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Veröffentlicht am 07.10.2023

Eine berührende Geschichte vom Sterben und vom Leben

Die Löffelliste
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Die Pflegefachfrau Karin Kaufmann ist an einem Tiefpunkt angekommen und will ihrem Leben ein Ende setzen. Auf dem Dach des Krankenhauses trifft sie allerdings auf den todkranken Reto Rösti, der dort immer ...

Die Pflegefachfrau Karin Kaufmann ist an einem Tiefpunkt angekommen und will ihrem Leben ein Ende setzen. Auf dem Dach des Krankenhauses trifft sie allerdings auf den todkranken Reto Rösti, der dort immer noch regelmäßig raucht. Die Beiden kommen ins Gespräch und beschließen, sich gemeinsam davon zu machen, zuerst einmal nach Sankt Moritz. Dort erstellt Reto eine Liste mit Dingen, die er vom geliebten Ort aus noch unternehmen will, bevor er 'den Löffel abgibt'.

Erzählt wird aus Karins Ich-Perspektive, wodurch ich der Protagonistin sehr nah kommen und ihre Gedanken und Gefühle nachvollziehen konnte. Blanca Imboden zeichnet die Protagonisten glaubwürdig und authentisch und vermittelt nicht nur beim Abarbeiten der Löffelliste auch viel Wissenswertes und Überraschendes über St. Moritz, so dass ich der Geschichte ganz gebannt gefolgt bin. Die Autorin hat einen Monat als Writer in Residence in Sankt Moritz verbracht und u.a. der reale Gemeindepräsident Christian Jott Jenny spielt im Roman eine Rolle, was ich ungewöhnlich finde. Der Schreibstil ist eingängig, sehr angenehm zu lesen, die Erzählung um die allmähliche Genesung von Karins Seele einerseits und Retos nahenden Tod andererseits ist mit scheinbarer Leichtigkeit gleichzeitig ernst, humorvoll und berührend. Die bildhaften Beschreibungen Graubündens und des Engadins machen Lust auf eine Reise nach St. Moritz.
Es werden auch gesellschaftliche Themen angesprochen wie der Pflegenotstand oder die schwierige Lage von Einheimischen in einem teuren und beliebten Nobel-Urlaubsort.

'Die Löffelliste' zeigt, wie wichtig Freunde sind, trifft auch an traurigen Stellen immer den richtigen Ton, spendet Trost und macht Mut. Sehr gut passt auch das freundliche gelbe Cover zur Geschichte. Raffaels Putten machen neugierig auf den Zusammenhang mit St. Moritz und der „erledigt“-Haken statt eines i-Punkts beim Titel ist ein schöner, augenzwinkernder Einfall.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen und vergebe 4,5 Sterne.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.09.2023

Wolf Haas ganz persönlich

Eigentum
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Wolf Haas schreibt über seine Mutter, eine Frau, die sich selbst als ewiges Opfer sah, wenn sie erzählte. Sie wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, sie starb mit fast 95 und Haas schildert ihr Leben. ...

Wolf Haas schreibt über seine Mutter, eine Frau, die sich selbst als ewiges Opfer sah, wenn sie erzählte. Sie wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, sie starb mit fast 95 und Haas schildert ihr Leben. Erzählungen aus ihrer Perspektive, authentisch und im ihr eigenen Sprachstil wiedergegeben, die er abwechselnd mit seinen eigenen, oft assoziativen Überlegungen und Kommentaren niederschreibt, auch mit der Angst im Hinterkopf, die Erinnerungen der Mutter nie mehr loswerden zu können. Zu oft hat sich ihm die rhetorische Trias eingeprägt, die die Mutter meisterlich beherrschte. Trotz Arbeit, Arbeit, Arbeit und sparen, sparen, sparen blieb ihr der Erwerb von Eigentum verwehrt, ihr lebenslanger großer Kummer.
Haas verbringt während der letzten drei Tage seiner Mutter viel Zeit bei ihr im Pflegeheim und trotz ihrer Demenz gelingt es ihm immer wieder, zu ihr durchzudringen. Seine Erzählung zeugt von Respekt und Liebe, ist aber auch eine Auseinandersetzung mit der Kindheit als Sohn dieser Mutter. Haas reflektiert seine Prägung, sein Tun, sein Leben, arbeitet sich an der Mutter ab, erzählt auch von seinen eigenen Erinnerungen. Dabei schreibt er feinsinnig humorvoll, bewegend, mit scheinbarer Leichtigkeit, pointiert und lässt teilhaben am Leben der Marianne Haas, das sicherlich dem Leben vieler Menschen ihrer Generation ähnelt, wie Geschichten aus meiner eigenen Familie vermuten lassen.

Das Cover ist außergewöhnlich, es sieht aus wie gebrauchtes Packpapier mit einem auffälligen Stempel und passt perfekt zum Buch. Unter dem Schutzumschlag kommt überraschend die Zeichnung eines alten Handys zum Vorschein, dessen Bedeutung für den Autor am Ende des Romans klar wird und mich abschließend berührt. 'Eigentum' zeigt eine sehr persönliche Seite des Autors, die ich gern kennengelernt habe.

Veröffentlicht am 21.09.2023

Spannende Zeitreise-Science-Fiction

Time Shifters
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Time Shifters sind Zeitreise-Agenten, die 24 Stunden zurück reisen können, um Katastrophen abzuwenden. Micaela ist eine dieser Agenten und soll die Explosion einer Bombe an einer Schule in Bologna verhindern.

Erzählt ...

Time Shifters sind Zeitreise-Agenten, die 24 Stunden zurück reisen können, um Katastrophen abzuwenden. Micaela ist eine dieser Agenten und soll die Explosion einer Bombe an einer Schule in Bologna verhindern.

Erzählt wird kapitelweise aus verschiedenen Perspektiven und abwechselnd vor und nach „Stunde Null“, das ist der Explosionszeitpunkt. Durch klare Zeitangaben als Kapitelüberschrift fiel es mir leicht, den Überblick zu behalten. Die technischen Details der Zeitreise und ihre physischen Auswirkungen auf den Agenten werden anschaulich beschrieben, auch unter diesem Aspekt hat mir Micaela am meisten imponiert.
Die beiden jugendlichen Protagonisten sind glaubhaft beschrieben, Rons und besonders Enricos Sorgen, Probleme und Gefühle empfinde ich als authentisch und ich habe mich über die Entwicklung gefreut, die die Jungen im Lauf der Geschichte erleben. Nähe konnte ich zu keiner Figur aufbauen, was vielleicht an den häufigen Perspektivwechseln liegt oder an der Tatsache, dass ich viel älter als die Zielgruppe bin.
Andere Charaktere tragen zur Spannung bei, indem ich ihre Rolle und Bedeutung lange nicht bestimmen konnte. Viel Action und überraschenden Wendungen machen Davide Morosinottos Jugendbuch zum kurzweiligen und spannenden Lesevergnügen, sein klarer Schreibstil ist lebendig, bildhaft und angenehm zu lesen. Die Erzählebenen werden am Ende schlüssig und ohne Logiklöcher zusammengeführt.
Nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich sagen, dass das eher dunkel gestaltete Cover mit der einsamen Figur gut zum Thema passt. Mir hat 'Time Shifters' sehr gut gefallen und ich empfehle das Buch nicht nur jugendlichen, sondern allen Lesern, die sich für Zeitreisen interessieren.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Großartige Möglichkeiten oder erschreckende Horrorvorstellung?

KRYO – Die Verheißung
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Im neuen Thriller von Petra Ivanov geht es um die Optimierung des Menschen durch den Einsatz verschiedener technologischer Verfahren wie den Einsatz von KI, Kryotechnologie, Stammzellentherapie, Transfusionen ...

Im neuen Thriller von Petra Ivanov geht es um die Optimierung des Menschen durch den Einsatz verschiedener technologischer Verfahren wie den Einsatz von KI, Kryotechnologie, Stammzellentherapie, Transfusionen des Blutplasmas junger Menschen, digitale Bewusstseinsspeicherung.
Schon der Prolog ist spannend und wirft viele Fragen auf. Verschiedene Erzählperspektiven und Handlungsstränge sind zu Beginn verwirrend, da der Zusammenhang nicht offensichtlich ist, sondern sich erst im Verlauf der Geschichte zeigt. Das Personenverzeichnis zu Anfang des Buchs erweist sich als hilfreich.
Michael, Arzt und Journalist, ist bei den Recherchen zum Thema Transhumanismus spurlos verschwunden und seine Mutter Julia, die selbst ein belastendes Geheimnis hat, begibt sich auf die gefährliche Suche nach ihm. Julia beweist Einfallsreichtum, Schauspieltalent und Kombinationsstärke, als sie Michaels Spuren folgt und immer mehr über die gewinnträchtigen Geschäfte der Zukunft herausfindet.
Die Figurenzeichnung ist gelungen, die Charaktere authentisch, auch die verschiedenen Schauplätze werden atmosphärisch beschrieben. Petra Ivanovs Schreibstil ist klar, angenehm zu lesen und fesselnd. Die Geschichte ist komplex und intelligent konzipiert, hat ein hohes Erzähltempo, überraschende Wendungen und bleibt auf hohem Niveau durchgehend spannend. Die wissenschaftlichen Hintergründe sind sehr gut recherchiert und verständlich erklärt. Die Interviews, die Michael führt, erscheinen mir wie eine Diskussion über die Vor- und Nachteile des Transhumanismus und lassen mich über meine eigene Meinung zur den verschiedenen Aspekten der Verbesserung des Menschen nachdenken.
Das Cover zeigt einen Eisblock, der mit seinen Einschlüssen etwas rätselhaft wirkt. Autorenname oben und Verlag unten in rot, Titel und Untertitel in schwarz-weiß, mir gefallen Layout und die Kombination besonders der Farben.
'Kryo – Die Verheißung' hat mich gut unterhalten, und einige offene Fragen am Ende des Thrillers lassen mich gespannt auf den 2. Band der Trilogie warten.

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Spannender Thriller mit ungewöhnlichen Protagonisten

Refugium
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John Ajvide Lindqvist, ein erfolgreicher schwedischer Autor von Horrorromanen, hat sich an einem Krimi versucht und er ist ihm gelungen.

Das Cover erscheint auf den ersten Blick unscheinbar, aber ist ...

John Ajvide Lindqvist, ein erfolgreicher schwedischer Autor von Horrorromanen, hat sich an einem Krimi versucht und er ist ihm gelungen.

Das Cover erscheint auf den ersten Blick unscheinbar, aber ist bei näherer Betrachtung reizvoll mit dem hochglänzenden Schwarz, dem grellen Gelb und dem haptisch wahrnehmbaren Zweig mit der verletzten Rinde.

John Ajvide Lindqvists Schreibstil ist lebendig und fesselnd, auch humorvoll und mit ironischen Seitenhieben, die Charaktere sind interessante, gut ausgearbeitete Figuren, besonders der rätselhafte Kim Ribbing, ein faszinierender Protagonist, aus dessen Vergangenheit nach und nach in Rückblenden erzählt wird.
Die erfolgreiche Schriftstellerin Julia Malmros und der Hacker Kim beginnen zu einem Anschlag zu ermitteln, der in der Nähe von Julias Sommerhaus stattgefunden hat. Julia und Kim haben sehr viel mehr Möglichkeiten als die Polizei und auch der Zufall hilft weiter, dennoch ergänzen sich die Ermittlungen beider Teams und halten den Spannungsbogen durchgehend hoch.

Erzählt wird in kurzen Kapiteln und aus verschiedenen Perspektiven. Als ebenso wichtig wie die Entwicklung des komplexen Wirtschaftskrimis empfinde ich die ungewöhnliche Beziehung, die zwischen Julia und Kim entsteht, wobei der Autor glaubhaft vermitteln kann, was sie für die Beiden bedeutet.

Dieser Thriller hat eine Metaebene: Lindqvist war beauftragt worden, die Millennium-Reihe weiter zu schreiben, sein Buch wurde aber vom Verlag abgelehnt. Das gleiche passiert in 'Refugium' der Protagonistin Julia. Was Julia nur in Betracht zieht, hat Lindqvist getan: er änderte den Anfang, vertauschte die Rollen der Figuren, und veröffentlichte das Buch unabhängig von Millennium als Auftakt einer Trilogie.

Mir hat der spannende Thriller sehr gut gefallen und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen. Ich vergebe 4,5 Sterne.

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