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Veröffentlicht am 26.10.2024

Blick ins ländliche Kärnten

Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht
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Mit diesem ungewöhnlich langen Titel ist Julia Josts (*1982) Debütroman auf der Shortlist des österreichischen Buchpreiseses 2024 gelandet. In wenigen Wochen wird sich herausstellen, ob es zum Debütpreis ...

Mit diesem ungewöhnlich langen Titel ist Julia Josts (*1982) Debütroman auf der Shortlist des österreichischen Buchpreiseses 2024 gelandet. In wenigen Wochen wird sich herausstellen, ob es zum Debütpreis 2024 reichen wird. Als Vielleserin interessierte mich natürlich, wovon dieses Buch handelt.

Zuerst habe ich mich allerdings gefragt, wo eigentlich die in diesem ewig langen Titel erwähnten Karawanken liegen. Das Internet präsentierte mir beeindruckende Bilder von dem Gebirgszug an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien. Beim Lesen kam später klar heraus, dass die Geschichte in Kärnten spielt.

Die ersten Seiten begeisterten mich ob der bildhaften Sprache: „Man sieht Jagdhunde im Dreisprung über den frisch gepflügten Acker einem Fasan nachsabbern“ oder „du vernimmst das heilige Trommeln eines Spechts und siehst ein Rehkitz auf seinen Stelzenbeinen hechten“ sowie „Bienen mäandern unter dem Gewicht der Blütenstaublast über die Felder wie Betrunkene“. Doch die Begeisterung ließ bald nach: Der Roman besteht aus vielen verschiedenen Geschichtchen, die einem Mädchen durch den Kopf gehen, das unter einem Lastwagen heraus dem Umzug seiner Familie zuschaut.

Diese Erinnerungen sind wie die Bergsilhouette: Mal in leuchtendem Licht, mal im dunklen Tal. Durch die beliebig angeordneten Episoden ergeben sie keinen Roman, in den man sich fallen lassen könnte. Die Autorin erzählt in dieser Welt zwischen Beichtstuhl und Stammtisch von menschlichen Abgründen und von einem Mädchen, das viel lieber ein Junge wäre. Seine Mutter strebt nach mehr, nicht erst, seit der Vater durch einen unerwarteten Deal zu viel Geld gekommen ist. Sie kauft alles ein, was ihr gefällt, so dass der Platz im ererbten Hof nicht mehr ausreicht und dieser Umzug nötig geworden ist.

Das Buch zu lesen war für mich harte Arbeit. Nicht nur, weil die Sprache oft nicht zu der Elfjährigen passt, die als Erzählerin fungiert. Sondern auch, weil unter anderem bis zum Umfallen gesoffen wird, um Widrigkeiten zu vergessen. Zum Glück lockern Seiten, die einen zum Schmunzeln bringen, die Schwere auch mal auf.

Die Personenbeschreibungen sind gelungen und ein Unfall, bei dem ein Kind ums Leben kam, bleibt im Gedächtnis. Doch vieles andere verschwindet in den Tiefen des Vergessens, trotz des lebendig erzählten Dorflebens.

Im Nachhinein kann ich für mich sagen, dass mir stringent erzählte Romane, ohne so viele Umwege und Nebengassen, besser gefallen. Aber vielleicht soll das zeigen, dass sich Literatur weiterentwickelt – ohne Rücksicht auf die Leser.


Fazit: Das Buch zu lesen hat mir wenig Freude geschenkt.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Brüder - oder nicht?

Der Junge aus dem Meer
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Eines Tages taucht am Strand ein Findelkind auf. Das ganze irische Fischerdorf kümmert sich abwechselnd darum, bis der Fischer Ambrose sich entschließt, es in seiner Familie aufzunehmen. Sein eigener Sohn ...

Eines Tages taucht am Strand ein Findelkind auf. Das ganze irische Fischerdorf kümmert sich abwechselnd darum, bis der Fischer Ambrose sich entschließt, es in seiner Familie aufzunehmen. Sein eigener Sohn ist etwa zwei Jahre alt und von Anfang an dem Eindringling skeptisch. Während sein Vater überzeugt ist, eine gute Tat vollbracht zu haben, schaukelt sich die Eifersucht auf. Nachdem Ambrose eine Zeitlang finanziell ganz gut dastand, verdient er nun nicht mehr genug für die Familie und Schulden häufen sich auf. Gleichzeitig macht Phyl ihrer Schwester Christine, Ambroses Frau, die Hölle heiß. Sie möchte, dass sie sich mehr um den alt gewordenen Vater kümmert und da das wegen der eigenen Familie mit zwei Kindern nicht möglich ist, fordert Phyl häufig Geld von ihr.

Die beiden „Brüder“ sind nicht nur vom äußeren her sehr unterschiedlich, auch ihre Charaktere sind konträr. Brendon, der schmächtige, adoptierte Sohn ist von der ganzen Dorfgemeinschaft gern gesehen, weil er auf die Menschen zugeht. Er redet zwar wenig, aber hört gerne zu, was alle sehr schätzen. Bei ihm können sie ihre Sorgen und Nöte abladen. Der robuste Declan dagegen ist unbeholfen und störrisch und kommt ganz nach dem Vater. Er versucht ständig, bei seinem Vater die erste Geige zu spielen, was ihm aber nicht so recht gelingen will. So entstehen natürlich viele Spannungen, der der Autor auszubauen weiß.

Das Leben im Dorf, wo jeder jeden kennt, verläuft ruhig und plätschert zwischendurch vor sich hin. Doch gibt es auch durchaus spannende Episoden, die ich sehr gern gelesen habe. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches sieht es so, als würden sich die Brüder nach dem Tod des Vaters endgültig entzweien. Oder vielleicht doch nicht?

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Wenig Bezug zu den Vorgängern

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Dieses Buch ist das Dritte in der Reihe einer Familiengeschichte. Die ersten beiden haben mir gut gefallen, beim Dritten benötigte ich viel Zeit um in der Geschichte anzukommen. Vielleicht lag es daran, ...

Dieses Buch ist das Dritte in der Reihe einer Familiengeschichte. Die ersten beiden haben mir gut gefallen, beim Dritten benötigte ich viel Zeit um in der Geschichte anzukommen. Vielleicht lag es daran, dass es ein Hörbuch war und ich die beiden anderen gelesen habe. Dabei ist es durchaus angenehm, Julia Nachtmanns Intonation zuzuhören. Es lag wohl eher an mir, die mit den beiden Zeitebenen (1945, am Ende des Krieges und 2023) nicht zurecht kam. Auch war mir lange Zeit nicht bewusst, dass ich Hannah Berowski bereits aus den Vorgängerbänden (mit einem ähnlichen Cover) kannte. Mir waren Marlen und Wilma suspekt und fremd. Aber ich hatte in Erinnerung an die beiden Vorgänger positive Gefühle, weshalb ich das Buch auch auswählte. Erst als ich mir etwa zur Hälfte klar wurde, wer Hannah ist, fand ich echtes Interesse am Geschehen. Vielleicht würde ich das Buch besser bewerten, wenn ich es unter anderen Vorzeichen ausgesucht hätte. So aber kam mir alles so abstrakt vor, wie Marlens Bild, an dem sie 15 Jahre lang gemalt hatte.

Das Buch kann übrigens gut ohne die Vorkenntnisse von Hannahs Familiengeschichte gelesen werden, da die beiden Zeitebenen lange Zeit völlig unabhängig nebeneinander stehen. Ich dagegen suchte verzweifelt nach Zusammenhängen, die ich viel zu lange nicht fand. Zum Glück rundete das Ende die Zusammenhänge gut ab.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Leben lohnt sich

Die Mitternachtsbibliothek
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„Nicht, was man betrachtet ist wichtig, sondern was man sieht.“

Jeder Mensch hat die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen und jede einzelne Entscheidung beeinflusst die nächsten Schritte im Leben. ...

„Nicht, was man betrachtet ist wichtig, sondern was man sieht.“

Jeder Mensch hat die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen und jede einzelne Entscheidung beeinflusst die nächsten Schritte im Leben. Das könnte das Fazit dieses Romans sein, in dem Nora ihr Leben beenden will, weil sie keinen Sinn mehr darin sieht.

Der britische Autor Matt Haig (*1975) macht eigene Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen zu zentralen Themen in seinen Büchern. In dem vorliegenden schickt er seine lebensmüde Protagonistin Nora Seed in die Mitternachtsbibliothek, wo sie ganz unterschiedliche Leben erlesen kann. So erfährt sie, dass Träume nur manchmal zum Glück führen, weil überall Stolpersteine im Weg liegen. Während sie diverse Möglichkeiten in ihren möglichen Leben näher betrachtet, bemerkt sie, dass es wenig Sinn macht, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie in bestimmten Momenten anders hätte handeln können. Denn nicht in Erfüllung gegangene Träume sind auch nicht das, was sie glücklicher machen würde.

Dieser Roman, der schon viele Leser beeindruckt hat, hat mich leider nur teilweise erreicht. Vielleicht passt er nicht in meine augenblickliche Lebenssituation. Er lässt sich zwar gut lesen, aber die vielen hier vorgestellten Varianten eines Lebens können auch überfordern. Es dauert lange, ehe sich eine klare Ausrichtung herausschält. Es zeigt sich, dass zu viele Variablen ebenso schädlich sein können, wie der verzweifelte Versuch, nichts im Leben verändern zu wollen.

Während ich Das Buch hin und her gerissen zur Seite lege, kann ich mir vorstellen, dass es Menschen in zerstörerischen depressiven Phasen durchaus zum Nachdenken darüber anregen kann, ob es nicht doch Gründe zum Weiterleben gibt.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Eine ungewöhnliche Adlige

Prinzessin Alice
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Schon das Cover macht es deutlich: hier geht es um eine gut gekleidete Frau, die durch ein Gitter von ihrer Umgebung abgeschnitten ist. Die Erzählung handelt vom Leben der Victoria Alice Elizabeth Julia ...

Schon das Cover macht es deutlich: hier geht es um eine gut gekleidete Frau, die durch ein Gitter von ihrer Umgebung abgeschnitten ist. Die Erzählung handelt vom Leben der Victoria Alice Elizabeth Julia Marie Prinzessin von Battenberg (*25. Februar 1885 in Windsor Castle; † 5. Dezember 1969 im Buckingham Palace, London). Sie war die Mutter von Philip Mountbatten und die Großmutter von Charles III.

Irene Dische hat sich damit schon zum zweiten Mal einer ungewöhnlichen historischen Figur gewidmet. Und ebenso wie in Die militante Madonna, in der sie ihre Hauptfigur Chevalier d'Eon de Beaumont zu Wort kommen ließ, lässt sie auch in diesem Buch die Protagonistin selbst erzählen. Doch das macht das Buch nicht unbedingt einfacher zu verstehen.

Während der Beginn einen heiteren Einblick in die Familiengeschichte gewährte, hat der zweite Teil, der das Leben der Protagonistin in der Psychiatrie erzählt, meine Begeisterung etwas gedämpft. Hier habe ich viele Gedanken nicht nachvollziehen können. Aber sicherlich war das Absicht, denn wer kann sich schon in einen verwirrten Kopf hineindenken? Im dritten und letzten Teil durfte ich Alice begleiten, als sie als Nonne verkleidet nach Athen reiste, um sich dort vor den Deutschen zu verstecken. Eine traurige Angelegenheit, die sie aber mit viel Verve zu meistern wusste.

Alles in allem konnte ich einen Blick in ein ungewöhnliches Leben mit werfen. Aber meiner Meinung nach hat die Autorin schon bessere Bücher geschrieben.

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