reicht und man ständig das Konto überziehen und dafür Gebühren zahlen muss, auch im Haushalt bleibt ständig was liegen und es ist nie wirklich aufgeräumt und sauber. Dabei arbeitet ihr Mann Harald viele Stunden in einer Baufirma, wird als Leiharbeiter aber schlecht bezahlt. Sonja selbst arbeitet Teilzeit recht unmotiviert als Verkäuferin in einem Bioladen und kümmert sich sonst um die Kinder. Noch mehr ins Wanken gerät das eh schon brüchige Lebensgerüst, als der Sohn zusammenbricht und Diabetes diagnostiziert bekommt, Sonja in die Notaufnahme eilt, ohne den Bioladen abzuschließen und dafür fristlos entlassen wird und das Geld noch knapper wird.
Bis hierher ist es ein einigermaßen realistisches Szenario einer Arbeiterfamilie, die am Kämpfen ist. Ab diesem Punkt beginnt sich allerdings Sonjas schon davor latent vorhandene Opfermentalität noch mehr zu zeigen. Einige Zeit arbeitet sie gar nichts, eine Putzstelle, die ihr das Arbeitsmarktservice vermitteln will, will sie nicht annehmen und sowieso hält sie so gut wie jede Tätigkeit für unvereinbar mit ihren Betreuungspflichten.
Der resultierende Geldmangel führt dazu, dass Harald, der eh schon körperlich wie psychisch durch Bandscheibenvorfall, Depressionen und Suizidgedanken schwer beeinträchtigt ist, zusätzlich zu seinem Vollzeitjob noch abends Taxi fährt oder Pizza zustellt und so gut wie gar nicht mehr zu Hause ist. Was wiederum zur Konsequenz hat, dass Sonja sich noch bemitleidenswerter fühlt, weil alle Belastung mit den Kindern auf ihr liege. Und dazu kommt noch die böse politische Stimmung, die sich im Lande immer mehr den rechten Partei zuneigt, die wiederum Sozialleistungen kürzen möchten.
Sonja fühlt sich an allen Ecken und Enden verfolgt und arm. Ein Gefühl dafür, was sie selbst an ihrer Situation ändern könnte, hat sie kaum - bis sich ihr ein Ausweg zeigt, als ihr eine Freundin die Möglichkeit vorstellt, für Geld Männer in Onlinepartnerbörsen im Chat möglichst lang hinzuhalten. Harald ist vehement dagegen, dass Sonja sowas macht, sie macht es trotzdem. Insgesamt ist das aber nur eine Nebenhandlung um Buch, in dem es hauptsächlich um das sehr zynisch geschilderte Elend dieser Familie geht, siehe z.B. auch diese Stelle, in der die Kinder nur mehr als Kostenfaktoren angesehen werden: "Immerhin war Katharina eine volle Woche mit Patricias Familie weg. Die Ersparnisse: Lebensmittel, Wasser, Strom, nerven. Vielleicht können sie im Sommer wieder gemeinsam verreisen. Diesmal zwei ganze Monate. Sebastian bringe ich bei Annalena unter. Für Kost und Logis kann er mit seinen Zeichnungen bezahlen. Dann können Harald und ich einander ungesehen umbringen." (S. 171)
Ja, man muss schon in der richtigen Stimmung sein für dieses dunkle, zynisch-sarkastische Buch mit so einer ausgeprägten Opfermentalität. Geschrieben ist es gut und unterhaltsam, die Figuren sind authentisch, denn solche Menschen, die alle Verantwortung für ihre Lage von sich weisen und nur den Staat oder andere dafür verantwortlich machen, gibt es ja genug. Falls die Botschaft sein hätte sollen, dass dieser Staat sich wieder mehr für Menschen in schwierigen Lagen einsetzen sollte, dann erreicht dieses Buch bei mir eher das Gegenteil. Wenn überhaupt, dann hatte ich noch Mitleid mit Harald, der durchaus wie ein tüchtiger und auch liebevoller Ehemann wirkte, sowie mit den Kindern, während Sonja mir mit ihrer Jammerei, Perspektiv- und Empathielosigkeit ziemlich unsympathisch war. Das ist dem Buch nicht anzulasten, nicht alle Charaktere müssen sympathisch sein, um authentisch zu sein.
Was den Inhalt angeht, finde ich einzig den Handlungsstrang mit dem Nebenjob in der Partnerbörse am Ende nicht gut über die Ziellinie gebracht, dafür einen Stern Abzug. So gebe ich insgesamt vier Sterne für ein gutes Debüt mit kleinen Schwächen.