✎ Lorena Salazar - Der Fluss ist eine Wunde voller Fische
Der Fluss ist eine Wunde voller FischeLorena Salazars Debüt überrascht mit einem lyrischen Feingefühl und der Gabe, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu zeichnen. Trotz seiner knapp 200 Seiten fühlte sich die Lektüre jedoch streckenweise ...
Lorena Salazars Debüt überrascht mit einem lyrischen Feingefühl und der Gabe, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu zeichnen. Trotz seiner knapp 200 Seiten fühlte sich die Lektüre jedoch streckenweise zäh an. Mir war, als ob die Autorin teilweise einfach nur Gedanken aneinander gereiht hat. Die Sätze wirkten manchmal fragmenthaft, und Zeitsprünge mitten im Text rissen mich zusätzlich aus meinem noch dazu seltenen Lesefluss. Trotzdem las ich bis zum Ende - einfach, weil mich die Geschichte der beiden Protagonist*innen interessierte.
Die Ich-Erzählerin, eine weiße Frau, erzählt auf der einen Seite aus ihrer Kindheit in Kolumbien. Zugleich reflektiert sie übers Muttersein. Manche dieser Passagen konnte ich als Mama gut nachvollziehen, andere haben mich verletzt.
Der Kontrast zwischen der weißen Frau und ihrem schwarzen adoptierten Sohn wirkte irritierend. Es schien, als werde die weiße Adoptivmutter in vielen Passagen als empathisch, liebevoll und erzählende Heldin stilisiert - und der Schwarze als Objekt dieser Fürsorge.
Der narrative Blick filtre Armuts- und Schönheitsbilder gerne durch Hautfarbe - das Schwarz wird zum Erzählinstrument, zum exotischen Merkmal: Die Umgebung, Stimmen, sogar der Fluss werden als „kaffeebraun“ beschrieben. Sie definiert Menschen durch Farbe. Da steckt für mich struktureller Rassismus drin, subtil verpackt.
Ich fand das ambivalent: Auf der einen Seite poetisch und atmosphärisch dicht, auf der anderen Seite wackelig, weil das Andere zur Wirkung gebraucht wird, statt aus sich selbst heraus wahrgenommen zu werden.
Der Stil wiederum wirkt auf mich fast hypnotisch: poetisch, flirrend, assoziativ - ein Strom aus Sprache, der manchmal seine eigene Strömung ist. Das war wunderschön, aber zugleich anstrengend, wenn man Lesefluss braucht. Und dann diese Namenswiederholungen. Ein einziger Name fiel so penetrant, dass mich allein seine Erwähnung nervte.
Und dann kommt das Ende. Das habe ich so nicht kommen sehen. Ich finde auch, es passt nicht zum Rest der Geschichte.
Hinzu kommt, dass ich durch Recherchen feststellen musste, dass es dieses Ereignis tatsächlich gegeben hat - nur ohne weiße Opfer.
Ich hätte mir ein Nachwort der Autorin gewünscht, das klarer erklärt, was fiktiv und was historisch belegt ist. Ein Glossar gibt zwar einige Erläuterungen zur kolumbianischen Realität, aber ein erklärender Kontext zum Ende hätte mir geholfen - gerade für Lesende in Europa, die mit dem Ereignis so wie ich nichts anfangen können.
„Der Fluss ist eine Wunde voller Fische“ ist kein Buch, das man nur liest - man nimmt es in sich auf, es reißt einen mit und lässt Fragen zurück, die man nicht abschütteln kann. Die poetische Sprache, der teilweise sensible Blick und die Reflexion über Muttersein, Hautfarbe, Zugehörigkeit und Gewalt machen es nachdenklich. Gleichzeitig stören mich Erzählposition und narrative Entscheidungen kritisch - sie zeigen, wie wichtig es bleibt, wer erzählt und von wo und mit welcher Sensibilität.
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