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Veröffentlicht am 11.11.2022

Ungewöhnliche Schauergeschichte!

Der mexikanische Fluch
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Ein nebelverhangenes Herrenhaus, schweigsame Angestellte und eine geheimnisvolle Familiengeschichte: Was gehört für euch zu einer Schauergeschichte?

Mexiko, 1950: Ein beunruhigender Brief von Noemís ...

Ein nebelverhangenes Herrenhaus, schweigsame Angestellte und eine geheimnisvolle Familiengeschichte: Was gehört für euch zu einer Schauergeschichte?

Mexiko, 1950: Ein beunruhigender Brief von Noemís Cousine, die überstürzt geheiratet hat, führt dazu, dass wir uns kurz darauf in den mexikanischen Bergen auf High Place – dem Anwesen der Familie Doyle – wiederfinden. Muffige Vorhänge halten die Sonne ab, die Tapete rollt sich an den Wänden und fehlende Elektrizität führt dazu, dass man stets eine Kerze bei sich führen sollte. Das Haus ist klamm und die Bewohner:innen tragen zur wenig einladenden Atmosphäre entschlossen bei. Dennoch lässt Noemí sich nicht davon abhalten herauszufinden, was es mit den Anschuldigungen aus dem Brief auf sich hat. Dabei versinkt sie zunehmend in den Abgründen von High Place – bis es vielleicht zu spät ist.

Noemí ist ein interessanter und vielschichtiger Charakter, was ich auf den ersten Seiten nicht vermutet hätte: Sie will unbedingt eine andere Frau übertrumpfen und lässt ihre eigene Begleitung auflaufen... Es zeigt sich jedoch, dass sie auch reflektiert, mutig und aktiv auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist. Einige ihrer Handlungen haben mich zwar irritiert, an ihrer Stelle hätte ich die Türschwelle allerdings auch nie übertreten. Ich würde zwar nicht vor Ort den Nebel der Vergangenheit lüften, müsste aber auch nicht alleine in einem feuchten und leicht schimmeligen Zimmer schlafen. Ich würde nicht von eigenartigen Dingen träumen und müsste mich auch nicht mit dem Familienoberhaupt herumschlagen, der sich unter anderem mit erschreckender Inbrunst für Eugenik interessiert. Deutlich einfachere Karten…

Für mich hat sich die Geschichte nach einem guten schaurigen Film angefühlt, sodass sich das Lesen sehr bildhaft gestaltet hat. Euch erwarten vielfältige Emotionen und eine gewisse Portion Ekel, der oft genug von Personen ausgeht – mal mehr, mal weniger detailliert. Denn „dass es keine Geister gibt, heißt nicht, dass man nicht heimgesucht werden kann“.

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Veröffentlicht am 05.11.2022

Vielfältig & atmosphärisch!

Wünsche so schwarz wie Ebenholz
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Märchen haben ihren Zauber für mich nie verloren. Früher habe ich es geliebt, wenn mir von Drachen und mutigen Held:innen vorgelesen wurde. Manches Mal sind auch Tränen geflossen oder haufenweise Fragen ...

Märchen haben ihren Zauber für mich nie verloren. Früher habe ich es geliebt, wenn mir von Drachen und mutigen Held:innen vorgelesen wurde. Manches Mal sind auch Tränen geflossen oder haufenweise Fragen aus meinem Mund gepurzelt: Sind die Schurk:innen nicht furchtbar traurig? Haben wir uns noch lieb, wenn ich etwas falsch mache? Warum lügt sie, wenn man das doch gar nicht tun soll? Warum fragt er nicht einfach, sondern stiehlt es? Und was passiert danach?!

Inzwischen haben sich Originalfassungen, Retellings und Sequels dazugesellt – ich liebe insbesondere die düsteren und nachdenklichen Geschichten. Umso mehr habe ich mich auf die Märchenanthologie gefreut!

Mir hat wirklich gut gefallen, dass in den 18 Kurzgeschichten viele Denkanstöße verpackt sind und auch Fragen aufkommen, auf die ich beim Lesen nicht immer direkt eine Antwort hatte. So ähnlich wird sich früher vermutlich meine Mama gefühlt haben. Es sind Geschichten wie „Kaffee-Call“ dabei, bei denen ich sehr schmunzeln musste – wie oft habt ihr in den letzten Jahren schon „Du bist noch stumm geschaltet“ sagen müssen? – aber auch solche, die Diskussionsstoff wurden (Plage), mich sehr bewegt haben (Das blaue Licht) und von denen ich gerne ein ganzes Buch lesen würde (Drei Bienen für Aschenputtel). Bei der letzten sehr persönlichen Geschichte (Für meine Oma) sind auch einige Tränen geflossen.

Ein großes Plus sind für mich zudem die TW am Ende des Buches. Wenn ihr wisst, dass euch einige Themen nicht gut tun oder ihr vielleicht auch einfach nur einen Tag habt, an dem bestimmte Inhalte nicht passen, könnt ihr die entsprechenden Geschichten problemlos überspringen.

Insgesamt hat mich die Vielfältigkeit der Anthologie und der Einbezug von bekannten und weniger bekannten Märchen sehr begeistert. Die Geschichten sind allesamt atmosphärisch gehalten und – aus meiner Sicht – angenehm zu lesen. Einzig die Schriftgröße hat bei mir abends manchmal zum „Augenzusammenkneifen“ geführt.

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Veröffentlicht am 03.11.2022

Cinderella, aber mit Cyborgs!

Die Luna-Chroniken 1: Wie Monde so silbern
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Wenn ihr Retellings mögt und/oder eine kleine Leseflaute habt, kann ich euch das Buch nur ans Herz legen. Der Plot enthält – aus meiner Sicht – keine großen überraschenden Wendungen, dafür aber viele Möglichkeiten ...

Wenn ihr Retellings mögt und/oder eine kleine Leseflaute habt, kann ich euch das Buch nur ans Herz legen. Der Plot enthält – aus meiner Sicht – keine großen überraschenden Wendungen, dafür aber viele Möglichkeiten mit Cinder mitzufiebern und anderen Figuren zu wünschen, dass ihre Ärmel beim Händewaschen runterrutschen. Zudem können wir eine recht süße Mini-Romanze verfolgen und das Setting ist SciFi inspiriert.

Außerdem schwingt in dem Buch so viel mehr mit. Wir verfolgen, wie Cinder mit sich selbst hadert, weil sie anders ist. Wir erleben, welche Ablehnung sie aus ihrem direkten Umfeld erfährt. Wir beobachten Machtlosigkeit, wenn uns die begrenzten Rechte von Cyborgs und die legitimierte Diskriminierung präsentiert werden. Und trotz der Umstände erleben wir auch Zusammenhalt, Akzeptanz und den Weg einer junge Frau, die versucht ihren Platz in einer Welt zu finden, die ihr nicht immer wohlgesonnen ist und der sie sich dennoch ohne Groll zuwendet.

Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung!

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Veröffentlicht am 03.11.2022

Überraschend anders!

Simonelli
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Simonelli wird aus der Perspektive von zwei Charakteren erzählt, die unfreiwillig bzw. unbeabsichtigt in einen Strudel von Täuschung, Entführung und zwielichtigen Deals hineingezogen werden. Einer davon ...

Simonelli wird aus der Perspektive von zwei Charakteren erzählt, die unfreiwillig bzw. unbeabsichtigt in einen Strudel von Täuschung, Entführung und zwielichtigen Deals hineingezogen werden. Einer davon ist Jonathan Simonelli, der Filmrequisiten baut und mit dem technischen Wandel innerhalb seiner Branche zu kämpfen hat. Als er in den Besitz einer japanischen Pistole kommt, eröffnet sich ihm eine neue Möglichkeit aus seiner Misere zu entfliehen: Jemand bietet ihm eine stattliche Summe für die Waffe. Für den Austausch lässt er sich bei einem Filmdreh anheuern – er soll den Anker der Titanic nachbauen – und wartet auf seinen Kontaktmann. Gleichzeitig werden jedoch weitere Parteien auf ihn aufmerksam, die die Pistole aus verschiedenen Gründen ebenfalls in ihren Besitz bekommen wollen…

Der Einstieg in die Geschichte wird aus der Sicht eines Unbeteiligten erzählt und ist spannenderweise eine Szene, die sich erst im späteren Verlauf des Buches ereignet. Die Idee fand ich sehr raffiniert, weil wir so erfahren, dass der Austausch stattfindet, aber nicht wer die handelnden Akteur:innen sind. Zusätzlich ereignet sich ein Unfall: Wer wohl zu Schaden gekommen ist?

Dass Filmrequisiten und Waffen im Fokus stehen, war für mich interessanter als ich erwartet hätte, denn für das Thema kann ich wenig Leidenschaft aufbringen. Der Wandel der Anforderungen an Simonellis Arbeit, sein Versuch sich diesem Wandel anzupassen und auch die Historie der Waffe waren jedoch spannend erzählt.

In einer anderen Rezension wurde der Stil der Geschichte mit Tarantino Filmen verglichen. Für mich ist das Buch auf jeden Fall ein wilder Mix, der mir gut gefallen hat & ich kann nicht behaupten etwas Ähnliches in letzter Zeit gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 03.11.2022

Überraschende Erzählweise

Auf Bewährung
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„Gewalt hinterlässt einen besseren Geschmack im Mund, wenn sie sich gerecht anfühlt.“

Auf Bewährung setzt sich aus den Perspektiven dreier Freunde zusammen: Christian, der inzwischen bei der Drogenfahndung ...

„Gewalt hinterlässt einen besseren Geschmack im Mund, wenn sie sich gerecht anfühlt.“

Auf Bewährung setzt sich aus den Perspektiven dreier Freunde zusammen: Christian, der inzwischen bei der Drogenfahndung arbeitet, Malik, der Zahnmedizin studiert und seit mehreren Wochen verschwunden ist sowie Danny, der frühzeitig entlassen wird und verspricht Malik zu finden.

Sprachlich war die Geschichte auf den Punkt. Der Autor liefert gerade genügend Informationen, um ein Gefühl für die Charaktere und das Setting zu bekommen, sie sind jedoch nicht ausschweifend genug, um sich darin lediglich treiben zu lassen. Es werden Andeutungen gemacht, Geschichten aufgegriffen und wieder fallengelassen. Gleichzeitig geht die Geschichte in einem ruhigen, nicht weniger kraftvollen, Ton immer weiter, lässt einen mit den eigenen Gedanken alleine und keine Zeit, um sich in Vergangenem oder Kleinigkeiten zu verlieren. Spannend finde ich in diesem Kontext auch, dass kaum Wertungen stattfinden. Wir werden nicht in eine Richtung gelotst, wie wir zu den Figuren stehen sollen und auch Danny plagen z. B. keine Schuldgefühle, um ihn nahbarer zu gestalten. Stattdessen scherzen Christian und er darüber, dass er ihn seiner Frau als reumütigen Mann vorgestellt hat, während die Wahrheit eher so aussieht: "Der Mann öffnet den Mund, um etwas total Hartes und Männliches zu sagen, da schlägt ihm Danny gegen die Kehle. [...] Danny ist es nicht gewohnt, dass ein Kampf so schnell vorbei ist, also tritt er ihm mit dem Knie ins Gesicht. Nur um das Ganze ordentlich abzurunden."

Danny leistet keine bahnbrechende Ermittlungsarbeit. Er stellt weder geschickte Fragen, noch geht er sonderlich subtil vor. Uns erwartet kein Nervenkitzel und auch keine unerträgliche Spannung. Aus meiner Sicht lebt die Geschichte aber gerade von dieser Ruhe, weil sie uns so die Chance eröffnet, um die Ecke zu denken, Bezüge herzustellen und eigene Urteile zu fällen.

Mir hat das Buch insgesamt ausgesprochen gut gefallen, obwohl mich der Stil überrascht hat.

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