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Veröffentlicht am 27.07.2018

Identitätssuche mit Herz und Verstand

Albertos verlorener Geburtstag
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Ein wahrhaft herzergreifendes Thema ist es, mit dem sich die Britin Diana Rosie hier befasst: ein kleiner Junge hilft seinem Opa Alberto, seinen Geburtstag, den er nicht kannte, zu finden. Und dahinter ...

Ein wahrhaft herzergreifendes Thema ist es, mit dem sich die Britin Diana Rosie hier befasst: ein kleiner Junge hilft seinem Opa Alberto, seinen Geburtstag, den er nicht kannte, zu finden. Und dahinter steckt so Einiges: es ist nämlich so, dass die ganze Geschichte im spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre ihren Anfang nimmt - und da hat Rosie ausgesprochen akribisch recherchiert. Und da sie auch zu schreiben versteht, breitet sich das ganze Szenario bald in Gänze vor dem Leser aus.

Damals war nämlich Alberto selbst ein kleiner Junge, dem ein schlimmes Schicksal beschieden war. Es ist schon starker Tobak, was man hier so erfährt. Mit Sicherheit werden auch viele Leser, die eher nichts über den spanischen Bürgerkrieg wissen, zu diesem Buch greifen und allein das lohnenswert. Denn die Suche von Alberto und dem kleinen Tino nach Albertos Geburtstag wird zu einer Reise, die nicht nur in der Gegenwart, sondern durch Rückblenden auch in der Vergangenheit stattfindet. Doch es gibt so viel mehr - es geht um Liebe, Freundschaft, doch auch um Verlust und um Grausamkeit und bis zum Ende machen die Schrecken des Alltags, des Lebens, nicht halt vor diesem Buch. Es ist eine bittersüße Geschichte, in der deutlich wird, wie nahe Trauer und Freude zusammen liegen.

Ein Buch, in dem es für Alberto und Tino zu einer ganzen Reihe von schicksalhaften Begegnungen kommt. Für den Leser ein besonderer Genuss, trifft er doch auf eine ganze Reihe von liebevoll gezeichneten Charakteren, an denen allein die doch sehr ausgeprägte Schwarz-Weiß-Malerei der Autorin ein kleines Manko ist. So sehr sie wieder und wieder betont, dass es im Bürgerkrieg keine "richtige" oder "falsche" Seite gab, so sehr untergräbt sie ihre eigene Darstellung durch die Figuren, die stets gut oder schlecht sind.

Dies und die an der ein oder anderen Stelle ein wenig zu sehr aufploppenden Klischees sind dann auch die einzigen Kritikpunkte, die ich an diesem Buch habe. Insgesamt ist es ausgesprochen empfehlenswert - ein Schmöker mit Anspruch, der auch als Geschenk für Menschen, die gerne alles um sich herum vergessen, geeignet ist.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Alles andere als glatt

Das Apfelblütenfest
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verläuft die Liebesgeschichte von Jules und Lilou, die beide - was ihre Biografie angeht - einen steinigen Weg hinter sich haben. Doch Jules ist durch Erbschaft Besitzer einer Cidrerie und eines wunderschönen ...

verläuft die Liebesgeschichte von Jules und Lilou, die beide - was ihre Biografie angeht - einen steinigen Weg hinter sich haben. Doch Jules ist durch Erbschaft Besitzer einer Cidrerie und eines wunderschönen Hauses - und wunderbarer, alteingesessener Mitarbeiter, Nachbarn und Freunde. Er ist zwar nicht auf Rosen, aber doch auf Apfelblüten gebettet. Doch es gibt einen düsteren Punkt in seiner Biografie und um diesen zu überwinden, hat er vor mehr als 20 Jahren eine ungewöhnliche Stellenanzeige geschaltet. Er hat nämlich seine Suche nach einer Haushälterin für seinen Vater in die Rinde eines Apfelbaumes geritzt, was nicht sehr effizient war, da sich nie jemand darauf gemeldet hat. Doch nun, ausgerechnet am Abend des jährlichen Apfelblütenfestes, ändert sich das.

Denn nun meldet sich Lilou und wird - nach sanfter Nachhilfe seitens einer von Jules' Mitarbeiterinnen - tatsächlich eingestellt, nun für Jules selbst. Und man muss sagen, sie hat nicht gerade den Dienstleistungsgedanken in sich verinnerlicht - nein, sie will Jules stets sagen, wo es langgeht und so eine Stellung in seinem Leben - und bald auch in seinem Herzen erobern. Ein wenig hoppladihopp und unglaubwürdig, gleichwohl überaus charmant beschreibt der Autor Carsten Sebastian Henn die Geschichte von Jules und Lilou, die eine Menge von Hindernissen in sich birgt und zuletzt noch mit einer richtig tragischen Wendung aufwartet, die der Autor jedoch nicht kitschig, sondern genau im richtigen Tonfall und durchaus mit ein wenig Humor versetzt beschreibt.

Auch die Figuren sind eindringlich - wenn auch für meinen Geschmack teilweise etwas zu sperrig und widersprüchlich - gezeichnet, so dass man nicht nur Jules und Lilou, sondern auch sämtliche Nebenfiguren direkt von Augen hat. Warmherzig, wenn auch gelegentlich etwas zu duldsam gegenüber einigen Charakteren - allen voran Lilou - zeichnet Henn eine stimmungsvolle Geschichte, die im wahrsten Sinne des Wortes Appetit auf einen Urlaub in der Normandie - natürlich mit Cidre und den Speisen der Region - macht, wenn auch mit kleinen Abstrichen.

Ich kannte den Autor bisher vor allem als Gastrokritiker des "Kölner StadtAnzeigers" und muss sagen, dass er seinem Faible, über leckeres Essen und gute Getränke zu schreiben, in diesem Buch treu bleibt - hier lief mir sogar noch mehr das Wasser im Munde zusammen als bei der Lektüre seiner samstäglichen Kolumne!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Veni vidi vici

Augustus
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John Williams nähert sich mit seinem Werk „Augustus“ dem bekannten und vergleichsweise leicht zu recherchierenden Leben des römischen Kaisers Gaius Octavius, Neffe und Adoptivsohn Julius Caesars, in der ...

John Williams nähert sich mit seinem Werk „Augustus“ dem bekannten und vergleichsweise leicht zu recherchierenden Leben des römischen Kaisers Gaius Octavius, Neffe und Adoptivsohn Julius Caesars, in der originellen Form eines Briefromans. Auf diese Weise erhält der interessierte Leser neben den Fakten auch einen intimen Einblick in das Leben im Alten Rom, etwa in die damalige Kommunikation oder das gesellschaftliche Leben der Upper Class. Dabei umschifft der Autor das aus meiner Sicht größte Problem dieser Kunstform, nämlich den Transport einer Fülle von Informationen, die dem Rezipienten des jeweiligen Briefes zwingend bekannt sein müssten. Was natürlich seine Grenzen hat – ich musste mich zunächst schon daran gewöhnen, dass Informationen, die sowohl dem Autoren als auch dem Empfänger des Briefes hinlänglich bekannt sein sollten, auf Schritt und Tritt transportiert wurden. Doch das liegt nun einmal im Wesen eines Briefromans

Das Buch läßt sich in grob in zwei Hälften teilen. Im ersten Teil wird Augustus’ Weg zur Macht geschildert, der zweite beschreibt die mehr oder weniger erfolgreichen Maßnahmen zum Zwecke des Machterhalts. Fiktive, gleichwohl realistische Korrespondenz verschiedener Zeitzeugen zeichnen ein exaktes Bild von Gewalt, Intrigen und Strategien, der Zwangsheirat als politischem Mittel, aber auch, nicht unähnlich der heutigen Zeit, diplomatische Verhandlungen mit Menschen, „die einem so zuwider sind, dass der Umgang mit ihnen immense Überwindung kostet.“

Zu Beginn des dritten Buches meldet sich Kaiser selbst zu Wort. Als alter Mann auf der Schwelle zum Tod schreibt er seinem alten Weggefährten Nikolaos von Damaskus. Es ist eine deprimierende, schonungslose, aber auch rührende Reminiszenz an sein Leben, die umso tragischer erscheint, als sie den inzwischen verstorbenen Adressaten nicht mehr erreicht.

Das Buch endet mit der Schilderung der letzten Stunden im Leben des Augustus, dokumentiert von seinem ihn verehrenden Leibarzt, der nichtsahnend der Hoffnung Ausdruck gibt, dass der neue Kaiser Nero nach dem grausamen Caligula und dem unfähigen Claudius „endlich den Traum des Octavius Cäsar erfüllen möge.“ Ein frommer Wunsch...

Passt also veni, vidi, vici auch auf diesen Roman? Nun ja, ingesamt schon, wenn auch nicht ohne Einschränkungen, denn zwischendurch wird es dann doch ein wenig langatmig. Aber Durchhalten lohnt sich, denn John Williams ist ein imposantes Werk gelungen, dem ich noch viele Leser wünsche.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Zwei Schwestern im besetzten Frankreich

Die Nachtigall
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Wie verlief die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen? Was stand am Beginn von Vichy-Frankreich? Wie mögen sich die Unterworfenen wohl gefühlt haben, wie haben sie reagiert?

Diese Fragen versucht ...

Wie verlief die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen? Was stand am Beginn von Vichy-Frankreich? Wie mögen sich die Unterworfenen wohl gefühlt haben, wie haben sie reagiert?

Diese Fragen versucht die Amerikanerin Kristin Hannah in ihrem Roman "Die Nachtigall" zu beantwortet, in dessen Mittelpunkt zwei Schwestern, Vianne und Isabelle, stehen. Vianne, die wesentlich Ältere, hat bereits länger eine eigene Familie und muss mit dem Umstand klarkommen, dass ihr Mann an der Front kämpft und sie allein mit dem schweren Alltag, der Erziehung ihrer Tochter Sophie und ihrem Berufsalltag als Lehrerin klarkommen muss, in der Kleinstadt unweit von Tours, in der ihre Familie lebt. Ihr in Paris lebender Vater schickt ihr bald ihre um einiges jüngere Schwester Isabelle, die ganz andere Probleme hat. Sie kann und will nicht verstehen, dass Vianne sich einfach dem Schicksal ergibt. Genau mit ihrer Ankunft zusammen fällt die Eroberung des Ortes durch die deutschen Truppen, die sich ausbreiten, auch Viannes Familie muss einen Armeefunktionär beherbergen. Während Vianne erkennt, dass Kooperation es ihr und vor allem ihrer Familie leichter machen, ist Isabelle partout nicht bereit dazu - sie tut alles, um sich dem Widerstand anzuschließen (was gar nicht so einfach ist, wenn man keine entsprechenden Kontakte hat) und für eine freie Heimat zu kämpfen.

Ein ergreifendes Buch mit starken, gut ausgearbeiteten Charakteren - wenn auch ein prägnanter Stil definitiv nicht die Sache der Autorin ist. Auch wenn ich nicht so weit gehen würde, die Beschreibungen als weitschweifig zu bezeichnen - etwas prägnanter und gebündelter wäre es mir lieber. Aber das ist ganz klar Geschmackssache und zudem verständlich, dass die Autorin als Amerikanerin die komplexen Abläufe und Handlungen im gerade entstehenden Vichy-Frankreich - und davor - in aller Ausführlichkeit schildert. Was mir gefällt ist, dass geschickt Ansprachen Petains und De Gaulles ins Geschehen eingebaut werden und sehr dabei helfen, die unterschiedlichen Positionen zu verdeutlichen.

Auf jeden Fall ein lohnenswertes Buch für Freunde (und vor allem Freundinnen) mitreißender Liebes- und Familienromane vor spannender historischer Kulisse. Wenn man auch bei 600 Seiten ein bisschen Zeit und Muße braucht. Ich würde mir gut überlegen, ob ich es - wie es eigentlich passend scheint - mit in den Frankreich-Urlaub nehme und dies davon abhängig machen, ob immer mal wieder die Möglichkeit besteht, sich in eine Ecke zurückzuziehen und zu konzentrieren!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Im Vordergrund steht der Mensch

Vor dem Fall
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Ein Flugzeugunglück, elf Insassen, neun Opfer, zwei Überlebende - aber ich tue mich schwer, sie nicht auch als Opfer zu bezeichnen. Denn für sie ist nach dem Unglück nichts mehr, wie es war - auf den Maler ...

Ein Flugzeugunglück, elf Insassen, neun Opfer, zwei Überlebende - aber ich tue mich schwer, sie nicht auch als Opfer zu bezeichnen. Denn für sie ist nach dem Unglück nichts mehr, wie es war - auf den Maler Scott hagelt eine wahre Sturmflut von Überfällen - journalistischer Art, aber auch echten, in Form von Vorwürfen, herab und der kleine JJ, erst vier Jahre alt, ist der einzige, der von seiner Familie übrig geblieben ist.

Es war ein luxuriöses Privatflugzeug, mit dem es von Martha's Vineyard nach New York ging, alle Insassen außer Scott und der Besatzung waren so genannte Superreiche. Hat das Unglück damit zu tun?

Noah Hawley stellt eines in den Vordergrund seines Romans, der kein Krimi und nur in eingeschränkter Form ein Spannungsroman ist: die Menschen, die von diesem grauenvollen Unglück betroffen waren - es wird im Nachhinein alles aufgedröselt, Zusammenhänge werden hergestellt, Verbindungen, um an das große Ganze zu gelangen: an die Unglücksursache.

Noah Hawley schreibt sehr detailliert, dennoch ist kein Wort zu viel, er ist weder ausschweifend noch schwatzhaft. Nein, seine Erzählweise ist eine gründliche - er lässt keine Einzelheit aus und auch der Leser sollte nichts überspringen - jede Kleinigkeit könnte wichtig sein.

Ein sehr eigenartiges Buch, was aber nicht als negativer Kommentar gemeint ist, sondern einfach den Stil des Autors bezeichnet, der etwas eigenes hat, mit dem ich mich durchaus erstmal anfreunden musste. Danach habe ich das Buch mit Begeisterung gelesen, die am Ende ein kleines bisschen abebbte, aber nun ja: die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Auf jeden Fall lohnenswert für Leser, die sich für ungewöhnliche Arten von Spannungsliteratur interessieren und dabei durchaus bereit sind, auch mal ein Risiko einzugehen.