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Veröffentlicht am 07.03.2026

Nicht das, was ich mir vorgestellt hatte

Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung
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Als der Student Fumiya Gerüchte über eine Buchhandlung hört, in der man genau das Buch findet, das man gerade sucht, muss er einfach sein Glück versuchen. Denn sein Vater ist schwer krank und Fumiya will ...

Als der Student Fumiya Gerüchte über eine Buchhandlung hört, in der man genau das Buch findet, das man gerade sucht, muss er einfach sein Glück versuchen. Denn sein Vater ist schwer krank und Fumiya will ihm unbedingt noch ein ganz bestimmtes Buch zurückgeben, das er einmal von ihm geliehen und dann verloren hatte. In der kleinen Buchhandlung mit Teesalon nördlich von Tokio findet er nicht nur das passende Buch, sondern auch einen Nebenjob und neue Kollegen.

„Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung“ ist der erste Band einer aus insgesamt vier Teilen bestehenden Reihe der Schriftstellerin Sawako Natori über die namensgebende Buchhandlung, ihr Personal und ihre Kundschaft. Die Übersetzung erfolgte jedoch aus dem Französischen, nicht aus dem japanischen Original, und wurde von Nadine Lipp ins Deutsche übertragen. Der Roman spielt sich hauptsächlich in und in der näheren Umgebung des Buchladens ab, nur manchmal machen wir einen Ausflug in das Privatleben des Protagonisten Fumiya.

Ich will ganz ehrlich sein: Die Prämisse einer Buchhandlung, die genau das Buch parat hat, das man gerade braucht, klang einfach wunderbar. In der Realität geht es zwar tatsächlich in jedem Kapitel um ein bestimmtes Buch und dessen Bedeutung für die Figuren, doch daran ist nichts weiter Magisches. Eine Person betritt das Geschäft und findet das gesuchte Buch, weil die Buchhandlung über ein sehr großes Lager verfügt. Das war’s, irgendwie schade, oder? Noch dazu stellt sich mir die Frage nach dem Titel. Warum heißt die Buchhandlung „Freitagsbuchhandlung“? Und überhaupt: Im gesamten Buch ist keine einzige Kirschblüte zu finden, warum ist die im Titel so prominent?

Auch die Handlung rund um das Personal der Buchhandlung ist etwas spröde. Student Kumiya verliebt sich beinahe sofort in Chefin Makino, die selbst jemandem nachzutrauern scheint. Chefkoch Sugawa geizt mit Worten und Ladenbesitzer Yasu ist ein sprödes Großmaul, das Verbindungen zur Yakuza haben soll. Alles irgendwie etwas wirr und leider so gar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte!

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Nicht wie erhofft

Das Jahr, bevor ich verschwand
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Die namenlose Erzählerin fühlt sich in ihrem Leben gefangen. Sie hat zwar ihre Tochter Kim, ihren Partner Darling und ihre Arbeit als Lehrerin, aber sollte da nicht noch mehr sein? Sie denkt an ihre Vergangenheit ...

Die namenlose Erzählerin fühlt sich in ihrem Leben gefangen. Sie hat zwar ihre Tochter Kim, ihren Partner Darling und ihre Arbeit als Lehrerin, aber sollte da nicht noch mehr sein? Sie denkt an ihre Vergangenheit zurück, an frühere Beziehungen und verpasste Chancen, und beschließt, ein Sabbatical einzulegen. Dann will sie reisen, ganz ohne Mann und Kind, am besten nach Vietnam, aber was passiert in der Zwischenzeit mit ihrer Familie? Und wonach ist sie eigentlich genau auf der Suche?

„Das Jahr, bevor ich verschwand“ ist der Debütroman der Autorin, freien Journalistin und Lehrerin Anette Selg, wobei der Titel genau das hält, was er verspricht: Im Präsens und der Ich-Form erzählt die Protagonistin von diesem einen Jahr, bevor sie ihr Sabbatical antreten wird. Die Sprache ist dabei sehr poetisch, voller stimmungsvoller Bilder und fängt gut ein, wie die Erzählerin sich fühlt. Faktisch gesehen wird allerdings einiges offen gelassen, seien es der ihr eigener Name oder der ihres Mannes, das Alter des Kindes usw., so dass die Geschichte anonym und vertraut zugleich wirkt.

Die Idee des Roman ist grundsätzlich eine interessante, es ist mir aber den gesamten Text hinweg nicht gelungen, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Erhofft hatte ich mir ein Nachdenken über existenzielle Fragen, ein Ringen mit der Mutterrolle oder eine berufliche Neuorientierung, aber alles, was die Protagonistin tut, ist im Prinzip ihren Mann zu betrügen (und das einmal sogar mit einem Jungen, der noch zur Schule geht!). Den Mann, den sie noch nicht einmal vorher zurate zieht, als sie sich für ihr Sabbatical entscheidet, obwohl man doch meinen sollte, dass das mit einem gemeinsamen Kind von großer Bedeutung wäre. Als er das kritisiert, ist sie beleidigt und ich frage mich: mag sie ihn eigentlich?

„Das Jahr, bevor ich verschwand“ ist stark in Momenten der Freundschaft oder als die Protagonistin sehr eindrücklich vom Tod ihrer geliebten Großmutter spricht. Ansonsten kann ich mich der Begeisterung leider nicht anschließen und hätte mir mehr Tiefgang und mehr Persönlichkeit gewünscht.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Etwas überfrachtet

Der Kaiser der Freude
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Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, hat beschlossen, sich von einer Brücke in den Fluss zu stürzen. Doch dann lernt er am Ufer Grazina aus Litauen kennen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Sie ...

Hai, Sohn vietnamesischer Einwanderer, hat beschlossen, sich von einer Brücke in den Fluss zu stürzen. Doch dann lernt er am Ufer Grazina aus Litauen kennen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Sie überredet ihn, nicht zu springen und stattdessen bei ihm einzuziehen – eine Situation, von der beide profitieren sollen, denn Grazina kämpft mit den Geistern ihrer Vergangenheit und ihrer Gesundheit, während Hai nicht zu seiner Mutter zurückkehren kann, weil er ihr ein ganz anderes Leben vorspielt.

Nach „Auf Erden sind wir kurz grandios“ und zwei Gedichtbänden ist „Der Kaiser der Freude“ nun der zweite Roman von Ocean Vuong; die deutsche Übersetzung verfassten Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl. Die Handlung wird von einem allwissenden Erzähler in der dritten Person und der Vergangenheitsform erzählt. Die Sprache ist dabei, wie man es vom Autor gewohnt ist, sehr poetisch, voller Vergleiche und langer Umschreibungen.

Um Grazina finanziell zu unterstützen, sucht Hai sich in einem Diner Arbeit, wo sich eine bunte Mischung an Außenseitern zusammengefunden hat, von denen jede/r seinen eigenen Träumen nachhängt: Hais Cousin Sony möchte zum Beispiel seinen Vater wiedersehen, der die Familie vor vielen Jahren verlassen hat, Chefin BJ sehnt sich nach einer Karriere als Wrestlerin. So vielfältig wie die Charaktere sind auch die Themen der Handlung: Rassismus, abwesende Eltern, enttäuschte Erwartungen, Neurodivergenz, Armut, Traumata usw. Diese Fülle habe ich nicht unbedingt als positiv wahrgenommen, denn sie lässt die Geschichte unbestimmt und schwammig wirken.

Vuongs Roman ist stark in seinen zwischenmenschlichen Begegnungen, vor allem in den Szenen, in denen Hai Grazina durch die schlimmen Phasen hilft, in denen sie sich immer noch im Krieg glaubt. Darüber hinaus will das Buch einfach zu viel. Die schöne Sprache des Autors verpufft oft im Nichts, der Protagonist bleibt blass, obwohl die Handlung sehr umfangreich ist. Etwas weniger Nebenhandlung und verschachtelte Sätze, dafür etwas mehr Tiefe – das hätte „Der Kaiser der Freude“ für mich gebraucht.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Interessante Idee, bleibt aber fragmentarisch

Tokyo Sympathy Tower
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Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem ...

Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem Park in Shinjuku entstehen und in dem die Insassen ein luxuriöses Leben führen sollen. Eine Meinung will sie sich zum Projekt nicht erlauben – und dass, obwohl es in ihrer Vergangenheit durchaus ein Erlebnis gibt, weswegen sie den Turmbau ablehnen müsste.

„Tokyo Sympathy Tower“ ist das erste Werk der Autorin Rie Qudan, das ins Deutsche übersetzt wurde – und zwar von Ursula Gräfe, die auch schon die Texte von Haruki Murakami oder Sayaka Murata übertrug. Der Roman schildert die Ereignisse vor und nach dem Bau des Turms, wobei der Erzähler sowohl die Perspektive von Sara, als auch die ihres 15 Jahre jüngeren Liebhabers Takuto Tojo einnimmt. Das ist durchaus spannend, weil beide – vielleicht aufgrund ihres Alters, vielleicht aber auch aufgrund ihres Charakters oder ihrer Erfahrungen – eine sehr unterschiedliche Haltung zum Turm aufweisen.

Das Konzept, das zum Bau des Turms führte, erdachte der Soziologe und Glücksforscher Masaki Seto. Ihm zufolge steht dem „Homo felix“, dem glücklichen Menschen, der „Homo miserabilis“ gegenüber, also derjenige, der unser Mitleid verdient. So möchte er Kriminelle von nun an bezeichnet wissen und fordert unsere Empathie für Menschen ein, deren Schicksal oder Umstände ihnen weniger günstige Karten in die Hände gespielt haben. Dass diese Haltung nicht jeder teilt und es zu Demonstrationen, Bomben- und Morddrohungen und schließlich auch zu einem Attentat aufgrund des Turmbaus kommt, scheint nicht weiter verwunderlich.

Die Autorin stellt hier zwei sehr gegensätzliche Haltungen einander gegenüber, deren Wahrheit wohl irgendwo dazwischenliegt. Takuto unterstützt den Bau des Turms und lebt nach der Fertigstellung selbst dort. Der Journalist Max Klein, der einen Artikel über ihn schreiben soll, vertritt die Gegenposition. Ihm ist der Gedanke verhasst, dass Verbrecher im Luxus leben sollen, während er selbst zu kämpfen hat. Ein grundsätzlich sehr interessanter Roman, der aber fragmentarisch wirkt.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Geht in der Vielzahl ähnlicher Romane unter

Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san
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Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ...

Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ihr Leben in Obihiro zurücklassen, in welchem sie an einem wichtigen Wendepunkt stand. Unterstützt wird Sango-san von ihrer Großnichte Mikiki, deren Mutter das Geschäft lieber in den Händen ihrer Tochter sehen würde, als denen einer alten Frau. Auch Mikiki träumt davon, das Antiquariat selbst zu führen, doch Sango-san scheint das nicht in Erwägung zu ziehen. Was soll Mikiki also tun?

„Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san“ ist der zweite, im Deutschen vorliegende Roman von Hika Harada, die Übersetzung stammt von Janett Blesch. Erzählt wird abwechselnd aus Sangos und Mikikis Perspektive in der Ich- und Gegenwartsform, so als würden wir selbst an den Ereignissen teilnehmen. Ich muss allerdings sagen, dass in meinem Ebook keine klare Trennung zwischen den Perspektiven zu sehen war und diese manchmal von einer Zeile auf die nächste wechselte. Somit musste ich ständig aus dem Kontext schließen, wer eigentlich gerade erzählt – da hätte ich mir doch eine klare Abgrenzung gewünscht.

Jedes Kapitel ist zudem so aufgebaut, dass einem Kunden oder einer Kundin ein bestimmtes Buch empfohlen und im Anschluss gemeinsam ein japanisches Gericht gegessen wird. Diese Kombination wirkte etwas gewollt auf mich, denn Sango-sans Antiquariat hat nicht etwa ein angeschlossenes Restaurant, sondern sie lädt einfach regelmäßig jemanden, der bei ihr einkauft, zum Essen ein. Hier hätte sich die Autorin besser auf die Literaturempfehlungen beschränkt, so wirkt es überfrachtet.

Die eigentliche Handlung ist nicht unbedingt spektakulär. Sango und Mikiki verkaufen Bücher, grübeln über die Zukunft des Ladens und versuchen nebenbei herauszufinden, was für ein Leben ihr Bruder bzw. Großonkel in den letzten Jahren geführt hat. Dabei machen sie am Ende eine – für sie – große Entdeckung, die uns als Leser*innen aber nicht wirklich vom Hocker haut. In der Vielzahl der Romane um kleine Läden geht dieser leider unter.

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