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Veröffentlicht am 05.06.2025

Realitätsnah, bewegend und spannend

Lavender House
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»Es gibt kein homosexuelles Problem außer dem, das von einer heterosexuellen Gesellschaft geschaffen wurde«

Lev AC Rosen führt uns in klaren Worten durch ihre Geschichte, lässt uns an den Missständen ...

»Es gibt kein homosexuelles Problem außer dem, das von einer heterosexuellen Gesellschaft geschaffen wurde«

Lev AC Rosen führt uns in klaren Worten durch ihre Geschichte, lässt uns an den Missständen der Gesellschaft, an Homophobie und den notwendigen Versteckspielen teilhaben, schafft allein dadurch eine beklemmende Atmosphäre, eine dichte Storyline, die bewegt, und Mitgefühl für jene Menschen entfacht, denen „damals“ mit Hass und Abneigung begegnet wurde. Die eingesperrt, ausgeschlossen, verachtet wurden, weil sie liebten, wen sie liebten. Dass es noch immer Teile in der Welt gibt, in denen die Sexualität verurteilt, vorgeschrieben, verfolgt wird, in denen noch immer Vorurteile herrschen, holt diesen Roman, trotz des Settings der 1950er, auch in die Gegenwart.

Nachdem das streng gehütete Geheimnis von Polizeiinspektor Evander Mills enthüllt, er aus dem Dienst entlassen und gesellschaftlich diffamiert wurde, nun perspektiv- und chancenlos, sieht er nur noch wenig Sinn im Leben. Als sich eine wohlhabende Frau zu ihm an die Bar gesellt und ihm ein mysteriöses Angebot macht, mit kryptischen Worten Neugier entfacht, ist er gewillt, seine Pläne aufzuschieben.
Mills kann sein Erstaunen nur schwerlich verbergen, als ihn Pearl Velez an einen Ort bringt, an dem die Menschen teilen, was der Cop so viele Jahre verbarg. Im „Lavender House“ wohnt eine queere Wahlfamilie, größtenteils abgeschottet und auf Vorsicht bedacht, doch zumindest privilegiert genug, um in den eigenen Mauern frei und unverstellt zu sein. Wäre da nicht der Todesfall, wegen dem der Anfang-Dreißiger überhaupt hier ist …
Könnte eine oder einer der „Eingeweihten“ den Kopf des erfolgreichen Seifen-Imperiums ausgeschaltet haben? Und wenn ja: warum? Oder war es nur ein unglücklicher Unfall, der Irene Lamontaine das Leben kostete?
Je mehr „Andy“ in die Familienbande eintaucht, sich in den öfter nicht eindeutigen Dynamiken verliert, Teil von subtilen Sticheleien, leisen Konflikten und schwelender Uneinigkeit wird, Vorteile sowie Gram des Einzelnen ergründet, umso schwieriger ist es für den ehemaligen, nicht schuldfreien Polizisten, etwaige Motive und den wahren Kern der BewohnerInnen herauszufiltern. Denn wie auch er selbst haben es diese Menschen perfektioniert, sich zu verstellen, eine Nuance ihrer selbst zu verbergen, sich anzupassen …

Wir verfolgen die Ermittlungen durch Evander Mills’ Augen. Lernen die Lamontaines, ihr Personal und die pompösen Räumlichkeiten kennen und werden durch ungeahnte Schwierigkeiten, übersehene Beweise; durch vorgetäuschtes Lachen und etliche Fragen mitten hinein in die unterhaltsame, nachdenklich stimmende, bewegende Story gezogen. Dass einige der hier flanierenden Personen weder von Pearls Plan, einen Außenstehenden in eine derart heikle Sache miteinzubeziehen, begeistert sind, noch davon, dass es sich bei diesen um einen Mann handelt, der durch Wegsehen selbst Täter war, lässt die Verdächtigen öfter reserviert und unnahbar erscheinen. Lev AC Rosen schenkt uns Einblicke in die harten Lebensumstände der Figuren, in ihre persönlichen Geschichten und Beziehungen, gibt uns einen Eindruck der gesellschaftlichen Abscheu und der drohenden Konsequenzen – malt Bilder, die schwer schlucken lassen.
Es war spannend, den Beweisen nachzugehen, mitzurätseln und Puzzleteile zusammenzusetzen – wenn mir auch die eine oder andere „Eingebung“ zu plötzlich kam und es der Ermittlungsarbeit insgesamt an Raffinesse fehlte, kann ich diesen queeren Roman, der Missstände thematisiert und realistisch darlegt, von herzerwärmender Found-Family, dem Risiko der Liebe und dem Mut, zu sich selbst zu stehen, erzählt, einfach nur empfehlen!

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Mystisch, tragisch, romantisch

A Tale of Foxes and Moons
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Aiko ist eine Medizinstudentin, die kurz vor ihrem Examen steht – doch statt Prüfungsstress und Versagensängste quälen die junge Frau des Nachts Alpträume, die von ihren vergangenen Toden erzählen, und ...

Aiko ist eine Medizinstudentin, die kurz vor ihrem Examen steht – doch statt Prüfungsstress und Versagensängste quälen die junge Frau des Nachts Alpträume, die von ihren vergangenen Toden erzählen, und am Tag die Angst, ihrem Mörder zu begegnen. Denn der Schicksalsfluch führt die Wege des Mondgottes Tsukuyomi und der Fuchsgöttin Inari in jedem Leben zusammen … Als plötzlich die Kodamas sterben, jene Naturgeister, die eine Reinkarnation gewährleisten, sorgt sich Aiko weniger um ihre Wiedergeburt als um ihren Vater – um einen anderen Kodama finden zu können, muss sie mit Chiaki, der mehr ist als ein akademischer Rivale, zusammenarbeiten. Doch je näher sich die beiden kommen, umso besser sie einander kennenlernen, desto weiter rücken Vorsicht und Feindschaft in den Hintergrund … Rebecca Humpert führt uns durch Aikos Augen in einem klaren, bildhaften und verständlichen Ton durch die Geschichte, was vor allem die Protagonistin zugänglich werden lässt – Inaris Reinkarnation ist intelligent, trotz einer zurückhaltenden und unsicheren Art schlagfertig, mutig und selbstlos. Wir bekommen ausreichend Hintergrundinformationen über den Fluch, dessen Wirkung sowie mythologische und fantastische Aspekte, was mich selbst in den langatmigen Abschnitten an die Handlung fesselte. Denn hier und da fehlte es mir an Schwung und Vorankommen, wirkte es mehrfach, als verlöre das eigentliche Ziel an Bedeutung. Dass Japan und Mythologie nicht nur einen Rahmen bilden, sondern fest im Verlauf verankert sind, sich durch kleine wie große Details, durch Begriffe und Konventionen bemerkbar machen, verleiht dem Roman meiner Meinung nach jedoch etwas ganz Besonderes. Ich konnte mich gänzlich in das Geschehen fallen lassen, fieberte und hoffte mit, spürte den Zeitdruck, die Vorsicht. Chiaki ist ein relevanter, aufmerksamer Part, der mir von Kapitel zu Kapitel mehr ans Herz wuchs. Wer einen Bad-Boy sucht, wird hier nicht fündig, doch einen Mann fürs Herz, den gibt es. Sowohl seine Erfahrungen und Intentionen als auch die der Fuchsgöttin geben den Wiedergeburten und der Geschichte selbst Tiefe. Der eine oder andere, nicht durchschaubare Nebencharakter, Aikos Visionen sowie die Suche nach Artefakten aus urbanen (Horror-)Legenden sind, in Kombination mit all dem, was – und wen – Aiko und Chiaki aufdecken, Abwechslung und unterschwelliger Spannung zuträglich. Auch die prickelnde, romantische Dynamik, in der Aufregung und Unsicherheit, Humor, Respekt und Verständnis nicht zu kurz kommen, wurde greifbar und slow, nicht ohne brodelnde, ergreifende Gefühle inszeniert. Lediglich die expliziten Szenen fand ich in Anbetracht des traditionellen, authentischen Settings und der gegenwärtigen Gefahr schlicht unpassend und irrelevant. In den letzten Kapiteln fügen sich Puzzleteile, deren Fehlen man gar nicht wahrgenommen hat, stimmig in die dramatische Story. Wahrheiten, so unfassbare, drängen an die Oberfläche, dass auch die LeserInnen zum Innehalten und Verarbeiten gedrängt werden … „A Tale of Foxes and Moons“ ist reich an Wendungen, berührenden Empfindungen und leisen Emotionen, an Verlust und Geheimnissen, deren Offenlegung schmerzt. An Schicksalen, aus denen es kein Entkommen gibt, und an einer Liebe, die nicht sein sollte. Nicht heute. Für mich hat Humpert mit dieser mystischen Geschichte und ihren starken, mutigen Figuren etwas wirklich Wunderbares, Überraschendes geschaffen.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Erkenntnisreicher Mittelteil

Midnight Circus - Requiem of Memories
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„Wir hatten uns in meinen Träumen so oft geküsst, aber das hier war anders. Tiefer. Sehnsüchtiger. Wie eine wortlose Liebeserklärung unserer Lippen.“

Die Handlung setzt nahtlos am Ende des Auftakts an, ...

„Wir hatten uns in meinen Träumen so oft geküsst, aber das hier war anders. Tiefer. Sehnsüchtiger. Wie eine wortlose Liebeserklärung unserer Lippen.“

Die Handlung setzt nahtlos am Ende des Auftakts an, sodass wir im eiskalten Regen mit Néeira zittern, auf unseren Schultern Zweifel und Schuld.
Von Vangelis getäuscht, hat sie Morpheus verraten und einem Schicksal überlassen, das den Tod bringt – wenn die Tänzerin ihren Fehler nicht schnell korrigiert … Doch wie, ohne Erinnerungen und die Kontrolle über Kräfte, die sich immer deutlicher manifestieren?
Gemeinsam mit Wyro geht sie den kryptischen Hinweisen des Erben des Dragonis-Clans nach, bekommt ebenso viele neue Fragen, wie sie Antworten findet. Die Zeit läuft. Nicht nur für Morpheus, sondern auch für die Welt der Träume und jene der Menschen.

In dem zweiten Band ihrer „Midnight-Circus“-Serie pocht Pfeiffer auf einen temporeichen Plot. Es schien, als würden sich ein Ereignis, eine neue Offenbarung, das nächste Unglück aneinanderreihen, und nur wenig Raum zum Ankommen, Begreifen, Durchatmen lassen. Zwar gab es dadurch keinen Stillstand, jedoch fehlt es dementsprechend auch an Tiefe. Interessant war es, auf den Spuren von Néeiras Vergangenheit zu wandeln, Erinnerungsfragmenten nachzujagen und das daraus entstehende Bild ihrer Herkunft zusammenzusetzen. Ihre Bedeutung in der Welt zu erkennen, ihre Macht und damit einhergehend: ihre Bürde.
Zusätzlich wird auch Morpheus’ Kindheit und Abstammung mit neuen Wahrheiten bestückt, die in ihm Rachedurst und Unsicherheiten schüren.
Erzählt wird erneut aus wechselnder Perspektive, sodass die Gefühle der Tänzerin und des Dämons, ihre vermeintlichen Fehler und Unsicherheiten, Ängste und Wut im Vordergrund stehen. Welche Art Verlust Morpheus ertragen muss, war ebenso überraschend wie all das, was Néeira findet.
Abgesehen von den beiden mischen auch Wyro und Vangelis wieder ordentlich mit – aber Pfeiffer stellt dem Fürstenpaar noch weitere wichtige Figuren, Nacht- und Traumwesen an die Seite – oder in den Weg. Die wechselnden Settings – vor allem das malerisch ausgearbeitete Weiße Schloss –, entscheidende Ereignisse und Informationen, die die einen oder anderen Gegebenheiten erklären und aufkommende Fragen beantworten, wurden stimmig platziert

„Requiem of Memories“ ist trotz der mitschwingenden Schwere und Melancholie, Verluste und Tragik eine typische Romantasy, die ich allen, die nach kurzweiligen Geschichten fürs Herz suchen, empfehlen kann – aber Vorsicht. Vielleicht bricht es am Ende …
Am 29. August dürfen wir zum letzten Mal in die Mysterien dieser Welt eintauchen – bereit für ein spektakuläres Finale?

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Veröffentlicht am 26.05.2025

Dranbleiben lohnt sich.

The Deer and the Dragon
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Wohoho... Auf „The Deer and the Dragon“ war ich total neugierig – immerhin verspricht der Klappentext eine spannende, mystische Story. Nun, wer das erste ¼ übersteht, wird auf eine unterhaltende Geschichte, ...

Wohoho... Auf „The Deer and the Dragon“ war ich total neugierig – immerhin verspricht der Klappentext eine spannende, mystische Story. Nun, wer das erste ¼ übersteht, wird auf eine unterhaltende Geschichte, skurrile Freundschaften, rührende Wahrheiten und jede Menge widernatürliche Hürden stoßen.

Doch zuvor? Lange bleibt unklar, um was es geht oder wohin die Autorin möchte. Der Aufbau wirkt genauso wirr wie die seitenlangen, nichts zum Geschehen beitragenden Ausschweifungen, die nicht nur vom Eigentlichen ablenken, sondern auch rege für Irritation und Langeweile sorgen. Ja, die ersten 25 % glichen einem Gebilde aus Fragmenten, die die Protagonistin in kein sonderlich sympathisches Licht rückten.



Marlwo Thorson ist 26 Jahre, studierte Literatur und fasste, bevor sie zu einer erfolgreichen Autorin wurde, Fuß in der Escort- und Sexarbeitsbranche. Dass die heute im Luxus lebende, introvertierte Mittzwanzigerin in ihrer Kindheit Opfer von Mobbing und familiärer Gewalt, Manipulation und Fanatismus wurde, in Armut und Isolation, mit Angst in den Knochen, aufwuchs, selbst jetzt noch unter den traumatischen Erfahrungen und Flashbacks leidet, würde niemand, der diesem wandlungsfähigen Menschen gegenübertritt, auch nur erahnen. Ein Überbleibsel dieser Zeit findet sich in ihrem selbstzerstörerischen Lebensstil – und in der Halluzination, die sie seit Jahrzehnten begleitet. Die ihr damals Trost, Verständnis schenkte und heute die Nächte mit pulsierender Aufregung, mit Leidenschaft füllt. Die ihr half, wo sie konnte, sie liebte, bedingungslos und frei jeglicher Urteile …

Plötzlich nimmt das Leben der Autorin von mythisch angehauchten Romanen jedoch eine Wendung nach der anderen, und was als „überbordende Fantasie“ diagnostiziert, als Ketzerei bestraft, mit Medikamenten behandelt wurde, diese Psychose, die Marlwo ebenso lange schon fasziniert wie sie sie ängstigt, entpuppt sich als real. Als echt. Genau wie die Wesen, über die sie schreibt. Jene, zu denen sie im Kindesalter stundenlang betete – all das, was ihr Leben geprägt hat, was die junge Frau zu fürchten lernte, ist wahr.

Und nun ist es ein fataler Satz, ein im Wutrausch gesprochener Befehl, der ihre einstige Konstante verbannte, so weit, dass selbst der Herr der Hölle den Dämonen nicht finden kann – wie sollte es dann einer einfachen Sterblichen gelingen?



Sobald Fauna, eine nordische Nymphe im Boho-Style, der überforderten, sich dem Wahnsinn nähernden Schriftstellerin in ihrer Wohnung auflauert und ihr nicht mehr von der Seite weicht, gewinnt die Story signifikant an Spannung, Ereignissen, Informationen und Humor. Die sich zwischen den Frauen entwickelnde Dynamik ist pure Unterhaltung – Fauna liebt Süßes, ist so harsch wie liebreizend und stößt ihre neue Freundin immer wieder auf deren begrenztes Denken. Bis Marlow Logik, alles, was ihr eingetrichtert wurde, und die Selbstzweifel loslässt, muss einiges geschehen – und sie es mit eigenen Augen sehen …

Je mehr Sagengestalten ihr begegnen, je mehr sie das tatsächliche Ausmaß des Möglichen, die Facetten des Universums und Seins begreift; je deutlicher Marlow ihr eigener Zyklus und Calibans Liebe, die Bedeutung von „verherrenden Gefallen" und „Krieg der Welten" bewusst wird, umso bereitwilliger schlägt sie sich mit ihren neuen FreundInnen durch Pantheons und Zeiten, stellt sich Göttlichkeiten in den Weg und riskiert alles. Um ihren Schatten zurückzubekommen.

Mit Azrames hat das unterschiedliche Frauenpower-Duo einen wahren Assassinen im Rücken – das Verhältnis zwischen dem Krieger und der Nymphe prickelt, nimmt Kontur an, offenbart eine weitere unerwartet romantische Tragik. Denn auch die Vergangenheit von Marlow und ihrer ‚Halluzination‘ weist Herzschmerzpotenzial auf.

Insgesamt waren die Figuren sehr anschaulich, teils kreativ, soweit möglich authentisch, wenn auch nicht durchgängig vertrauenswürdig, gezeichnet. Viele Entwicklungen verströmen eine gewisse Skurrilität und Witz, jedoch kommen auch Spannung und Worldbuilding nicht zu kurz. Informationen über Gegebenheiten, Hierarchien und die einzelnen (oft unbekannteren) „Mythen" sind so im Verlauf verstreut, dass sich nach und nach ein ausreichendes Bild ergibt.



Piper CJs Ton wirkte einerseits flapsig-modern, andererseits lebendig, wenn der Stil selbst öfter nach „Hauptsache verschachtelt" und „weg vom Eigentlichen" schreit. Ein wenig mehr Fokus hätte der Handlung definitiv die fehlende Griffigkeit und den nötigen Ernst verliehen. Nichtsdestotrotz war es ein spaßiger Ritt, herauszufinden, zu was Marlow fähig ist, wo sich Caliban aufhält und was Silas, der Engel der „oberen Seite“, von der Hellsichtigen – außer einer Bindung – will. Ganz toll fand ich die Abwechslung, die der Roman bereithält; die raschen Stimmungs-, Szenen- und Settingwechsel sorgen dafür, dass die ~560 nur so dahinflogen und ich nach zwei Nachmittagen leider schon am Ende war.

Übrigens: Wenn die Darstellung der Hölle Tatsachen entspricht, dann ist das mein Platz für die Ewigkeit.

Dass Piper in ihrem Roman nicht an „Wesen" aus Folklore, Mythologien und Glaubensrichtungen spart, diese miteinander verbindet und originell einbettet, Traumata durch und Kritik an Religion thematisiert, diese gar unterschwellig hinterfragt, und Escort-/Sexarbeit entstigmatisiert, macht „The Deer and the Dragon" durchaus zu einer einfallsreichen, fesselnden Story. Zusätzlich finden wir intensive Augenblicke und tiefe Gefühle, Mut, Freundschaften, casual Queerness sowie alles verändernde Geheimnisse und Schicksale – dafür überraschend wenige explizite Szenen/Spice.



Es gibt zahlreiche Fragen, deren Antwort gesucht (erbettelt) werden muss, viele Probleme und Konflikte, uralte Fehden, Pakte, Intrigen und Regeln, die niemals gebrochen werden sollten. Die Protagonistin vollzieht eine deutliche Entwicklung, wird offener – trotz Verzweiflung, Schuld und Sehnsucht. Letztlich schlich sich diese Frau, in deren Adern nordisches Blut schlummert, genauso in mein Herz wie Fauna und Azrames.

In den letzten Kapiteln bahnen sich Aufatmen und Hoffnung an, doch nur einen Wimpernschlag lang, bis alles erneut in sich zusammenfällt …

Anm: Das Vorwort hat mich ungemein berührt und sollte nicht ausgespart werden.



Lasst euch einfach drauf ein. Ich für meinen Teil kann „The Fox and the Falcon“ jetzt kaum erwarten.

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Veröffentlicht am 17.05.2025

Queerer Zeitreise-Young-Adult mit wichtigen Themen.

Pride und Prejudice und Pittsburgh
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Zugegeben, historische Romane gehören eher selten in meine Read-List, aber eine Zeitreise-Story, in der Selbstfindung, der Kampf um die eigene Freiheit, eine seichte Sapphic-Romanze und Opposites-Attract ...

Zugegeben, historische Romane gehören eher selten in meine Read-List, aber eine Zeitreise-Story, in der Selbstfindung, der Kampf um die eigene Freiheit, eine seichte Sapphic-Romanze und Opposites-Attract eine gewichtige Rolle spielen? Nun, her damit!



2023
Seit Audrey Cameron von ihrer ersten Liebe verlassen wurde, ihr Traum, an einer renommierten Kunstakademie zu studieren, in der Schwebe hängt und auch ihre Inspiration – vielleicht sogar ihre Leidenschaft – abhanden kam, läuft das Leben der Schülerin auf Autopilot. Neben dem Unterricht, Hund Cooper und der Arbeit in dem kleinen Laden ihrer Eltern bleibt für Audrey nichts. Außer Leere. Monotonie. Resignation. Dabei war ihr Pittsburgh immer zu klein, zu eng; dabei wollte sie immer mehr.

1812
Nur noch ein paar Monate bleiben Lucy Sinclair, bis sie in die Ehe gedrängt, bis ihr Wohlergehen von einem weiteren Mann abhängig sein wird. Jede Minute, die der Graf dem Anwesen Radcliffe fern ist, kommt der 18-Jährigen wie ein Hauch Freiheit, ein Stück Himmel vor. Raum, um mit Martha zu scherzen, um mit Grace zu tratschen.
Denn für ihren Vater war sie nie mehr als eine Investition, die es zu formen und gewinnbringend zu verkaufen galt.

Mr. Montgomery ist es, der das Unmögliche möglich macht und diese unterschiedlichen Lebensstränge verknüpft. Der Audrey aus ihrer Sicherheit, ihrer Blase reißt und Lucy zeigt, dass alles möglich sein könnte … Denn Glück, Erfahrungen, Inspiration und Träume finden wir nicht drinnen, nicht im Immergleich, sondern draußen, anderswo, genau wie die Liebe …

„Pride und Prejudice und Pittsburgh" ist ein Young-Adult-Roman, der passend zur Zielgruppe einfach und verständlich geschrieben wurde. Dennoch verleiht Lippincott den jeweiligen Perspektiven eine eigene Note und damit Authentizität.
Sind Audreys Kapitel eher umgangssprachlich und salopp gehalten, übertünchen Selbstbewusstsein und Sarkasmus doch nicht die Angst, für immer festzustecken, die Wut darüber, planlos im frühen 19. Jahrhundert herumstolpern, sich in Korsetts pressen, knicksen zu müssen.
Lucy – ernster, formeller – hat gelernt, Gefühlsregungen und Sehnsüchte unter Verschluss zu halten, stoisch zu nicken, sich zu fügen. Dass eine wilde Fremde binnen weniger Wochen ihre sorgsam errichtete Mauer niederreißt, sie hoffen lässt, kann die vorbildliche Lady, kurz vor ihrer Hochzeit, kurz bevor sie von einem ins andere Gefängnis geschoben wird, gar nicht gebrauchen – und hat doch nie mehr gebraucht.
Während Lucy Audrey darauf vorbereitet, sich in die gehobene Gesellschaft einzufügen, sich zu verlieben – denn was sonst sollte ihre Aufgabe hier sein, hier 200 Jahre in der Vergangenheit? –, lockt Audrey Lucy aus der Reserve, weckt in ihr befristete Verwegenheit. Und Funken. Jene Funken, nach denen beide so unbedingt lechzen, Funken, die ein Feuer werden könnten – wären da nur nicht die strengen Konventionen der Regency-Zeit, der nahende Skandal und der Umstand, dass Miss Cameron nicht hierhergehört.

∞„Vielleicht ging es ja gar nicht darum, die wahre Liebe zu finden, sondern bloß darum, mir klarzumachen, (...) Dass ich nach einem gebrochenen Herzen wieder lieben kann.“

Die Autorin macht es den LeserInnen leicht, sich in die Figuren, ihre Situationen und Gedanken hineinzuversetzen, ihre Unsicherheiten und Ängste, das Ausbrechen zarter Schmetterlinge, heimliche Sehnsüchte und unbekannte Empfindungen zu sehen.
Nahbar, nicht frei von Missverständnissen, von kurz mutig sein und Zögern verlief die sachte romantische Entwicklung. Gerade Lucys Inneres, hin und her gerissen zwischen Ausweglosigkeit und manierlichem Verhalten, dem Wunsch, auszubrechen, zu rebellieren, frei zu sein, endlich zu fühlen – in Audreys Welt, einer, die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung predigt, zu existieren –, war berührend.
Sowohl der abwechslungsreiche Verlauf als auch das Setting, die Bälle und die Versuche, die Zeitreisende für das andere Geschlecht interessant zu machen – was definitiv funktionierte! – kamen lebendig, manchesmal mit Witz untermalt, zur Geltung. Ein weiterer Pluspunkt sind die Nebenfiguren: James, Mr. Shepherd und Alexander – Junggesellen, die mir gerne den Hof machen dürften – über Mr. Sinclair und Mr. Caldwell, Männer, deren Einstellung die Jahrhunderte leider überdauerte und nicht mehr als Abscheu erzeugt.

Obgleich es viele melancholische, wehmütige Szenen gab – vor allem mit Blick auf die strengen Regeln des frühen 19. Jahrhunderts, die Stimmlosigkeit der Frau –, seicht knisternde Wohlfühl-Momente, hält dieses Buch Romantik, Charme, Humor und Tiefe, Stoff zum Nachdenken, bereit. Themen, die für die Zielgruppe ebenso relevant sind wie für ältere Lesende. Eine Erinnerung daran, dass sich die Zeiten verändert haben. Wir heute zwar ohne Ballkleider, pompöse Festivitäten und schicke Anwesen leben, dafür mit Rechten, Privilegien, Unabhängigkeit – und Technik. Rachel Lippincott schreibt von TeenagerInnen-Strugglen, dem ersten Herzschmerz, Zukunftsorgen und Perspektivlosigkeit, von der Angst, außerhalb der Komfortzone (wieder) verletzt zu werden, zu scheitern. Von den Risiken, die Veränderungen und Wagnisse, Laut werden mit sich bringen – und von den vielen Möglichkeiten. Die draußen warten.
Selbstfindung und ‑bestimmung, Coming-out, Neuanfänge, sich endlich trauen werden mitsamt zahlreichen Erkenntnissen, charakterlichen Entwicklungen und überraschenden Wendungen großgeschrieben. Und das alles ummantelt von Bridgerton-Flair.

»Manchmal kümmert sich Liebe – echte Liebe – einfach nicht darum, was anständig ist oder was die Leute denken. Sie findet einen, wenn man sie am wenigsten erwartet (...)«


Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und kann es von Herzen all jenen empfehlen, die eine kurze Auszeit vom Alltag brauchen, sich in der Regency-Epoche verlieren wollen, nach Hoffnung und einem Funken Magie suchen.

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