Weibliche Selbstermächtigung
Ich liebe dich nicht mehr. S. 7
Das sind die Worte, mit denen Vau nach zwanzig Jahren Ehe Kiras Träume zerschossen hat. Jetzt muss sie sich entlieben und hat keine Ahnung, wie das geht. Vor drei Wochen ...
Ich liebe dich nicht mehr. S. 7
Das sind die Worte, mit denen Vau nach zwanzig Jahren Ehe Kiras Träume zerschossen hat. Jetzt muss sie sich entlieben und hat keine Ahnung, wie das geht. Vor drei Wochen sagte er ihr, dass er etwas Neues, etwas anderes braucht. Jetzt ist er Vegetarier. Sie fühlt sich wie eine gelöschte Festplatte, weiß plötzlich nichts mehr. Wie kann man ein halbes Leben mit zwei Kindern einfach auflösen?
Natürlich hat sie sich Vaus Instaprofil genauer angesehen und weiß jetzt, sie hat einen Namen und sie ist blond. Vau spaziert derweil mit so einem debilen Verliebtheitsgrinsen durch den Tag und trägt jetzt einen jugendlichen Schimmer auf der mittelalten Haut. Kira fühlt sich unattraktiv.
Vau hatte sie protegiert und ihr zur Kunst geraten, darin ist sie wirklich gut. Leider verdient sie damit nicht genug Geld. Sie wird weiter erdulden müssen, dass Vau zwischenzeitlich übernächtigt „nach Hause“ kommt, um sich mal richtig auszuschlafen. Warum hat sie sich nicht mehr für sich engagiert und ist durchgestartet? Hat sie zu sehr nach seinen Wünschen gelebt?
Wie sie als Kind jeden Adrenalinkick mitnahm. Tennis wollte sie spielen und lieh sich von Britta das Outfit. Dann stand sie auf dem Platz, sollte sich beweisen und dachte, so schwer kann das nicht sein. Dann flogen die Bälle nur so aus der Maschine, dass sie sich wegducken musste. Sie traf keinen einzigen, spürte aber den mitleidigen Blick Brittas in ihrem Rücken. Tennis hat sie nicht gelernt, dafür eine Lektion fürs Leben.
Fazit: Susanne Schirdewahn, bildende Künstlerin und Autorin, verhandelt die Trennungsphase einer Frau von ihrem Ehemann. Ihre Protagonistin hat versucht, in der Kunstwelt Fuß zu fassen und eine gute Mutter zu sein. Nach dem Bruch ist das Selbstmitleid groß. Unverständnis und verletztes Ego quälen sie. Doch dann geht Kira auf Spurensuche, wer sie einmal war und wie sie sich dem Familienleben angepasst hat. Schließlich siegt der Wunsch, unabhängig und frei zu werden. Die Erzählung ist richtig amüsant, voller Selbstironie und gespickt mit Metaphern und Einsichten. Die Sprache ist frisch und spritzig. Was mich fasziniert hat ist, wie die Autorin zunehmend das Tempo erhöht. Ihre quirlige Protagonistin weiß, was sie will und zieht durch. Sie findet Nebenjobs, Ausstellungsmöglichkeiten und Liebhaber. Sie tankt Selbstbewusstsein und steigt in ihrem eigenen Ansehen. Sie findet heraus, was sie braucht und setzt das um. Ich sitze da, bewundere sie und beobachte, wie sie ähnlich eines Marathons in die Zielgerade einbiegt. Ich feuere sie an, schwenke Fähnchen und am Ende ist sie die Kira, die sie immer schon hätte sein sollen und ich bin atemlos und glücklich. Dieser Roman ist enorm unterhaltsam und sehr motivierend. Das war emotionales Kino zum Thema weibliche Selbstermächtigung.