Cover-Kauf diesmal nicht geklappt
Don't Let The Forest InIch wollte dieses Buch so sehr mögen. Allein das Cover - düster, schön, ein bisschen morbide - hat mich sofort angesprochen. Auch das Setting mit einem Internat, makabren Märchen und einem Hauch von psychologischem ...
Ich wollte dieses Buch so sehr mögen. Allein das Cover - düster, schön, ein bisschen morbide - hat mich sofort angesprochen. Auch das Setting mit einem Internat, makabren Märchen und einem Hauch von psychologischem Horror klang nach genau meinem Ding. Aber am Ende war ich leider eher ernüchtert.
Was gut funktioniert hat: Die Atmosphäre. Die düsteren Bilder, die blutgetränkten Illustrationen, das surreale Gefühl, dass etwas nicht stimmt – das alles war teilweise wirklich gelungen. Die Prosa ist extrem poetisch, manchmal wunderschön formuliert, manchmal allerdings auch einfach zu viel. Der Schreibstil will oft mehr sein, als er ist, und hat mich mehr als einmal aus dem Lesefluss gerissen. Wortwiederholungen (vor allem rund um „Verfall“ und „Fäulnis“) und absichtlich zerstückelte Sätze wirken eher bemüht dramatisch als wirklich bedeutungsvoll.
Die Figuren (vor allem Andrew) waren für mich ein Problem. Ich verstehe, dass er ein komplexer Charakter mit psychischen Problemen sein soll, aber statt Tiefe kam bei mir oft nur Selbstmitleid an. Seine Essstörung und Angstzustände werden erwähnt, aber nie wirklich konsequent erzählt oder ernsthaft behandelt. Vieles wirkte wie reingeschoben, um den Charakter „traumatischer“ zu machen, aber nicht wie etwas, das die Geschichte oder ihn selbst wirklich formt.
Die Beziehung zwischen Andrew und Thomas, die eigentlich das emotionale Herz der Geschichte sein soll, hat mich ebenfalls nicht gepackt. Es gibt eine intensive Abhängigkeit zwischen ihnen, teilweise sogar toxisch - und das wäre interessant gewesen, wenn es glaubhafter entwickelt worden wäre. Stattdessen blieb es für mich oft eher oberflächlich und voller leerer, dramatischer Phrasen, ohne echtes emotionales Gewicht oder Tiefe.
Inhaltlich schwankt das Buch zwischen psychologischem Horror, Coming-of-Age, queerer Selbstfindung und Märchenmetapher – alles spannende Themen, aber nichts davon wird wirklich konsequent erzählt. Der Horror bleibt meist angedeutet, der Plot teilweise verworren, und das große „Twist“-Finale hat bei mir nur ein Schulterzucken ausgelöst. Auch hier: gute Ansätze, aber das Gesamtbild bleibt vage und löst zu wenig ein.
Was ich dem Buch aber zugutehalten muss: Es ist mutig, wenn auch nicht immer erfolgreich. Die queere Repräsentation, insbesondere im Bereich Asexualität, ist wichtig und schön umgesetzt. Und ich sehe definitiv, dass dieses Buch für viele (gerade jüngere) Leser:innen sehr viel bedeuten kann – es trifft nur einfach nicht meinen Nerv.
Fazit:
Ein atmosphärisches, ambitioniertes Debüt mit toller Bildsprache, aber erzählerischen Schwächen. Wer auf poetisch-düstere Coming-of-Age-Geschichten mit queerer Repräsentation steht, könnte hier fündig werden - solange man nicht zu viel Substanz im Horror oder in der Figurenzeichnung erwartet.