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Veröffentlicht am 03.02.2026

Blutsverwandtschaft ist auch nur ein Zufall der Natur

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal ...

Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal den Roman nacherlebte, zauberhaft und empathisch gelesen von Julia Nachtmann.
Meine Lieblingsprotagonistin in diesem Buch wie auch im Hörbuch ist Marlen, sie ist der Ausgangspunkt dieser Geschichte und ihre Lebenserzählung hält das Ganze zusammen. Marlen, die Kriegswaise, dem Selbstmordchaos in Demmin am Ende des Zweiten Weltkriegs entkommen, wird auf ihrer Flucht von Wilma, einer Malersgattin in Güstrow, vor den anrückenden und Frauen vergewaltigenden Rotarmisten gerettet. Ihr zufälliges Zusammentreffen wird zu einer bleibenden Symbiose, die erst nach Wilmas Tod und dem Mauerfall 1989 endet. Marlen wird erst die linke, dann die rechte Hand von Wilma, die selbst endlich Malerin sein kann, am Ende wird sie auch ihre Augen ersetzen. Dass Marlens Malkunst so auf der Strecke bleibt, ist traurig, aber die Wege des Schicksals sind eben manchmal auch traurig.
Der zweite Erzählstrang widmet sich Hannah und ihrer Familie und ihren Familienproblemen, mit jeder Menge Klischees ist sie konfrontiert, Alena Schröder baut diese augenzwinkernd und gekonnt in die Handlung ein.
Unter dem Titel "Dieser ganze Familienkram" habe ich das Buch rezensiert, hier will ich mich kürzer fassen.
Ich habe auch die zwei anderen Bücher, die zu dieser Trilogie gehören, gelesen und gehört. Alena Schröder schreibt einfach das Herz und die Seele an, "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" und "Bei euch ist es immer so unheimlich still" erzählen quasi die Vorgeschichte zu "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel", aber man kann das dritte Buch auch ohne die anderen beiden hören. Ich jedenfalls werde wohl die ersten beiden nun auch noch einmal hören, einfach, weil es Freude macht. Und weil das Ende so rührend schön ist.
Fazit: 100-prozentige Hör- und Leseempfehlung, genau das richtige für Herz und Seele

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

„Der Tod hatte mich nicht genommen.“

Unter einem fremden Stern
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Die Autorin dieses autobiografischen Romans wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Nur durch Zufall fand ich dieses Buch, von Lotte Paepcke hatte ich noch nie etwas gehört oder gar gelesen. Umso eindrücklicher ...

Die Autorin dieses autobiografischen Romans wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Nur durch Zufall fand ich dieses Buch, von Lotte Paepcke hatte ich noch nie etwas gehört oder gar gelesen. Umso eindrücklicher war die Lektüre dieses schmalen Büchleins, das jetzt bereits zum dritten Mal neu aufgelegt wurde. Der 8 grad verlag macht sich in meinen Augen sehr verdient um dieses Buch, das 1952, noch unter dem fast unmittelbaren Eindruck des Untergangs des Dritten Reichs, der (noch unvollständigen) Erkenntnisse über den Holocaust und eines Versuchs der „Wiedergutmachung“ stand.
Lotte Paepcke war Jüdin, aus gutem Hause, mit hoher Bildung, nach ihrem Jurastudium 1933 mit einem nicht mehr nutzbaren Staatsexamen in der Tasche. Noch vor 1935, als die Nürnberger Gesetze den Juden eine Ehe mit einem Deutschen verwehren, heiratet sie den Geisteswissenschaftler Ernst Paepcke. Eine sogenannte privilegierte Mischehe entsteht, denn sie bekommen einen Sohn, Peter. Dieser ist nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch ein Mischling ersten Grades. Für mich sind diese Termini nichts Neues, der Vater meiner Mutter war Jude. Auch sie erlebte ihre gesamte Schulzeit, Kindheit und Jugend von der Einschulung 1933 bis zur Befreiung 1945 unter Repressalien, ihre „arische“ Mutter beschützte sie so gut es ging. Am Ende ihres Lebens wird sie ähnliche Worte wie die Autorin finden für das Leben danach: »Es wurde nicht wieder gut« (Zitat, Nachwort, S. 117).
Der Roman schildert auf teilweise sehr poetische Weise das Leben der Lotte Paepcke unter dem Hakenkreuz, als heutiger Leser muss man sich erst an den Schreibstil gewöhnen, der viel Gefühl, viele bildhafte Beschreibungen und philosophische Betrachtungen und Zitate enthält. Aber je länger ich las, umso mehr fühlte ich mich in die Autorin ein, immer wieder dabei an meine Mutter, meinen ermordeten Großvater, die vielen Holocaustopfer unter meinen Verwandten denkend.
Zuerst zieht sie mit ihrem Mann vom Rheinland nach Leipzig, ein Unterschied der Mentalitäten, der nicht größer sein könnte. Dort sind beide bedacht darauf, ihre jüdische Identität zu verschleiern und zu verheimlichen, erst als sie eine Meldeadresse nachweisen können, holen sie auch den kleinen Peter, der da schon in die dritte Klasse geht, zu sich. In der Volksschule ist er nur gelitten, eine höhere Bildung wird ihm während der Nazizeit verwehrt sein, so wie es auch meiner Mutter widerfuhr. Peter wird dann aber doch wieder in die Obhut anderer kommen, weil seine Mutter schwer erkrankt. Ihr Ehemann, der immer zu ihr hält, bringt sie nach Freiburg, wo sie sich halblegal aufhält, aber zumindest der Sohn ist bei ihr. Ein Krankenhausaufenthalt endet nach einem Bombenangriff der Alliierten im Chaos, gerettet wird sie durch die wundersame Aufnahme in ein Kloster, in dem auch Peter im Kinderheim leben kann. Diese Klosterzeit bringt ihr nicht nur Erholung, sie erfährt auch Güte und Herzlichkeit, aber kaum einer weiß, dass sie Jüdin ist.
Dass das Leben einer Jüdin in einer Mischehe auch ganz anders enden kann, das erzählt sie am Beispiel ihrer Cousine und Freundin Lilli. Trotzdem sie mit einem „Arier“ verheiratet war und sie gemeinsam fünf Kinder hatten, ließ ihr Mann sich scheiden. Das bedeutete für Lilli den sicheren Tod. Das gleiche Schicksal wird ihre Großmutter erleiden, die sie vor ihrem Abtransport in die Gaskammern nicht noch einmal sehen kann. Diese irreale Schuld, ihre Vorfahrin im Stich gelassen zu haben in jener Zeit, wird sie nie verlieren.
Unabhängig von den persönlichen Umständen, die die Autorin so einprägsam schildert, beschreibt sie auch die Umgebung, die äußeren Umstände, die sie erlebt. Interessant sind die Schilderungen über den Leipziger Brühl, das Pelzhändler- und Kürschnerviertel, das vor 1933 hauptsächlich jüdischen Kaufleute und Kürschner beherbergte. Auch die Zwangsarbeit, die die Autorin leisten muss, wird durch Bombenangriffe nachhaltig verändert. Zuerst ist es eine abgeschlossene Abteilung für jüdische Frauen aus Mischehen, nach den Bombenangriffen besteht die Arbeit aus sinnlosem Aufhäufen von Schuttbergen. Da wirkt ihre spätere Arbeit in der Klostergärtnerei beinahe erfreulich.
Das Nachwort der Autorin (aus dem Jahr 1979) lässt nur einen Schluss zu, vieles würde sie noch heute genauso schreiben. Und sie würde mit dem Wissen um den heutigen Antisemitismus, der besonders nach dem Hamas-Massaker vom 23. Oktober 2023 wieder sehr deutlich und laut auftritt, wahrscheinlich große Angst bekommen vor der Zukunft. Auch ihre Nachkommen melden sich zu Wort, erinnern mit Stolz an ihre Mutter und Großmutter. Dass sie explizit erwähnen müssen, dass der Text nicht nach heutigen Maßstäben lektoriert oder verändert wurde, sondern im Original erhalten bleibt, das scheint dem Zeitgeist geschuldet. Für mich ist das Buch genau richtig, auch wenn es an manchen Stellen etwas pathetisch und langatmig geschrieben ist, fand ich doch auch Stellen, die fast wie eigenständige Lyrik klingen: „Aber die Schritte zum Berg – waren sie nicht noch immer die meinen? Sie hatten mich nicht verlassen: denn aus ihnen wurde der Weg. Die Gedanken und Träume, die ich getragen hatte durch die Straßen meiner Stadt: Sie waren nicht zurückgeblieben zwischen den engen Mauern. Sie hatten sich erhoben und gewölbt zum Raum, so groß wie die Welt, durch die zu gehen mein Schicksal war.“ (Zitat, S. 82)
Fazit: Dieses Buch reiht sich ein in die großen Werke der Holocaust-Literatur. Ich empfehle es aus ganzem Herzen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 21.01.2026

Geheime Sehnsüchte oder der Alltag nach der Orionzeit

Die Liebe, später
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Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt ...

Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt auch noch drin, ein Metier, das die Autorin ja bekanntlich gut beherrscht, wenn man an ihre Kommissarin Judith Krieger denkt. Für mich ist die Autorin aber vollkommenes Neuland, nun hat mich dieser Roman neugierig gemacht auf frühere Werke.
Worum geht es im Buch? Kora, um die 60, Journalistin, verheiratet mit Anselm seit etwa 20 Jahren, an Wochenendehe gewöhnt, selbständig und frei, hatte ein Herz-OP. Das hat sie aus der bewährten Bahn geworfen wie ein Tsunami, sie sucht, nachdem sie sich recht gut erholt hat, ihre neue Mitte, eine neue Art zu leben. Dass ihr Ehemann, wohl aus reiner Solidarität, sich in Frührente begeben und nun zu Hause sein neues Betätigungsfeld gefunden hat, ist Koras Seelenzustand nicht gerade zuträglich. Denn Anselm ist schon recht speziell und nun hat er sich einen großen Teich für ihren kleinen Garten in den Kopf gesetzt, um seine geliebten Libellen zu beobachten und ihnen eine Heimstatt zu bieten. Schon etwas schräg, seine Marotten.
Kora versucht auf Zeit dem zu entkommen, beginnt mit einer Reise zu ihrer ehemaligen Dozentin Gabriella, die 85. Geburtstag feiert, und steigt vorher bei ihrem jungen Freund und Bekannten Felix ab. Dass ihr die erste Autofahrt allein etwas aufs Gemüt schlägt, das kann ich gut verstehen. Bei Felix jedenfalls hängt der Haussegen nicht nur schief, er ist in Panik, seine Frau Leonie ist weg. Einfach so, von einem Moment auf den anderen. Die Bayrischen Berge im Winter können da schon Angst machen, ist ihr etwas passiert? Die Frage zieht sich durch das ganze Buch.
Kora aber will nicht so recht ran an eine Sendung zur vermissten Leonie, sie will nicht wieder neu anfangen mit der Journalistentätigkeit, den Talkshows, will frei und unabhängig entscheiden können, was sie macht und wie. Etwas hinderlich ist ihre ununterbrochene Grübelei, sie lässt in langen Sequenzen die „Orionzeit“, ihre Operation, ihren Krankenhausaufenthalt, die Reha immer wieder wie einen Film im Kopf laufen. Erinnert sich sehr an Anselm, der so besorgt und liebevoll war in dieser Zeit. Und trotzdem nervt er sie jetzt, da alles überstanden scheint.
Kora, die von ihrem Vater eine Wohnung in Berlin geerbt hat, nutzt diese als Rückzugsort, beginnt alte Freundschaften wiederzubeleben, aber auch die traurigen Gedanken an die vergangene Zeit, an verlorene Liebe, verlorenes Kind, verlorene Freunde. Bei all dem bleibt sie aber trotzdem die klar und strukturiert denkende Journalistin, macht sich immer wieder neue Aufzeichnungen über genau fünf Dinge, die ihr zu einer Problematik einfallen. Man lernt Kora und Anselm auf diese Weise sehr genau kennen, ihre Gemeinsamkeiten und das, was sie nicht gemeinsam haben. Für Anselm ist das alles zu viel, schon mitten im Teichbau wirft er alles hin und verschwindet ins „Grüne“. Wo er charaktermäßig wunderbar hinpasst.
Mehr will ich über die Handlung nicht preisgeben, das Buch liest sich trotz der Brüche, der wechselnden Orte und Zeiten sehr angenehm flüssig, die Autorin hat eine sehr pointierte und prägnante Sprache, es liest sich einfach „echt“. Das ist es sicher auch, der Roman ist in Teilen autofiktional, was das Ganze umso berührender macht. Die Autorin weiß also genau, worüber sie schreibt, wie einen die eigenen Gedanken ebenso nerven können wie die eigenen Schwächen. Ganz abgesehen von denen der anderen.
Obwohl mir das Cover beim ersten Hinschauen gut gefallen hat, passt es nicht zur Hauptfigur Kora, eher könnte ich es mit der verschwundenen Leonie in Verbindung bringen. Das verwendete Bild heißt Im Gartenatelier, das Grün des Umschlags passt insgesamt gut zu Koras engem Verhältnis zum Garten. Das Orange des Umschlagtitels spiegelt sich im Vorsatzpapier, das Grün im Hardcover. Gut gelungen. Die Textgestaltung gefällt mir auch gut - die fetten Initialen (erste zwei, drei Worte) zu Beginn eines neuen Textabschnitts, die mit dieser Auszeichnungsschrift korrespondierenden Seitenzahlen lockern den Satz angenehm auf, nur für Brillenträger könnte der Text einen Punkt größer gesetzt sein.
Fazit: ein empfehlenswerter Roman, für mich mit 71 war er sicher leichter zu verstehen und berührte mich sehr, als das bei Lesern mit 30, 40 oder 50 der Fall wäre. Aber für alle ist etwas dabei, das zum Nachdenken anregt. Die Frage, was kommt später, was kommt noch alles auf mich oder uns zu, die bewegt Kora und Anselm im Buch, in der Wirklichkeit bewegt sie wahrscheinlich jeden.
5 Sterne
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Es gibt auch liebenswerte Adrenalinmenschen

Am Hang des Todes
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Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach ...

Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach langer Weltreise der Kommissar der Polizia di Stato Johann Grauner. Der Ispettore Saltapepe und seine Assistentin Tappeiner, unterdessen ein echtes Ehepaar und doch immer noch Partner bei kriminalistischen Ermittlungen, wollen die Gunst der Stunde nutzen und eine Auszeit auf einer Berghütte nehmen. Was auch für den Neapolitaner Saltapepe unterdessen nicht mehr ungewöhnlich ist, der hat sich nämlich an die Bergwelt gewöhnt und fährt auch ganz passabel Ski. Aber wie das so ist mit der Planung in Polizeikreisen, es kommt etwas dazwischen, kaum sind die beiden oben angelangt an ihrer Hütte.
Einer Toter auf der Piste jagt alle von ihren Plätzen, es ist der talentierte Skirennfahrer Philipp Ungerer, den es mitten im Weltcup-Rennen umgehauen hat. Und das kurz vor Weihnachten, mitten im schönsten Südtirol, auf den schönsten Abfahrthängen der Saslong. Wer Südtirol kennt, verspürt wahrscheinlich wie ich die ganze Zeit ein Fernweh sondergleichen, Koppelstätter lässt den Leser mitfühlen, mitrutschen, hinfallen und wieder aufstehen. Aber der Tote steht leider nicht wieder auf, er ist nicht nur gestürzt, er wurde erschossen, so präzise, dass es schon (oder schön?) unheimlich wird. Die Polizisten begeben sich auf die Spuren aller, die mit dem jungen Ungerer zu tun hatten, zuerst seine Eltern, dann der ehemalige, nun verschwundene Skikamerad Armin Waldsteiner, und dessen Eltern, dann noch andere, immer mehr Verdachtsmomente kommen auf. Einzig über jeden Verdacht erhaben ist die alte Frau Mulser, die so fantastische Preiselbeermarmelade fabriziert und verschenkt.
Koppelstätter schreibt sich richtig in Fahrt, es wird spannend und das Ermitteln ist mit einigen Tücken verbunden, mir hat das Lesen solchen Spaß gebracht, es hätte sich noch etwas hinziehen dürfen. Dass Grauner zwischendurch den Staatsanwalt Belli um Frühpensionierung bittet, hat mir die Freude etwas getrübt, ich hoffe bis nächstes Weihnachten überlegt sich der Autor das doch noch einmal anders. Dies war der 11. Fall, da könnte das Dutzend ja noch voll werden. Nur bitte demnächst wieder ohne Spendenaufrufe.
Fazit: Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Dieser ganze Familienkram

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich ...

Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ haben mich begeistert. Die Autorin ist unheimlich nah und emotional an ihren Figuren, sie fesselt den Leser, ohne auf verrückte Pointen setzen zu müssen. Es geht eher still zu in ihren Büchern, so auch in diesem mit dem etwas umständlichen Titel „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“, aber es geht unter die Haut, es berührt das Herz, wie sie ihre Geschichte entwickelt. Es scheint fast, als würde sich die Geschichte ohne äußeres Zutun ganz von allein entfalten und von einem kleinen bunten Stück Leinwand zu einem großen Lebensbild werden.
Worum geht es in diesem Buch? Zuerst lernt man das Mädchen Marlen kennen, die dem Todesstrudel von Demmin entkommen ist, nun aber nur noch an eine ertrunkene Mutter und einen mit ihr in die Tiefe gezogenen kleinen Bruder denken kann. Marlen ist Waise und sie ist klein, fast durchsichtig, aber unheimlich stark. Diese innere Stärke wird sie von den ersten Seiten des Buches bis zu seinem Ende tragen. Ich liebe diese Figur, sie hat sich mir tief eingeprägt.
Aber Marlen ist nur eine von vielen Protagonisten, die uns Alena Schröder präsentiert. Marlen lernt 1945 in einem alten Forsthaus bei Güstrow die „Krähenfrau“ Wilma kennen, die sie vor den Russen rettet. Wilma ist die Ehefrau von Jon Engels, DEM Jon Engels, wie es in Güstrow hieß, er war ein bekannter Maler, aber er landete wie viele andere im Krieg und im Kriegsgefangenenlager in der SU. Das stellt sich aber erst später heraus. Wilma ist also allein, hat aber Brurgel, die alte Haushälterin, die schon Jon die Windeln wechselte. Wilma nimmt Marlen mit in ihr Haus, gibt ihr eine Unterkunft und wird sie später adoptieren. Es entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft, wie sie so wohl noch nicht in einem Roman beschrieben wurde. Mir ist jedenfalls keiner bekannt.
Die Zeiten wechseln im Buch, einerseits wird die Entwicklung von Marlen über viele Jahre bis 1961 geschildert, andererseits springt die Handlung zwischen 1989 (im Prolog), Marlens Güstrow und 2023 hin und her. 1989 lernt Marlen im Aufnahmelage Marienfelde die Ärztin Dr. Evelyn Borowski kennen, sie hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren. Zufällig stellen die beiden Frau eine Gemeinsamkeit fest, beide lebten in Güstrow. Das Kennenlernen endet abrupt, aber im Kopf von Evelyn Borowski gehen die Gedanken hin und her. Es ist Weihnachten, ihre Tochter Silvia wird sie mit Enkelin Hannah besuchen. Und damit beginnt Hannahs Part in diesem Roman. Hannahs Familien- und Lebensgeschichte werden aus der Sicht des Jahres 2023 betrachtet und was Hannah erinnert und denkt, setzt ein Wechselspiel der Gefühle in Gang. Hannah ist mit 35 Jahre die Einzige, die übriggeblieben ist in ihrer kleinen Familie, die Großmutter und die Mutter sind beide verstorben, der Vater nicht existent. Bis zu dem Moment, in dem er sich in Erinnerung bringt, mit einem riesigen Blumenstrauß und einem mystischen Gruß von Martin Klammer auf Papa Klammer zu.
Damit ist der Beginn der Familiengeschichte weit genug beschrieben, ich kann jedem, der solche gern liest, dieses Buch wärmstens empfehlen. Sehr oft warte ich sehnsüchtig darauf, dass Romane irgendwann zum Ende und auf den Punkt kommen. Bei Alena Schröder habe ich gänzlich gegensätzliche Empfindungen. Ich bin tatsächlich traurig, dass dieses Buch schon zu Ende ist. Es enthält so viel Lebensweisheit und -freude, so viele Szenen, bei denen man sich direkt zugehörig fühlt, sich hingezogen fühlt zu den Protagonisten, sei es zu Marlen, sei es zu Hannah, ich kann davon gar nicht genug bekommen.
Alena Schröder beschreibt aber nicht nur die Hauptfiguren mir viel Einfühlungsvermögen, es sind auch die Nebenfiguren, die sich zu interessanten Charakteren entwickeln. Um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, bleibe ich hier im Vagen.
Marlen ist es auch, die ich zu meiner Lieblingsfigur in diesem Roman erkoren habe, ihre Liebe und Achtung zu Wilma, auch zu Brurgel, ihr Verantwortungsgefühl für die beiden, die stärker sind als alles andere, ich habe sie tatsächlich dafür bewundert. Sie ist die wahre „Drachenreiterin“ in diesem Buch.
Fazit: Die schöne, schnörkellose Sprache der Autorin ließ mich mit großem Vergnügen diesen Roman erleben. Wenn Lesen zum Erlebnis wird, hat das Buch auf jeden Fall sein Ziel erreicht.

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