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Venatrix

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Veröffentlicht am 11.11.2019

Kirche unter dem Hakenkreuz

Der Birnbaum im Pfarrgarten
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Im Archiv der Münchener Christuskirche schlummert ein wahrer Schatz an Dokumenten, Akten und Briefen die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Dieser Fund ist ein Spiegel der Gesellschaft in der ...

Im Archiv der Münchener Christuskirche schlummert ein wahrer Schatz an Dokumenten, Akten und Briefen die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Dieser Fund ist ein Spiegel der Gesellschaft in der sich die Evangelische Kirche (ebenso wie ihr katholisches Pendant) nicht wirklich mit Ruhm bekleckert hat. Autor Christoph Lindenmeyer nimmt den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 genau unter die Lupe.

Wie kann es sein, dass die Kirche den Hetzreden so unwidersprochen nachgefolgt ist? Waren es die Oberen, die verblendet die Kirche dem Regime „gleich geschalten“ haben? Gab es keinen oder nur geringen Widerstand der Seelsorger?

All diese Fragen versucht der Autor, anhand von Briefen, Dokumenten und Notizen zu beantworten. Wie bei jedem Thema der Nazi-Zeit finden sich schriftliche Unterlagen von Verblendeten, Mutigen, Angepassten und Mahnern.

Denn so wirklich vom Himmel gefallen ist das (selbst genannte) 1.000-jährige Reich, das letztendlich nur zwölf Jahre gedauert hat, ja nicht.

Das Buch berichtet von Pastoren, die anfänglich den Nazis zugeneigt waren, weil sie Arbeitsplätze schafften und Perspektiven für die Menschen boten, und dann später zu Gegnern des Regimes wurden. Es zeigt Briefe von Konfirmanden, die sich nicht indoktrinieren lassen wollten. Das Buch zeigt sehr deutlich, wie schwer es unter diesen Umständen war, seine Gottgläubigkeit und die christliche Nächstenliebe zu bewahren. Oftmals um den Preis des eigenen Lebens.

In insgesamt 19 Kapiteln erfahren wir, chronologisch geordnet, über das Schicksal einzelner Pfarrer wie Kurt Frör, Martin Niemöller und Hans Meiser (denunziert und verhaftet) oder Ernst Kutter, dessen Sohn an der Ostfront fällt. Auch das Gebäude der Christuskirche wird erwähnt, das 1944/45 große Schäden durch Bombentreffer erlitten hat.

Die Währungsreform 1948 ist der Kirche wichtiger als

„Eine Auseinandersetzung mit dem Thema „schuldig gegenüber den Juden“ findet so wenig statt, wie ein Diskurs über die Rolle der evangelisch-lutherischen Kirche und ihrer Leitung im Nationalsozialismus. Dabei hatte der bayrische Landesbischof Hans Meiser selbst die Repressionen des NS-Regimes erlebt: Predigtverbot, Absetzung, Hausdurchsuchungen, Hausarrest und das Verbot, seine Amtsräume zu betreten.“ (S.293)

Meine Meinung:

Ein nicht ganz einfach zu lesendes Buch, da es vor allem aus abgedruckten Briefen besteht. Die sind fein säuberlich mit dem Namen des Schreibers sowie dem Datum versehen und können daher in den historischen Kontext eingebunden.
Bei so manchem Schriftstück musste ich mich schon sehr wundern.

Gerne gebe ich für dieses interessante Buch, das einen wunden Punkt der Evangelische Kirche berührt, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 01.11.2019

Fesselnd bis zur letzten Seite

Winteraustern
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Dies ist der 3. Fall für Luc Verlain und spielt, wie schon der Titel andeutet, im Winter.

Es ist kurz vor Weihnachten und die Austernfischer haben Hochsaison. Lucs Vater Alain hat nur mehr wenige Monate ...

Dies ist der 3. Fall für Luc Verlain und spielt, wie schon der Titel andeutet, im Winter.

Es ist kurz vor Weihnachten und die Austernfischer haben Hochsaison. Lucs Vater Alain hat nur mehr wenige Monate zu leben und deshalb fahren die beiden nochmals zu den Austernbänken hinaus. Doch was als gemütliche Bootsfahrt mit den KOllegen von der Gendarmerie geplant war, endet in einem Polizeieinsatz. Pierre Lacasse, einer der Austernfischer wird verletzt auf eine Sandbank, kurz vor dem Ertrinken gerettet. Für Vincent Pujol und François Labadie, beides Söhne von Austernzüchtern, kommt jede Hilfe zu spät: Sie werden an Austernpfählen angebunden, tot, aufgefunden.

Hat hier jemand versucht, die häufigen Diebstähle der kostbaren Meeresfrüchte in Eigenregie zu beenden?

Luc und sein Team ermitteln in der Austernzüchterszene und bald liegt der Fokus auf Monsieur Chevalier, dem Platzhirschen, der einen kleinen Austernfischer nach dem anderen aufkauft, um sein Imperium zu vergrößern.

Meine Meinung:

Das Winterszenario ist höchst ungewöhnlich. Denn mit dem Aquitaine verbindet man eher den Sommer an der wilden Atlantikküste.
Doch auch der Winter hat hier so seinen Reiz - seltener Schneefall lässt die Tragödie, die die Familien der Toten ein wenig gedämpfter erscheinen.

Wie immer steht Anouk an Lucs Seite. Doch diesmal steht eine entscheidende Veränderung ins Haus: Soll Anouk für einen Karrieresprung nach Paris gehen? Jenes Paris, dem Luc vor wenigen Monaten den Rücken gekehrt hat? Laut, gewalttätig und dennoch imposant.

Der Schreibstil ist wie immer lebhaft und lässt (vor allem) die Kälte des Atlantiks deutlich spürbar werden. Ich hätte beim Lesen Lust auf einen Schluck aus Alain Verlains Flachmann bekommen.
Auch diesmal finden sich sozialkritische Untertöne. Vor allem dann, wenn der Unterschied zwischen den benachbarten Bezirken in Paris beschrieben werden. Hier die prunkvollen Villen der Reichen, dort die Banlieus der Zuwanderer, denen die Stadtverwaltung nicht einmal eine funktionierende Straßenbeleuchtung gönnt.

Wieder mit im sprichwörtlichen Boot ist Commissaire Exteberria, der nach dem Bauchschuss aus dem vorherigen Fall nun wieder genesen seinen Dienst versieht. Hier muss ich gleich anmerken, dass die Geschichte rund um das dienstliche Verhältnis Exteberria und Verlain gleich mehrmals erwähnt wird. Also, die Wiederholungen sich der Autor sparen können. Vor allem nach der Aussprache der beiden, die mir übrigens sehr gut gefallen hat. Diese und noch eine weitere Wiederholung (die Krebserkrankung von Alain und Lucs Rückkehr ins Aquitaine) kosten diesmal den 5. Stern. Wir Leser können uns derlei Dinge ganz gut merken.

Der Brief, den Luc auf den letzte Seiten erhält, zeigt deutlich, dass wir uns auf einen neuen Fall freuen dürfen.

Fazit:

Ein fesselnder Fall, der mit einem doch überraschenden Ende aufwartet. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Ein gelungener Auftakt einer Krimi-Reihe

Abstauber
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Dresden im Jahre 2012. Die Fußball-EM in Polen/Ukraine steht kurz bevor. Die deutsche Nationalmannschaft hat noch ein Vorbereitungsspiel im Dynamo-Dresden-Station zu bestreiten. Alle Welt liegt im Fußballfieber. ...

Dresden im Jahre 2012. Die Fußball-EM in Polen/Ukraine steht kurz bevor. Die deutsche Nationalmannschaft hat noch ein Vorbereitungsspiel im Dynamo-Dresden-Station zu bestreiten. Alle Welt liegt im Fußballfieber. Alle Welt? Nein, KHK Falk Tauner geht die Hysterie um die 22 Mann, die einem Ball nachjagen, ziemlich auf den Wecker.

Wenige Tage vor dem Spiel wird auf das Auto, in dem der Trainer Klaus Ehlig und sein Assistent Holger Jansen sitzen, geschossen. Jansen stirbt und Ehlig wird verletzt. Ausgerechnet Falk Tauner muss hier ermitteln. Die Liste der potentiellen Täter ist lang: Gegnerische Fans, ein ausgebooteter Spieler oder neidische Trainer-Kollegen könnten einen Grund gehabt haben, Ehlig zu ermorden. Doch warum ist dann Jansen tot?

Zur Verstärkung des Teams erhält Tauner einen jungen Schnösel namens Thorsten Bärlach aus dem LKA. Während Tauner und seine Mitarbeiter jedem noch so kleinen Hinweis nachgehen, wird die Tatwaffe gefunden. Darauf befinden sich die Fingerabdrücke - welch eine Überraschung! - des DFB-Präsidenten. Hat der auf Ehlig oder doch auf Jansen geschossen? Und warum?
Die weiteren Ermittlungen ziehen Kreise bis nach Hamburg und eröffnen ein völlig anderes Bild von Ehlig und Jansen. Doch jedes Mal, wenn Tauner glaubt, ein wenig weitergekommen zu sein, weiß sein kriminelles Gegenüber schon über den Ermittlungsstand Bescheid. Gibt es einen Maulwurf in der Dienststelle in Dresden?

Meine Meinung:

Dies ist der erste Krimi mit KHK Falk Tauner. Tauner ist vom Leben enttäuscht, seine Frau will ihn verlassen und die ewige Jagd nach Verbrechern, haben ihn zu einem mieselsüchtigen Menschen werden lassen. Zudem hat ihn vor einiger Zeit ein Gehirntumor außer Gefecht gesetzt.

Dass ausgerechnet er, ein Fußballhasser, sich mit dem Mord im Fußballmilieu befassen muss, empfindet Tauner als groben Affront. Seine übliche Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich. Die Kollegen der Stammmannnschaft wie Martin oder Pia wissen mit ihm umzugehen, dennoch stellt dieses Verbrechen alle vor eine schwierige Aufgaben. Durch das Fußballgroßereignis stehen Tauner & Co. im Rampenlicht der Presse, was keinem so richtig behagt. Wie in letzter Zeit häufig, gibt es eine Staatsanwältin, die gerne die Karriereleiter hinaufsteigen möchte und einen Polizeichef, der ebenfalls auf höhere Weihen aus ist. Die beiden sorgen (natürlich) für Unmut beim Ermittlerteam, die ihr Ding nach ihren Regeln durchziehen möchten.

Wer hier kriminelle Machenschaften rund um den Fußball wie manipulierte Wetten oder gekaufte Spiele erwartet, wird enttäuscht werden. Der Fußball ist irgendwie nur Kulisse.

Der lange Weg des Ermittlerteams auf der Suche nach dem Täter ist spannend erzählt. Zahlreiche Sackgassen und Umwege führen dann zu einer unerwarteten Auflösung.

Fazit:

Mit Falk Tauner hat Autor Frank Goldammer einen Ermittler erschaffen, der stur seinen Weg geht. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Künstlerleben im Paris um 1930

Die Zeit des Lichts
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"Das Licht ist unser Werkzeug", sagte er. "Der Film ist nur die Oberfläche, um das Licht einzufangen und zu fixieren, aber bevor er nicht entwickelt ist, wird jedes zusätzliche Licht zum Feind."

Dieser ...


"Das Licht ist unser Werkzeug", sagte er. "Der Film ist nur die Oberfläche, um das Licht einzufangen und zu fixieren, aber bevor er nicht entwickelt ist, wird jedes zusätzliche Licht zum Feind."

Dieser Roman befasst sich mit der Lebensgeschichte der Fotografin Lee Miller. Wir begegnen der alten, alkoholkranken Frau am Ende ihres Lebens und blicken gemeinsam auf ihre ereignisreiche Vergangenheit zurück:

Elizabeth „Lee“ Miller kommt als junge Frau nach Paris, um ihr Model-Dasein gegen dass einer Fotografin einzutauschen. Es ist die Zeit in der Models noch Mannequin heißen, Charleston getanzt, Absinth getrunken wird und das künstlerische Leben in Paris seinen Höhepunkt erreicht. Sie lernt auf einer Party Man Ray, den charismatischen Fotografen und Maler kennen, wird seine Assistentin und später seine Geliebte. Dass sie dem viele Jahre älteren Fotografen ergeben, ja beinahe hörig ist, liegt daran, dass sie als Siebenjährige von einem Freund der Familie missbraucht wurde. Sie tut alles, um Man Ray zu gefallen. Sie arbeitet fast rund um die Uhr, bringt seine Buchhaltung in Ordnung und kümmert sich um neue Aufträge. Relativ spät erkennt Lee, welche einseitige Beziehung sie mit Man Ray führt. Er ist extrem Besitz ergreifend. Während sich Lee weiterentwickelt, kreativ auch etwas anderes als Fotoshootings betreibt, scheint Man Ray künstlerisch auf der Stelle zu treten. Lee lernt Jean Cocteau kennen, dreht einen Film mit ihm und alle sind sich einig, dass Lee eine tolle Schauspielerin ist.
Als er dann ihre Entdeckung der Solarisation und die Fotos dazu als sein Werk zu einem Wettbewerb einsendet, ist Schluss mit lustig und Lee verlässt ist.

Meine Meinung:

Der Autorin ist ein tolle Romanbiografie gelungen. Fakten und Fiktion werden gekonnt miteinander verknüpft.

Die Fotografin Lee Miller ist mir als „Frau in Hitlers Badewanne“ ein Begriff.
Sie ist Kriegsberichterstatterin und dokumentiert die Gräuel der Nazis, die die in den Konzentrationslagern verübt haben.
Dieser Teil ihres Lebens kommt für meinen Geschmack viel zu wenig heraus. Das Leben an der Seite von Man Ray in Paris füllt den größten Teil der Seiten. Nur wenige Male, wenn ein bestimmtes Keyword genannt wird, gibt es einen Flashback, der Lee Miller für 1-2 Seiten wieder in den „Kriegsmodus“ versetzt. Über diese Ereignisse hätte ich gerne mehr gelesen. Doch das kann ich durch die Literaturhinweise am Ende des Roman nachholen.

Manchmal wirkt der Schreibstil opulent, dann wieder karg und distanziert. Die Jahre in Paris gleichen dem Tanz auf einem Vulkan. In der Mitte steht eine Frau, die sich in der Männerwelt der Fotografen und Künstler jener Zeit behauptet. Der Preis dafür ist allerdings sehr hoch.

Fazit:

Ein bemerkenswerter historischer Roman, der die Zeit der 1930er in Paris farbenprächtig erzählt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Als das SChifahren nach Wien kam

Lottes Träume
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Dieser historische Roman der Wiener Autorin Beate Maly spielt zu Beginn der 20. Jahrhunderts. Wien ist noch die Hauptstadt eines Vielvölkerstaates. Das riesige Habsburgerreich zeigt langsam aber sicher ...

Dieser historische Roman der Wiener Autorin Beate Maly spielt zu Beginn der 20. Jahrhunderts. Wien ist noch die Hauptstadt eines Vielvölkerstaates. Das riesige Habsburgerreich zeigt langsam aber sicher Abnützungserscheinungen. In Wien regiert Bürgermeister Karl Lueger, der mit seinen antisemitischen Aussagen, so manchen Bewohner aus dem Herzen spricht. Die Bevölkerung ist in mehrere Klassen eingeteilt: Hier der Adel und das wohlhabende Bürgertum, dort die armen Fabriksarbeiter, die kaum das nötigste zum Leben haben. Die einen gehen Polo spielen, die anderen suchen in den Abfälle nach Nahrung. Soweit das historische Umfeld.

Lotte Seidl muss, um die Schulden, die die Krankheit des Vaters verursacht haben, nach seinem Tod den bisherigen Haushalt in Mürzzuschlag, einem kleinen Ort an der steirischen Seite des Semmerings, auflösen. Mit wenig Geld und großen Hoffnungen begibt sie sich nach Wien, um eine Stellung anzunehmen. Mit viel Glück ergattert sie, auf Grund ihrer Kenntnisse vom Schifahren und Bergsteigen, einen Job als Verkäuferin bei einer der wenigen selbständigen Geschäftsfrauen Wiens: Bei Mizzi Langer-Kauba in der Kaiserstraße nahe dem Westbahnhof. Mizzi verkauft Reitausrüstung und Reitbekleidung und als sie entdeckt, dass Lotte etwas vom Schifahren versteht, steigt sie, trotz vehementer Ablehnung durch ihren Ehemann, sofort auf Wintersport um.

Die Geschäftsbeziehung der beiden unterschiedlichen Frauen entwickelt sich trotz diverser Auffassungsunterschiede in eine zumindest für MIzzi profitable Richtung. Allerdings ist die Neue immer wieder Anfeindungen von Mila, der Senior-Verkäuferin und Bert, dem faulen Verwandten von Mizzi ausgesetzt. Trotz langer Arbeitstage lernt Lotte den jungen Arzt Jakob Sonnstein kennen, der als schwarzes Schaf seiner reichen, jüdischen Familie gilt. Die Sonnsteins sind Zuckerl-Fabrikanten und die soziale Ader des Arztes, der im Kinderkrankenhaus bis zur Erschöpfung arbeitet, ist ihnen unverständlich. Wenn er wenigstens reiche Privatpatienten behandeln würde, aber nein, verlauste, an Tuberkulose erkrankte Arbeiterkinder sind sein Klientel.

Lotte wird letztendlich Opfer einer von Mila gesponnenen Intrige und verliert, ohne sich rechtfertigen zu können, ihre Stellung bei Mizzi Langer-Kauba.

Meine Meinung:

Beate Maly ist ein buntes Bild der Zeit gelungen, in der einige wenige alles und andere nichts haben. Gut gelungen sind die Lebensumstände der Verkäuferinnen geschildert. Auch der Kampf von Mizzi, die ihr Geschäft de facto gegen den Willen ihres Ehemanns führt, gegen die Windmühlen der öffentlichen Meinung ist gut getroffen. Klasse ist auch Mizzis Erkenntnis, das auch negative Berichterstattung Werbung ist. Hauptsache man spricht über das Geschäft! Witzig finde ich die Szene, in der Mizzi und Lotte ins Warenhaus spionieren gehen und nach Schiausrüstung fragen.

Die sozialkritischen Töne hätten für mich noch ein wenig schärfer sein können. Denn obwohl Lotte lange Arbeitszeiten hat, ist ihr Los gegenüber den Ziegelarbeiterinnen oder Fabriksarbeiterinnen fast schon luxuriös. Sie hat immerhin ein Dach über dem Kopf, mehrere Mahlzeiten am Tag und muss nicht wie andere ihren Körper feil bieten, um auch nur überleben zu können. Auch in der Fabrik von Joseph Mandl gehört sie eher zu den Privilegierten. Allerdings spielt sie diesen Vorteil nie aus, sondern versucht das Los anderer, wie z.B. von Fritz zu verbessern.

Beate Maly hat wieder gründliche Recherchen angestellt, so dass die Leser ein umfassendes Bild von den Lebensumständen der Menschen um die Jahrhundertwende bekommen. Vor allem das Fehlen von Krankenversicherungen und Absicherung der Hinterbliebenen machen einen großen Teil des Elends aus. Das ist auch Jakob klar, der mit seinem Idealismus und seinem Sendungsbewusstsein, auch mittellose Kranke zu behandeln, ständig im Clinch mit seinem Klinikchef liegt

Die Grenzen zwischen den Schichten sind kaum durchlässig. So ist es nur schwer glaubhaft, dass das Mädel vom Land, in die großbürgerliche Familie Sonnstein einheiraten kann. Allerdings, scheint Jakob einer der wenigen Idealisten zu sein, mit dem eine solche Verbindung möglich sein könnte.

Beate Malys Schreibstil ist angenehm zu lesen. Geschickt flicht sie historische Persönlichkeiten wie eben Mizzi Langer-Kauba, deren Ehemann und/oder Mathias Zdarsky ein. Die Charaktere sind recht gut angelegt. Einzig Lotte hätte ein wenig mehr Kontur vertragen können. Mizzi Langer-Kauba hat sich gehörig in den Vordergrund gedrängt.

Der Titel „Lottes Träume“ ist wieder ein bisschen so ein Fall in dem der Verlag das letzte Wort gesprochen hat. Denn eigentlich kommen Lottes Träume gar nicht zur Sprache.

Das Cover möchte ich noch besonders hervorheben. Es gibt im ober Teil eine Berglandschaft und unteren Bildabschnitt eine winterliche Ansicht von Wien wieder. Auch haptisch ist das Buch ein Erlebnis, da der in glitzernden Buchstaben gedruckte Titel, hervorgehoben ist.

Fazit:

Ein historischer Roman aus dem Wien des Fin de Siècle, der die Probleme von berufstätigen Frauen anreißt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.