Profilbild von reni74

reni74

Lesejury Star
offline

reni74 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit reni74 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.09.2025

Interessanter Gedanke

Die Toten von nebenan
0

Frau Löffler ist mit ihrem Fahrrad unterwegs und entgeht nur knapp einem Zusammenstoß mit einem LKW. Noch etwas durcheinander kommt sie Zuhause an und wundert sich, als sie dort von ihrer Großmutter begrüßt ...

Frau Löffler ist mit ihrem Fahrrad unterwegs und entgeht nur knapp einem Zusammenstoß mit einem LKW. Noch etwas durcheinander kommt sie Zuhause an und wundert sich, als sie dort von ihrer Großmutter begrüßt wird, die eigentlich schon lange tot ist. Der Leser ahnt es, schneller als Frau Löffler selber, der Beinahezusammenstoß war gar keiner und Frau Löffler nun ebenfalls verstorben.

Autorin Olivia Monti startet mit dieser fast schon augenzwinkernden Sequenz in ein sehr interessantes Gedankenspiel. Was wäre, wenn neben unserer realen Welt eine existierte, in der die Verstorbenen in ihrer gewohnten und liebgewordenen Umgebung verweilen. Wenn unterschwellig hinter unserer Realität noch eine andere läge, eine in der Oma auf ihrem geliebten Ohrensessel sitzt, oder Opa weiterhin täglich seine Rosen beschneidet. Eine Realität, in der man mit schmerzlich vermissten Familienmitgliedern wiedervereint ist und man, frei von jeglichen körperlichen Gebrechen, sein Alter frei wählen kann. Eine Realität, in der man parallel und unbemerkt neben den Lebenden verweilt und darauf wartet auf eine höhere Ebene aufzusteigen. Ein interessanter Gedanke zum Leben nach dem Tod, aber auch ein bisschen ein gruseliger, wenn man bedenkt, wie viele Menschen schon vor mir in meinem Haus gelebt haben.

Der Roman beschreibt auf den ersten Blick eine Idylle, die man sich vielleich selbst gut für sein Ableben vorstellen kann, allerdings wird schnell klar, dass der Frieden hier trügerisch ist. Neben den "angestammten" Bewohnern ist ein charismatischer Fremder in die Nachbarschaft eingezogen, der eine neue Perspektive in den beschaulichen Alltag bringt und Missstände aufdeckt für die eindeutig die Lebenden verantwortlich sind. Ab diesem Punkt hat man als Leser eigentlich recht schnell den Eindruck, die Autorin beschreibt hier stellvertretend die aktuelle politische Situation im Land. Jeder findet für sich mehr und mehr Parallelen zu realen Personen des öffentlichen Lebens und zu beunruhigenden Geschehnissen im Land. Herr Tober, wie der Fremde heißt, wird so zum Synonym für die Einflüsterer einer bestimmten Partei, die die allgemeine Stimmung ausnutzen und auch direkt ein passendes Feindbild parat haben.

Herr Tober ist eine interessante Figur und durchaus auch polarisierende Figur. Mich hat er sehr an Leland Gaunt erinnert, der Figur aus Stephen Kings "In einer kleinen Stadt". Eine Figur, die anziehend auf ihren Gegenüber wirkt, die es versteht zu manipulieren, Wünsche zu erfüllen, Begehrlichkeiten, Neid und Missgunst zu wecken, aber auch Ängste zu schüren. Eine Figur, die offensichtlich das Schlechteste im Menschen zum Vorschein bringen kann, aber letztlich nur für den eigenen Vorteil arbeitet. Der Ein, oder Andere würde diese Figur vielleicht mit dem Teufel gleichsetzen, dem Bösen, falls man an soetwas glaubt. Ich würde jetzt nicht ganz so weit gehen, denn würde man alles Schlechte auf der Welt in die Verantwortung einer höheren Macht geben, würde man es sich zu einfach machen. Um Böses zu tun, braucht die Menschheit keinen Teufel, das schafft sie schon ganz gut aus sich allein heraus.

Puh, nun bin ich aber ziemlich ins philosophieren gekommen und natürlich ist das ganz allein meine persönliche Sicht auf das Buch. Jeder ist hier eingeladen sich selbst seine Gedanken zu machen. Abseits von meinen Gedanken erzählt Olivia Monti einfach auch eine herzliche, ironische Geschichte, in der sie den Mikrokosmos Nachbarschaft augenzwinkernd auf die Spitze treibt. Sicher wird jeder Leser sich, oder Andere in einer der Figuren wiedererkennen. Ich hatte auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen, auch wenn sich die Geschichte im Mittelteil ein klein wenig gezogen hat. Nur mit dem überraschenden Ende hadere ich etwas, das hätte ich so nicht unbedingt gebraucht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.09.2025

Wir sind nicht allein

Die Grenze der Dunkelheit
0

Ein kleines Kurierschiff ist unterwegs zu einem havarierten Schiff, der Koukishin, die vor Jahrzehnten auf ihrem Jungfernflug verschwand und seitdem unauffindbar war. An Bord damals Ishmael Molina, ehrgeiziger ...

Ein kleines Kurierschiff ist unterwegs zu einem havarierten Schiff, der Koukishin, die vor Jahrzehnten auf ihrem Jungfernflug verschwand und seitdem unauffindbar war. An Bord damals Ishmael Molina, ehrgeiziger Wissenschaftler und Schöpfer des exprimentellen Antriebs, der auf dem Flug getestet werden sollte. Nun ist seine Enkelin Erin unterwegs um auf dem wiederaufgetauchten Schiff nach Antworten zu suchen und Antworten wird sie bekommen, aber nicht die, auf die sie gehofft hatte.

Mit "Die Grenze der Dunkelheit" legt Autor Michael Hirtzy so ein bisschen den Grundstein für seine später folgende "Vorteks" Reihe, den auch hier geht es um experimentelle Antriebe, das Reisen eben über die bekannte Grenze des Universums hinaus und um das, was uns hinter dieser Grenze erwartet. In diesem Fall das pure Grauen. Der Autor erzählt spannend eine recht klassische Sci-Fi Story, beginnend mit dem überraschenden Fund des verschwundenen Schiffes und dem anschließenden Versuch der Bergung. Schnell spitzen sich die Ereignisse zu, dem Leser ist die Gefährlichkeit der Mission früher klar als den Beteiligten und während diese sich auf Spurensuche begeben erhält man durch Rückblenden Einblicke in die Ereignisse, die zum Verschwinden des Schiffs führten.

Das Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven, oder Genreneulinge, denn einige Beschreibungen sind schon etwas heftiger. Sci-Fi Fans werden schnell Ähnlichkeiten zu Filmen wie Event Horizon, oder The Thing feststellen. Der Autor macht hier keinen Hehl aus seinen persönlichen Vorlieben und hat das ein, oder andere Element in seine Geschichte übernommen. Generell finde ich das auch gar nicht schlimm, solange es nicht abgeschrieben aussieht, oder zu plakativ ist. Da diese Art Geschichten genau das ist, was ich persönlich auch sehr gern mag, hat es für mich gut gepasst.

Mit Erin, ihrer Frau Jantila und der Technikerin Anjing hat der Autor wieder starke Frauenfiguren geschaffen, die in schier ausweglosen Situationen ums Überleben kämpfen müssen. Manchmal wirken sie etwas zu stereotyp und manchmal sind mir die Dialoge ein wenig hölzern, aber im Grunde passt das ganz gut zur Story an sich. Technische Details werden nicht zu detailiert geschildert, es bleibt viel Platz für mein ganz persönliches Kopfkino. Die Mischung aus klassischem Weltraumabenteuer und Horrorelementen ist gut gelungen und sorgt für die nötige Spannung

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.08.2025

Veränderte Sichtweise

Der Augenblick
0

Eine junge Mutter erlebt das Schlimmste überhaupt, den Verlust ihres Kindes. Der kleine Marcel wird seiner schlafenden Mutter aus dem Kinderwagen gestohlen und wenig später tot im Wald gefunden. Eine unsagbare ...

Eine junge Mutter erlebt das Schlimmste überhaupt, den Verlust ihres Kindes. Der kleine Marcel wird seiner schlafenden Mutter aus dem Kinderwagen gestohlen und wenig später tot im Wald gefunden. Eine unsagbare Tragödie, die letztlich die ganze Familie in den Abgrund reißt und auch die beteiligten Ermittler, allen voran Hauptkommissarin Alexandra Keller, nicht kalt lässt.

Autorin Irene Matt hat hier augenscheinlich einen Krimi zu einem sehr schweren Thema geschrieben und vielleicht ist da zu Anfang auch direkt eine Triggerwarnung angebracht, den die Autorin beschreibt nicht nur die eigentliche Tat der Kindstötung sehr bildlich. Dadurch, dass ihr Buch über weite Strecken die Therapiesitzungen der Täter begleitet, werden so schlimme und gleichzeitig sensible Themen angesprochen, dass man bei entsprechender Vorbelastung das Buch lieber nicht lesen sollte.

Auf dem Cover, das mich vom Desgin ehrlicherweise ein bisschen an eins meiner alten Schulbücher erinnert, wird das Buch als Roman charakterisiert, auf dem Buchrücken ist dann der Begriff Therapie-Krimi zu lesen. Hierunter konnte ich mir erstmal so gar nichts vorstellen und um so gespannter war ich auf die Story. Das Buch beginnt wie ein klassischer Krimi, der Leser ist direkt im Geschehen und begleitet den Täter bei seiner Tat. Wärend man nun aber auf die üblicherweise folgenden Ermittlungen wartet, geht die Autorin einen vollkommen anderen Weg. Ich muss zugeben, dass ich hier erstmal etwas verstört war, bin dann aber recht gut mit der Neuausrichtung zurecht gekommen. Der eingängige Schreibstil der Autorin ist hierbei eine große Hilfe, er nimmt den Leser mit in die Situation der Therapiegespräche, in die Psyche der Täter, wie auch der Opfer. Die ruhige Art der Autorin hätte ich in einer herkömmlichen Krimihandlung vielleicht schon als langatmig bezeichnet, hier passt sie aber gut um die benötigte Nähe zu den Figuren zu erzeugen. Eine große Rolle spielt hierbei natürlich die Frage nach der Schuld der Täter und der angemessenen Strafe, aber eben auch nach einer möglichen Resozialisierung, statt dem obligatorischen Wegsperren.

Die Thematik ist nicht einfach und sorg mit Sicherheit für Kontroversen. Auch ich war beim Lesen hin und hergerissen, natürlich schreit alles in mir - sperrt ihn ein und schmeisst den Schlüssel weg -, aber so einfach ist es eben nicht immer und das zeigt die Autorin mit viel Fingerspitzengefühl.

Ich kannte bereits andere Bücher der Autorin und habe im Nachhinein festgestellt, dass ich auch Hauptkommissarin Alexandra Keller bereits aus einem anderen, später erschienenen Buch kenne. Es war sehr interessant für mich sie hier mal ganz anders zu erleben. Generell war die Geschichte ganz anders, als ich es erwartet hätte und sie zeigt mir, wie wandelbar die Autorin ist. "Der Augenblick" hat mich betroffen gemacht, mich emotional aufgewühlt und zum grübeln gebracht. Ich habe definitiv nicht das bekommen, was ich als Krimileserin ursprünglich erwartet habe, aber wenn man sich auf die Geschichte einlässt, hallt sie noch lange nach. Wer dann lieber wieder eine klassischere Ermittlung möchte, dem empfehle ich ein Wiedersehen mit Alexandra Keller in "Nichts Drin" und "Schohnungslos offen".

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.08.2025

Mord im Schlafwagen

Der blaue Express
0

Millionär Rufus van Aldin liebt und verwöhnt seine Tochter Ruht, sein neuestes Geschenk für sie sind sagenumwobene russische Rubine, die ihren Besitzern Unglück bringen sollen. Als Ruth mit dem legendären ...

Millionär Rufus van Aldin liebt und verwöhnt seine Tochter Ruht, sein neuestes Geschenk für sie sind sagenumwobene russische Rubine, die ihren Besitzern Unglück bringen sollen. Als Ruth mit dem legendären Blauen Express nach Nizza fährt nimmt sie die Juwelen, gegen den Rat ihres Vaters mit und prompt geschieht ein Unglück.

Im achten Kriminalroman der Autorin ermittelt Hercule Poirot, wie auch in "Mord im Orientexpress" in einem legendären Zug, den es auch tatsächlich gegeben hat. Aufmerksame Agatha Christie Leser werden in dem Fall auch die ein, oder andere Übereinstimmung im Szenenaufbau erkennen, einige Details hat die Autorin später in dem berühmteren Werk wieder verwendet und sogar das fiktive Örtchen St Mary Mead, in dem Miss Marple lebt findet Erwähnung.

Poirot ermittelt in gewohnter Manier, selbstverliebt und sehr von sich überzeugt. An seiner Seite diesesmal die junge Katherin Grey, die gleich mehreren Männern den Kopf verdreht. Der Fall ist natürlich wieder sehr verzwickt, als Leser hat man die Wahl zwischen gleich mehreren Motiven und Tätern, lange weiß man nicht, geht es um die Juwelen, um verschmähte Liebe, um Eifersucht, oder ganz etwas anderes. Einzig Poirot scheint hier den Durchblick zu behalten.

Der Beginn des Buches erinnert mich stark an einen Spionageroman und das ist eigentlich nicht so mein Fall. Schnell ändert sich dieser Eindruck allerdings und den Leser erwartet ein recht typischer Agatha Christi Krimi, undurchschaubar, verworren, voller Hinweise, die aber einzig Hercule Poirot richtig zu lesen vermag. Natürlich gibt es am Ende die obligatorische Auflösung, auch hier vielleicht nicht zu einhundert Prozent nachvollziehbar, aber gut konstruiert.

Mich konnte der Krimi angenehm überraschen, sicher gibt es Bessere von der Autorin, aber auch deutlich Schlechtere.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.07.2025

Tod eines Kindes

Emmelie
0

Nach dem Tod ihres Sohnes entfremden sich Julia und ihr Mann immer mehr voneinander und Julia nimmt sich eine Auszeit in ihrer alten Heimat. Als die Rückkehr ansteht beschließt sie nicht mit ihrem Mann ...

Nach dem Tod ihres Sohnes entfremden sich Julia und ihr Mann immer mehr voneinander und Julia nimmt sich eine Auszeit in ihrer alten Heimat. Als die Rückkehr ansteht beschließt sie nicht mit ihrem Mann in die USA zurückzufliegen, sondern sich ein neues Leben aufzubauen und ihre Familie hilft tatkräftig bei der Eröffnung einer eigenen Anwaltskanzlei. Der erste Klient lässt nicht lange auf sich warten, ihre Schulfreundin Marina sucht sie auf und bittet sie den Gerüchten um den Tod ihrer Tochter Emmelie ein Ende zu setzen und so der Familie endlich Frieden zu schenken.

Sylke Hörhold verbindet im ersten Fall um die Anwältin Julia Eisler gleich mehrere bedrückende Themen, so geht es um um den Verlust des eigenen Kindes, Seitensprung, Trennung, Alkoholmissbrauch, psychische Probleme und einiges mehr. Hier wäre sicher eine Triggerwarnung angebracht. Mit Julia liefert sie zudem eine Figur, die eigentlich denkbar ungeeignet für die Aufarbeitung der Geschehnisse um Emmelies Tod ist, hat sie doch schließlich den eigenen Verlust noch nicht verarbeitet. Als Anwältin müsste man da vielleicht sogar von Befangenheit sprechen, die Autorin lässt ihre Figur das ganze allerdings fast als Therapie durchlaufen, als eine Art Trauerbewältigung mit all ihren positiven und eben auch negativen Auswirkungen.

Mir war kurzzeitig diese Anhäufung von Unglück, das innerhalb einer kleinen Personengruppe passiert stellenweise fast zu viel. Versteht mich nicht falsch, natürlich dient all dies der Dramaturgie der Geschichte und festigt die Figuren und ihre Handlungen, aber es ist ziemlich frustrierend, wenn da noch was passiert und man als Leser eigentlich schon erahnt wohin das letztlich führt, im Buch aber so gar keiner auch nur ansatzweise in diese Richtung denkt. Wie gerade erwähnt hat man als Leser recht schnell einen ganz konkreten Verdacht, dies tut der untertschwelligen Spannung keinen Abbruch, denn das Buch lebt eben genau von dieser Grundidee. Man bleibt bei der Stange auch wenn man den Täter kennt, einfach weil man wissen will, wissen muss, wann und wie dessen Schuld endlich ans Licht kommt. Das hat die Autorin wirklich gut gelöst.

Dieser Oberlausitzkrimi ist eher von der ruhigen Sorte und das meine ich nicht negativ. Die Autorin braucht hier keine wilden Verfolgungsjagden, oder blutige Schießereien, den die Geschichte trifft den Leser auf der emotionalen Ebene. Weil ein Kind das vermeintliche Opfer ist empfindet man als Leser nicht nur Trauer, sondern auch Unglauben, Wut, Frustration, aber auch Mitgefühl. Mir hat der Reihenauftakt gut gefallen, Julia ist eine sympatische Hauptfigur mit Potential, die sich in den weiteren Büchern aber hoffentlich nicht in ihrer Trauer verliert. Das würde mich auf Dauer wahrscheinlich dann eher abschrecken. Ich bin gespannt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere