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Veröffentlicht am 15.09.2016

Der Junge, der seinen Weg macht

Der Junge, der Träume schenkte
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Christmas ist die jugendliche Hauptfigur in Luca Di Fulvios Roman „Der Junge, der Träume schenkte“. Als Kleinkind kommt er nach Amerika und wächst an der Lower East Side auf. Di Fulvio versetzt seine Leser ...

Christmas ist die jugendliche Hauptfigur in Luca Di Fulvios Roman „Der Junge, der Träume schenkte“. Als Kleinkind kommt er nach Amerika und wächst an der Lower East Side auf. Di Fulvio versetzt seine Leser und Zuhörer in die 1920er Jahre der Gangster, Kleinganoven und Armut.

Christmas schummelt sich so durchs leben. Christmas gehört zu denen, die hoch spekulieren, ohne überhaupt etwas in Händen zu haben, geschweige denn in der Hinterhand. Das macht ihn sympathisch. So wird er zum Leiter einer gefürchteten Gang, ohne sich seine Hände schmutzig zu machen und gründet ein Untergrundradio, das zunächst einmal von den Pseudo-Gangstergeschichten lebt.

Parallel zum Gangsterdasein von Christmas wird die Geschichte von Ruth erzählt, der Christmas nach einer Vergewaltigung hilft und in die er sich verliebt. Doch zunächst verliert er sie aus den Augen. Ruth macht hingegen als Fotografin in Los Angeles Karriere…

Spätestens ab der Hälfte des Hörbuchs ist die Handlung sehr vorhersehbar. Ich empfand das nicht als sehr schlimm, weil man doch von Christmas‘ Schlitzohrigkeit gut unterhalten wird. Ein starker Kontrast zu den eher humorvollen Anteilen des Dramas bilden die vielen Gewaltszenen, die sehr ausführlich und sehr ekelerregend geschildert sind. Es mag sein, dass die Radikalität der Beschreibung nötig war, um den Kontrast zur ansonsten vorherrschenden Leichtigkeit des Buches herzustellen – mir war es etwas zu viel. Im Vergleich zur ansonsten lockerflockig daherkommenden Geschichte kamen mir diese Gewaltszenen wie ein Fremdkörper vor.

Ein wenig irritierend ist die Angabe „bearbeitete Fassung “ auf der Hülle der CDs. Ist es doch nicht bearbeitet, sondern schlichtweg deutlich gekürzt. Das Buch hat fast 800 Seiten, vieles ist also in der Hörbuchfassung weggelassen.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Keine auserzählte Geschichte

Die Geschichte des Klangs
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Ben Shattuck kann erzählen. Keine Frage. Schade, dass er das in „Die Geschichte des Klangs“ nicht tut. In diesem Band sind letztlich nur zwei kurze Erzählungen zu finden, inhaltlich miteinander verknüpft. ...

Ben Shattuck kann erzählen. Keine Frage. Schade, dass er das in „Die Geschichte des Klangs“ nicht tut. In diesem Band sind letztlich nur zwei kurze Erzählungen zu finden, inhaltlich miteinander verknüpft. 100 Seiten mit doppeltem Zeilenabstand – das macht nicht viel her. Und leider muss man sagen: von der Geschichte des Klangs erfährt man auch nicht viel.

Kunstvoll angelegt ist die Handlung: Wir sind einmal im Jahr 1916, Lionel und David lernen sich kennen – und dann sind wir im Jahr 1984, von wo aus sich Lionel an die Zeit um 1916 erinnert. Es ist eine Liebesgeschichte, die mehr andeutet als dass „jener Sommer mit David“ erzählt wird. Und ja, dabei spielt der Klang, genauer gesagt: Lieder, eine Rolle. Denn die beiden sammeln Volkslieder, wie einst die Gebrüder Grimm Märchen sammelten, indem sie von Ort zu Ort ziehen. Aufgenommen werden die Lieder dann auf Wachswalzen für Phonographen.

Parallel dazu wird noch die Geschichte erzählt, wie eine Frau im neu erworbenen Haus diese Wachswalzen findet und dann Lionel zusendet. Dass auch die Beziehung zu ihrem Mann thematisiert wird, irritiert eher, es wirkt wie ein Nebenschauplatz, der kurz angespielt wird.

Letztlich ist in „Die Geschichte des Klangs“ nichts wirklich auserzählt. Die Liebesgeschichte bleibt undeutlich, die Bedeutung der Musik für Lionel und David nur bedingt in Blick auf das Liedersammeln ausgeführt, und erst recht ist keine Geschichte des Klangs erkennbar.

So bleibt „Die Geschichte des Klangs“ trotz ansprechender Szenen eine Enttäuschung.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Journalismus-Roman

Der Einfluss der Fasane
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Antje Rávik Strubel präsentiert in ihrem Roman „Der Einfluss der Fasane“ die Journalistin Hella Karl als Hauptfigur. Die hat einen Zeitungsartikel geschrieben. Über einen gefeierten Berliner Theater-Intendanten. ...

Antje Rávik Strubel präsentiert in ihrem Roman „Der Einfluss der Fasane“ die Journalistin Hella Karl als Hauptfigur. Die hat einen Zeitungsartikel geschrieben. Über einen gefeierten Berliner Theater-Intendanten. Und hat eben diesen sexueller Übergriffe auf Frauen beschuldigt. Eine Frau soll er zur Abtreibung gedrängt haben.

Doch als dieser kurz nach Erscheinen des Artikels sich selbst tötet, bricht über Hella Karl ein Shitstorm aus. Immer mehr gerät ihr bisheriges Leben aus den Fugen. Ob die Vorwürfe gegenüber dem Theater-Intendanten korrekt sind, ist nur noch am Rand Thema, vielmehr geht es um Hella Karls Karriere und den Umgang mit den Vorwürfen gegen sie selbst.

Hella Karl geht zunächst professionell mit den Vorwürfen um – so professionell, wie es beim Boulevard-Journalismus eben sein kann. Das heißt: Sie macht die Witwe ausfindig, nimmt Kontakt auf – will ein Interview mit ihr. Sicherlich nicht nur, um sich selbst reinzuwaschen, sondern auch um einen Knaller zu bringen.

Der Roman beginnt direkt mit der Todesnachricht – und Hella Karls Interesse daran. Erst nach und nach erfährt man, was alles dahinter steckt – und Hella Karl wird einem von Mal zu Mal unsympathischer. Und das nicht – oder nicht nur -, weil Hella Karl selbst Schuld an dem Tod des Theaterintendanten haben könnte, sondern weil die Journalistin sich immer mehr als Karrieristin entpuppt, die kaum Grenzen kennt. Ihre Hybris ist enorm. Sie selbst feiert sich als Sprachkünstlerin – immer auf der Suche nach den richtigen Worten für ihre Artikel. Dass sie suspendiert wird, kann sie kaum aufhalten.

Bass erstaunt ist man dann aber, wenn eben jene sich selbst feiernde Journalistin beim Empfang der Bundeskanzlerin einen Wortschwall von sich gibt, für den die Bezeichnung albern noch viel zu hoch gegriffen ist. Überhaupt dieser Empfang: Braucht man einen Beweis, dass Antje Ravik Strubels Roman literarisch wenig ambitioniert ist, so bietet sich zuallererst diese Szene an.

Man kann sicher nicht so weit gehen wie Sigrid Löffler, die in ihrer Rezension in der Süddeutschen Zeitung Strubel einen literarischen Tiefpunkt (genauer: Nullpunkt) attestiert. Allerdings ist Hella Karl als Hauptfigur so selbstverliebt und egozentrisch, dass es kaum möglich ist, ihr irgendetwas abzugewinnen, egal wie ungerechtfertigt die Vorwürfe gegen sie sein könnten. Und damit verliert man das Interesse daran, ob Hella Karls sich aus dem Tief wieder selbst herausziehen kann, ob die Beziehung mit ihrem Mann das überlebt.

Da ist es nicht verkehrt, sich einfach das Hörbuch anzuschaffen, um im Parlando-Stil den tiefen Fall der Hella Karl mitzuerleben.

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Veröffentlicht am 14.02.2024

Ein Buch mit deutlichen Schwächen

Krummes Holz
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Eine düstere Atmosphäre herrscht in Julja Linhofs Debutroman "Krummes Holz".

Nach fast sechs Jahren kehrt Jirka zurück zu seinem Elternhaus, einem Hof in Westfalen. Mit 14 wurde er aufs Internat geschickt, ...

Eine düstere Atmosphäre herrscht in Julja Linhofs Debutroman "Krummes Holz".

Nach fast sechs Jahren kehrt Jirka zurück zu seinem Elternhaus, einem Hof in Westfalen. Mit 14 wurde er aufs Internat geschickt, mit 19 Jahren betritt er zum ersten Mal wieder das elterliche Anwesen. Aufgenommen wird er alles andere als freundlich. Es herrscht eine kühle, beklemmende Atmosphäre auf dem Hof. Bald wird klar, dass Jirka auf dem Hof Schlimmes erlebt haben muss.

Das impressionistisch wirkende Titelbild des Romans verweist auf den Schreibstil der Schriftstellerin. Es geht ihr um die inneren Gefühle, nicht um eine spannungsgeladene Handlung.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mit diesem Roman hadere. Es passiert einfach nichts. Es gibt gerade am Anfang sehr viele Andeutungen, aber sie bleiben vage, unklar - und das ändert sich bis zum Schluss des Buches auch kaum. So sorgen all die Anspielungen auf in der Vergangenheit Geschehenes eben gerade nicht für Spannung, sondern sind eher nervig und machen das Lesen etwas mühsam. Auch dass der Vater nicht anwesend ist und seine Abwesenheit auch gar nicht diskutiert wird, macht das Buch nicht spannender. Auch die Frage nach der Zukunft des Bauernhofs - Malene würde ihn übernehmen, das will aber Vater Georg nicht - ist kein Spannungsthema.

Auf der anderen Seite gefällt mir an dem Buch sehr, wie die Figuren charakterisiert sind. Sie sind nicht schwarz-weiß gemalt, sondern mehrdimensional. Vor allem Jirka, die Hauptperson, ist in sich zutiefst widersprüchlich, agiert ambivalent. Aber auch seine Schwester Malene und Leander, der bereits in Jirkas Jugend auf dem Hof ausgeholfen hat, sind äußerst kantig dargestellt. Aus meiner Sicht ein absolutes Qualitätsmerkmal für ein Buch.

Dass Jirka in seiner Jugend eine "Erschütterung" erlebt hat, wird nach und nach deutlich. Noch immer hat er Albträume davon. Allerdings rächt sich hier aus meiner Sicht die personale Erzählperspektive. Da alles aus der Sicht von Jirka beschrieben ist, wirkt die rückblickende Beschreibung des traumatischen Erlebnisses in ihrer bruchstückhaften Beschreibung gerade nicht so schrecklich, wie sie wohl war. Da sich Jirka nicht wirklich auf seine Vergangenheit einlassen kann, auf das, was zwischen ihm und einem Fremdarbeiter geschehen ist, kann auch deren Beschreibung nicht umfassend sein. Das ist umso bedauerlicher, da ein personaler Ich-Erzähler ja eigentlich den Blick in sein Inneres viel mehr öffnen könnte.

Gefallen wiederum hat mir, dass das Thema der Homosexualität sehr feinsinnig und vielschichtig angegangen ist. Neugier, Ekel, Anziehungskraft, Vertrauen, sich aufeinander einlassen, ein verspätetes Coming-out: all das spielt eine Rolle in Linhofs Roman. Dazu kommt, dass Jirka sich auch verstärkt mit seinen Zeichnungen auszudrücken versucht.

So gar nicht überzeugt hat mich der Schluss des Romans. Viel zu vieles bleibt offen, und der Umgang mit dem Vater ist nicht nachvollziehbar.

Sprachlich hat mich der Roman nicht ganz überzeugt. Einerseits gibt es vieles, was sehr anschaulich und ansprechend beschrieben ist. Aber es gibt doch einige sprachliche Bilder, die sehr überbordend sind, wenn Jirka etwa "in Leanders Körper einfallen" will oder wenn Jirka weint. Da weint er nicht einfach nur, sondern weint "trübweißes Wasser in den zerfasernden Spülschaum". Unverständlich wird es, wenn die Finger des Vaters sich aus dem Dickicht der Kindheit und Jugend "häkeln"  wie auch das zusammengewachsene Innere Jirkas mit einem offenen Spalt in der Mitte, durch den es pfeift und zieht.

Immerhin: am Ende des Romans beginnen Jirka, Malene und Leander tatsächlich miteinander zu reden, statt einen Eiertanz aufzuführen. Retten kann das die Schwächen des Buches aber nicht.

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Veröffentlicht am 26.10.2022

Anstrengende Frau, anstrengendes Buch

Euphorie
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Eine Frau voller Stimmungsschwankungen, die an ihrem Leben zerbricht: Elin Cullhed hat mit "Euphorie" einen Sylvia-Platz-Roman geschrieben, der vom Leser einiges abverlangt. 

Geprägt von Stimmungsschwankungen, ...

Eine Frau voller Stimmungsschwankungen, die an ihrem Leben zerbricht: Elin Cullhed hat mit "Euphorie" einen Sylvia-Platz-Roman geschrieben, der vom Leser einiges abverlangt. 

Geprägt von Stimmungsschwankungen, geplagt von Neid und Missgunst: So präsentiert Elin Cullhed ihre Protagonistin Sylvia Plath. Mit ihrem Mann, Ted Hughes, will sie sich auf dem Land einrichten, während sie auf ihr zweites Kind warten. Egoistisch und narzisstisch ist Sylvia Plath dargestellt. Alles dreht sich um sie, ihren Mann betrachtet sie wie ein Besitztum. Er soll nach ihrer Pfeife tanzen. 

Ihre instabile Seelenlage wird im Laufe des Buches rauf- und runtergeleiert, immer wieder aufs Neue präsentiert, sodass man von dieser Sylvia Plath als Leser ziemlich schnell die Schnauze voll hat. Und das, obwohl der ganze Roman aus ihrer Sicht erzählt wird. Schon nach den ersten Seiten weiß man als Leser, dass Sylvia, wenn sie einmal glücklich oder fröhlich zu sein scheint, nur wenige Zeilen braucht, bis sich ihre Stimmung wieder ins Gegenteil verkehrt. Leute, die sie zum Essen einlädt, findet sie kurz darauf unmöglich. Jede Freundlichkeit scheint sie bald wieder zu bedauern. Ted Hughes, ihr Mann, kann einem nur Leid tun - und das, obwohl er es ist, der sie und die Kinder schließlich Hals über Kopf verlässt. 

Schade ist, dass alles, was nur mit Sylvia selbst zu tun hat, wo niemand anderes involviert ist, im Roman kaum eine Rolle spielt. Die Geburt selbst: eine Nebensächlichkeit, das Schreiben: nur dann erwähnenswert, wenn sie nicht dazu kommt, weil sie sich um die Kinder kümmern muss. So ergießt sich das Buch in langen Strecken in Wiederholungen der immergleichen Verhaltensmuster, Elin Cullhed geht es um die Person Sylvia Plath, nicht um ihr Werk. 

Die Sylvia Plath dieses Romans ist - wie sie es wohl auch im wirklichen Leben war - eine anstrengende Frau, gut verpackt in einem anstrengenden Buch. Elin Cullhed hat mit "Euphorie" ein sprachlich eindrucksvolles Werk geschrieben. Freilich: ein Lesegenuss ist es nicht. 

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