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Veröffentlicht am 28.07.2018

Echt polnisch, echt osteuropäisch, echt europäisch - echt kosmopolitisch!

Widerspruch zwecklos oder Wie man eine polnische Mutter überlebt
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Ein tolles Jugendbuch, das auch Erwachsenen Spaß macht!

Alicia ist in Schweden aufgewachsen und zwar in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen: während ihr Vater Schwede ist, ist ihre Mutter Polin und lebt ...

Ein tolles Jugendbuch, das auch Erwachsenen Spaß macht!

Alicia ist in Schweden aufgewachsen und zwar in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen: während ihr Vater Schwede ist, ist ihre Mutter Polin und lebt diese Kultur auch ganz selbstverständlich in ihrem Heim, was vom ausschließlichen Gebrauch ihrer Muttersprache über die Zubereitung der - von Alicia nicht allzusehr geschätzten - Nationalgerichte bis zum Gebrauch einer aus Alicias Sicht typischer Gepflogenheiten wie mangelnder Diplomatie, vorbehaltloser Großzügigkeit und permanenter Einmischung in die Privatsphäre der Mitmenschen reicht. Ein mitreißendes, humorvolles, aber auch einfühlsames Buch, das nicht nur das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, sondern auch die Auseinandersetzung einer Heranwachsenenden mit ihren Eltern beinhaltet. Die fast schon obligatorische Liebesgeschichte darf nicht fehlen, doch ist sie humorvoll und eher unkonventionell dargestellt und fügt sich somit nahtlos in die originelle Erzählung ein. Auch wenn es im Buch selbst keine exakte zeitliche Angabe gibt - die Handlung spielt im Sommer 1989, wird doch darin der Besuch von Papst Johannes Paul II in Schweden thematisiert und dieser fand im Juni des genanntes Jahres statt.
Das bedeutet, dass für ältere Semester mit eigener Osteuropa-Vergangenheit wie mich zahlreiche Erinnerungen und Assoziationen geweckt werden. Obwohl meine eigene osteuropäische Anbindung weder polnisch noch katholisch ist, habe ich viele Parallelen entdeckt - sowohl beim Feiern von Festen, als auch beim Einsetzen von Handwerkern eigener Nationalität, aber vor allem in Bezug auf Gastfreundlichkeit und Mitgefühl. Das macht das Buch zu einem warmherzigen, mitreißenden Leseerlebnis, das ich möglichst vielen Interessenten weiterempfehlen will - unbedingt lohnenswert! Und zwar nicht nur als Buch über polnische Mütter: es ist ein Paradebeispiel für das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten miteinander: Echt polnisch, echt osteuropäisch, echt europäisch - echt kosmopolitisch!

Veröffentlicht am 28.07.2018

Das geraubte Leben des Häftlings Heiner Rosseck

Der Schrecken verliert sich vor Ort
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Für die Lektüre von "Der Schrecken verliert sich vor Ort" muss man viel Kraft aufbringen, denn dieses Buch ist ein Angriff - ein Angriff auf die Psyche, die Nerven, den Verstand des Lesers. Ein Angriff ...

Für die Lektüre von "Der Schrecken verliert sich vor Ort" muss man viel Kraft aufbringen, denn dieses Buch ist ein Angriff - ein Angriff auf die Psyche, die Nerven, den Verstand des Lesers. Ein Angriff durch ein erbarmungsloses, schonungsloses Buch - jedoch einer, der stärkt, der wachsen lässt und viel, viel mitgibt für den weiteren Lebensweg - und seien es nur Zitate zuhauf.

Ich zumindest habe mehrere Riesenzettel vollgeschrieben während des Lesens - Zettel mit wichtigen Bemerkungen - teilweise wichtig für das Gesamtverständnis des Buches, teilweise jedoch auch für mein weiteres Leben - Anmerkungen, die ich in Zukunft in gewissen Lebenssituation parat haben will, ja muss!

In diesem Buch geht es um den ehemaligen Auschwitzhäftling, den Wiener Kommunisten Heiner Rosseck, der am 5. Juni 1964 - er soll als Zeuge bei einem der NS-Prozesse aussagen - die Dolmetscherin Lena kennenlernt und nach langem hin und her bei ihm bleibt. Bzw. bleibt sie bei ihm, denn es ist eine immer neue Herausforderung, Heiner zu lieben, von Anfang an: "Sie wusste nicht, wie lange ihre Liebe für den Teil des Mannes reichte, der im Lager geblieben war." (S.63) Dies sieht sie von Beginn an und bleibt doch bei ihm, bei Heiner, bei dem Auschwitz allgegenwärtig ist, der IMMER davon spricht, der die Wertigkeit anderer ehemaliger Häftlinge nach deren Nummer bemisst, dessen erste Ehe an Auschwitz zerbrach, ja: der tatsächlich zu einem großen Teil für immer dageblieben ist.

Ein kleines, trauriges Buch, das sich zu einer großen Geschichte des 20. Jahrhunderts ausweitet - manchmal fand ich sie fast zu groß für mich. Sie quillt aus allen Seiten hervor, dann auch aus mir - bevorzugt in Form von Tränen. Doch erspart man sich diese Geschichte, verliert man etwas Großes und Ganzes. Ich empfehle sie quasi als Pflichtlektüre für jeden historisch Interessierten, für den Oberstufenunterricht, für Hochschulen - quasi für alle, die bereit sind, sich mit hochwertiger politischer Literatur auseinanderzusetzen - es bringt einen Gewinn fürs Leben!

Veröffentlicht am 28.07.2018

Bausünden sind gute Sünden

Die Kunst der Bausünde
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bzw. können sie es sein, denn die Fotografin Turit Fröbe unterscheidet in ihrem ausgesprochen originell gestalteten Bildbald gute und schlechte Bausünden. Aber eines haben sie alle gemeinsam: es sind samt ...

bzw. können sie es sein, denn die Fotografin Turit Fröbe unterscheidet in ihrem ausgesprochen originell gestalteten Bildbald gute und schlechte Bausünden. Aber eines haben sie alle gemeinsam: es sind samt und sonders ausgesprochen unterhaltsame Bausünden, die Turit Fröbe da deutschlandweit eingefangen und kommentiert hat.

Die wichtigste Erkenntnis für mich bei der Lektüre des amüsanten Bandes - alles unterschiedlich wirken, je nachdem, von welchem Blickwinkel aus man es betrachtet... also eine Reise durch Deutschland mal ganz anders! Nachahmenswert? Sicher nur teilweise, denn einige Objekte sind sicherlich nicht so spektakulär, dass man sie unbedingt im Original betrachten müsste.

Eines aber eint sie - in diesem Buch hat jede "Sünde" ihren berechtigten Platz, ohne dieses spezifische Bauwerk wäre das Buch einfach unvollständig. Sehr empfehlenswert für Menschen, die es lieben, im scheinbar Gewöhnlichen das Besondere zu entdecken. Es wird nicht nur beim Durchblättern bleiben, dafür ist der Unterhaltungswert dieses bezaubernden Kleinods einfach viel zu hoch!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine fremde, ganz andere Welt

Wüstenblut
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offenbart sich den Lesern von Zoe Ferraris Reihe um den für seinen Kulturkreis durchaus unkonventionellen Ermittler Ibrahim Zahrami von der Mordkommission Dschidda in Saudi-Arabien nun schon im dritten ...

offenbart sich den Lesern von Zoe Ferraris Reihe um den für seinen Kulturkreis durchaus unkonventionellen Ermittler Ibrahim Zahrami von der Mordkommission Dschidda in Saudi-Arabien nun schon im dritten Band. Die beiden Vorgänger "Die letzte Sure" und "Totenverse" habe ich bereits mit Begeisterung verschlungen und "Wüstenblut" steht ihnen in nichts nach. Diesmal geht es um einen Serien-, ja um einen Massenmord: in der Wüste Saudi-Arabiens werden die sterblichen Überreste von insgesamt 19 Frauen aufgefunden - im Islam eine bedeutsame, symbolträchtige Zahl, die sämtliche Akteure aufmerken lässt. Neben der Arbeit hat Ibrahim seine üblichen Probleme mit seiner von ihm ungeliebten, ihn nicht verstehenden Frau und den Kindern, die er sehr liebt, für die er jedoch nicht genug Zeit hat - und nun ist auch noch seine Geliebte Sabria, das Licht seines Lebens, spurlos verschwunden! Ibrahim hat sie während ihrer Zeit als verdeckte Ermittlerin kennengelernt - steht ihr Verschwinden mit dieser Tätigkeit in Zusammenhang?

Zoe Ferraris schreibt einfühlsam und mit großer Regional- und Sachkenntnis und widmet sich wie immer auch ausgiebig dem Rahmen, den das Leben in Saudi-Arabien seinen Bewohnern setzt: dem Verhältnis von Männern und Frauen, dem Leben der Frauen quasi im Verborgenen, ihrem Kampf um Präsenz im (Arbeits)Alltag und vielen, vielen anderen Details des Alltagslebens in Saudi-Arabien, wobei die Spannung, die ein Krimi ja ebenfalls beinhalten sollte, keineswegs zu kurz kommt. Gelegentlich blitzt auch die ein oder andere humorvolle Komponente hervor. Widersprüchliches, Fragwürdiges, für den Westeuropäer schwer nachzuvollziehende Wertvorstellungen - das alles wird hier thematisiert und ist nach den Lektüre ein wenig einsichtiger.

Kurzum: die Lektüre von "Wüstenblut" ist ein Riesengewinn, den ich absolut jedem ans Herz lege, der anspruchsvolle Krimis mag und sich gut unterhalten lassen will. Ich kann Ihnen versichern - auf diese ganz spezielle Art und Weise sind sie noch nie unterhalten worden und sie werden noch lange an diesen ganz besonderen Krimi zurückdenken!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine Meisterin der Verdrängung

Die stille Frau
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das ist die Psychologin Jodi Brett, die sich vormacht, dass bei ihr alles in bester Ordnung ist. Nein, ihr Mann Todd, in bestem Alter, immer schon ein Filou und inzwischen mitten in der Midlife Crisis, ...

das ist die Psychologin Jodi Brett, die sich vormacht, dass bei ihr alles in bester Ordnung ist. Nein, ihr Mann Todd, in bestem Alter, immer schon ein Filou und inzwischen mitten in der Midlife Crisis, betrügt sie nicht, alles ist bei ihr in bester Ordnung und absolut perfekt. Doch allmählich steuert ihre Partnerschaft Niederungen an, die sie nicht einmal in ihren tiefsten Befürchtungen beschritten hat.

In ihrem Erstling, bei dem es aufgrund ihres frühen Todes leider auch bleibt, schildert die Autorin A.S.A. Harrison ein Drama - wohlgemerkt ein Psychodrama. Es lebt sowohl von der eleganten, gewählten und teilweise reduzierten Sprache, vor allem jedoch durch die gelungene Abbildung der Dynamik, der die Figuren im Laufe der Handlung unterworfen sind.

Man mag meinen, man würde die groben Entwicklungen im Voraus kennen, voraussehen können, worum es der Autorin geht, doch ist dies ein Spannungsroman im besten Sinne mit etlichen unvorhersehbaren Wendungen. Tatsächlich ist "Die stille Frau" ganz klar ein eher stiller Roman, aber dabei ein ausgesprochen atmosphärischer.Diejenigen, die auf die Werbekampagne angesprungen sind, die sich auf Thriller wie "Gone Girl" oder "Ich.darf.nicht.schlafen" fokussiert, werden enttäuscht sein - für Freunde harter Kost ist dieses eher auf Stimmungen und Entwicklungen aufgebaute Buch eher nichts. Wer sich aber auf anspruchsvolle Weise entspannen und ebenso unterhalten werden will - für den ist dieses Buch sicher das Richtige!