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Veröffentlicht am 12.08.2025

Zwischen Familiendrama und Zukunftsvision – ein Roman wie ein Experiment

Gesellschaftsspiel
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Gesellschaftsspiel von Dora Zwickau ist so eine Art literarisches Überraschungsei – man weiß nie, ob man gleich schmunzeln, den Kopf schütteln oder tief nachdenken soll. Die Grundidee hat mich sofort gepackt: ...

Gesellschaftsspiel von Dora Zwickau ist so eine Art literarisches Überraschungsei – man weiß nie, ob man gleich schmunzeln, den Kopf schütteln oder tief nachdenken soll. Die Grundidee hat mich sofort gepackt: eine zerrüttete Familie, die sich am Sterbebett der Mutter wieder zusammenraufen muss, und mittendrin eine futuristische App, die angeblich die Demokratie aufpolieren will. Klingt verrückt? Ist es auch. Besonders spannend fand ich die Mischung aus Familiendrama und politischem Gedankenspiel – das bekommt man nicht alle Tage serviert. Manche Dialoge zwischen den Schwestern knistern vor unausgesprochener Wut, andere sind so trocken, dass man sich einen Schluck Wasser wünscht. Die Tante Dagmar ist mein heimlicher Lieblingscharakter, weil sie wie ein Katalysator für die schrägsten Momente wirkt. Der Tech-Milliardär schwebt über allem wie eine Mischung aus Visionär und Größenwahnsinniger, und genau das macht die Geschichte so zwiespältig.

Allerdings hat mich der Mittelteil stellenweise ausgebremst – da verliert der Roman etwas an Tempo und man fragt sich, ob die App nun gleich die Welt rettet oder ob wir alle erst noch in einer Beta-Version festhängen. Die gesellschaftskritischen Ansätze sind klug, keine Frage, nur hätte ich mir stellenweise weniger Theorie und mehr Emotionen gewünscht. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Szenen, die alles auf den Kopf stellen. Weimar als Schauplatz passt wie die Faust aufs Auge, auch wenn ich mir manchmal mehr Lokalkolorit erhofft hätte. Der Schreibstil ist flott, mit einem leichten Hang zu satirischen Seitenhieben, was die Sache angenehm würzt.

Am Ende bleibt ein Buch, das sich nicht so recht in eine Schublade stecken lässt – mal ernst, mal komisch, mal verstörend. Wer Lust auf ein literarisches Experiment mit gesellschaftspolitischem Unterton hat, wird hier sicher fündig. Für mich persönlich war es ein kurzweiliges Leseerlebnis mit kleinen Längen und einem Finale, das mehr Fragen als Antworten liefert. Genau das ist wohl auch Teil des Spiels. Drei Sterne – weil es interessant, eigenwillig und durchaus lesenswert ist, aber eben nicht ganz mein Volltreffer.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Wenn der Tod an Bord kommt – und der Plot manchmal im Stau steht

Vorsehung
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Flugmodus an, Realität aus – dachte ich zumindest, als ich „Vorsehung“ aufgeschlagen habe. Statt turbulenter Höhenflüge gab’s dann erstmal eine alte Dame, die im Flugzeug Todesurteile verteilt wie Erdnüsse. ...

Flugmodus an, Realität aus – dachte ich zumindest, als ich „Vorsehung“ aufgeschlagen habe. Statt turbulenter Höhenflüge gab’s dann erstmal eine alte Dame, die im Flugzeug Todesurteile verteilt wie Erdnüsse. Da bleibt einem das Lächeln im Duty-Free-Bereich stecken. Klingt nach einem absoluten Pageturner, oder? Tja, ist es irgendwie auch – nur nicht so, wie ich es erwartet habe.

Der Einstieg war grandios: skurril, spannend, richtig schön morbid. Doch dann dümpelt die Story ein wenig wie ein Langstreckenschwimmer ohne Zielflagge dahin. Man spürt, dass Liane Moriarty philosophisch werden will – Schicksal, freier Wille, der ganze Kram – aber manchmal wirkt das eher wie ein Therapiekreis auf Valium.

Die Figuren? Durchaus charmant, aber nicht alle schaffen es, sich aus ihrer Stereotypen-Wolke zu befreien. Besonders schade: Die alte Lady, die das Potenzial zur Kultfigur gehabt hätte, wird später etwas zu oft in den Hintergrund gedrängt. Dabei hätte ich mit der Dame locker noch ein paar Kapitel verbringen können.

Humor hat das Buch auf jeden Fall – teils herrlich schwarzhumorig, teils eher so „ach, nett gemeint“. Es gibt Szenen, da lacht man laut los, nur um drei Seiten später von einer überladenen Lebensweisheit erschlagen zu werden.

„Vorsehung“ ist wie eine Tüte gemischte Bonbons: Man zieht was raus, manchmal süß, manchmal sauer, ab und zu aber auch ein Stück Karamell, das einem zwischen den Zähnen hängen bleibt. Der Roman will viel – Spannung, Humor, Tiefgang – doch manchmal verzettelt er sich dabei ein bisschen.

Für Fans von ungewöhnlichen Geschichten mit einem Hauch Existenzialismus definitiv einen Blick wert. Für alle, die auf durchgehend packende Spannung hoffen, könnte es zwischendurch eine kleine Geduldsprobe werden.

Solide Unterhaltung mit kreativer Grundidee, aber eben auch mit Luft nach oben. Drei Sterne, weil der Mut zur Skurrilität definitiv belohnt werden muss.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Dschungel, Drama, Déjà-vu – Spannung mit kleinen Stolpersteinen

Her Last Summer – Eine verschwundene Frau. Eine Reise ohne Wiederkehr.
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Her Last Summer klang nach dem perfekten Mix aus Sonne, Dschungel und düsterem Geheimnis – quasi „Urlaub mit Gänsehaut“. Und ja, das Setting hat gestimmt: tropisch, schwitzig, mysteriös. Luke und Mari, ...

Her Last Summer klang nach dem perfekten Mix aus Sonne, Dschungel und düsterem Geheimnis – quasi „Urlaub mit Gänsehaut“. Und ja, das Setting hat gestimmt: tropisch, schwitzig, mysteriös. Luke und Mari, ein verliebtes Backpacker-Duo, nur dass Mari irgendwann einfach... puff! Weg. Und zwanzig Jahre später will Luke plötzlich reden? Klingt verdächtig, dachte ich mir. Cassidy, die Doku-Filmerin mit Spürnase, macht sich also auf die Suche nach der Wahrheit. Klingt erstmal spannend – und ist es auch. Aber irgendwie... auch nicht?

Ich hatte das Gefühl, dass die Geschichte sich manchmal im Kreis dreht wie ein geölter Kompass im Magnetsturm. Einige Wendungen waren stark – andere eher so: „Hm, das hab ich mir schon gedacht, Luke.“ Cassidy selbst bleibt für mich leider etwas blass. Ich hätte mir mehr Biss, mehr Ecken und Kanten gewünscht – stattdessen stolpert sie mit Kamera und Misstrauen durch Thailands Vergangenheit. Stilistisch ist das Buch solide, keine Frage. Emily Freud weiß, wie man Spannung aufbaut. Nur leider plätschert es zwischendurch auch wie eine lauwarme Kokosnuss.

Alles in allem: nette Lektüre, besonders für die Hängematte am Strand mit gelegentlichem Seitenblick auf Palmen und Verdächtige. Aber das große „Wow, DAS hat mich umgehauen!“ blieb aus. Solider Thriller, aber bei mir ist die Gänsehaut eher im Schatten geblieben.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Ein Urlaub voller Absurditäten und Ehefragen

Der Duft des Wals
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Ein Buch, das nach tropischer Brise, Ehekrise und totem Fisch riecht. Klingt erstmal schräg, ist es auch. Die Ausgangslage: Judith und Hugo, ein Paar mit ordentlich Knacks in der Beziehung, checken in ...

Ein Buch, das nach tropischer Brise, Ehekrise und totem Fisch riecht. Klingt erstmal schräg, ist es auch. Die Ausgangslage: Judith und Hugo, ein Paar mit ordentlich Knacks in der Beziehung, checken in ein mexikanisches All-inclusive-Paradies ein, um ihre Ehe zu kitten. Spoiler: Der Wal stinkt schlimmer als ihre Probleme.

Was Paul Ruban hier abliefert, ist irgendwo zwischen Absurdität und Urlaubsprospekt geplatzt. Sprachlich fein übersetzt von Jennifer Dummer, das muss ich ihr lassen – aber manchmal war mir das Ganze zu sehr Theaterstück auf Speed. Ich mochte den schrägen Humor, die leicht klamaukige Tragik und diesen unterschwelligen Wahnsinn, der durch jede Piña Colada tropft.

Aber: Ich hatte Mühe, richtig reinzukommen. Die Figuren blieben mir irgendwie fern, als würden sie mit Sonnenbrille und Cocktail in der Hand immer ein bisschen an mir vorbeischauen. Und die ewige Metapher mit dem Walgeruch? Ja, originell, aber nach Seite 150 roch es dann auch ein bisschen nach Wiederholung.

Trotzdem: Ich musste mehr als einmal schmunzeln. Und die Idee, Verfall so charmant zu verpacken, ist originell. Es ist ein Buch wie ein verrückter Hotelgast: laut, ungewöhnlich, manchmal unangenehm – aber man erinnert sich dran. Für mich ein solider Dreier mit viel Luft nach oben. Und jetzt hab ich Lust auf Urlaub. Nur bitte ohne tote Meeressäuger.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Gute Idee, schwache Verbindung

Das späte Leben
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In Das späte Leben begleitet man Martin, 76 Jahre alt, der mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert wird. Die verbleibende Zeit bringt ihn dazu, sein Leben zu ordnen und sich zu fragen, was er seiner ...

In Das späte Leben begleitet man Martin, 76 Jahre alt, der mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert wird. Die verbleibende Zeit bringt ihn dazu, sein Leben zu ordnen und sich zu fragen, was er seiner jungen Frau und seinem kleinen Sohn David noch mitgeben kann. Besonders wichtig ist ihm, etwas Bleibendes zu hinterlassen – etwas, das über seinen Tod hinaus Bedeutung haben soll. Der Roman beschäftigt sich mit Abschied und vielen Fragen, wenn das Leben plötzlich ein klares Ende bekommt.

Meine Meinung:
Die Ausgangsidee des Buches fand ich sehr vielversprechend. Ein alter Vater, ein junges Kind, eine schwere Diagnose – das sind Themen, die emotional viel Tiefe haben könnten. Leider hat mich die Umsetzung kaum erreicht.

Der sogenannte „Rasier-Brief“, den Martin an seinen Sohn David schreibt, sollte vermutlich ein zentrales emotionales Element sein. Für mich war der Inhalt dieses Briefes jedoch enttäuschend. Ich hatte mir etwas Persönlicheres und Bedeutenderes für David gewünscht etwas, das wirklich das Gefühl vermittelt, dass der Vater seinem Sohn etwas fürs Leben mitgibt.

Generell hatte ich zu keiner der Figuren eine wirkliche Bindung. Weder Martin noch Ulla konnten bei mir Sympathie wecken. Es war mir ehrlich gesagt ziemlich egal, was mit ihnen passiert oder wie sich ihre Beziehungen entwickeln. Genau das hat mir beim Lesen am meisten gefehlt: Emotionen.

Es gab durchaus ein paar nette Ansätze und ruhige, nachdenkliche Momente, die Potenzial hatten. Doch insgesamt blieb mir der Roman zu distanziert und zu kühl. Für ein Thema, das eigentlich sehr nahe gehen könnte, hat mich das Buch unberührt zurückgelassen.

Fazit:
Das späte Leben ist kein schlechtes Buch, aber für mich eines mit zu viel verschenkter Möglichkeit. Wer eine sachliche, zurückhaltende Auseinandersetzung mit dem Lebensende sucht, könnte hier fündig werden. Wer jedoch auf emotionale Tiefe und Figuren hofft, die einem ans Herz wachsen, wird vermutlich etwas enttäuscht zurückbleiben.

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