Chronologie eines literarischen Untergangs
Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und ...
Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und Literatinnen verfolgt man gebannt, wie unverfroren die neuen Machthaber agierten und wie hilflos die Republik ihnen plötzlich gegenüberstand. Die Zeit vom 28. Januar bis 15. März 1933 wird in 35 Kapiteln beschrieben. Das Buch zeichnet detailreich und sehr lebendig die Schicksale bekannter Künstler und Künstlerinnen nach und zeigt, wie eng viele der Personen mit einander bekannt waren. Teilweise bestürzt liest man über das Handeln im Angesicht der sich anbahnenden - oft genug verkannten - katastrophalen Lage. Obwohl Wittstock von einem "Tatsachenbericht" (S. 8) spricht, liest dieser sich nie wie ein dröges Sachbuch. Für mich war es ein Lesen voller Emotionen. Flieht jemand aus Deutschland, um nur kurz den "Spuk" im Ausland auszusitzen, der ja nicht lange dauern kann, dann trifft einen das Kapitelende hart, wenn es z.B. heißt: "Doch er wird zwanzig Jahre brauchen, bis er nach Deutschland zurückkehrt." (S. 179) Andere werden nie wieder kommen.
Jedes Kapitel endet zudem mit einigen Sätzen über den allgemeinen Zustand im Land, der anhand einzelner Beispiele zeigt, wie Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vorgingen, überall kam es zu Zusammenstößen und Toten.
Eine umfangreiche Literaturliste, ein Personenregister und zahlreiche Fotos rundes das empfehlenswerte Buch ab. Es vermittelt auf lesenswerte und verständliche Weise ein Stück deutsche (Literatur-)Geschichte und zeigt, wie in wenigen Wochen aus einer Demokratie eine brutale Diktatur werden konnte.