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Veröffentlicht am 16.08.2025

✎ Lorena Salazar - Der Fluss ist eine Wunde voller Fische

Der Fluss ist eine Wunde voller Fische
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Lorena Salazars Debüt überrascht mit einem lyrischen Feingefühl und der Gabe, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu zeichnen. Trotz seiner knapp 200 Seiten fühlte sich die Lektüre jedoch streckenweise ...

Lorena Salazars Debüt überrascht mit einem lyrischen Feingefühl und der Gabe, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu zeichnen. Trotz seiner knapp 200 Seiten fühlte sich die Lektüre jedoch streckenweise zäh an. Mir war, als ob die Autorin teilweise einfach nur Gedanken aneinander gereiht hat. Die Sätze wirkten manchmal fragmenthaft, und Zeitsprünge mitten im Text rissen mich zusätzlich aus meinem noch dazu seltenen Lesefluss. Trotzdem las ich bis zum Ende - einfach, weil mich die Geschichte der beiden Protagonist*innen interessierte.

Die Ich-Erzählerin, eine weiße Frau, erzählt auf der einen Seite aus ihrer Kindheit in Kolumbien. Zugleich reflektiert sie übers Muttersein. Manche dieser Passagen konnte ich als Mama gut nachvollziehen, andere haben mich verletzt.

Der Kontrast zwischen der weißen Frau und ihrem schwarzen adoptierten Sohn wirkte irritierend. Es schien, als werde die weiße Adoptivmutter in vielen Passagen als empathisch, liebevoll und erzählende Heldin stilisiert - und der Schwarze als Objekt dieser Fürsorge.

Der narrative Blick filtre Armuts- und Schönheitsbilder gerne durch Hautfarbe - das Schwarz wird zum Erzählinstrument, zum exotischen Merkmal: Die Umgebung, Stimmen, sogar der Fluss werden als „kaffeebraun“ beschrieben. Sie definiert Menschen durch Farbe. Da steckt für mich struktureller Rassismus drin, subtil verpackt.
Ich fand das ambivalent: Auf der einen Seite poetisch und atmosphärisch dicht, auf der anderen Seite wackelig, weil das Andere zur Wirkung gebraucht wird, statt aus sich selbst heraus wahrgenommen zu werden.

Der Stil wiederum wirkt auf mich fast hypnotisch: poetisch, flirrend, assoziativ - ein Strom aus Sprache, der manchmal seine eigene Strömung ist. Das war wunderschön, aber zugleich anstrengend, wenn man Lesefluss braucht. Und dann diese Namenswiederholungen. Ein einziger Name fiel so penetrant, dass mich allein seine Erwähnung nervte.
Und dann kommt das Ende. Das habe ich so nicht kommen sehen. Ich finde auch, es passt nicht zum Rest der Geschichte.
Hinzu kommt, dass ich durch Recherchen feststellen musste, dass es dieses Ereignis tatsächlich gegeben hat - nur ohne weiße Opfer.

Ich hätte mir ein Nachwort der Autorin gewünscht, das klarer erklärt, was fiktiv und was historisch belegt ist. Ein Glossar gibt zwar einige Erläuterungen zur kolumbianischen Realität, aber ein erklärender Kontext zum Ende hätte mir geholfen - gerade für Lesende in Europa, die mit dem Ereignis so wie ich nichts anfangen können.

„Der Fluss ist eine Wunde voller Fische“ ist kein Buch, das man nur liest - man nimmt es in sich auf, es reißt einen mit und lässt Fragen zurück, die man nicht abschütteln kann. Die poetische Sprache, der teilweise sensible Blick und die Reflexion über Muttersein, Hautfarbe, Zugehörigkeit und Gewalt machen es nachdenklich. Gleichzeitig stören mich Erzählposition und narrative Entscheidungen kritisch - sie zeigen, wie wichtig es bleibt, wer erzählt und von wo und mit welcher Sensibilität.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 08.08.2025

✎ Helme Heine - Der Hase mit der roten Nase

Der Hase mit der roten Nase
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Jedes Jahr rund um Ostern taucht das Bilderbuch „Der Hase mit der roten Nase“ von Helme Heine auf unzähligen Social-Media-Accounts auf. Die Begeisterung ist groß, und immer wieder wird dieses Kinderbuch ...

Jedes Jahr rund um Ostern taucht das Bilderbuch „Der Hase mit der roten Nase“ von Helme Heine auf unzähligen Social-Media-Accounts auf. Die Begeisterung ist groß, und immer wieder wird dieses Kinderbuch als „must-have“ genannt. Als mir das Buch dann zufällig in die Hände fiel, war die Neugier natürlich riesig - schließlich wollte ich wissen, ob es auch bei uns zum (Oster)Liebling werden könnte.

Die Ernüchterung kam schnell. Denn obwohl es oft als Osterbuch gehandelt wird, enthält die Geschichte keinerlei österliche Elemente. Kein Ei, kein Osterhase, keine Frühlingsszene - die einzige Verbindung ist die Hauptfigur: ein Hase. Inhaltlich besteht die Erzählung aus sieben Reimen, die für mich wenig Aussagekraft besitzen. Die Handlung würde ich sogar als belanglos und zu kurz beschreiben, um eine echte Botschaft und Mehrwert zu vermitteln.

Ursprünglich dachte ich, die Geschichte wolle Kindern vermitteln, dass Anderssein etwas Positives ist und zur Vielfalt beiträgt. Doch in der Umsetzung wirkt die Botschaft fragwürdig: Der Hase wird wegen seiner roten Nase und des blauen Ohres nicht einmal als Hase erkannt. Für mich ist das ein problematisches Signal. Als würde ein äußerliches Merkmal bestimmen, ob man dazugehört. Daher empfinde ich diese Darstellung als missglückt, weil sie den Wert von Akzeptanz nicht klar vermittelt.

Zwar freut sich der Hase in der Erzählung über sein besonderes Aussehen, doch am Ende bleibt er allein zurück - und das kann Kindern leicht den Eindruck vermitteln, dass Anderssein Einsamkeit bedeutet. Gerade bei einem Kinderbuch ab 2 Jahren erwarte ich eine stärkere, ermutigende Botschaft.
Statt eines warmen Oster- oder Freundschaftsgefühls bleibt hier eher ein Gefühl von Ausgrenzung zurück. In unserem Bücherregal hat „Der Hase mit der roten Nase“ daher keinen festen Platz gefunden.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 16.07.2025

✎ Wolfgang Herrndorf - Tschick

Tschick
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Nein, für mich war dieser Jugendroman keine Schullektüre. Ich habe „Tschick“ freiwillig gelesen, zusammen mit @linhelest, einfach weil ich neugierig war. Das Buch hat 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis ...

Nein, für mich war dieser Jugendroman keine Schullektüre. Ich habe „Tschick“ freiwillig gelesen, zusammen mit @linhelest, einfach weil ich neugierig war. Das Buch hat 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen - da wollte ich wissen, was dran ist.

Wir begleiten einen Roadtrip durch Ostdeutschland mit zwei 14-jährigen Jungs, die sich durch teils fragwürdige Abenteuer schlagen. Klingt erstmal nach Coming-of-Age mit Tiefgang - aber „Tschick“ bleibt für mich erstaunlich oberflächlich.

Schon nach den ersten Kapiteln wird klar: Die Geschichte von Maik und Andrej lebt von Klischees, Vorurteilen und Stereotypen. Gefühlt jeder gesellschaftliche -Ismus wird angeschnitten - ohne reflektiert zu werden: Sexismus, Rassismus, Klassismus - alles da, aber nichts davon wird hinterfragt oder kritisch eingeordnet. Stattdessen gibt es Bodyshaming und Homophobie on top.

Generell der Schreibstil ist alles andere als fesselnd. Maik, der Ich-Erzähler, fällt vor allem durch vulgäre, beleidigende und diskriminierende Sprache auf. Das soll wohl authentisch wirken, lässt den Charakter in meinen Augen aber flach und schwer zugänglich erscheinen.
Wer auf eine tiefgreifende Entwicklung oder emotionale Wendepunkte hofft, wird enttäuscht. Viel passiert eigentlich nicht. Der Roadtrip plätschert dahin, Begegnungen kommen und gehen, ohne dass sie wirklich etwas auslösen.

Die beiden Protagonisten begeben sich auf eine wilde Reise - aber echte Konsequenzen für ihr Verhalten bleiben aus. Außer einem kurzen Ausflug ins Jugendheim oder ein paar Schlägen (die mehr beiläufig als ernsthaft thematisiert werden), passiert nichts, das spürbare Nachwirkungen hätte. Das nimmt der ohnehin dünnen Handlung zusätzlich an Gewicht.

Natürlich geht es irgendwo auch um Freundschaft, Außenseitertum und das Suchen nach Zugehörigkeit. Aber selbst diese Themen werden eher angedeutet als tiefgehend erzählt.
Es fehlt an emotionaler Tiefe, an Entwicklung - und an Momenten, die im Gedächtnis bleiben. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich viel vorgenommen hat, aber in meinen Augen nicht liefert.

Ich weiß, viele feiern „Tschick“ als modernen Klassiker der Jugendliteratur. Für mich war es eher zäh, inhaltlich problematisch und leider schnell wieder vergessen - eine Erzählung, die sich zwar jugendlich geben will, aber wenig Substanz bietet.
Vielleicht liegt’s an der Zeit, vielleicht am Stil, aber der Coming-Of-Age-Roman hat mich weder mitgerissen noch zum Nachdenken gebracht. Was ich bekommen habe, war eher eine Aneinanderreihung fragwürdiger Botschaften und langatmiger Passagen.

Bisher habe ich es auf der Leseliste der Schule meines Kindes nicht entdecken können und ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft so.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 24.03.2025

🚫 abgebrochen! Rezension: Italo Calvino - Der Baron auf den Bäumen

Der Baron auf den Bäumen
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Für „2 Leseblicke“ hatten wir uns einen Roman aus dem Italienischen vorgenommen: „Der Baron auf den Bäumen“. Da es das Buch nicht als eBook gibt, wählte ich dieses Mal die Hörbuchversion. Wenn es mir gefallen ...

Für „2 Leseblicke“ hatten wir uns einen Roman aus dem Italienischen vorgenommen: „Der Baron auf den Bäumen“. Da es das Buch nicht als eBook gibt, wählte ich dieses Mal die Hörbuchversion. Wenn es mir gefallen hätte, hätte ich mir aus unserer Bibliothek die Originalversion zum Parallellesen geholt, da ich ja in Italien lebe. Doch so weit sollte es nicht kommen …

Ich fing an, die Geschichte zu hören. Anfangs klang sie sehr interessant, doch bereits nach kurzer Zeit merkte ich, dass ich gedanklich abschaltete.

Wir erleben das Geschriebene nicht aus Cosimos Sicht, sondern der kleine Bruder berichtet uns davon.
Mich hätte jedoch viel mehr interessiert, wie es dem Baron mit der Situation geht, wie er die Reaktionen wahrnimmt, ob er mit der Zeit mit sich haderte, …

Vielleicht kommt das alles noch, doch bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich gehört habe, gibt es nur wenig Weiterentwicklung, wenig wirklich Interessantes.

Es gibt bestimmt einen Grund, warum Italo Calvino seine Erzählung 1767 ansiedelt, doch auf dem kurzen gehörten Stück spielt dies keine Rolle.

Für mich funktionierte der Roman in dieser Form leider nicht. Vielleicht leihe ich mir mal eine Kinderversion auf Italienisch aus, um anhand derer die Faszination der anderen nachvollziehen zu können.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 17.02.2025

✎ Evie Woods - Der verschwundene Buchladen

Der verschwundene Buchladen
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Unser Februarbuch für „2 Leseblicke“ war „Der verschwundene Buchladen“ und ich hatte mich sehr auf diese Lektüre gefreut. Leider muss ich sagen, dass dies so gar nicht das war, was ich erwartet hatte …

Es ...

Unser Februarbuch für „2 Leseblicke“ war „Der verschwundene Buchladen“ und ich hatte mich sehr auf diese Lektüre gefreut. Leider muss ich sagen, dass dies so gar nicht das war, was ich erwartet hatte …

Es fängt bereits damit an, dass es drei Erzählperspektiven gibt. Ich liebe es, wenn eine Geschichte verschiedene Erzählformen beinhaltet. Doch hier sind alle drei in der Ich-Form. Da sie ständig wechseln, hatte ich manchmal meine Probleme, direkt zuzuordnen, wer denn nun gerade spricht.

Hinzu kommt, dass wir uns in zwei verschiedenen Jahrhunderten befinden.
Opalines Jahre werden immer klar benannt. Die Geschichte zieht sich durch einige Zeit und so war es leicht, sie einzuordnen.
Henry und Martha hingegen konnte ich nie so wirklich zuordnen. Es gibt nur Hinweise wie Handys und so. Aber eine Jahreszahl wird zu keiner Zeit genannt. Das machte es mir nicht nur schwer, zu sagen, in welchem Jahr wir uns ungefähr befinden. Man weiß auch gar nicht recht, in welchem Zeitraum das Ganze stattfindet.

Dann die Erzählung an sich …

Es gibt viele tolle Ideen, die leider alle nicht zu Ende gedacht sind.

Ich hatte zum Beispiel oft das Gefühl, etwas überlesen zu haben, doch meine Mitleserin hat ebenso gemeint, dass es Sprünge in der Geschichte gibt, in denen Details verloren gehen. Obwohl die Autorin detailliert beschreibt, konnte ich mich dadurch in manche Szenen gar nicht richtig eindenken / einfühlen. Es fehlen ganze Szenen.

Doch nicht nur das Weglassen von Informationen machte das Lesen irgendwann mühsam.
Es gibt viele unlogische und zum Tiel gravierend falsche Darstellungen. Das hat nichts mit Recherche zu tun. Es sagt einem bereits der gesunde Menschenverstand, dass dies nicht zusammenpasst.

Jetzt, nachdem ich den Klappentext noch einmal gelesen habe, muss ich leider sagen, dass er so gar nichts mit der Geschichte, die ich gelesen habe, zu tun hat.

Eigentlich dachte ich, der Laden spielt eine große, wichtige Rolle. Doch in Wahrheit wird er nun hin und wieder erwähnt. Evie Woods hat den Fokus in meinen Augen total falsch gesetzt. Sie verrennt sich in Nebensächlichkeiten.

Es gibt einen einzigen, wirklich tollen Satz in den ganzen 460 Seiten:

„An einem Ort namens Verloren werden seltsame Dinge gefunden.“

©2025 Mademoiselle Cake