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Veröffentlicht am 10.10.2021

Verwirrender Weg

Der Heimweg
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Jules, Ex-Mitarbeiter der Notrufzentrale, hat die Nachtschicht am Begleittelefon von einem Freund übernommen. In der Berliner Wohnung erreicht ihn der zufällige Anruf von Klara, die um ihr Leben fürchtet. ...

Jules, Ex-Mitarbeiter der Notrufzentrale, hat die Nachtschicht am Begleittelefon von einem Freund übernommen. In der Berliner Wohnung erreicht ihn der zufällige Anruf von Klara, die um ihr Leben fürchtet. Verfolgt von einem gewalttätigen Ehemann und einem Serienkiller flüchtet sie durch die Nacht - mit Jules am Telefon.

Die Geschichte, die größtenteils in einer einzigen Nacht spielt, wird abwechselnd aus der Sicht von Jules und Klara geschildert. Einschübe erzählen immer wieder Teile der Vorgeschichte, so dass sich für die Lesenden langsam ein Bild der Personen und Zusammenhänge ergibt. Die Charaktere bleiben etwas flach, allerdings stehen ausgefeilte Charaktere bei einem Thriller auch nicht an erster Stelle. So hat man die Figuren aber auch schnell wieder vergessen. Wie gewohnt hält Fitzek das hohe Erzähltempo durch kurze Kapitel und ständig neue Cliffhanger aufrecht. Dies lädt dazu ein, immer noch ein Kapitel mehr zu lesen. Somit werden Fitzek-Fans voll auf ihre Kosten kommen.

Obwohl das Begleittelefon (eine großartige Einrichtung, siehe dazu auch die Anmerkungen des Autors) durch den Roman sicherlich an Aufmerksamkeit gewonnen hat, war mir in diesem Thriller doch zu viel Gewalt gegen Frauen enthalten; das nahm gar kein Ende. Überraschende Wendungen hielten die Spannung lange aufrecht, aber das Ende war letztlich etwas wirr für mich. Da kam es dann doch ziemlich dicke und einiges war eher unglaubwürdig.

Insgesamt ein typischer Fitzek-Thriller, der die eingefleischten Fans begeistern wird. Ich habe das Buch rasch gelesen, aber für mich war "Der Heimweg" leider kein herausragendes Leseerlebnis, daher vergebe ich dreieinhalb Sterne.


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Veröffentlicht am 29.09.2021

Experimenteller Roman

Der Panzer des Hummers
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Drei erwachsene Geschwister leben ihr Leben. Die Eltern, Charlotte und Troels Gabels, sind bereits tot. An einigen aufeinander folgenden Tagen streifen wir das Leben dieser Personen und weiterer Charaktere ...

Drei erwachsene Geschwister leben ihr Leben. Die Eltern, Charlotte und Troels Gabels, sind bereits tot. An einigen aufeinander folgenden Tagen streifen wir das Leben dieser Personen und weiterer Charaktere aus ihrem Umfeld. Die Älteste, Ea, lebt in San Francisco zusammen mit ihrem Lebensgefährten und deren Tochter. Ea sucht Bee auf, die mit der verstorbenen Mutter der Geschwister Kontakt aufnehmen soll. Auch das Leben von Bee wird Teil der Geschichte. Sidsel, das mittlere Kind, lebt mit ihrer kleinen Tochter in Kopenhagen, ebenso wie das jüngste Kind der Gabels, der Lebenskünstler Niels.

Der Klappentext liest sich wie eine interessante Familiengeschichte, in deren Verlauf die Geschwister alte Konflikte überwinden und - wie der Titel sagt - aus ihrer alten Haut bzw. ihrem alten Panzer herauswachsen.

Der Roman entpuppt sich jedoch nicht als eine stringent erzählte Geschichte. Vielmehr gewährt uns die Autorin kleine, sehr detailreiche Einblicke in das Leben der Charaktere. In jedem Kapitel steht eine andere Person im Fokus. Bei der Fülle der Namen zu Beginn des Romans, war die dem Text vorangestellte Personenübersicht hilfreich. Die Szenen sind sehr eindrücklich geschrieben und interessant, brechen aber oft ab und wichtige Frage bleiben offen. Der Roman ist voll von Leerstellen. Eine klärende Begegnung der Geschwister bleibt aus, es gibt lediglich kleine Schnittpunkte.

Verstört hat mich, dass selbst die verstorbenen Eltern zu Wort kommen. In einer Art Zwischenwelt spielen die Szenen, in der Charlotte aus der Ich-Perspektive erzählt, für alle andere Charaktere wird die personale Erzählform gewählt. Auffällig oft wird das Thema "Mutterschaft" in all seinen Facetten gestreift. So spricht Loretta, eine Randfigur mit Sidsel über ihre Rolle als Mutter: "Die Kinder hatten mich förmlich invadiert. Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt gewesen war, vollkommen entfremdet von meinen alten Sitten und Gebräuchen ..." (S. 229)

Hinter diesen formellen und inhaltlichen Besonderheiten steckt System. Die Autorin hat ihrem Roman die "Carrier Bag Theory of Fiction" (1986) der US-Autorin Ursula K. Le Guin zu Grunde gelegt. In meinem Rezensionsexemplar gibt es am Ende des Buches KEIN Interview mit der Autorin, in anderen Exemplaren ist dies jedoch abgedruckt. Darin nimmt Minor auf diese Theorie Bezug, in der eben nicht ein Held im Zentrum einer Erzählung steht (der Einzelne jagt), sondern der kollektive Lebensunterhalt steht im Mittelpunkt. Nach dieser alternativen Theorie der menschenlichen Evolution waren Tragebeutel, in denen alles nach Hause gebracht wurde, wichtiger als die Waffe des Einzelnen. Diese vielen Dinge im Tragebeutel sind hier die vielen einzelnen Szenen und Personen, die alle ähnlich gewichtet sind. Es gibt keine Protagonistin. Soweit die (extrem vereinfachte) Theorie, wie ich sie verstanden habe. Wenn man diese Hintergrundinformation nicht hat, läßt einen der Roman mit noch mehr Fragezeichen zurück.

Die Autorin hat einen angenehmen, detailreichen Schreibstil, der sich gut lesen läßt und sie hat sehr individuelle Charaktere geschaffen, in deren Innenleben man tiefe Einblicke gewinnt. Allerdings wird der Lesefluss durch die szenische Darstellung gebrochen. Einige intime Beschreibungen (Magenwürmer) hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht und auch mit den Zwischenweltkapiteln konnte ich nicht so viel anfangen. Insgesamt hatte ich mir einen anderen Roman vorgestellt. Diese "alternative" Gestaltung eines Romans hat mir weniger Lesevergnügen bereitet. Dreieinhalb Sterne.

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Veröffentlicht am 25.09.2021

Wann kommt Irene zurück?

Der Duft des Regens
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"Sorgen waren in jede Nische rund um mein Herz gestopft wie Zeitungspapier in die Ritzen der Hüttenwand, und sie erdrückten die Leichtigkeit, die dort hätte sein sollen." (S. 10)

Die Geschichte der Familie ...

"Sorgen waren in jede Nische rund um mein Herz gestopft wie Zeitungspapier in die Ritzen der Hüttenwand, und sie erdrückten die Leichtigkeit, die dort hätte sein sollen." (S. 10)

Die Geschichte der Familie Dillon spielt Mitte der 1960er bis Mitte der 70er Jahre in British Columbia, Kanada. Maggie und ihre ein Jahr ältere Schwester Jenny leben dort mit ihren Eltern in bescheidenen Verhältnissen am Rande des Waldes. Alles könnte so schön sein, wenn Maggie sich nicht ständig um alles sorgen würde. Ungute Vorahnungen begleiten sie und es scheint, dass diese Vorahnungen das Unglück anziehen. Als die Familie das Haus nicht mehr halten kann, bringt Irene ihre Töchter zu Bekannten und fährt davon, um in einem Holzfällercamp als Köchin zu arbeiten. Die Briefe der Mutter werden seltener, bis sie ganz ausbleiben. Die Mädchen leben nun bei den Edwards. Jenny gewöhnt sich schnell ein, ist sogar glücklich. Maggie hingegen nicht. Ihre Freundschaft mit dem jungen Vern, einem indigenen Jungen gibt ihr Halt. Aber es bleibt die Frage, warum Irene nicht wiederkommt.

Die Handlung wird von Maggie in der Ich-Perspektive erzählt. Dinge, die sie nicht weiß, werden durch lange Briefe oder Erzählungen anderer eingefügt. Das ist gelegentlich etwas langatmig. Im Roman kommen auffällig häufig Träume und Tagträume vor. Nicht immer war mir klar, warum diese erzählt werden. Die Geschichte der Dillons spielt in einem Gebiet, das auch heute noch zu großen Teilen von der indigenen Bevölkerung bewohnt wird. Sie spielen im Roman eine wichtige Rolle, einige Träume, Legenden und Vorahnungen hängen damit zusammen, aber nicht alles läßt sich dadurch erklären.

Insgesamt läßt sich die Geschichte aber gut lesen. Ganz stark finde ich die Beschreibungen, denn Maggie ist eine genaue Beobachterin: Das Haus der Dillons, der Wald und wie dort Maggie mit ihrem Vater einen Unterschlupf baut, der Wechsel der Jahreszeiten, die Szenen mit Vern etc. Dadurch wird viel Atmosphäre geschaffen.

Frauen dominieren die Handlung, neben Maggie, Jenny und ihrer Mutter gibt es Mrs. Edwards und die unabhängigen Figuren Rita und Agnes sowie die geheimnisvolle Chiwid. Die Männer (Patrick, Ted, John) begleiten die Handlung nur ein Stück, lediglich Vern und sein Onkel Leslie sind präsenter.

Ein Manko des Romans ist das Dahinplätschern der Handlung. Die Ereignisse reihen sich aneinander, ohne dass wirklich Spannung aufgebaut wird. Auch das Ende wirkt relativ emotionslos. Der Klappentext läßt vermuten, dass ein Großteil der Handlung der Suche nach Irene gewidmet ist, das stimmt so nicht. Irene gibt die Mädchen (zu dem Zeitpunkt elf und zwölf Jahre) bei den Edwards nach ca. 100 Seiten ab. Maggie macht sich mit 14 Jahren (ab ca. Seite 260) auf die Suche, welche die letzten 100 Seiten des Romans einnimmt. (Hier wird nicht gespoilert, steht soweit auch alles im Klappentext.)

Insgesamt hat mich das Buch nicht völlig überzeugt. Es ist eine interessante, aber auch teilweise verwirrende Geschichte, die wunderschöne Szenen enthält. Allerdings vermisse ich einen Spannungsbogen und dann fehlt mir auch eine "Aussage". Was will uns die Autorin sagen? Leider verleiten Cover und Titel nicht unbedingt zum Spontankauf. Der Originaltitel "Shelter", also Schutz, passt viel besser. Er kann sich auf die Unterstände im Wald beziehen, die Maggie mit ihrem Vater und Vern baut, auf das Haus, das die Familie verlassen muss und schließlich auf die Familie selbst. Wer eine interessante Familiengeschichte, verwoben mit der indigenen Welt Kanadas lesen möchte, denen sei dieser Roman empfohlen. Ich vergebe dreieinhalb Sterne.

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Veröffentlicht am 15.09.2021

Komödie und Drama in einem

Barbara stirbt nicht
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Die wohl geordnete Welt von Walter Schmidt steht Kopf, denn eines Morgens gibt es keinen Kaffee. Seine Frau Barbara liegt im Bad, umgefallen - einfach so. Er verfrachtet sie zurück ins Bett und muss sich ...

Die wohl geordnete Welt von Walter Schmidt steht Kopf, denn eines Morgens gibt es keinen Kaffee. Seine Frau Barbara liegt im Bad, umgefallen - einfach so. Er verfrachtet sie zurück ins Bett und muss sich allein um den Kaffee kümmern. Eine Herkulesaufgabe, wenn man nicht mal weiß, wo der Kaffee steht. Das ist aber erst der Beginn eines häuslichen Dramas ungeahnten Ausmaßes, denn Barbara steht auch zum Mittagessen nicht auf.

Herr Schmidt ist der wahr gewordene Alptraum eines miesepetrigen, pedantischen und rechthaberischen Rentners. Ein Unsympath, der seinesgleichen sucht! Dabei sind die Dialoge und seine Gedanken in ihrer Ernsthaftigkeit (und häufigen Kürze) einfach irre komisch. Es kommt zudem zu den verrücktesten Szenarien: Wie er z.B. als Fremdkörper in der Küche hantiert und sich das für den Schäferhund Helmut reservierte Hackfleisch mit diesem teilt - einfach groß.
Was zunächst wie "Szenen einer Ehe" aus der Feder von Loriot daherkommt, entwickelt sich ganz langsam, Stückchen für Stückchen zum Porträt eines Mannes, der sich immer mehr seiner selbst, seiner Umwelt und auch seiner Fehler bewußt wird. Alina Bronsky macht das meiner Meinung nach ganz hervorragend, denn die Geschichte wird nur aus der Perspektive von Herrn Schmidt erzählt. Was er nicht sehen will, gibt es auch nicht. Durch die Begegnungen und Gespräche mit anderen Personen und Walters eigene Gedanken erfahren die Leser*innen immer mehr über ihn und Barbara, über ihre Vergangenheit und ihre Ehe. Die Charaktere nehmen langsam Gestalt an. Herr Schmidt, anderen gegenüber höchst unsensibel, wird zwar nicht unbedingt sympathischer, ich bin ihm aber mit etwas mehr Verständnis begegnet.
Das Buch ist mit 256 Seiten recht schnell gelesen, auch wegen der flotten Schreibe. Die teils bitterbösen Kommentare von Herrn Schmidt, die absurden Situationen und die immer neuen, winzigen, manchmal nur angedeuteten Details aus seinem Leben, machen das Buch zu einem Lesevergnügen, das aber auch nachdenklich stimmt. Die Andeutungen lassen Platz für eigene Interpretationen.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil die eigentliche Geschichte unterschwellig erzählt wird. Es ist irre komisch, stimmt nachdenklich und macht auch traurig. Das Ende ist vielleicht etwas dicke, aber Herr Schmidt ist ja auch ein extremer Charakter. Das leuchtend gelbe Cover des Buches ist nicht zu übersehen und der übervolle Kaffeefilter paßt perfekt. Nach "Baba Dunjas letzter Liebe" habe ich auch "Barbara stirbt nicht" sehr gerne gelesen. Fünf Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die "Besser geht's nicht" mit Jack Nicholson gerne gesehen haben.

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Veröffentlicht am 14.09.2021

Alkohol, Armut und Arbeitslosigkeit im Glasgow der 80er Jahre

Shuggie Bain
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Die vielen begeisterten Rezensionen hatten mich neugierig gemacht, auf diesen Shuggie Bain und sein Leben im schottischen Glasgow der 80er Jahre. Shuggie tritt jedoch in der ersten Hälfte des Romans eher ...

Die vielen begeisterten Rezensionen hatten mich neugierig gemacht, auf diesen Shuggie Bain und sein Leben im schottischen Glasgow der 80er Jahre. Shuggie tritt jedoch in der ersten Hälfte des Romans eher in den Hintergrund, denn den Vordergrund nimmt seine Mutter Agnes ein; Typ Liz Taylor und ebenso dem Alkohol zugetan. Elegant, immer gut angezogen, geschminkt und mit erhobenem Kopf unterwegs. Zunächst wohnt die fünfköpfige Familie noch in einer Wohnung zusammen mit Agnes' Eltern, um später nach Pithead überzusiedeln. Doch die erhoffte Verbesserung der Lebensumstände tritt nicht ein. Dort beziehen sie eine Sozialwohnung und leben nun inmitten von Kohlenstaub, geschlossenen Minen und verwahrlosten und ebenfalls trinkenden Menschen. Agnes' Alkoholsucht überschattet das Leben der ganzen Familie und bestimmt den kompletten Alltag. Shuggie übernimmt daher immer mehr Verantwortung und versucht, seine Mutter vor sich selbst und dem Alkohol zu retten. Zusätzlich wird er immer öfter gehänselt und attackiert, da er sich einfach nicht wie ein "richtiger" Junge verhält, so geht oder spricht. Kleine Momente des Glücks und inniger Zweisamkeit lassen ihn die Sorgen nur kurzzeitig vergessen, denn Agnes denkt immer nur an den nächsten Drink.

Mich hat das Buch erschüttert. Die 80er Jahre waren auch meine Jugendzeit, aber was zeitgleich in Pithead und sicherlich nicht nur dort für Lebensumstände geherrscht haben, hätte ich mir nie vorstellen können. Der Roman schildert schonungslos, was Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol aus Menschen machen können. Gewalt in jeder Form gegen Frauen und Kinder und das zieht sich durch den gesamten Roman. Es gibt kaum Verschnaufpausen, immer kommt es noch schlimmer. Deshalb sehe ich hier eher eine Sozialstudie, in der detailliert das Elend geschildert wird, auch für mein Empfinden mit Distanz. Selbstverständlich habe ich mit Shuggie mitgelitten, wenn er sich z.B. einnässt, weil seine Mutter wider Erwarten sturzbetrunken nach Hause kommt oder wenn er vor Hunger nicht in den Schlaf kommt, weil seine Mutter vom Kindergeld Bier kauf, er die Schule schwänzt, weil er aufpassen müssen, dass die Nachbarinnen nicht mit Alkohol anrücken oder Männer mit eindeutigen Interessen. Dennoch kommt mir seine Innensicht zu kurz, es gibt nur kleine Szenen, in denen er seine Gedanken teilt. Der vorherrschende Schreibstil ist beschreibend und beobachtend. Wir begleiten Shuggie und Agnes über einen Zeitraum vom zehn Jahren und sehen wie aus dem 5-Jährigen ein Jugendlicher wird. Die Kapitel sind sehr szenisch. Es gibt oft ein zentrales Ereignis oder eine Entwicklung und dann sind im nächsten Kapitel schon Monate, manchmal Jahre vergangen und ein neues Ereignis steht im Fokus.

Eine große Herausforderung für die Übersetzerin war der Arbeiterslang, der eine wichtige Rolle spielt, weil Agnes und Shuggie sich durch ihre gehobenere Aussprache von den anderen abheben. Zunächst klang dieser Slang künstlich für mich, irgendwie zusammengewürfelt, das hat mich sehr gestört. Später hat sich das gelegt, da bin ich nur noch an einzelnen Wörtern hängengeblieben.

Ingesamt läßt mich das Buch zwiegespalten zurück. Es ist eine großartige Sozialstudie über eine düstere Zeit an einem düsteren Ort. Ich habe schrecklich mitgelitten, aber ich hätte das Buch nicht lesen müssen. Ich kann es auch nicht uneingeschränkt empfehlen, es zieht die Leser*innen wirklich runter. Wie auf dem Klappentext das Zitat stehen kann, "dass man abwechseln in Tränen ausbricht oder von Lachkrämpfen überwältigt wird", kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Zu lachen hatte in dem Buch niemand etwas. Ich vergebe vier Sterne für den Kampf eines kleinen Jungen gegen die Alkoholsucht seiner Mutter.

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