Interessanter Gedanke
Die Toten von nebenanFrau Löffler ist mit ihrem Fahrrad unterwegs und entgeht nur knapp einem Zusammenstoß mit einem LKW. Noch etwas durcheinander kommt sie Zuhause an und wundert sich, als sie dort von ihrer Großmutter begrüßt ...
Frau Löffler ist mit ihrem Fahrrad unterwegs und entgeht nur knapp einem Zusammenstoß mit einem LKW. Noch etwas durcheinander kommt sie Zuhause an und wundert sich, als sie dort von ihrer Großmutter begrüßt wird, die eigentlich schon lange tot ist. Der Leser ahnt es, schneller als Frau Löffler selber, der Beinahezusammenstoß war gar keiner und Frau Löffler nun ebenfalls verstorben.
Autorin Olivia Monti startet mit dieser fast schon augenzwinkernden Sequenz in ein sehr interessantes Gedankenspiel. Was wäre, wenn neben unserer realen Welt eine existierte, in der die Verstorbenen in ihrer gewohnten und liebgewordenen Umgebung verweilen. Wenn unterschwellig hinter unserer Realität noch eine andere läge, eine in der Oma auf ihrem geliebten Ohrensessel sitzt, oder Opa weiterhin täglich seine Rosen beschneidet. Eine Realität, in der man mit schmerzlich vermissten Familienmitgliedern wiedervereint ist und man, frei von jeglichen körperlichen Gebrechen, sein Alter frei wählen kann. Eine Realität, in der man parallel und unbemerkt neben den Lebenden verweilt und darauf wartet auf eine höhere Ebene aufzusteigen. Ein interessanter Gedanke zum Leben nach dem Tod, aber auch ein bisschen ein gruseliger, wenn man bedenkt, wie viele Menschen schon vor mir in meinem Haus gelebt haben.
Der Roman beschreibt auf den ersten Blick eine Idylle, die man sich vielleich selbst gut für sein Ableben vorstellen kann, allerdings wird schnell klar, dass der Frieden hier trügerisch ist. Neben den "angestammten" Bewohnern ist ein charismatischer Fremder in die Nachbarschaft eingezogen, der eine neue Perspektive in den beschaulichen Alltag bringt und Missstände aufdeckt für die eindeutig die Lebenden verantwortlich sind. Ab diesem Punkt hat man als Leser eigentlich recht schnell den Eindruck, die Autorin beschreibt hier stellvertretend die aktuelle politische Situation im Land. Jeder findet für sich mehr und mehr Parallelen zu realen Personen des öffentlichen Lebens und zu beunruhigenden Geschehnissen im Land. Herr Tober, wie der Fremde heißt, wird so zum Synonym für die Einflüsterer einer bestimmten Partei, die die allgemeine Stimmung ausnutzen und auch direkt ein passendes Feindbild parat haben.
Herr Tober ist eine interessante Figur und durchaus auch polarisierende Figur. Mich hat er sehr an Leland Gaunt erinnert, der Figur aus Stephen Kings "In einer kleinen Stadt". Eine Figur, die anziehend auf ihren Gegenüber wirkt, die es versteht zu manipulieren, Wünsche zu erfüllen, Begehrlichkeiten, Neid und Missgunst zu wecken, aber auch Ängste zu schüren. Eine Figur, die offensichtlich das Schlechteste im Menschen zum Vorschein bringen kann, aber letztlich nur für den eigenen Vorteil arbeitet. Der Ein, oder Andere würde diese Figur vielleicht mit dem Teufel gleichsetzen, dem Bösen, falls man an soetwas glaubt. Ich würde jetzt nicht ganz so weit gehen, denn würde man alles Schlechte auf der Welt in die Verantwortung einer höheren Macht geben, würde man es sich zu einfach machen. Um Böses zu tun, braucht die Menschheit keinen Teufel, das schafft sie schon ganz gut aus sich allein heraus.
Puh, nun bin ich aber ziemlich ins philosophieren gekommen und natürlich ist das ganz allein meine persönliche Sicht auf das Buch. Jeder ist hier eingeladen sich selbst seine Gedanken zu machen. Abseits von meinen Gedanken erzählt Olivia Monti einfach auch eine herzliche, ironische Geschichte, in der sie den Mikrokosmos Nachbarschaft augenzwinkernd auf die Spitze treibt. Sicher wird jeder Leser sich, oder Andere in einer der Figuren wiedererkennen. Ich hatte auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen, auch wenn sich die Geschichte im Mittelteil ein klein wenig gezogen hat. Nur mit dem überraschenden Ende hadere ich etwas, das hätte ich so nicht unbedingt gebraucht.