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Veröffentlicht am 28.02.2026

Highlight!

Die Schwarzgeherin
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DIE SCHWARZGEHERIN
Regina Denk
ET: 02.09.24
Tirol, Mitte des 19. Jahrhunderts:

Theres verliert früh ihre Mutter, gestorben im Kindbett – gemeinsam mit ihren Brüdern. Die, die das zunächst überlebten, ...

DIE SCHWARZGEHERIN
Regina Denk
ET: 02.09.24
Tirol, Mitte des 19. Jahrhunderts:

Theres verliert früh ihre Mutter, gestorben im Kindbett – gemeinsam mit ihren Brüdern. Die, die das zunächst überlebten, starben später. Am Ende blieben nur sie und ihr Vater zurück. Und Leopold, ihr bester Freund seit Kindertagen, der Sohn vom Xantner Hof. Ihm ist sie versprochen, schon seit der Kindheit. Er ist ihr Gefährte, immer für sie da, nur zum Unfug muss sie ihn stets erst überreden.

Als Theres achtzehn ist, planen die Väter die Verlobung und damit die Zusammenführung der beiden großen Höfe. Was sie nicht ahnen: Theres hat ganz andere Pläne. Heiraten will sie nie, ihre Freiheit liebt sie über alles. Dann taucht am Osterfest ein Fremder auf – Xaver Kargl. Seine Ausstrahlung zieht Theres sofort in den Bann. Ungeachtet dessen, dass sie einem anderen versprochen ist, macht er ihr unverhohlen den Hof.

Als Wildereien und Einbrüche das Dorf beunruhigen, ist man sich schnell einig: Der Neue muss es gewesen sein. Doch wer nun glaubt, hier sei schon zu viel verraten, sollte dieses Buch unbedingt selbst lesen. Denn Theres ist bald guter Hoffnung – und ihr könnt euch denken, dass diese Nachricht nicht überall auf Freude stößt.

Was für ein starkes Buch. Zu gern hätte ich diese Besprechung im Dialekt des Romans geschrieben, so sehr hatte ich das Gefühl, ein paar Tage in diesem abgelegenen Bergdorf verbracht zu haben. Regina Denks Schreibstil ist eindringlich und zugleich ungemein atmosphärisch. Man spürt die Kargheit der Landschaft, hört förmlich die Äste knacken und ist so gefesselt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag – aus Angst, etwas zu verpassen.

Fazit:
Do passt einfach alls zam: a spannender, dichter und ungemein atmosphärischer Roman. A klare Leseempfehlung – und i g’frei mi jetzt scho sehr auf Regina Denks nächsts Buch, des am 02.03.26 erscheint.
5+/5

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein starkes, schmerzhaftes und verstörendes Debüt!

Ein Mädchen verließ das Zimmer
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EIN MÄDCHEN VERLIESS DAS ZIMMER
Ulrikka S. Gernes
ET: 29.01.26

Warum hat man sie nicht beschützt?

Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Tanja, die auf der Vernissage ihres Vaters den 48-jährigen Autor ...

EIN MÄDCHEN VERLIESS DAS ZIMMER
Ulrikka S. Gernes
ET: 29.01.26

Warum hat man sie nicht beschützt?

Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Tanja, die auf der Vernissage ihres Vaters den 48-jährigen Autor Eg kennenlernt, einen Freund der Familie. Nach einem kurzen Gespräch tauschen sie ihre Adressen aus, und es beginnt ein intensiver Briefwechsel. Eg versteht es meisterhaft, mit Worten Nähe zu erzeugen und Aufmerksamkeit zu schenken. Schritt für Schritt gerät Tanja in eine emotionale Abhängigkeit, die sie selbst als etwas Besonderes und Erwähltes erlebt. Die Skepsis ihrer Mutter kann sie lange abwehren, bis schließlich auch die letzten Nachfragen verstummen.

Mit 15 schläft Tanja erstmals mit Eg, schwänzt die Schule und richtet ihr Leben zunehmend auf ihn aus. Was für sie wie Liebe erscheint, entpuppt sich als toxisches Geflecht aus Manipulation, Macht und Abwertung. Eg rechtfertigt sein Verhalten mit der Idee einer „höheren“ emotionalen Bindung, die über monogamen Beziehungen stehe, und erwartet Verständnis für seine Seitensprünge und Bedürfnisse. Tanja erkennt lange nicht, wie sehr sie dominiert wird – und wie tief diese Beziehung ihr weiteres Leben prägen wird.

„Du bist Niemand. Wenn du mit mir an Orten wie diesem bist, bin ich jemand. Verstehst du, was ich meine? […] Wir dürfen einander nicht einschränken, Tanja. Unsere Liebe unterliegt nicht diesen ganzen möglichen oder unmöglichen Normen. Unsere Liebe ist darüber erhaben, sie kann viel mehr umfassen als andere Beziehungen.“ (S. 172)
Ulrikka S. Gernes erzählt diese Geschichte leise, präzise und ohne moralischen Zeigefinger. Gerade diese Zurückhaltung macht das Buch so erschütternd. Die Autorin zeigt eindringlich, wie Grenzüberschreitungen nicht als solche wahrgenommen werden, wenn sie sich als Zuwendung tarnen, und wie das Umfeld durch Wegsehen mitschuldig wird. Der klare, ruhige Stil entfaltet eine enorme Sogwirkung; viele Sätze hallen lange nach, weil sie die Mechanismen emotionaler Abhängigkeit so schonungslos offenlegen.

Was für ein Buch. Eines, das man nicht einfach zuklappt, sondern das weiterarbeitet. Man ist dankbar, dass dieses Schicksal nicht das eigene oder das der eigenen Tochter ist.

Fazit:
Ein starkes, schmerzhaftes und verstörendes Debüt, das wichtige Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu liefern. Große Leseempfehlung.
5/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.02.2026

Großartig!

Das schönste aller Leben
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DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN
Betty Boras
ET: 17.02.26

In ihrem Debütroman verwebt Betty Boras drei Erzählstränge zu einer vielschichtigen Familiengeschichte über Herkunft, Zugehörigkeit und die Last der Erwartungen.

Vio ...

DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN
Betty Boras
ET: 17.02.26

In ihrem Debütroman verwebt Betty Boras drei Erzählstränge zu einer vielschichtigen Familiengeschichte über Herkunft, Zugehörigkeit und die Last der Erwartungen.

Vio verlässt 1989 mit ihren Eltern kurz nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur die rumänische Region Banat und flieht nach Deutschland. Obwohl sie Deutsch sprechen, bleiben sie Fremde. Unauffällig sein, nicht anecken, bloß keinen Anlass für Gerede geben – so lautet das unausgesprochene Lebensmotto. Die Eltern arbeiten hart, sind pflichtbewusst und fleißig, und doch stellt sich das Gefühl des Angekommenseins nie ein. Erst Vio scheint all das zu verkörpern, worauf sie hoffen: gute Noten, deutsche Freundinnen, die Empfehlung fürs Gymnasium. Schön und klug, so glauben die Eltern, könnte sie es eines Tages schaffen, wirklich dazuzugehören.

Ein weiterer Erzählstrang führt ins 18. Jahrhundert. Die Waise Theresia wächst in einer wohlhabenden Familie auf, die sie wie eine Tochter behandelt. Doch ihre Schönheit bleibt nicht unbemerkt, Gerüchte machen die Runde, auch der Sohn des Hauses begehrt sie. Schließlich gerät Theresia ins Visier der Keuschheitskommission und wird in ein Arbeitslager verschleppt – mit einem Geheimnis, das dort niemand erfahren darf.

Die dritte Stimme gehört einer Ich-Erzählerin aus der Gegenwart. Sie bringt ein wunderschönes Mädchen zur Welt, auf dem die Hoffnungen mehrerer Generationen lasten. Zum ersten Mal steht auf einer Geburtsurkunde als Geburtsort Deutschland. Doch ein Moment der Unachtsamkeit genügt: Heißer Tee verbrüht die Hälfte des kindlichen Gesichts – und mit einem Schlag scheinen all die Erwartungen der Familie zerbrochen.

Liebe Betty, wir kennen uns von Bookstagram, und ehrlich gesagt hatte ich Respekt davor, deinen Debütroman zu lesen. Die Sorge, ihn vielleicht nicht zu mögen, war völlig unbegründet. Ich bin durch die Seiten geflogen, konnte das Buch kaum aus der Hand legen und war am Ende tief bewegt. Dein Schreibstil ist eigenständig und eindringlich. Danke, dass du einen Teil deiner Familiengeschichte mit uns geteilt hast.

Fazit:
Ein autofiktionaler Roman über Vorfahren, die alles liegen und stehen gelassen haben um den nachfolgenden Generationen ein besseres Leben zu ermöglichen. Große Leseempfehlung von mir.
5/5

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.02.2026

Toller Familienroman

Real Americans
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REAL AMERICANS
Rachel Khong
ET: 12.02.26

New York, 1999:
In drei großen Abschnitten erfahren wir die Geschichte der 22-jährigen Lily Chen, die auf der Weihnachtsfeier eines Medienunternehmens, bei dem ...

REAL AMERICANS
Rachel Khong
ET: 12.02.26

New York, 1999:
In drei großen Abschnitten erfahren wir die Geschichte der 22-jährigen Lily Chen, die auf der Weihnachtsfeier eines Medienunternehmens, bei dem sie als unbezahlte Praktikantin arbeitet, den privilegierten Matthew kennenlernt – den Sohn eines Pharmaunternehmers.

Als Tochter chinesischer Einwanderer, die einst vor der kommunistischen Revolution Maos flohen, wurde Lily in bescheidenen Verhältnissen aufgezogen. Obwohl ihre Eltern als Genforscher arbeiten, wurden Geld und Aufmerksamkeit nur sparsam verteilt. Trotz ihres abgeschlossenen Studiums trägt sie das Gefühl in sich, ihre Mutter enttäuscht zu haben, da sie sich für eine andere Berufslaufbahn entschieden hat.

Lily verliebt sich sofort in den jungen, charmanten Mann, der sie mit Aufmerksamkeit überschüttet, doch schnell merkt sie, dass sie eigentlich nicht in seine schillernde Welt der Reichen und Schönen passt.

20 Jahre später lebt Lily mit ihrem Sohn Nick zurückgezogen auf San Juan Island. Mit seinem Vater oder den Großeltern hat er keinen Kontakt. Gerade einmal einen einzigen Freund hat er – und der drängt ihn schließlich, herauszufinden, wie der Name seines Vaters ist …

Was für ein toller Roman! Rachel Khong ist es gelungen, eine vielschichtige Familiengeschichte mit all ihren komplexen Identitäten und einem Hauch von Science-Fiction authentisch zu verbinden. Auch wenn der dritte Teil des Buches, der die Geschichte von Lilys Eltern und deren Flucht aus Peking beschreibt, nicht ganz so stark ist wie die beiden vorangegangenen Teile, habe ich das Buch verschlungen. Der Schreibstil der Autorin lässt einen nur so durch die Seiten fliegen.

Fazit:
Eine großartige Familiengeschichte. Allen Fans von Min Jin Lee und all jenen, die spannende Familienromane lieben, möchte ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.
5/5

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2026

Highlight!

Der andere Arthur
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DER ANDERE ARTHUR
Liz Moore
ET: 30.01.26

Arthur Opp hat seit Langem aufgehört, sein Gewicht zu kontrollieren. Er ist extrem adipös und schätzt, zwischen 250 und 300 Kilogramm zu wiegen. Seit Jahren verlässt ...

DER ANDERE ARTHUR
Liz Moore
ET: 30.01.26

Arthur Opp hat seit Langem aufgehört, sein Gewicht zu kontrollieren. Er ist extrem adipös und schätzt, zwischen 250 und 300 Kilogramm zu wiegen. Seit Jahren verlässt er kaum noch das Haus und war ebenso lange nicht mehr bei einem Arzt. Jede Bewegung ist mühsam, jeder Schritt eine Anstrengung. Sein Alltag besteht aus den kurzen Wegen zur Haustür, um die zahlreichen Lieferungen entgegenzunehmen, die er über den Tag verteilt bestellt.

Dabei hatte Arthur einst ein völlig anderes Leben. Er war ein ausgezeichneter Schüler, besuchte nach der Highschool das College und lehrte später selbst als Professor an einer Universität. Gegessen hat er schon immer gern, doch vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, hätte er sich nicht in seine Studentin Charlene verliebt.

Kel Keller ist ein leidenschaftlicher Baseballspieler an der renommierten Pells Highschool. Gerade hat er das Angebot für eine private Trainingseinheit von einem Scout der Mets erhalten. Sein größter Traum ist es, Profispieler zu werden, doch dieser Traum steht im Widerspruch zu den Vorstellungen seiner Mutter. Sie wünscht sich für ihn ein College-Studium, damit er es einmal besser hat als sie selbst.

Bei diesen Gedankenspielen wird Kel schmerzlich bewusst, wie fragil sein Leben ist. Er besucht die Pells Highschool nur, weil seine Mutter dort früher als Sekretärin gearbeitet hat – früher. Seit Langem ist sie arbeitsunfähig. Kel fragt sich, ob er sie überhaupt allein lassen kann und wie sie ohne ihn leben, oder vielmehr überleben soll. Sein Vater hat die Familie verlassen, als Kel vier Jahre alt war. Seitdem hat er sich nie wieder gemeldet. Mutter und Sohn leben in Yonkers, dort, wo die Armen wohnen. Alles hätte vielleicht gut ausgehen können, hätte seine Mutter nicht begonnen zu trinken. Immer häufiger kommt Kel nach Hause und findet Charlene bewusstlos auf dem Boden liegend vor.

Was für ein großartiges Buch. Ich konnte es kaum aus der Hand legen und habe im Mittelteil Tränen vergossen, die sich nicht zurückhalten ließen. Selten hat mich ein Roman so tief und anhaltend berührt. Liz Moore gibt ihren beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten eine eigene Stimme und einen eigenen Ton, was ihre Geschichten umso eindringlicher macht. Arthur mit seiner Sanftheit möchte man am liebsten in den Arm nehmen, während Kellers Geschichte ein starkes Bedürfnis nach Nähe, Schutz und Verantwortung auslöst. Großes Kino!

Fazit:
Ein zutiefst berührendes Buch, das ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Ich brauche jetzt erst einmal ein Eispack für meine verweinten und geschwollenen Augen.
5+/5

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