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Veröffentlicht am 30.03.2023

Unterhaltsame Lektüre

Bissle Spätzle, Habibi?
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Angesichts des Titels erwartete ich eine eher humorvolle, pointierte Culture Clash Geschichte wie Jan Weilers "Maria, ihm schmeckt's nicht". Hier ist der Titel etwas irreführend, da die Geschichte zwar ...

Angesichts des Titels erwartete ich eine eher humorvolle, pointierte Culture Clash Geschichte wie Jan Weilers "Maria, ihm schmeckt's nicht". Hier ist der Titel etwas irreführend, da die Geschichte zwar durchaus komische Momente hat, aber vor allem von der Zerrissenheit Amayas zwischen der Liebe zu Daniel und der Liebe zu ihren Eltern und deren traditionellen Vorstellungen von einem Ehemann handelt.

Der Roman enthält immer wieder ausführliche Rückblenden auf wichtige Erlebnisse in Amayas Kindheit und Jugend, die sehr eindrücklich ein warmherziges Elternhaus mit liebevollen Eltern und Geschwistern schildern. In vielen Punkten weltoffen, sind die Eltern hinsichtlich Ehe, Familie und Berufswahl jedoch muslimischen Traditionen und Moralvorstellungen verbunden. Diese Rückblenden wecken ein gewisses Verständnis für Amayas Zwiespalt und ihr langes Versteckspiel bezüglich Daniel.

An vielen Stellen fiel es mir dennoch schwer, Verständnis für Amayas Verhalten gegenüber Daniel aufzubringen, und wäre ich Daniel, hätte ich ehrlicherweise die Beziehung schon lange beendet, da ich Amayas Hinhaltetaktik und ihre damit verbundenen Lügen als äußerst verletzend empfunden hätte und bei ihr kein Entgegenkommen spürbar war. An keiner einzigen Stelle ist für mich erkennbar, dass sie bereit ist, um Daniel zu kämpfen.

An manchen Stellen wirkt die Geschichte etwas bemüht, insbesondere was die Figur von Lucas angeht - hier ist die Absicht der Autorin, Amayas Zwiespalt auf andere Konflikte zu übertragen, allzu auffällig.

Besonders positiv fand ich, dass die Autorin das Elternhaus und die Geschwister beschreibt, ohne dabei typische Klischees zu bedienen und stattdessen vielmehr facettenreiche, individuelle Figuren entwickelt, die auf ihre Art Aspekte zweier Kulturen in sich vereinen.

Fazit: Insgesamt eine kurzweilige Lektüre, die auf leichte und unterhaltsame Weise vom Leben in zwei Kulturen erzählt und den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man allen, die man liebt, gleichermaßen gerecht werden möchte.

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Veröffentlicht am 27.03.2023

Regt zum nachdenken an

Die spürst du nicht
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Zwei gutsituierte österreichische Familien fahren gemeinsam in den Sommerurlaub in die Toskana. Mit dabei ist Aayana, eine Freundin der 14jährigen Tochter Sophie-Louise und Flüchtlingskind aus Somalia. ...

Zwei gutsituierte österreichische Familien fahren gemeinsam in den Sommerurlaub in die Toskana. Mit dabei ist Aayana, eine Freundin der 14jährigen Tochter Sophie-Louise und Flüchtlingskind aus Somalia. Der erste Ferientag verläuft geruhsam im Feriendomizil mit Pool, bis am Abend ein Unglück geschieht, das alles verändert.

Die Geschichte beginnt als herrlich bissige Gesellschaftssatire und wechselt nach dem Unglück etwas den Ton, die ironische Note tritt in den Hintergrund. Der Roman beleuchtet unseren Umgang als Gesellschaft und als Einzelne mit Migranten und Migrantinnen, geprägt von mangelnder echter Empathie, herablassender Ignoranz und kulturellen Missverständnissen.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Tochter Sophie-Louise und ihre Mutter Elisa, die für die Grünen im Nationalrat sitzt. Die Erzählung wird immer wieder ergänzt durch Onlineberichte diverser Medien und zugehörige Postings, die sehr gut getroffen sind. Jede Figur hat ihre eigene Art, mit dem Unglück umzugehen, doch drehen sie sich alle im Grunde nur um sich selbst und ihre eigenen Befindlichkeiten.

Die Charaktere sind scharf getroffen, der Schreibstil ist toll zu lesen. Leider ist der Part um Sophie-Louise recht vorhersehbar. Die Beschreibung der somalischen Familie empfinde ich als weniger gelungen, die Figuren wirken unrund und ihr Verhalten wenig glaubwürdig.

Zum Hörbuch: Das ungekürzte Hörbuch mit einer Laufzeit von 8h 47 min wurde von Tessa Mittelstaedt und Steffen Groth eingesprochen, wobei Frau Mittelstaedt die eigentliche Geschichte vorträgt und Herr Groth die Passagen, die Presseberichte und zugehörige Postings beinhalten. Diese Aufteilung ist eine tolle Idee und sehr gelungen umgesetzt. Beide haben eine sehr angenehme Stimme und ein gutes Sprechtempo. Herr Groth trifft genau den richtigen Presse-Ton und spricht auch die einzelnen Postings und Kommentare facettenreich und teilweise mit wunderbarem Wiener Dialekt. Ein echter Zugewinn zum reinen Buch! Auch Frau Mittelstaedt verstimmlicht jede Figur gekonnt und verleiht ihr eine individuelle Note.

Insgesamt eine interessante, außergewöhnliche und zum Nachdenken anregende Geschichte und ein  sehr empfehlenswertes Hörbuch mit  hervorragenden Sprechern.

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Veröffentlicht am 27.03.2023

Jugend in Rumänien in den 80ern

Die Goldene Höhle
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Der Roman erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, Stefane, genannt Fane, und Paul. Es ist Herbst 1988, als sie sich in Bukarest kennenlernen, Fane ist noch Schüler, Paul 4 ...

Der Roman erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen, Stefane, genannt Fane, und Paul. Es ist Herbst 1988, als sie sich in Bukarest kennenlernen, Fane ist noch Schüler, Paul 4 Jahre älter und Student der Philosophie und begeisterter Schlagzeuger. Beide verbindet die Liebe zur Rockmusik, zu Deep Purple und Frank Zappa. Sie treffen sich fast täglich in einem verlassenen Theaterdepot, ihrer "Goldene Höhle",  und spielen dort stundenlang E-Gitarre und Schlagzeug. Die Goldene Höhle wird für sie und ihre gemeinsame Freundin Oksana ein Ort, an dem sie der Enge des kommunistischen Regimes entfliehen und ihren Träumen nachhängen können. Bis Paul eines Tages verschwindet.

Als Ich-Erzähler berichtet Fane einer zunächst unbekannten Person von den lange zurückliegenden Ereignissen um Paul und der Zeit zwischen September 1988 und Anfang 1990. Die Atmosphäre in der Endzeit der kommunistischen Diktatur Ceausescus wird dabei spürbar, die Bespitzelungen, der allgegenwärtige Mangel an Nahrungsmitteln, Strom und Gas, und die trostlosen Zukunftsaussichten. Vieles davon wird nahezu beiläufig, nur in Nebensätzen, erzählt. Dem steht die Wärme ihrer Freundschaft und der liebevoll gezeichneten Familie Pauls gegenüber. Der Autor ist Professor für Philosophie, was sich in einigen Passagen bemerkbar macht und manchmal etwas aufgesetzt wirkt.

Insgesamt ein berührender und empfehlenswerter Coming-of-Age Roman, in dem die Musik eine zentrale Rolle einnimmt, und der zugleich ein wichtiges Stück europäischer Geschichte erzählt.

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Veröffentlicht am 22.03.2023

Angst verstehen

Vom Sinn der Angst
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Das Buch "Vom Sinn der Angst" von Verena Kast, der bekannten Schweizer Psychoanalytikerin und ehemaligen Professorin für Psychologie an der Universität Zürich, wurde neu aufgelegt.

Darin erläutert die ...

Das Buch "Vom Sinn der Angst" von Verena Kast, der bekannten Schweizer Psychoanalytikerin und ehemaligen Professorin für Psychologie an der Universität Zürich, wurde neu aufgelegt.

Darin erläutert die Autorin ausführlich und gut verständlich die Hintergründe der Entstehung von Angst, ihre Auslöser und Erscheinungsformen, Formen der Angstbewältigung und unterschiedliche Angststörungen. Es kann dabei helfen, die eigenen Ängste und deren Mechanismen zu verstehen und so Ansätze zu finden, das eigene Verhalten zu hinterfragen und Veränderungen anzustoßen. Es ist allerdings kein Ratgeber, der konkrete ausführliche Bewältigungsstrategien an die Hand gibt, sondern eher eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Angstthematik.

In manchen Kapiteln, insbesondere denen,  die sich Beziehungen widmen, merkt man dem Buch seine 25 Jahre an, da sich hier in den letzten Jahren hinsichtlich Rollenmustern doch einiges verändert hat, und auch die zitierten Quellen aus den 50er bis 80er Jahren wirken etwas antiquiert. Umgekehrt finden dementsprechend auch Themen wie Veränderungen in der Arbeitswelt, der Familienstruktur und den Sozialen Medien und deren Einfluss auf Ängste keine Berücksichtigung.

Fazit: Insgesamt ein empfehlenswertes, fundiertes und umfassendes Buch zum Thema Angst, ihrer Entstehung und ihren Ausprägungen.

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Veröffentlicht am 21.03.2023

Ein echter Sträter

Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen
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"Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen" beinhaltet einen bunten Mix an Texten von Torsten Sträter aus den Jahren 2019 bis 2021. In seiner gewohnten unnachahmlichen Art sinniert der Wortakrobat ...

"Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen" beinhaltet einen bunten Mix an Texten von Torsten Sträter aus den Jahren 2019 bis 2021. In seiner gewohnten unnachahmlichen Art sinniert der Wortakrobat über die Corona-Pandemie, Versicherungen, Fitnesstudios  Jahrmärkte und vieles mehr, und auch einige seiner Beiträge aus den Sendungen "Extra 3", "7 Tage, 7 Köpfe" und "Sträter" sind enthalten, etwa aus den Kultrubriken "Kammanommakucken", "Ansprachen ans Volk" oder die "Akte Wichs".

Nachdem mich die ersten Geschichten nicht so richtig abholen konnten, da sie mir zu abstrus waren, nimmt das Buch danach deutlich mehr an Fahrt auf und enthält einige wirklich zündende und witzige Texte. Auch auf das Thema Depressionen geht Torsten Sträter an zwei Stellen ein, einmal sehr persönlich, ein zweites Mal sehr pointiert und treffend. Ich kannte den Text bereits aus der Sträter-Folge mit Kurt Krömer und habe mich gefreut, ihn hier nochmals nachlesen zu können.

Insgesamt ein gelungenes Buch für alle Sträter-Fans und eine sehr kurzweilige Lektüre!

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