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Veröffentlicht am 24.03.2026

Die "verfluchte Hütte" in der schwäbischen Provinz

Das Tränenhaus. Roman
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Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe ...

Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe hat Reclam erneut einen Roman von Gabriele Reuter neu aufgelegt. Nachdem mir "Aus guter Familie" sehr gut gefallen hatte, war ich auf dieses Buch sehr gespannt.

Wiederum steht das Schicksal einer Frau in der Wilhelminischen Zeit im Mittelpunkt. Cornelie will ihr Kind zur Welt bringen, ohne den Vater. Als unverheiratete Frau bleibt ihr nur die Verschwiegenheit eines "Geburtshauses", das sich auf solche Niederkünfte spezialisiert hat. Cornelie zieht sich in die schwäbische Provinz zurück und kommt in der "Villa" der Hebamme Uffenbacher unter. Von einer "Villa" könnte dieses Haus jedoch nicht weiter entfernt sein. Zunächst bleibt die Schriftstellerin für sich, läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen und meidet den Kontakt zu den anderen schwangeren Frauen. Jede Bewohnerin hat ihr eigenes Drama, ihre eigene Tragödie erlebt oder wird sie noch erleben, nicht umsonst wird die "Villa" Uffenbacher das Tränenhaus genannt. Die bunte Mischung der Bewohnerinnen und ihre jeweiligen Schicksale und ihre (zumindest bei einigen) Verzweiflung sorgen dafür, dass Cornelie sich ihnen verbunden fühlt und Partei für sie ergreift. Aufgrund ihrer Herkunft hat die Schriftstellerin ein anderes Auftreten und einen anderen Stand gegenüber der Anstaltsleiterin.

Obwohl die Geschichten der einzelnen Frauen und wie sie in ihre aktuelle Lage geraten sind, wütend machen, hat der Roman viele humorvolle Stellen. Das liegt besonders an der Figur der Frau Uffenbacher, die so unfassbar unsympathisch, berechnend, grobschlächtig und kriecherisch daherkommt und das alles noch im feinsten schwäbischen Dialekt. Trotz der etwas altmodischen Sprache liest sich der Roman nach kurzer Zeit ganz frisch, er unterhält und liefert ein Bild von der Unterdrückung der Frau in der damaligen Zeit. Er zeigt aber auch die Aufbruchsstimmung, die sich in der Figur der Cornelie findet. Gabriele Reuter wusste, wovon sie schrieb, denn in weiten Teilen ist es ihr eigenes Leben, dem wir auf 181 Seiten folgen. Die unverheiratete Reuter brachte ihre Tochter in einem Geburtshaus zur Welt, den Kindsvater nannte sie nicht. Statt die Tochter diskret bei einer Pflegemutter unterzubringen, lebte sie mit ihr zusammen.

Das Nachwort von Annette Seemann informiert über die Entstehungsgeschichte des Romans und die Autorin.

Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und der es absolut verdient hat, durch die Klassikerinnen-Reihe von vielen neu entdeckt zu werden.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

9. Teil der schwedischen Krimireihe

Schatten über dem Wald
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Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der ...

Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der örtlichen Polizei nach Slagtjärn beordert, dort sind die Ermittler überfordert und dankbar für den frischen Blick auf die Leiche im Ameisenhaufen. Rönning trifft nicht nur auf einen ungewöhnlichen Fall, sondern auch auf eine ungewöhnliche Dorfgemeinschaft, die von skurrilen Gestalten bevölkert ist.

Die früheren Teile der schwedischen Reihe haben mich mehr begeistert. Hier werden ziemlich viele Zutaten in einen Topf geworfen: geheimnisvoller Kult, verschwundene Menschen, Leichen ohne Köpfe, blinder Hellseher, unheimlicher Waldmensch, Tierquälerei, Prepper, Neonazis; um nur ein paar zu nennen. Das alles ist aber kein Garant für Spannung, die eine Geschichte über 450 Seiten trägt. Dass Mette Olsäter und Stilton auf den letzten Seiten in das Geschehen eingreifen, verstärkt nur den Eindruck von Konstruiertheit und Künstlichkeit.

Auch sprachlich finde ich den Roman schwächer als die Vorgänger. Das mag für viele Jammern auf hohem Niveau sein, aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine zu Beginn sehr erfolgreiche Serie totläuft. Für Fans ist auch der 9. Teil ein Muss. Es bleibt die Hoffnung, dass Teil zehn vielleicht wieder an Fahrt gewinnt.


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Veröffentlicht am 19.03.2026

Ruhiger Coming-of-Age-Roman

Accabadora
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Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch ...

Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch die Mittel hat, das Mädchen großzuziehen. Marias Mutter hingegen ist froh, eine Esserin weniger versorgen zu müssen. Bonaria arbeitet als Schneiderin, jedoch schleicht sie sich gelegentlich nachts aus dem Haus. Als Maria Jahre später hinter das Geheimnis ihrer Ziehmutter kommt, zerbricht für sie eine Welt.

Dieser ruhige Roman über ein Mädchen, das Mitte der 1950er Jahre auf Sardinen aufwächst und erwachsen wird, braucht ein paar Seiten, bevor er die Leserinnen für sich eingenommen hat. Dann folgt man der Geschichte aber gern und lernt die Menschen in dem kleinen Dorf kennen und nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Im Grunde ist es eine Coming-of-Age-Geschichte, die tief mit der Geschichte der Accabadora auf Sardinen verknüpft ist. Was eine Accabadora ist? Tzia Bonaria ist eine solche, die ihre "Aufgabe" nicht leichtfertig ausübt, sondern wohl überlegt handelt, was letztlich auch Maria akzeptiert.

Den schmalen Roman (170 Seiten) habe ich sehr gerne gelesen. Er läßt einen über Leben und Tod nachdenken. Das Sterben ist hier im täglichen Tun der Menschen verankert und wird nicht ausgeklammert und verdrängt. Der Roman wirkt noch lange nach. Hilfreich ist ein kurzes Glossar sardischer Wörter am Ende des Romans.

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Veröffentlicht am 18.03.2026

Ein Haus mit Geheimnissen

In ihrem Haus
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Die Niederländerin Isabel ist um die 30, unverheiratet und lebt zurückgezogen in einem Haus, das ihrem Onkel gehört und das irgendwann ihr Bruder Louis erben wird. Das Haus bedeutet Isabel alles, dort ...

Die Niederländerin Isabel ist um die 30, unverheiratet und lebt zurückgezogen in einem Haus, das ihrem Onkel gehört und das irgendwann ihr Bruder Louis erben wird. Das Haus bedeutet Isabel alles, dort hat sie bis zuletzt ihre Mutter gepflegt. Jetzt pflegt sie das Porzellan. Louis, ein rechter Schwerenöter, quartiert eines Tages seine aktuelle Freundin Eva im Haus ein, da er auf eine Geschäftsreise ins Ausland geht. Isabel fühlt sich durch Eva nicht nur gestört, sie fühlt sich in ihrer Existenz bedroht.

Die Handlung, die 1961 spielt, deutet schon früh an, um was es letztlich gehen wird, dennoch werden die Leserinnen überrascht. Die Handlung wird von den zwei Frauen bestimmt, die anderen Figuren bleiben recht blass. Das Buch hat daher etwas von einem Kammerspiel. Isabel ist ein höchst unsympathischer Charakter, mit dem die Leserinnen sich aber eine ganz Zeit plagen müssen, bevor die Geschichte richtig in Gang kommt. Eva hingegen scheint unter ihrer Naivität etwas zu verbergen. - Es gab Figurenbrüche, die für mich nicht ganz nachvollziehbar waren und die expliziten und ausführlichen Sexszenen hätte es nicht unbedingt gebraucht. Hier wäre Andeutung vielleicht mehr gewesen.

Mich hat die Geschichte vor allem wegen des historischen Hintergrundes beeindruckt. Die subtil eingebauten Andeutungen, das Geheimnisvolle, das sich durch die ersten beiden Teile der Handlung zieht und die kammerspielartige Wirkung, die im Haus durch Isabel und Eva vermittelt wird, machen den Reiz des Romans aus.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Chronologie eines literarischen Untergangs

Februar 33
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Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und ...

Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und Literatinnen verfolgt man gebannt, wie unverfroren die neuen Machthaber agierten und wie hilflos die Republik ihnen plötzlich gegenüberstand. Die Zeit vom 28. Januar bis 15. März 1933 wird in 35 Kapiteln beschrieben. Das Buch zeichnet detailreich und sehr lebendig die Schicksale bekannter Künstler und Künstlerinnen nach und zeigt, wie eng viele der Personen mit einander bekannt waren. Teilweise bestürzt liest man über das Handeln im Angesicht der sich anbahnenden - oft genug verkannten - katastrophalen Lage. Obwohl Wittstock von einem "Tatsachenbericht" (S. 8) spricht, liest dieser sich nie wie ein dröges Sachbuch. Für mich war es ein Lesen voller Emotionen. Flieht jemand aus Deutschland, um nur kurz den "Spuk" im Ausland auszusitzen, der ja nicht lange dauern kann, dann trifft einen das Kapitelende hart, wenn es z.B. heißt: "Doch er wird zwanzig Jahre brauchen, bis er nach Deutschland zurückkehrt." (S. 179) Andere werden nie wieder kommen.

Jedes Kapitel endet zudem mit einigen Sätzen über den allgemeinen Zustand im Land, der anhand einzelner Beispiele zeigt, wie Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vorgingen, überall kam es zu Zusammenstößen und Toten.

Eine umfangreiche Literaturliste, ein Personenregister und zahlreiche Fotos rundes das empfehlenswerte Buch ab. Es vermittelt auf lesenswerte und verständliche Weise ein Stück deutsche (Literatur-)Geschichte und zeigt, wie in wenigen Wochen aus einer Demokratie eine brutale Diktatur werden konnte.

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