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Veröffentlicht am 01.11.2019

Verwobene Schicksale

Der Sprung
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Eigentlich liebt Manu das Leben. Sie versteht sich als "Störgärtnerin" und rettet Pflanzen aus Umgebungen, in denen diese - ihrer Meinung nach - nicht atmen und sich nicht mit anderen Pflanzen vernetzen ...

Eigentlich liebt Manu das Leben. Sie versteht sich als "Störgärtnerin" und rettet Pflanzen aus Umgebungen, in denen diese - ihrer Meinung nach - nicht atmen und sich nicht mit anderen Pflanzen vernetzen können. Auch auf Finn, ihren Freund, macht sie einen starken, wenn auch manchmal etwas seltsamen Eindruck. Und dennoch steht Manu eines Tages auf dem Dach eines Wohnhauses, ganz nah an der Kante, schreit und tobt und am Ende, da schreitet sie einfach über den Dachrand hinaus ins Leere. Durch dieses Ereignis gerät das Leben der unterschiedlichsten Menschen in dem kleinen Städtchen Thalbach aus den Fugen.

Da sind zum Beispiel Theres und Werner, deren kleiner Kiosk schon seit geraumer Zeit kaum noch Kundschaft hat. Während Theres umso härter arbeitet, bleibt Werner völlig depressiv zurück, so dass er manchen Tagen gar nicht mehr aus dem Bett aufsteht. Als sich jedoch die Menschenmenge versammelt, um nicht zu verpassen, was mit der "Verrückten auf dem Dach" geschieht, erfährt der Laden einen ungeahnten Aufschwung. Denn Hunger und Sensationsgier, das verträgt sich nicht. Doch wo Theres und Werner von dem Spektakel profitieren, haben andere darunter zu leiden: die launische Edna beispielsweise wird durch Manu auf dem Dach an ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit erinnert, das sie völlig aus der Bahn geworfen hat. Erschüttert verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung und wartet darauf, dass wieder Normalität einkehrt.

Neben diesen drei Personen gibt es noch zahlreiche mehr, die im Buch zu Wort kommen. Polizist Felix spricht mit Manu auf dem Dach, Schülerin Winnie sitzt unten in der Menge. Der Obdachlose Henry lebt in der Nähe des Gebäudes in einem Park, Maren jedoch im Haus selbst. Arbeiter Egon beobachtet das Geschehen vom Café gegenüber und der geheimnisvolle Ernesto verfolgt das Ganze im Fernsehen. Aber auch Vertraute von Manu kommen zu Wort, ihr Freund Finn und ihre Halbschwester Astrid liefern jeweils Puzzleteile, um das Rätsel um Manu zu lösen. Finn liefert die Gegenwart, erzählt, was er an Manu liebt und glaubt, sie zu kennen, obwohl er nicht einmal ihren Nachnamen weiß. Astrid hingegen präsentiert uns Manus Kindheit; eines Mädchens, das ihre Schwester immer beschützt hat; eine, die nie vor etwas Angst hatte.

Mit "Der Sprung" ist Simone Lappert ein grandioser Roman gelungen. In kraftvollen Worten beschreibt sie, wie sich das Leben in der Kleinstadt durch Manu und den Sprung vom Dach verändert. Es wird durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt, ob die Betroffenen es wollen oder nicht. Dabei entstehen sowohl positive als auch negative Konsequenzen, doch das Wichtigste ist: es verändert sich etwas; in den Köpfen der Menschen, aber auch in ihren Herzen. "Der Sprung" befasst sich nicht nur mit Manu und dem Grund, warum sie sich auf diesem Dach befindet. Nein, der Roman geht viel weiter darüber hinaus. Er spricht von Liebe und Hoffnung, von Verzweiflung und Schuld, von Einsamkeit und Gemeinschaft. Ein wunderbarer Roman, dessen Figuren noch lange nach dem Ende in einem nachklingen.

Veröffentlicht am 26.02.2026

Guter Einblick

Japan
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Warum ist es in japanischen Zügen eigentlich so still? Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Schrein und einem Tempel? Und warum gibt es in Japan drei unterschiedliche Arten von Schriftzeichen ...

Warum ist es in japanischen Zügen eigentlich so still? Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Schrein und einem Tempel? Und warum gibt es in Japan drei unterschiedliche Arten von Schriftzeichen und wofür werden sie genutzt? Das sind nur einige Beispiele für die Themen, die Françoise Hauser in ihrem Sachbuch „Japan. Einblicke in ein faszinierendes Land“ behandelt. Sie selbst ist als Autorin, freie Journalistin und Podcasterin selbst regelmäßig auf den japanischen Inseln unterwegs.

In insgesamt 11 Kapiteln bewegt sich die Autorin durch viele spannende Themen. Einerseits geht es natürlich um das, was uns allen an Japan besonders ins Auge sticht: der schnelle und effiziente Zugverkehr, die Faszination für die Kirschblüte oder das schmackhafte Essen. Aber es werden auch kleine Kuriositäten erzählt, wie beispielsweise Jesus’ Grab im Dorf Shingo oder dass es in Japan Menschen gibt, die dafür bezahlt werden, auf Ubahn-Rolltreppen herumzustehen.

Jedes Kapitel ist dabei ähnlich aufgebaut. Zunächst folgt der Ort, an dem man das Genannte erleben kann, wenn möglich mit einer konkreten Adresse. Dann wird das Thema näher erläutert und am Ende folgt, in einem separaten Kasten, immer ein Tipp, ein Fun Fact oder weitere Hintergrundinformationen.

Für wen ist dieses Buch geeignet? Japanliebhaber werden vieles im Buch schon wissen, aber es lässt sich dennoch auch Neues entdecken, zum Beispiel in den Kapiteln über unbekannte Japaner oder die verschiedenen Strömungen des Buddhismus. Für alle, die zum ersten Mal nach Japan reisen oder sich generell einen Überblick über das Land verschaffen wollen, liefert Françoise Hausers Buch einen sehr guten Einstieg, von dem aus sich das ein oder andere Thema dann vertiefen lässt. Für mich eine schöne Ergänzung zu eher nüchternen und sachlichen Reiseführern.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Emotionaler Roman über drei sehr unterschiedliche Frauen

Die Teestunden
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Sakura, Karen und María leben auf drei Kontinenten und haben sehr unterschiedliche Lebensläufe. Doch eines verbindet sie: eine wunderschöne, jadegrüne Teekanne, die Sakuras Ehemann für sie getöpfert hat ...

Sakura, Karen und María leben auf drei Kontinenten und haben sehr unterschiedliche Lebensläufe. Doch eines verbindet sie: eine wunderschöne, jadegrüne Teekanne, die Sakuras Ehemann für sie getöpfert hat und die danach erst zu Karen und dann zu María gelangte. Mit Hilfe dieses besonderen Verbindungsstücks wird das Schicksal der drei Frauen miteinander verknüpft und es entsteht eine Brücke, die tausende Kilometer und sogar die Zeit überwindet.

„Die Teestunden“ ist der neuste Roman der spanischen Autorin Ángeles Doñate und wurde von Petra Zickmann ins Deutsche übersetzt. Die Handlung wird immer abwechselnd aus der Perspektive der drei Frauen erzählt, beginnend bei Sakura im Jahr 1960 und endend mit María im Jahr 1999. Dabei erfahren wir nicht nur, wie die Frauen jeweils an die im Zentrum stehende Teekanne gekommen sind und was sie für sie persönlich bedeutet, sondern auch, wie ihr Leben davor verlaufen ist und was ihre Wünsche und Träume sind.

Sakura führt ein eher einfaches Leben als Frau eines Töpfers. Er ist es auch, der die Teekanne anfertigte, um sie seiner Geliebten bei seinem Heiratsantrag zum Geschenk zu machen. Karen hingegen hat ein sehr aufregendes Leben hinter sich, das sie von ihrem Job als Grundschullehrerin, über eine Stelle in einer Anwaltskanzlei bis zu ihrem Traum der Landschaftsarchitektur und damit auch zu ihrem Traummann geführt hat – doch das auch nicht ohne harte Zeiten. Über die weiß María besonders gut Bescheid, denn sie muss sich damit auseinandersetzen, dass nach über 20 Jahren der Krebs in ihr Leben zurückgekehrt ist und dass sie es dieses Mal vielleicht nicht schaffen wird.

„Die Teestunden“ ist ein wirklich emotionaler Roman über die Dinge, die im Leben wichtig sind und über unsere Träume, die manchmal wohl, aber manchmal eben auch nicht in Erfüllung gehen. Durch die Teekanne und generell das Ritual des Teetrinkens verbindet Ángeles Doñate geschickt drei unterschiedliche Leben miteinander. Leider bleibt bei mehreren Perspektiven oft eine etwas auf der Strecke und so ist mein einziger Kritikpunkt, dass ich gerne mehr über María abseits ihrer Erkrankung gewusst hätte.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Spannender Jugendthriller auf engem Raum

Five Survive
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Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem ...

Es sollen unvergessliche Tage werden. Red ist mit 5 Freunden in einem Wohnmobil unterwegs zum Spring Break, der letzten gemeinsamen Party, bevor 4 von ihnen die High School verlassen. Doch schon auf dem Weg zum ersten Campingplatz verfahren sie sich und landen mit einem platten Reifen irgendwo im Nichts. Sie steigen aus, wechseln das Rad und wollen gerade wieder losfahren, da ertönen Schüsse. Nun sind alle Reifen zerfetzt und der Benzintank leer – doch wer lauert dort draußen auf sie und warum?

Ja, ihre Bücher mögen gehypt sein, aber Holly Jacksons Geschichten funktionieren einfach für mich. Schon ihre „A Good Girls’ Guide to Murder“-Trilogie fand ich sehr spannend und auch „Five Survive“ wartet mit vielen unerwarteten Wendungen und einer erdrückenden, aufgeladenen Stimmung zwischen den Figuren auf. Die deutsche Übersetzung stammt von Cherokee Moon Agnew. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Red, so dass wir als Leser*innen immer nur ihren Wissensstand haben – wobei von Beginn an klar ist, dass auch Red Dinge vor uns verbirgt.

Es ist eine bunt gemischte Truppe, die sich im Wohnmobil befindet. Red, deren Mutter ermordet wurde und die ihn ärmlichen Verhältnissen lebt, Maddy, ihre beste Freundin und deren älterer Bruder Oliver, die beide reich sind. Reyna, Olivers Freundin, die – wie Red – nie ganz dazugehören wird, weil sie ebenfalls aus eher prekären Verhältnissen stammt. Simon, der sich als Spaßmacher gibt und Arthur, ein Freund von ihm, den eigentlich keiner so genau kennt. Schließlich meldet sich der Schütze von außerhalb: einer der 6 Freunde hat ein Geheimnis und wenn er oder sie es nicht preisgibt, werden alle sterben.

Im Wohnmobil entwickelt sich eine unheimliche Machtdynamik. Aus anfänglicher Teamarbeit und ausgetüftelten Fluchtplänen werden schnell gegenseitige Anschuldigungen. Vor allem Red gerät in den Fokus und muss sich fragen, wem sie eigentlich noch trauen kann und ob es vielleicht nicht doch sie selbst ist, die mit dem schrecklichen Geheimnis gemeint ist. Ein wirklich spannender Jugendthriller, an einigen Stellen vielleicht etwas konstruiert.

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Veröffentlicht am 20.09.2024

Roman mit komplexer Struktur

Antichristie
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2022. Die 50-jährige Durga trauert um ihre Mutter Lila, die unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Schon bald muss sie nach London aufbrechen, wo sie in einem Writer‘s Room gemeinsam mit ihren Kolleg*innen ...

2022. Die 50-jährige Durga trauert um ihre Mutter Lila, die unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Schon bald muss sie nach London aufbrechen, wo sie in einem Writer‘s Room gemeinsam mit ihren Kolleg*innen eine antirassistische Neuverfilmung der Werke Agatha Christies schreiben soll. Doch dann geschieht das Unerwartete: die Queen stirbt und versetzt ganz Großbritannien in den Ausnahmezustand. Protestierende finden sich vor dem Florin Court ein, in dem der Writer‘s Room stattfindet, weil sie nach der Queen nicht auch noch die Queen of Crime „verlieren“ wollen. Mitten in all diesen Wirren passiert es: Durga reist durch die Zeit und findet sich im Jahr 1906 in India House wieder – im Körper eines jungen Mannes – und nennt sich selbst Sanjeev.

„Antichristie“ ist der neuste Roman der Schriftstellerin Mithu Sanyal und wird komplex auf mehreren Handlungs- und Zeitebenen erzählt, die einander nach und nach immer mehr durchdringen. Da ist auf der einen Seite die Gegenwart im Jahr 2022, in der Durga Diskussionen darüber führt, warum Hercule Poirot nicht auch Schwarz sein könnte. Auf der anderen Seite ist da die Vergangenheit im Jahr 1906 in India House, einer Unterkunft für indische Studenten in Großbritannien und Zentrum des antikolonialen Widerstands. Dann springen wir aber auch immer wieder in Durgas Vergangenheit, um die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrem Mann Jack oder ihrer besten Freundin Nena zu ergründen.

Gekonnt verwebt die Autorin Fiktion mit Geschichte, denn vieles hat sich tatsächlich so in India House abgespielt. Im Körper von Sanjeev, aber noch mit ihrem eigenen Wissen und ihren Erinnerungen ausgestattet, lernt Durga historische Persönlichkeiten kennen. Im Zentrum steht dabei Savarkar, ein indischer Revolutionär, der zum Zeitpunkt der Handlung ebenso bekannt war, wie Gandhi. Mit ihm diskutiert sie über Themen wie gewaltfreien Widerstand und schließt zunehmend die Menschen in India House in ihr Herz. Als dann auch noch der britische Geheimdienstchef Curzon Wylie aus einem verschlossenen Raum im Haus verschwindet und Revolutionär Madan, den übrigens Durgas Mutter Lila sehr verehrte, seiner Ermordung verdächtigt wird, stellt sie selbst Ermittlungen an – mit der Hilfe von Sherlock Holmes.

„Antichristie“ ist sicherlich ein antikolonialer Roman, aber auch so vieles mehr: ein Locked Room Mystery, ein Füllhorn an Popkultur-Anspielungen, eine Geschichte über Trauer, über Cancel Culture, über studentisches Leben in India House, aber eben auch über Widerstand gegen den Staat und die Frage, was dieser darf und was nicht. Es ist aber vor allem eine Geschichte über Schmerz in all seinen unterschiedlichen Formen, die wir durch Durga/Sanjeevs Augen aus einer deutschen, indischen und britischen Perspektive erleben.

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