Debütroman - einzigartig wie Knallkrebse
KnallkrebseDer Debütroman Knallkrebse von Christian Mitzenmacher, in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, hat einen außergewöhnlichen Titel. Was hat also der Titel mit der Geschichte zu tun? Knallkrebse sind ...
Der Debütroman Knallkrebse von Christian Mitzenmacher, in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, hat einen außergewöhnlichen Titel. Was hat also der Titel mit der Geschichte zu tun? Knallkrebse sind nämlich Garnelen, die mit ihren Scheren einen lauten Knall erzeugen und so ihre Beute (Würmer, kleine Fische) betäuben. Ich bin sehr gespannt der Geschichte gefolgt, die die Lesenden unter anderen auch nach Frankreich führt, aber bevor der Schauplatzwechsel Licht in einige unklare Verhältnisse bringt, erzählt der Autor die Geschichte eines zunächst eher oberflächlichen Zweckbündnisses, das aber dann im Laufe der Geschichte zu einer intensiven Freundschaft führt und wie in jeder guten Geschichte müssen Tom und Farid einige Hindernisse gemeinsam durchstehen, bis sie sich als echte Freunde bezeichnen können.
Farid (Flüchtling) und Tom (deutscher Physikstudent) könnten unterschiedlicher nicht sein und doch gibt es irgendwann auch bei ihnen die berühmten Schnittmengen und ein tiefes gegenseitiges Mitgefühl. Die Lesenden lernen nebenbei sehr viel über das Thema Flucht. Tom erzählt in einigen Abschnitten Farids Geschichte in dessen Beisein nach und Farid ergänzt sie dann. Diese Fluchterlebnisse können natürlich eine Freundschaft auch auf die Probe stellen.
Dieser ungewöhnliche Roman hat mir gut gefallen. Als Leser wird man direkt in die Handlung und die Gedanken von Tom hineingeworfen. Erst allmählich lernt man die Protagonisten kennen. Es gibt viele kurze Sätze und Dialoge, diese geben dem Text ein schnelles Tempo. Die Szenen kann man sich gut vorstellen, es sind einzelne Schlaglichter auf die Hauptfiguren: Tom, Farid, Laura, Lukas, Yev, Sofie, Pari. Ich fand es erstaunlich und fast etwas befremdlich, dass Tom als Anfangsmotivation angibt, einen Flüchtling zu begleiten, nur um seinen Lebenslauf optimieren zu wollen.
Es bleibt spannend, wie sich die Mosaiksteine zu einem Bild zusammensetzen. Die Figuren entwickeln sich. Dass Farid zeitweise so niedergeschlagen ist, weil er nichts tun kann, ist kaum für den Leser zu ertragen. Sehr gut beschrieben sind die Szenen, in denen Farid eine Art Depression entwickelt. Das Thema ist ein wichtiges, eine der traurigen Fassetten der Vertriebenen und Verfolgten, die ihre Angehörigen und Lieben zurücklassen müssen. Und so aktuell, wo gerade jetzt viele wieder abgeschoben werden und der Nachzug der Angehörigen gestoppt wird. Farid hat Pari zurückgelassen. Was ist aus ihr geworden? Farids Vater taucht überraschend auf. Auch er hat die Flucht geschafft und scheint ebenso wie Farid ein netter Kerl zu sein, aber nervlich wesentlich stabiler zu sein als der Sohn.
Fazit: Am Schluss kommen alle Figuren wieder zusammen und es gibt einen positiven Ausblick. Der Schreibstil war durchweg angenehm zu lesen und im Laufe der Geschichte gibt es viele Stellen, die einen nachdenklich zurücklassen. Ein Buch, das erst allmählich seine Wirkung entfaltet. In jedem Fall lohnenswert zu lesen.