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Veröffentlicht am 27.04.2026

Die Finca des Schreckens

Meeresdunkel
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Cover und Klappentext sind gelungen und versprechen viel, das für mich leider nicht erfüllt wurde.


Vor einer renovierungsbedürftigen Finca auf Mallorca treffen zwei deutsche Familien aufeinander, die ...

Cover und Klappentext sind gelungen und versprechen viel, das für mich leider nicht erfüllt wurde.


Vor einer renovierungsbedürftigen Finca auf Mallorca treffen zwei deutsche Familien aufeinander, die sich jeweils als alleinige Mieter dieses Anwesens gewähnt hatten. Nun rauft man sich für eine Nacht zusammen und da es keine Ausweichmöglichkeit gibt, gehen die Fremden eine Zwangsgemeinschaft in dem Ferienhaus ein. Unter der Oberfläche brodelt es, da es in beiden Ehen offenbar Differenzen gibt. Nach Prolog und dem Abschnitt "Ankunft" befinden wir uns nun auf Seite 192, damit etwa in der Mitte des Romans und endlich passiert mal was: es gibt eine Leiche.


Die Handlung wird aus der Sicht von drei Personen erzählt, Samuel und seinem Sohn Juri, sowie von Henrike, der Ehefrau und Mutter der zweiten Familie. Somit ist das, was die Leserinnen erfahren kanalisiert und verrät dadurch schon wieder zu viel. Es gibt die thrillertypischen kurzen Kapitel und raschen Perspektivwechsel, die Geschwindigkeit und Spannung erzeugen sollen. Leider wurde hier eine gute Idee verschenkt. Der Thriller ist über die erste Hälfte fast lupenreines Ehedrama mit hölzernen Figuren und unglaubwürdigen Dialogen und Handlungen. Die 14-jährigen Zwillinge von Henrike und ihrem Mann Hans sind in diesem Text die einzigen Figuren, die nachvollziehbar agieren. Juri, der Achtjährige von Samuel und Marie, spricht wie ein Erwachsener und weiß offenbar genau, warum er sich lieber an die Zwillinge hält, als an die Erwachsenen. Weitere Figuren sind Freddy, Henrikes Bruder, und Hedwig, die Babypuppe von Juri, seiner gleichberechtigten Gesprächspartnerin, die von allen anderen auch so behandelt wird. Das funktionierte für mich gar nicht. Es hätte gruselig sein können, wenn die anderen entsprechend reagiert hätten, aber da Hedwig von allen adoptiert wird, wirkt diese "Episode" für mich einfach albern. Ohne im einzelnen auf die vielen unnötigen Szenen und die im Sande verlaufenden "Auftritte" einzugehen, hat schon die Grundkonstellation der Geschichte für mich überhaupt nicht funktioniert. Als störend habe ich auch vielfache Wiederholungen empfunden. Sachverhalte werden mehrfach erzählt. Das ist immer schlecht in einem "Thriller". Wenn dieser Hinweis wichtig ist, dann will ich nicht mit dem Holzhammer darauf hingewiesen werden, sondern mich freuen, dass ich diese kleine Hilfe selbst entdeckt und abgespeichert hatte. Andersherum ist es noch nerviger, wenn etwas zig Mal ohne besonderen Grund erwähnt wird.


Leider kann ich diesen Thriller nicht guten Gewissens erfahrenen Leserinnen empfehlen. Wer für den Urlaub auf der Suche nach einer leicht zu lesenden Ehedrama-Krimi-Mallorca-Vibes-Lektüre ist, kann das Buch mitnehmen und sich darauf einlassen, allerdings müssen vor einigen Logiklöchern die Augen geschlossen werden.


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Veröffentlicht am 27.04.2026

Dorfgeschichte

Nebenan
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Zwei Frauen in einem Dorf. Die eine, Julia, ist erst vor kurzem hergezogen, die andere, Astrid, lebt schon ihr ganzes Leben hier. Das Haus direkt neben Julia scheint verwaist, die Familie mit den drei ...

Zwei Frauen in einem Dorf. Die eine, Julia, ist erst vor kurzem hergezogen, die andere, Astrid, lebt schon ihr ganzes Leben hier. Das Haus direkt neben Julia scheint verwaist, die Familie mit den drei Kindern ist schon einige Zeit fort. Gegenüber des leeren Hauses wohnt Tante Elsa, dort hat Astrid ihre Kindheit und Jugend verbracht.

Zunächst verwirren die vielen Namen und Beziehungen in dieser Geschichte, dann nimmt alles langsam Gestalt an. In kurzen Kapiteln lernen wir den Ort und seine Bewohner kennen. Hier sind alle denkbaren Schicksale vertreten und immer wieder treffen die Fäden bei Julia und vor allem Astrid zusammen.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Kristine Bilkau hat einen ganz dichten Roman geschrieben, in dem so viel drinsteht, aber an ganz vielen Stellen nur angedeutet wird. Man läuft Gefahr, Informationen und Hinweise zu übersehen, zu überlesen. Der Text läßt viel Platz für eigene Interpretationen und Gedanken. Klare Empfehlung für alle, die keine Rundum-sorglos-Geschichte lesen möchten.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

On the Road

Früchte des Zorns
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Die Farmerfamilie Joad sieht in den 1930er Jahren im Mittleren Westen der USA keine andere Möglichkeit, als ihr Land zu verlassen und nach Westen Richtung Kalifornien zu fahren. Dort scheint, sofern man ...

Die Farmerfamilie Joad sieht in den 1930er Jahren im Mittleren Westen der USA keine andere Möglichkeit, als ihr Land zu verlassen und nach Westen Richtung Kalifornien zu fahren. Dort scheint, sofern man den Flugblättern glauben kann, die Arbeit und damit das Geld auf der Straße zu liegen.

Steinbeck hat exemplarisch am Schicksal der Familie Joad die schwere Zeit der Weltwirtschaftskrise in den Great Plains dargestellt. Durch falsche Bodenwirtschaft und jahrelange Trockenheit entwickelten sich verheerende Staubstürme und die Gegend wurde zur Dust Bowl (Staubschüssel). Unzählige Familien verloren ihre Farmen, machten die letzte Habe zu Geld und fuhren mit überladenen Autos gen Westen. Das Schicksal dieser Wanderarbeiter, die in Kalifornien wegen ihrer hohen Zahl nicht willkommen waren, läßt einen schwer schlucken.

Der Autor läßt sich Zeit, die Figuren zu entwickeln. Er erzählt langsam, läßt die Charaktere viele Gespräche und Monologe führen und wir fühlen ihre Unsicherheit, die sie hinter Tatendrang und vorgetäuschter Zuversicht versteckt. Es war erschreckend, wie sich die Familie, ihre Besitztümer auf dem Weg verkleinern und die Unterkünfte immer dürftiger werden. Die Geschichte der Joads wird immer wieder durch kürzere Kapitel unterbrochen, in denen die allgemeinen Verhältnisse angeprangert werden. Der Autor übt hier sehr deutlich Kritik an der Politik, an der Gier der Reichen und der Banken. Diese Draufsicht hat mir gut gefallen.

Insgesamt ein Roman, den ich gerne gelesen habe. Da ich eine sehr alte Ausgabe von meinen Eltern zur Hand hatte, sind die neueren Übersetzungen sicherlich geschmeidiger zu lesen.

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Veröffentlicht am 18.04.2026

Rückkehr auf den Hof

Krummes Holz
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Der Titel des Romans hat mich gereizt und er steht in einer doppelten Bedeutung, zum einen ist damit das Gelände irgendwo in Westfalen gemeint, auf dem der Hof liegt, auf den der Protagonist Jirka nach ...

Der Titel des Romans hat mich gereizt und er steht in einer doppelten Bedeutung, zum einen ist damit das Gelände irgendwo in Westfalen gemeint, auf dem der Hof liegt, auf den der Protagonist Jirka nach fünfjähriger Abwesenheit zurückkommt. Zum anderen bezieht es sich auf ein Zitat von Kant, das im Vorsatz abgedruckt ist: "Aus so krummem Holze, / als woraus der Mensch gemacht ist, / kann nichts Gerades gezimmert werden."

Und krumm bzw. abgewirtschaftet ist nicht nur der einstmals prächtige Hof, sondern auch die Menschen, die dort leben. Jirka ist 19 Jahre alt, als er den Hof nach seinem Internatsaufenthalt wieder betritt. Sein übermächtiger und gewalttätiger Vater Georg und seine ältere Schwester Malene sind abwesend, lediglich die zwischenzeitlich demente Großmutter Agnes und Leander, der Sohn des letzten Verwalters sind da. Vier Monate hat Jirka gezögert, den mehrfachen Aufforderungen seiner Schwester nach Rückkehr und Unterstützung nachzugeben, denn ihr Vater will ihr - einem Mädchen - den Hof nicht vermachen, sondern alles verkaufen. Von Beginn an ist klar, dass Jirka keine schöne Kindheit hatte. Die Mutter kam erst in eine Heilanstalt und verstarb dann früh. Selbst die Spannungen mit Malene gab es schön früher. Nur mit Leander verbinden ihn gute Gedanken und das hat auch mit dessen verstorbenem Vater Vilém zu tun, der so anders war als Georg.

Fast wie ein Kammerspiel agieren die wenigen Akteure auf dem Hof, der eine kalte Atmosphäre ausstrahlt, selbst wenn die Sonne scheint. Der Ich-Erzähler Jirka wechselt zwischen aktuellen Eindrücken und Betrachtungen der bzw. seiner Vergangenheit. Ganz dicht schildert die Autorin die Jahre, die Jirka auf dem Hof verbracht hat und nur langsam setzen sich die Textstücke und damit seine Geschichte sowie die von Malene und Leander zusammen. Im gleichen Maße, wie die drei engagiert (aber geradezu aussichtslos) auf dem Hof werkeln, nähern sie sich wieder an. Insgesamt habe ich den Roman für mich nicht als Bereicherung empfunden. Vielleicht war es einfach der falsche Zeitpunkt.

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Veröffentlicht am 18.04.2026

Unsichtbare Tinte

Ein Geist in der Kehle
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Der Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem ...

Der Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem 18. Jahrhundert nach, die mit dem Klagelied über ihren toten Mann quasi ein irischen Nationalheiligtum geschaffen hat. Das Klagelied "Caoineadh Airt Uí Laoghaire" ist Pflichtlektüre in den Schulen. Über die Dichterin ist jedoch kaum etwas bekannt, nicht einmal ihre genauen Lebensdaten oder ihre Grabstelle.

Ich hatte mir eine spannende, zumindest aber interessante Spurensuche erhofft, in der sich die zwei Leben miteinander verweben und am Ende eine Art von Erkenntnisgewinn bleibt. Leider war es für mich nicht so. Die Autorin schildert sehr detailreich das Dasein als Mutter von vier kleinen Kindern, das ihr Alter Ego völlig erschöpft und auslaugt. Ihre "Stillgeschichte" nimmt sehr viel Raum ein und ihr Wunsch nach weiteren Babys war mir unverständlich. Das Klagelied und dessen Dichterin Eibhlīn Dubh werden für die Ich-Erzählerin zur Obsession und sie versucht mehr über diese Frau zu erfahren. Nächtelang forscht sie online oder sucht in ihrer raren Freizeit Archive auf. Ihre Ergebnisse sind jedoch nur wenige enttäuschende Fragmente. Dies ist der für mich einnehmendste Aspekt des Romans, das Verschwinden nicht nur dieser Dichterin, sondern das generelle Versinken von Frauen in der Historie oder der Literatur. "Wie umstandslos der akademische Blick sie in einen männlichen Schatten stellt, als könne sie nur als Trabant des Lebens von Männern von Interesse sein." (S. 86) Eingebettet in die ausufernden Alltagsbeschreibungen kam mir dieser Aspekt zu kurz.

Der Text enthält viele schöne Stellen, zumal die Autorin eine bekannte Lyrikerin ist und dieses Genre reichlich in den Roman eingeflossen ist. Der Genre-Mix konnte mich aber nicht überzeugen. Möglicherweise liegt dies auch an dem fehlenden Bezug zur bzw. Hintergrundwissen über irische/gälische Sprache und Literatur. Ohne Zweifel spielt dies im Originaltext und in der Rezeption des Romans eine wichtige Rolle.

Dass die Autorin der historischen Dichterin eine ausgewiesen "weibliche" Stimme verleihen möchte, muss ohne Frage gewürdigt werden.

"Ich beschließe, mich noch mal diesen Texten zuzuwenden und einen Akt der vorsätzlichen Auslöschung zu begehen, indem ich jedes Dokument und jeden Brief so zusammenstreiche, dass nur noch das Leben von Frauen übrig bleibt. Durch diese schräge Form von Lektüre widme ich mich der Aufgabe, weibliche Leben aus männlichen Texten hervorzulocken. Ein solches Experiment der Umkehrung wird, so hoffe ich, das verborgene Leben der Frauen zum Vorschein bringen, das immer da ist, kodiert, geschrieben mit unsichtbarer Tinte." (S. 93)

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