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Veröffentlicht am 19.03.2026

Das Leben hat nicht nur Schönes zu bieten

Eine andere Geschichte
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Curtis Melnitz, ein in die Jahre gekommener Filmproduzent, leidet Nacht für Nacht unter schrecklichen Albträumen, gegen die nur Schlaftabletten helfen. Bisher bekam er das Rezept dazu von seinem Hausarzt, ...

Curtis Melnitz, ein in die Jahre gekommener Filmproduzent, leidet Nacht für Nacht unter schrecklichen Albträumen, gegen die nur Schlaftabletten helfen. Bisher bekam er das Rezept dazu von seinem Hausarzt, doch nun schickt der ihn zum Psychiater Dr. Cowan zur Gesprächstherapie. Widerwillig lässt sich Melnitz darauf ein, denn er braucht seine Pillen. Doch statt des erhofften Rezeptes bekommt er von Dr. Cowan nur so viele Schlaftabletten, wie bis zur nächsten Sitzung nötig sind. Allmählich gewöhnt er sich an die regelmäßigen Besuche und beginnt, nach und nach Episoden aus seinem bewegten Leben zu erzählen. Er erzählt von den Anfängen des Films, von berühmten Stars in Hollywood und Berlin, von den Gefahren denen er und seine jüdische Verwandtschaft in der NS-Zeit ausgesetzt waren und von seinen Erfolgen im Filmgeschäft. Er bleibt nicht immer ganz bei der Wahrheit, flunkert dann und wann, schweift vom Thema ab um dann mit den Worten „das ist eine andere Geschichte“ zu seinen Erinnerungen zurück zu kommen. Er erzählt viel, doch über seine nächtlichen Albträume schweigt er eisern, kann und will sie nicht preisgeben …

Charles Lewinsky, geb. 1946 in Zürich ist ein Schweizer Schriftsteller jüdischer Herkunft. Er studierte in Zürich und Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft. 1984 veröffentlichte er sein erstes Buch, es folgten zahlreiche weitere Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Bei uns richtig bekannt wurde er 2020, als sein Roman „Der Halbbart“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand und für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. Lewinsky wohnt in Zürich und im französischen Vereux.

Der im Roman „Eine andere Geschichte“ (2026) beschriebene Protagonist hat tatsächlich gelebt. In Wikipedia ist zu lesen: „Curt Melnitz, auch Curtis Melnitz, (geboren am 2. Mai 1879 in Leipzig, Deutsches Reich als Kurt Chmelnitzki, gestorben am 14. Oktober 1962 in Los Angeles, Vereinigte Staaten) war ein deutsch-amerikanischer Pressevertreter, Studio-Repräsentant, Firmenmanager und Filmproduzent.

Mit viel Humor und gutem Gespür für die seelischen Zustände des Protagonisten erzählt uns Charles Lewinsky vom bewegten Leben des Curt Melnitz. Gekonnt bedient er sich dabei der Gespräche auf der Couch des Psychiaters. In einer Art Monolog lässt er nur den Patienten reden, die Antworten des Psychiaters erschließen sich dem Leser durch das weitere Gespräch. So ganz nebenbei erfahren wir auch einiges über die wenig ruhmreiche Deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die Anfänge der Filmgeschichte, die ersten Stars der Stummfilmzeit sowie über die damaligen Zustände in Hollywood.
Das Buch liest sich sehr flüssig, gespannt folgt man dem weiteren Geschehen. Schnell merkt man, dass der Protagonist auf der Couch nicht immer bei der Wahrheit bleibt, sich gewitzt selbst in Szene setzt und dabei etwas wankelmütig ist. Überraschend für mich ist auch, wie tiefgründig die äußerst interessanten und erstaunlich unterhaltsamen Gespräche sind.

Fazit: Ein lesenswerter Roman, intelligent und humorvoll, mit gut recherchierten historischen Fakten.

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Veröffentlicht am 07.03.2026

Liebe oder Rache, sie muss sich entscheiden

Royal Heist
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Darcy und ihr Bruder Linus hatten einst eine schöne Kindheit, als sie noch im königlichen Schloss zusammen mit den Kindern der Royals aufwuchsen. Doch dann wurde ihre Mutter wegen eines Vorfalls beschuldigt ...

Darcy und ihr Bruder Linus hatten einst eine schöne Kindheit, als sie noch im königlichen Schloss zusammen mit den Kindern der Royals aufwuchsen. Doch dann wurde ihre Mutter wegen eines Vorfalls beschuldigt und angefeindet und verließ deshalb ihre Familie – bald darauf verstarb auch noch ihr Vater. Danach hatten es die Geschwister nicht leicht. Mit einigen Freunden bildeten sie die Bande „The Robbin Hood“, mit der sie im Namen der Gerechtigkeit Raubzüge unternehmen, sind jedoch immer auf Rache an den Royals bedacht. Die Gelegenheit dazu bot sich als sie erfuhren, dass Kronprinz Spencer auf der Suche nach einer Braut ist. Darcy schlüpft in die Rolle einer Waise aus adligem Hause, um in den Palast eingeladen zu werden. Der Plan gelingt, Kronprinz Spencer verliebt sich in sie – doch da ist auch noch sein Bruder, Prinz Tristan …

Lena Kiefer, geb. 1984, ist eine deutschsprachige Schriftstellerin, die hauptsächlich für Jugendliche und junge Erwachsene Liebes- und Fantasyromane schreibt. Sie studierte Germanistik und Bildungswissenschaften in Freiburg und arbeitete dann als Redakteurin. Lena Kiefer lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Bremen. „Royal Heist“ -(erschienen 17.11.25 bei LYX) ist ihr sechster Roman, der wie seine Vorgänger in 3 Bänden erscheinen wird.

Auch wenn ich nicht zur bevorzugten Zielgruppe des Romans gehöre, habe ich ihn gerne gelesen. Die Geschichte entwickelt von Anfang an eine Spannung und einen Sog, der durchweg anhält. Diebstahl, Geheimnisse, Betrügereien, Affären und romantische Liebe wechseln in rascher Folge und bilden eine gekonnte Kombination, die die Leser'innen in seinen Bann zieht. Der Schreibstil der Autorin ist sehr ansprechend, angenehm flüssig und gut zu lesen. Die Hauptfiguren sind in ihren Charaktereigenschaften gut herausgearbeitet, während die Nebenfiguren doch ziemlich blass bleiben. Das Setting rund um das britische Königshaus und ihre Paläste ist gut gewählt, die gesamte Handlung ist jedoch leider von vielen Zufällen und glücklichen Fügungen geprägt. Den Schluss bildet ein echt fieser Cliffhanger, der wohl zum Kauf des nächsten Bandes animieren soll.

Fazit: Eine gute Liebesgeschichte mit interessanten Charakteren und etlichen spannenden Wendungen.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Farben der Erinnerung

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Ihren 14. Geburtstag verbringt Marlen in der Schublade einer Kommode in einem alten Forsthaus in Güstrow, in die sie Wilma aus Angst vor den vorrückenden Russen im Mai 1945 versteckt hatte. Dort kauernd ...

Ihren 14. Geburtstag verbringt Marlen in der Schublade einer Kommode in einem alten Forsthaus in Güstrow, in die sie Wilma aus Angst vor den vorrückenden Russen im Mai 1945 versteckt hatte. Dort kauernd entdeckt sie eine Unebenheit, an der sie aus Nervosität ständig herumkratzt. Als sie sich nach Stunden befreit stellt sie fest, es war ein kleines Bild, das nun leicht beschädigt ist und das sie später einmal reparieren will. Unten im Forsthaus entdeckt sie die bewusstlose Wilma. Sie bringt sie zurück ins Leben und beide beschließen, zusammen zu bleiben. Jahre später wird Marlen für die Malerin Wilma unentbehrlich. Sie erweist sich als sehr begabt und kann ihr helfen, ihr auftretendes Handicap geschickt zu verbergen. Nun ist Wilma von Marlen abhängig, doch diese hat sich verliebt und hat eigene Pläne …

2023 lebt die 34jährige Hannah in Berlin in einer Lebensgemeinschaft mit ihrer Freundin Rubi. Als diese plötzlich schwanger ist und mit dem Vater des Kindes aufs Land zieht, gerät Hannahs Leben durcheinander. Die Lücke wird zunächst durch Justus, den Neffen einer Arbeitskollegin, gefüllt, der dringend eine Bleibe braucht. Als sich dann noch plötzlich Hannahs leiblicher Vater meldet, von dem sie bisher vollständig ignoriert wurde, ist sie vollkommen verwirrt. Soll sie wirklich ihren Vater und seine neue Familie kennen lernen? …

Vorwort und Epilog des Buches handeln 1990 in Berlin und gehen nahtlos ineinander über.

Alena Schröder, geb. 1979, ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Nach ihrem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik in Berlin und San Diego arbeitete sie einige Jahre in der >Brigitte<-Redaktion. Heute ist sie freie Kolumnistin und lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Berlin. „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“' (2026) ist der Abschluss ihrer Familien-Trilogie, die in den 1920er Jahren beginnt, bis in die Gegenwart reicht, vier Generationen umfasst und autobiografische Anteile aufweist.

Es war das erste Buch der Autorin, das ich gelesen habe. Es gibt hier zwei Erzählebenen, die nur lose zusammenhängen. Eine Verbindung der beiden Frauenschicksale erschloss sich mir erst nach dem Lesen des Vorworts und des Epilogs. Vermutlich hätte ich die Geschichte besser verstanden, wenn ich die beiden vorausgegangenen Bücher zuerst gelesen hätte. Dennoch habe ich es sehr gerne gelesen und war begeistert. Den Schreibstil der Autorin fand ich sehr ansprechend und die Art und Weise, über zwei verschiedene Frauenschicksale zu verschiedenen Zeiten abwechselnd zu berichten, gut gelungen. Die Stärke der Frauen und ihre gleichzeitige Verletzlichkeit sind gut herausgearbeitet, berühren tief und stimmen nachdenklich, ihre Suche nach Familienzugehörigkeit ist überzeugend und plausibel geschildert.

Fazit:* Guter einfühlsamer Schreibstil und interessante Schicksale ergeben einen wunderbaren Roman. Dennoch würde ich empfehlen, zum besseren Verständnis die beiden vorausgegangenen Bücher zuerst zu lesen.

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Veröffentlicht am 02.12.2025

Acht junge Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben

Was vor uns liegt
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Sie studierten in Rom im Jahr 1934 und wohnten im Grimaldi-Konvikt, wo sie sich kennen gelernt und Freundschaft geschlossen hatten: Anna, Augusta, Emanuela, Milly, Silvia, Valentina, Vinca und Xenia, acht ...

Sie studierten in Rom im Jahr 1934 und wohnten im Grimaldi-Konvikt, wo sie sich kennen gelernt und Freundschaft geschlossen hatten: Anna, Augusta, Emanuela, Milly, Silvia, Valentina, Vinca und Xenia, acht junge Frauen die von der Zukunft träumten. Abends sitzen sie beisammen, lernen gemeinsam und erzählen sich Geschichten aus ihrem Leben - aber dennoch hat jede ihr eigenes Geheimnis, das sie sorgfältig vor den Freundinnen verborgen hält. Gemeinsam sehnen sie sich nach Selbstbestimmung und Freiheit, raus aus den Zwängen des Konvikts, in dem die Nonnen um 22 Uhr das Licht löschen. Werden ihre Hoffnungen und Träume in Erfüllung gehen, oder was hält die Zukunft für die jungen Frauen bereit?

Alba de Céspedes, geb. 1911 in Rom, gest. 1997 in Paris, war eine der erfolgreichsten Autorinnen Italiens. Sie arbeitete als Radio- und Fernsehjournalistin und schrieb Prosa, Lyrik und Theatertexte. Während des II. Weltkrieges war sie im aktiven Widerstand und wurde zweimal inhaftiert. Ihre Romane wurden zu internationalen Bestsellern und werden derzeit wiederentdeckt. Warum die Originalausgabe des Romans „Was vor uns liegt“„Nessuno torna indietro“ aus dem Jahr 1938 seinerzeit der Zensur zum Opfer fiel, ist für mich aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar.

Der Autorin ist ein interessanter Roman gelungen, der die Gedanken und Gefühle junger Frauen, ihren Mut zur Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zur damaligen Zeit sehr gut wiedergibt. Der Schreibstil ist dabei sehr angenehm, präzise und auf das Wesentliche konzentriert. Man erfährt Ereignisse aus der Kindheit der jungen Frauen, ihrer Herkunft und ihrem Elternhaus. Dabei vermeidet Alba de Céspedes strikt politische Andeutungen, im Vordergrund stehen Sehnsucht nach Liebe, Freiheit und der Wunsch nach einer eigenen Familie – alles Themen, die auch heute noch mehr oder weniger aktuell sind.

Fazit: Ein wieder entdeckter Roman, dessen Inhalt auch heute noch seine Gültigkeit hat und den ich sehr gerne empfehle!

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Eine Tragödie bahnt sich an

Dann schlaf auch du
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Als die Mutter nach Hause kommt, sind ihre beiden Kinder tot und die Nanny liegt schwer verletzt im Koma. Was war geschehen, wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? --- Um wieder in ihrem Beruf als Juristin ...

Als die Mutter nach Hause kommt, sind ihre beiden Kinder tot und die Nanny liegt schwer verletzt im Koma. Was war geschehen, wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? --- Um wieder in ihrem Beruf als Juristin arbeiten zu können, beschließen Myriam und Paul für ihre beiden kleinen Kinder eine Nanny einzustellen. Louise erweist sich dabei als vermeintlicher Glücksfall. Liebevoll versorgt sie die beiden Kleinen, kocht für die Familie und hält auch ganz nebenbei noch den Haushalt in Schuss. Bald ist sie unentbehrlich, kommt immer früher und geht abends später, so dass Myriam bedenkenlos ihre Karriere vorantreiben kann. Sie behandeln Louise als willkommenes Familienmitglied, kümmern sich aber nicht um ihr Privatleben, um ihre Einsamkeit, ihre finanzielle Notlage und ihre heimlichen Sorgen --- bis es zur Tragödie kommt.

Leila Slimani, geb. 1981 in Rabat/Marokko, ist eine französische Schriftstellerin und Journalistin mit marokkanischen Wurzeln. „Dann schlaf auch du“, 2019 Luchterhand, („Chanson douce“ 2016 Éditions Gallimard) ist ihr zweiter Roman, für den sie den 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. 2021 zog die Autorin mit ihrer Familie nach Lissabon, um dort in Ruhe an ihrer Romantrilogie „Das Land der Anderen“ zu arbeiten. Im Jahr 2025 wurde sie beim 78. Filmfestival von Cannes als Jurymitglied ausgewählt.

Weil der Roman mit dem Ende beginnt, ahnen wir bereits, wer die beiden Kinder ermordet hat. Das erzeugt hohe Spannung weil man wissen will, wie es dazu kommen konnte. In flüssigem Schreibstil und in eher nüchternen Worten, ohne psychologische Ausschweifungen, lässt die Autorin chronologisch die Ereignisse Revue passieren. Die Perspektive wechselt stetig zwischen den Eltern, der Nanny und einigen Nebenfiguren. Dabei kommen auch etliche gesellschaftskritische Themen zur Sprache, z.B. wie sich Beruf und Kinderbetreuung vereinbaren lassen und ob es gerechtfertigt ist, einer Angestellten so zu vertrauen und sie als Familienmitglied zu behandeln. Karrierestreben und Klassenunterschiede sind weitere, für das Geschehen relevante, Motive.

Fazit: Kein klassischer Krimi sondern eher eine Analyse, wie es zu der Tragödie kommen konnte. Meine Empfehlung!

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