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Veröffentlicht am 07.04.2026

Poe jagt ein Phantom

Der Kurator
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Kurz vor dem Weihnachtsfest werden im Taufbecken einer Kirche und an zwei weiteren Orten menschliche Finger gefunden. Washington Poe und Tilly Bradshaw werden zu diesem mysteriösen Fall hinzugezogen, der ...

Kurz vor dem Weihnachtsfest werden im Taufbecken einer Kirche und an zwei weiteren Orten menschliche Finger gefunden. Washington Poe und Tilly Bradshaw werden zu diesem mysteriösen Fall hinzugezogen, der auf einen Serienkiller verweist. Denn von Morden muss ausgegangen werden. Die Rechtsmedizinerin Estelle Doyle hat festgestellt, dass jedem Opfer der erste Finger abgetrennt wurde als es noch lebte und der zweite nach dem Tod. Bald findet die Polizei eine männliche Leiche, der zwei Finger fehlen und die Identität der beiden weiblichen Toten kann festgestellt werden. Poe rätselt, wer so etwas tut und warum.

Auch in seinem Band „Der Kurator“ lässt Autor M. W. Craven seinen Ermittler Washington Poe nach einem raffinierten, skrupellosen Serienkiller fahnden. Der Thriller ist spannend und clever aufgebaut, aber nichts für schwache Nerven.

Was verbindet die drei Toten außer dem Kürzel „#BSC6“, der jedem Fingerfund beigefügt war? Auch nachdem die Identität der Toten geklärt ist, tappen die Ermittler weiterhin im Dunkeln. Eine in Ungnade gefallene FBI-Agentin, Melody Lee, macht Poe auf eine Internet-Challenge in den USA aufmerksam, die mit ähnlichen Hashtags operierte und mit einem Todesfall endete. Dort wurden labile Jugendliche vom sogenannten Kurator manipuliert, einem „Problemlöser“ für Reiche, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Es stellt sich heraus, dass in England jemand ähnlich vorging. Die Polizei verhaftet ein jugendliches Geschwisterpaar. Poe ist mit dieser Lösung nicht glücklich und kann schließlich die Jugendlichen vom Mordverdacht befreien. Inzwischen entdeckt Tilly, was die drei Mordopfer verbindet. Jetzt scheint klar, wer das geplante Opfer des Kurators ist. Poe kommt erneut ins Grübeln, als Lee die Geschehnisse kommentiert: „Wenn man glaubt, man weiß, was der Kurator vorhat, dann ist man für gewöhnlich genau da, wo er einen haben will.“

Detective Sergeant Washington Poe ist ein hervorragender Polizist, der trotz großer Ermittlungserfolge mit seiner Art und Denkweise oft bei Vorgesetzten aneckt. Er hat Schwierigkeiten mit Autoritäten und verbeißt sich wie ein Terrier in seine Fälle. Seine loyale Freundin Tilly Bradshaw ist eine geniale Analystin, eine hochintelligente Zauberin am PC, aber ihre soziale Kompetenz schwächelt. Beider gemeinsame Vorgesetzte DI Flynn ist inzwischen hochschwanger und übellaunig, was sie aber nicht von der Polizeiarbeit abhält.

M. W. Craven hat mit „Der Kurator“ erneut einen superspannenden, raffinierten Thriller mit zahlreichen Verwicklungen geschrieben. Sein Kurator ist ein beachtlicher Stratege und noch besserer Manipulator, der nicht von ungefähr, bisher unter dem Radar der Polizei geblieben ist. Er agiert völlig skrupellos und ist extrem gefährlich. Allerdings hatte er bisher noch keinen Gegner wie Washington Poe.

Nach etlichen Wendungen mündet der Thriller in einen beachtlichen Showdown. Nicht nur der Kurator, auch sein Auftraggeber wird entlarvt. Es bleiben keine Fragen offen. In seinen Anmerkungen am Buchende erläutert der Autor, welche seiner Theorien im Buch der Wahrheit entsprechen.

„Der Kurator“ ist ein intelligenter Thriller, der mich schnell in seinen Bann gezogen hat. Aber definitiv nichts für Leser mit schwachen Nerven.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Wo ist Nele?

Möwen, Seegang, falsche Fährte - Anni Gade und die Fördemorde
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Nele ist auf der Jagd nach dem perfekten Bild für den Wettbewerb „Lost Places“. Die verlassene Mühle am Stadtrand eignet sich nach Meinung der Fotografin hervorragend als Motiv. Für Bilder im Mondschein ...

Nele ist auf der Jagd nach dem perfekten Bild für den Wettbewerb „Lost Places“. Die verlassene Mühle am Stadtrand eignet sich nach Meinung der Fotografin hervorragend als Motiv. Für Bilder im Mondschein begleitet Anni ihre Freundin zu dem düsteren Gemäuer. Dort verschwindet Nele und taucht nicht wieder auf. Die verzweifelte Anni ruft Kommissar Jan Christiansen zu Hilfe. Doch der findet nur Neles Kamera. Die Fotografin bleibt spurlos verschwunden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

In „Möwen, Seegang, falsche Fährte“ lässt Inga Schneider ihre sympathische Amateurdetektivin Anni Gade zum dritten Mal ermitteln. Die Flensburger Spürnase hat mir ein weiteres spannendes Leseabenteuer beschert.

Die loyale Anni macht sich entgegen der Anweisungen der Polizei selbst auf die Suche nach ihrer Freundin. Sie kann das Gefühl, Nele im Stich zu lassen nicht aushalten. Erneut beweist sie ihren guten Spürsinn und verhilft den Profi-Ermittlern bald zu nützlichen Hinweisen. Dabei erweisen sich Annis kapriziöse Mutter Dorothea und ihre pfiffige Nenntante, die Polizistenwitwe Wilhelmine, als wertvolle Unterstützung. Leider schlägt Anni bei ihrer verzweifelten Suche nach Nele alle Warnungen in den Wind. Prompt gerät sie selbst in große Gefahr.

Autorin Inga Schneider schickt mit Anni Gade eine sympathische und fähige Schnüfflerin auf Verbrecherjagd. Ihre Heldin zeichnet sich durch unbedingte Loyalität, echte Herzlichkeit und eine untrügliche Spürnase aus. Mit ihrem tierischen Sidekick, dem niedlichen Erpel Hugo, lebt sie in einem gemütlichen Tiny House. Das ist so anschaulich beschrieben, dass sofort mein Kopfkino aktiviert wurde. Auch die übrigen Charaktere sind bodenständig und verfügen über Ecken und Kanten.

Mir gefällt das norddeutsche Flair, ob Dialekt, Landschaft oder die engen Verbindungen zu den dänischen Nachbarn. Mit denen klappt die Zusammenarbeit im Fall der verschwundenen Nele hervorragend. Auch das Lokalkolorit bekommt seinen angemessenen Platz im Cosy Crime. So spielt der letzte erhaltene Fördedampfer, die „Alexandra“, Flensburgs maritimes Wahrzeichen, eine wichtige Rolle in diesem Fall.

Schließlich wird das Verbrechen aufgeklärt und alle offenen Fragen beantwortet. Die Geschichte kommt mit wenig Gewalt aus und lädt zum Miträtseln ein. Obwohl mir die Lösung des Falls nur teilweise gelungen ist, hat mir das Ende gut gefallen.

Die Cosy-Crime-Reihe „Anni Gade und die Fördemorde“ eignet sich perfekt als leichte Lektüre zum Abschalten. Die sympathischen Charaktere tragen ihren Teil zum Charme der Flensburg-Reihe bei. Genauso wie die zarte Liebesgeschichte, die aber nicht dominiert. Die pfiffige Anni und ihr liebenswertes Umfeld haben mich erneut bestens unterhalten. Ich bin schon sehr gespannt, wie es mit ihr und dem etwas spröden Kommissar weitergeht.


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Veröffentlicht am 30.03.2026

Danish Dynamite

Untergang - Jensen und Sander ermitteln
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Michael Sander, ehemaliger Elitesoldat und Einzelkämpfer, wird von Langeweile geplagt. Der Mittfünfziger befindet sich in Topform, aber seine Haus- und Erziehungsarbeit reicht ihm nicht. Aus dieser Unzufriedenheit ...

Michael Sander, ehemaliger Elitesoldat und Einzelkämpfer, wird von Langeweile geplagt. Der Mittfünfziger befindet sich in Topform, aber seine Haus- und Erziehungsarbeit reicht ihm nicht. Aus dieser Unzufriedenheit resultieren ernsthafte Eheprobleme mit Lene. Als ihn Oberst Konstantin Golonin, eine Stimme aus der Vergangenheit, um Hilfe bittet, kommt ihm diese Ablenkung gerade recht. Ohne sich mit Lene zu besprechen, eilt er dem Russen, der ihm einst das Leben rettete, zu Hilfe. Er ahnt nicht, worauf er sich einlässt. Bald stehen der Oberst und er auf der Abschussliste mehrerer Geheimdienste und Regierungen.

Steffen Jacobsen präsentiert uns mit „Untergang“ den sechsten Teil seiner
„Jensen und Sander - Reihe“. Erneut garantiert er spannende Unterhaltung, die dieses Mal aber eher ein „Solo für Michael“ ist.

Es gibt viele Verschwörungsszenarien zum tragischen Untergang der „MS Estonia“. Auch der Autor thematisiert das Unglück. Er präsentiert uns seine eigene Theorie, die mit dem Untergang des Schiffs beginnt. Nachdem der Prolog das Fährunglück und seine unmittelbaren Folgen beschreibt, führt die weitere Erzählung in die Gegenwart.

2022. In Stockholm sollen Oberst Golonin, Hauptmann Schikin und ein ortskundiger Helfer im Auftrag des russischen Geheimdiensts FSB einen ukrainischen Oligarchen eliminieren. Als sie die kleine Tochter im Wagen ihrer Zielperson entdecken, wollen die beiden Soldaten das Unternehmen abbrechen. Ihre Maxime ist, wir töten keine Kinder. Aber der Helfer löst die Bombe aus und erschießt Schikin. Oberst Golonin kann verletzt fliehen. Wie der Leiter des FSB bald bemerkt, hat sich Konstantin rückversichert. Nur er weiß, wo sich hochbrisante Daten befinden, deren Verschwinden seinem Chef den Kopf kosten könnten. Aber auch in Schweden gibt es mächtige Kräfte, die eine Offenlegung dieses Geheimmaterials fürchten müssen. Die Jagd auf Golonin ist eröffnet.

Jacobsen hält mit sehr kurzen Kapiteln und häufigen Ortswechseln das Erzähltempo und die Spannung hoch. Die Sprache ist flüssig, klar und präzise. Bei aller Nüchternheit blitzt gelegentlich Humor auf. Die Perspektive der handelnden Charaktere wechselt laufend.

Die Charaktere wirken authentisch und überzeugen. Im Mittelpunkt steht Elitekämpfer Sander, der ein facettenreicher Charakter ist. Seine Frau Lene, die inzwischen Chefin des dänischen Polizei- und Sicherheitsdienstes PET ist, hält ihre Ehe geheim. Sehr gut gefallen haben mir auch der schwedische Polizeichef Anders Bergfors und seine rechte Hand Ulla Hansson. Für die vielen Namen wäre ein Verzeichnis angenehm. Ich habe es schmerzlich vermisst.

Die Welt der Geheimdienste ist brutal und gnadenlos. Kämpfer mit eigenem Ehrenkodex wirken wie ein Anachronismus. „Fides super omnia aliud = Treue über alles“ lautet der Wahlspruch von Sir Charles Langbourne, Michaels früherem Chef. Dieser Ehrbegriff, der Golonin und Schikin mit Michael Sander verbindet, existiert längst nicht für jeden. Auch Anders Bergfors fühlt sich diesen Werten verpflichtet. Ohne seinen Ehrenkodex wäre Michael nicht in diese verzweifelte Lage geraten, aber letztlich wird eine Allianz weniger Menschen, die sich demselben Ehrbegriff verpflichtet fühlen, hier entscheidend.

Das Buch endet mit einem grandiosen, spannenden Showdown auf der kleinen unbewohnten Insel Virkø. Einen Monat später reicht Schweden den formellen Antrag auf Mitgliedschaft in der NATO ein. Was ist Fiktion, was Wahrheit?


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Veröffentlicht am 30.03.2026

Ein neues Abenteuer aus Mirilor

Der Hof der silbernen Nacht
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Die Elfenschwestern Niva und Rienne haben im Krieg zwischen Emberfall und Veloria ihre Eltern verloren. Als Waisen fristeten sie schwere Jahre und wurden dann von der Magistra Selena in Lichtmagie ausgebildet. ...

Die Elfenschwestern Niva und Rienne haben im Krieg zwischen Emberfall und Veloria ihre Eltern verloren. Als Waisen fristeten sie schwere Jahre und wurden dann von der Magistra Selena in Lichtmagie ausgebildet. Um diese Schuld zu begleichen, waren sie gezwungen dem zwielichtigen Zirkusdirektor Borwin den Treueschwur zu leisten. Für ihn erledigt die unerschrockene Lichtwandlerin Niva illegale Aufträge neben ihrer Arbeit im Zirkus. Dieses Mal soll sie ein extrem wertvolles Artefakt stehlen. Niva lehnt ab, den dazu müsste sie sich an den Silberhof von Valerian Kaelvane, dem König der Dunkelelfen begeben. Ihr letztes Zusammentreffen mit dem Herrscher hat sie nur knapp überlebt. Außerdem hasst sie alle Dunkelelfen. Doch Borwin will kein Nein akzeptieren.

Die Autorin entführt uns erneut in ihre Welt Mirilor. „Der Hof der silbernen Nacht“ ist der Auftakt einer neuen Dilogie. Mich hat Nivas Geschichte schnell gefesselt und spannend unterhalten.

Borwin macht Niva ein Angebot, dem sie nicht widerstehen kann. Also schlüpft die Lichtwandlerin in die Rolle der Schriftführerin Milena Rosenthau und bewirbt sich um eine Stelle im Silberschloss. Gimo, ein kleines Seheräffchen, das wenige Sekunden in die Zukunft vorausschauen kann, ist ihre einzige Unterstützung. Der Sonnenelfe Niva fällt es schwer, sich am lichtarmen Hof unter den verhassten Dunkelelfen zurechtzufinden. Zudem sind da noch die Rieden, die Geister Verstorbener, die mit der materiellen Welt interagieren können. Niva/Milena weiß wenig über sie und gerät immer wieder in Schwierigkeiten. Doch letztlich kann sie sich behaupten und das Vertrauen des attraktiven Königs erringen. So weit läuft alles nach Plan, nur Valerians zunehmende Anziehungskraft auf Niva stört. Und er ist so völlig anders als sie ihn sich vorgestellt hat. Hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu Vale und ihrem lukrativen Auftrag gerät die Lichtwandlerin in eine gefährliche Lage. Das kostbare Artefakt, der magische Dolch Velantra, ist zum Greifen nah, aber da verlässt sie ihr Glück ...

Niva ist eine starke, zielstrebige Frau. Als Waise hat sie schnell gelernt, Rienne und sich zu schützen, da sie auf sich allein gestellt waren. Mittlerweile verfügen die beiden Schwestern über sehr verblüffende, unterschiedliche Fähigkeiten. Sie sind aber durch einen Treueschwur an Borwin gefesselt. Niva ist zu fast allem bereit, um Riennes und ihre Freiheit zu erlangen. Valerian ist eine faszinierende Persönlichkeit. Zunächst distanziert und abweisend, offenbart sich der Dunkelelf und Schattengänger im Lauf der Erzählung als facettenreicher Charakter. Auch die anderen Protagonisten überzeugen, verfügen aber nicht über die Tiefe von Niva und Vale. Der Riede Taren gefällt mir allerdings so gut, dass ich wünschte, er könnte ins Leben zurückkehren.

K. T. Steen erschafft ein spannendes Schattenreich, das düster und gleichzeitig faszinierend wirkt. Wie von ihr gewohnt, stattet die Autorin ihr Setting fantasievoll und originell aus. Mirilor wird gleich um drei Reiche, Emberfall, Nazca und Veloria, erweitert, die sich sehr unterscheiden. Mich fasziniert, mit wie viel märchenhaftem Ambiente und Magie K. T. Steen ihre Welt ausstattet und dabei stets für die passende Atmosphäre sorgt. Neben ihrem erzählerischen Talent verfügt die Autorin über ein besonderes Händchen für tierische Sidekicks, ob Schneeamsel, Drache oder hier das Seheräffchen Gimo. Ein Aspekt, der mir sehr entgegenkommt.

Den Leser erwartet romantische High Fantasy mit Magie, höfischen Intrigen und spannenden Wendungen. Ausgerechnet als die beiden misstrauischen und bindungsscheuen Hauptcharaktere beginnen sich zu öffnen, läuft das Geschehen komplett aus dem Ruder. Natürlich endet Teil eins mit einem fiesen Cliffhanger, der einen spannenden Showdown abschließt. Ich hätte liebend gern weitergelesen, wie es mit Niva, Vale, Taren, Gimo und den anderen weitergeht. So bleibt mir nichts Anderes übrig, als auf eine schnelle Fortsetzung zu hoffen.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Ich suche meinen Mörder

Noch fünf Tage
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Lis Castrop, eine Spitzenköchin, liegt im Sterben. Ihr Arbeitgeber, die Milliardärsfamilie Harman, wurde mit dem Essen vergiftet, das sie gekocht hat. Alle sind tot, nur sie hat noch eine Galgenfrist von ...

Lis Castrop, eine Spitzenköchin, liegt im Sterben. Ihr Arbeitgeber, die Milliardärsfamilie Harman, wurde mit dem Essen vergiftet, das sie gekocht hat. Alle sind tot, nur sie hat noch eine Galgenfrist von fünf Tagen. Die Schweizer Polizei hält die Köchin für die Täterin. Sie soll Familie Harman mit Polonium 210 vergiftet haben, obwohl sie selbst betroffen ist. Lis erkennt, dass ihr nur noch die Zukunft ihrer Tochter Cosima wichtig ist. Also beginnt sie von ihrem Sterbebett aus zu ermitteln. Es ist nachvollziehbar, dass Zeit hier die entscheidende Rolle spielt.

Die Autorin Helena Falke hat mit „Noch fünf Tage“ einen ungewöhnlichen wie spannenden Thriller geschrieben, der neben einem beeindruckenden Setting mit präziser, klarer Sprache überzeugt. Ich habe das Buch nur ungern aus der Hand gelegt.

Der ungewöhnliche Plot dieses Romans hat mich sofort getriggert. Wie reagiert ein Mordopfer, dessen Leben unaufhaltsam in 5 Tagen endet? Mit dem Schicksal hadern? In Selbstmitleid versinken? Den Nachlass regeln? Oder einfach resignieren? Alle diese Stadien durchläuft Lis und nur ihre Pflegerin Esme begleitet sie dabei. Wie in einem persönlichen Tagebuch werden Szenen aus ihrem Leben erzählt. Stationen ihrer Karriere und Erlebnisse mit den einzelnen Mitgliedern der Familie Harman. Wie mit Reeta, der Frau an der Seite des Milliardärs. Dank Lis überwindet sie ihre Unsicherheit und kann die Freundinnen gewinnen, die sie für passend hält. Doch wegen einer Kleinigkeit erniedrigt sie ihre Köchin. Lis erinnert sich: „Ich wurde noch nie so sehr gedemütigt in meinem Leben“. Alle Familienmitglieder Harman verfügen gleichermaßen über Potenzial und Abgründe. Es ist teilweise sehr desillusionierend in die Welt der Superreichen einzutauchen.

Mithilfe ihrer Recherchen will Lis dem Mörder auf die Spur kommen. Wer von den Harmans war das eigentliche Ziel? Wer nur Kollateralschaden? Unterbrochen werden diese Überlegungen nur von den Abläufen und wenigen Besuchern im Krankenzimmer. Ähnlich wie in einem Kammerstück treten nur vereinzelt Akteure persönlich in Erscheinung.

Lis aus deren Perspektive die ganze Geschichte erzählt wird, ist eine starke Persönlichkeit. Intelligent, kreativ, loyal, zielstrebig. Vielleicht etwas zu großzügig. Zu wenig egoistisch? Mir scheint, die Harmans nutzten sie skrupellos aus, weit über ihren Job hinaus. Über allem darf man Lis Leidenschaft für ihren Beruf nicht vergessen. Sie liebte es, köstliche Kreationen zu erschaffen, die mir immer wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

Im Verlauf ihres Sterbeprozesses gewinnt Lis eine beeindruckende Klarheit. Dazu tragen die ernsthaften Gespräche mit der Pflegerin Esme und der Sterbebegleiterin Chrissie bei. Die anderen Protagonisten verfügen nicht annähernd über ihre Tiefe. Hier wird Lis‘ Geschichte erzählt. Während der ganzen Zeit ist der Tod immer präsent.

Ich fand Lis Geschichte spannend und vielschichtig. Es hat mich beeindruckt, dass sie, den Ablauf ihres eigenen Countdowns ignorierend, recherchiert, Motive prüft, Ereignisse reflektiert und so stur ihren Plan verfolgt. Das wirkt mitunter kühl und distanziert, doch anders kann sie ihr Ziel nicht erreichen. Schließlich weiß Lis, dass sie in Kürze ihre geliebte Tochter für immer verlassen muss.

Die Erzählung nimmt einige Wendungen und wartet mit einer echten Überraschung auf. Schlussendlich erreicht Lis alle Ziele, die sie noch hatte. Sie deckt die Identität des Täters auf und erkennt das Motiv. Und sie kann Cosima eine gesicherte Zukunft hinterlassen.

"Noch fünf Tage" präsentiert ein Mordopfer, das noch am Leben ist, aber unweigerlich sterben wird. Daraus ergibt sich eine völlig ungewöhnliche Perspektive auf das Leben, den Tod, das Sterben und den ganzen Rest. Ich habe das Buch gern gelesen, obwohl es nicht immer einfach ist, die zum Tode verurteilte Lis zu begleiten. Die Endlichkeit bereitet Unbehagen.

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