Zwischen Familiendrama und Zukunftsvision – ein Roman wie ein Experiment
GesellschaftsspielGesellschaftsspiel von Dora Zwickau ist so eine Art literarisches Überraschungsei – man weiß nie, ob man gleich schmunzeln, den Kopf schütteln oder tief nachdenken soll. Die Grundidee hat mich sofort gepackt: ...
Gesellschaftsspiel von Dora Zwickau ist so eine Art literarisches Überraschungsei – man weiß nie, ob man gleich schmunzeln, den Kopf schütteln oder tief nachdenken soll. Die Grundidee hat mich sofort gepackt: eine zerrüttete Familie, die sich am Sterbebett der Mutter wieder zusammenraufen muss, und mittendrin eine futuristische App, die angeblich die Demokratie aufpolieren will. Klingt verrückt? Ist es auch. Besonders spannend fand ich die Mischung aus Familiendrama und politischem Gedankenspiel – das bekommt man nicht alle Tage serviert. Manche Dialoge zwischen den Schwestern knistern vor unausgesprochener Wut, andere sind so trocken, dass man sich einen Schluck Wasser wünscht. Die Tante Dagmar ist mein heimlicher Lieblingscharakter, weil sie wie ein Katalysator für die schrägsten Momente wirkt. Der Tech-Milliardär schwebt über allem wie eine Mischung aus Visionär und Größenwahnsinniger, und genau das macht die Geschichte so zwiespältig.
Allerdings hat mich der Mittelteil stellenweise ausgebremst – da verliert der Roman etwas an Tempo und man fragt sich, ob die App nun gleich die Welt rettet oder ob wir alle erst noch in einer Beta-Version festhängen. Die gesellschaftskritischen Ansätze sind klug, keine Frage, nur hätte ich mir stellenweise weniger Theorie und mehr Emotionen gewünscht. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Szenen, die alles auf den Kopf stellen. Weimar als Schauplatz passt wie die Faust aufs Auge, auch wenn ich mir manchmal mehr Lokalkolorit erhofft hätte. Der Schreibstil ist flott, mit einem leichten Hang zu satirischen Seitenhieben, was die Sache angenehm würzt.
Am Ende bleibt ein Buch, das sich nicht so recht in eine Schublade stecken lässt – mal ernst, mal komisch, mal verstörend. Wer Lust auf ein literarisches Experiment mit gesellschaftspolitischem Unterton hat, wird hier sicher fündig. Für mich persönlich war es ein kurzweiliges Leseerlebnis mit kleinen Längen und einem Finale, das mehr Fragen als Antworten liefert. Genau das ist wohl auch Teil des Spiels. Drei Sterne – weil es interessant, eigenwillig und durchaus lesenswert ist, aber eben nicht ganz mein Volltreffer.