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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.10.2019

Wunderschöne Bilder

Der lange Weg zu dir
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Sonia und Adam sind zwei Kinder, die getrennt durch ein Meer an der Küste mit ihren geliebten Tieren wohnen: die elternlose Sonia mit ihrer Katze Miezi, Adam bei seiner Grossmutter mit seinem Hund Rufus. ...

Sonia und Adam sind zwei Kinder, die getrennt durch ein Meer an der Küste mit ihren geliebten Tieren wohnen: die elternlose Sonia mit ihrer Katze Miezi, Adam bei seiner Grossmutter mit seinem Hund Rufus. Als Rufus stirbt, ist Adam todunglücklich und hat seinen ganzen Lebensmut verloren. Gleichzeitig startet Miezi zu einer langen Reise und Sonia folgt ihr.
Es sind wunderschöne Bilder, die die Illustratorin Emilia Dziubak zu dieser Geschichte gezeichnet hat, fast schon Gemälde. Viele davon gehen über zwei Seiten, was die beinahe märchenhaft anmutenden Illustrationen noch beeindruckender wirken lässt.
Die Geschichte fällt im Vergleich hingegen schwächer aus. Sie ist rührend und macht schlussendlich Hoffnung, doch selbst für Fünfjährige, insbesondere diejenigen, die schon mal am Meer waren, dürfte sich die Frage stellen: Wie kommen Sonia und Miezi da auf die andere Seite? Auch der Sprachstil reicht nicht an das Niveau der Bilder heran, gerade bei den längeren Passagen wirkte es zumindest auf mich als Erwachsene viel zu nüchtern und profan.
Fazit: Eine nette Geschichte mit herausragenden Bildern.

Veröffentlicht am 18.10.2019

Wie der jemenitische Kaffee die Welt erobert - ein Abenteuer ohnegleichen

Der Mönch von Mokka
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Mokhtar Alkhanshali, ein 24jähriger US-Amerikaner jemenitischer Abstammung, verdient sich nach diversen Rückschlägen als Portier seinen Lebensunterhalt. Durch Zufall erfährt er, dass der Jemen eine jahrhundertealte ...

Mokhtar Alkhanshali, ein 24jähriger US-Amerikaner jemenitischer Abstammung, verdient sich nach diversen Rückschlägen als Portier seinen Lebensunterhalt. Durch Zufall erfährt er, dass der Jemen eine jahrhundertealte Kaffeetradition besitzt, die jedoch im Rest der Welt fast völlig vergessen ist. Voller Enthusiasmus setzt er sich in den Kopf, jemenitischen Kaffee wieder zu seinem Ruhm zu verhelfen und damit auch den Menschen dort zu einem sicheren Einkommen. Er investiert in den nächsten Jahren seine gesamte Zeit, sich das notwendige Wissen beizubringen und Kontakte mit den Farmern, Röstern usw. zu knüpfen. Doch als er kurz vor dem Ziel scheint, bricht ein Krieg im Jemen aus. Und Mokhtar und seine Bohnen sind mittendrin.
Es ist unglaublich, was dieser Mensch alles erlebte, bis er seinen Traum vom jemenitischen Kaffee in der Welt in die Tat umsetzen konnte. Die Erkenntnis, dass die meisten Kaffeefarmer kaum wussten, wie man richtig gute Bohnen erntet und behandelt; die schwierigen Verhältnisse im Jemen, die langfristige Planungen praktisch unmöglich machten; und zuguterletzt noch ein Bürgerkrieg, der Mokhtar und seine Freunde immer wieder in lebensgefährliche Situationen brachte. Das Alles liest sich fast mehr wie ein Abenteuerbuch als eine wahre Geschichte.
Doch der Autor, Dave Eggers, beschränkt sich nicht nur auf diesen Lebensabschnitt des jungen Mannes. Man erfährt viel über die Geschichte, die Tradition, den Anbau und die Herstellung des Kaffees - ich würde fast meinen, eigentlich alles Und dazu auch viel über den Jemen, die Ursache der Unruhen und wie es zu diesem Bürgerkrieg kam.
Eigentlich ist es ein Sachbuch, aber es liest sich wie ein Roman und wüsste ich es nicht besser, hätte ich nach dem Ende mit fester Überzeugung behauptet: 'Wirklich spannend, aber natürlich alles fiktiv.' Weshalb es nicht zu fünf Sternen reichte, liegt am Schreibstil, den ich stellenweise schon recht schlicht fand. Manchmal kann man halt nicht Alles haben

Veröffentlicht am 08.10.2019

Alles hängt mit Allem zusammen

Fliege fort, fliege fort
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Furth am See, ein kleines beschauliches Städtchen. Und doch werden hier in kurzer Zeit wiederholt alte Menschen Opfer von Gewaltverbrechen. Das Seltsame daran: Sie beharren darauf, dass es ein Unfall, ...

Furth am See, ein kleines beschauliches Städtchen. Und doch werden hier in kurzer Zeit wiederholt alte Menschen Opfer von Gewaltverbrechen. Das Seltsame daran: Sie beharren darauf, dass es ein Unfall, Zufall oder gar nichts war. Gleichzeitig wird großflächig eine Häuserwand besprayt; ein Wagen geht in Flammen auf; während der Fronleichnamsprozession wird ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma angegriffen und ein kleines Mädchen verschwindet. Gibt es einen Zusammenhang? Und wenn ja, welchen?
Eine sehr mysteriöse Geschichte, die nur durch den Prolog andeutet, dass die Gründe für Vieles offenbar in der Vergangenheit liegen. Zwar geht es hier um diverse Verbrechen, doch ein typischer Krimi ist es nicht. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Darstellung des Innenlebens verschiedener ProtagonistInnen, die sich abwechselnd zu Wort melden und von ihrem Erleben und ihren Befindlichkeiten erzählen. Der Autor ist ein unglaublich guter Beobachter mit einem überdurchschnittlichen Sinn für Details, die den Lesenden die Handelnden sehr nahe bringen. Obwohl in vergleichsweise kurzer Zeit sehr viele Personen ohne besondere Einführung in der Geschichte auftauchen, bleiben sie im Gedächtnis, wobei es mir erstaunlicherweise recht leicht fiel, sie im weiteren Verlauf jeweils richtig zuzuordnen.
Bemerkenswert ist auch die Fähigkeit des Autors, aktuelle Geschehnisse mit der Vergangenheit in Verbindung zu bringen, ohne den berühmten Holzhammer zu schwingen. Ganz allmählich entwickelt sich beim Lesen die Erkenntnis, wie sehr die heutigen Verhältnisse den damaligen ähneln - die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Man beginnt, eigene Überlegungen anzustellen: Was wäre passiert, wenn sich schon damals jemand zur Wehr gesetzt hätte? Sind dies nicht Situationen, die solches Handeln rechtfertigen?
Das Ende bleibt etwas vage, nicht Alles wird explizit geklärt, sodass man als Lesende auf einem ähnlichen Wissensstand bleibt wie die Hauptfiguren. Vielleicht hilft nochmaliges Lesen, was nicht das Schlechteste ist bei einer Lektüre, die auch mit einem schönen, wenn auch anspruchsvollen Sprachstil aufwarten kann.

Veröffentlicht am 06.10.2019

Ein Drama als Krimi verpackt

Hotel Cartagena
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Eine spektakuläre Geiselnahme mitten in St. Pauli: Ein Dutzend Bewaffneter hat sämtliche BesucherInnen einer Bar als Geisel genommen. Mittendrin Staatsanwältin Chastity Riley gemeinsam mit mehreren KollegInnen, ...

Eine spektakuläre Geiselnahme mitten in St. Pauli: Ein Dutzend Bewaffneter hat sämtliche BesucherInnen einer Bar als Geisel genommen. Mittendrin Staatsanwältin Chastity Riley gemeinsam mit mehreren KollegInnen, die dort zusammen einen Geburtstag feiern wollten. Forderungen scheint es keine zu geben, die Polizei kann nur warten.
Der Großteil des Buches besteht aus einer Rückschau, die erklärt, wie es zu dieser Geiselnahme gekommen ist. Ein junger Mann, der angesichts seiner miserablen Zukunftsaussichten Hamburg verließ, kehrt nach Jahrzehnten zurück um sich zu rächen. Chastity Riley, die eigentliche Hauptfigur, ist hier ein Opfer, das sich angesichts der ausweglosen Lage im Stillen mit seiner eigenen Situation auseinandersetzt.
Es ist das erste Buch von Simone Buchholz, das ich gelesen habe, aber sicherlich nicht das letzte. Der Schreibstil ist ungewohnt knapp, wirkt stellenweise fast stakkatohaft: "Dann vertrauensbildende Maßnahmen. Mehr Drinks. Im Stehen. Kokain." Um an anderer Stelle einen beinahe poetischen Eindruck zu hinterlassen: "... in ihrem Gesicht spiegelt sich die Art von Leben, die man lebt, wenn man nicht immer überall dazugehören will." Diese Widersprüchlichkeit zeichnet auch einige der Figuren dieses Romans aus, von dem ich mich scheue, ihn Krimi zu nennen. Denn es gibt keine richtige Auflösung durch Polizeiarbeit und die Verfolgung durch die Polizei ist auch eher ein Nebenschauplatz.
Doch das eigentliche Hauptthema, die Geschichte des Anführers, ist spannend und für mich überraschend erzählt, denn ich habe es mir bis fast zum Ende nicht klarmachen können, wie Alles zusammenhängt. Ein Kriminalroman der etwas anderen Art - aber gut!

Veröffentlicht am 28.09.2019

Sommer 1969 - was für eine Zeit!

Der Sommer meiner Mutter
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Wie wahrscheinlich die meisten Menschen auf der Welt fiebert der 11jährige Tobias 1969 der ersten Mondlandung entgegen. Doch für ihn ist dies nicht das einzig Aufregende in dieser Zeit: Bei ihnen daheim ...

Wie wahrscheinlich die meisten Menschen auf der Welt fiebert der 11jährige Tobias 1969 der ersten Mondlandung entgegen. Doch für ihn ist dies nicht das einzig Aufregende in dieser Zeit: Bei ihnen daheim sind nebenan neue Nachbarn eingezogen, die sich bald gut mit seinen Eltern verstehen. Und Tobias sich mit deren 13jähriger Tochter. Trotz der jeweilig sehr unterschiedlichen Ansichten vertiefen sich die Beziehungen und nicht nur Tobias macht neue Erfahrungen.
Eigentlich sind diese knapp 190 Seiten eine Tragödie, die bereits mit dem ersten Satz dargestellt wird. Doch wie es dazu gekommen ist, schildert der erwachsene Ich-Erzähler im Namen seines elfjährigen Alter Ego so abwechslungsreich und interessant, dass ich immer wieder vergessen habe, welch ein dramatisches Ende das Ganze nimmt. Vielleicht empfinden es jüngere Lesende nicht ganz so, denn vermutlich liegt es daran, dass es für mich auch eine Reise in meine Kindheit war. Ulrich Woelk lässt Tobias diese Zeit so detailgetreu beschreiben, dass ich beinahe auf jeder Seite Aha-Effekte hatte. Die typische Klein-Familie, in der die Frau Hausfrau ist, weil der Mann genug verdient und sie es nicht nötig hat zu arbeiten. Wo das Tragen einer Jeans für eine erwachsene Frau fragwürdig ist. Wo man E605 sorglos in die Obstbäume sprüht. Kaum zu glauben, dass all dies gerade einmal 50 Jahre her ist.
Tobias erzählt in kurzen Sätzen, schnörkellos und geradeheraus, so wie ich mir vorstellen kann, wie ein Junge in diesem Alter erzählen würde. Auch die Eingeengtheit seiner Mutter wird überdeutlich; wie sie gefangen ist durch die Erwartungen, die (nicht nur) ihr Sohn an sie hat und damit ihren eigenen persönlichen Wünschen nur sehr eingeschränkt gerecht werden kann. Es war keine gute Zeit für Menschen, die eine andere Vorstellung vom Leben hatten als die Mehrheit der Gesellschaft.
Insgesamt ein schönes Buch: für die Einen als Erinnerung wie es einmal war (und hoffentlich nie wieder sein wird). Und für die Anderen um zu erfahren, wie ihre Eltern aufgewachsen sind.