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Veröffentlicht am 18.02.2024

Niemand ist ausschließlich gut oder böse

Notizen zu einer Hinrichtung
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In Danya Kukafkas Roman geht es um einen Serienmörder, der nach sieben Jahren Haft hingerichtet werden soll. Ansel Packer hat noch 12 Stunden zu leben, in denen der Leser ihn begleitet. Er will nicht ...


In Danya Kukafkas Roman geht es um einen Serienmörder, der nach sieben Jahren Haft hingerichtet werden soll. Ansel Packer hat noch 12 Stunden zu leben, in denen der Leser ihn begleitet. Er will nicht sterben, hofft auf eine Begnadigung in letzter Minute oder auf eine gelungene Flucht mit Hilfe der Gefängnisaufseherin Shawna Billings, die von ihm fasziniert ist. Ansel erinnert sich an die verschiedenen Phasen seines Lebens und erörtert den Inhalt seines Manuskripts über die Natur des Guten und des Bösen, die unzähligen Entscheidungen, die ein Leben ausmachen und die alternativen Leben, die jeder von uns führen könnte. Außerdem lesen wir die Geschichte der Frauen seines Lebens – nicht der Opfer -, die seine Biografie komplementieren. Da ist seine Mutter Lavender, die als junge Frau vor ihrem gewalttätigen Partner floh und ihre beiden kleinen Söhne zurückließ, dann Hazel, die Zwillingsschwester seiner Frau Jenny, und schließlich Saffy, die Ermittlerin, die als Kind in derselben Pflegefamilie wie Ansel lebte und Zeugin seiner grausamen Tierquälerei wurde. Sie hat sehr früh gewusst, dass Ansel als 17jähriger drei junge Mädchen ermordet hat, konnte sich aber in ihrem Team mit ihrer Überzeugung nicht durchsetzen, als Jahre später die Leichen gefunden wurden. Bis zu seiner Verurteilung waren Jahrzehnte seit seinen ersten drei Taten vergangen.
Kukafkas Roman ist kein Whodoneit. Es geht in der auf verschiedenen Zeitebenen und aus wechselnder Perspektive erzählten Geschichte um andere Dinge: um die Faszination, die Serienkiller wie Ansel Packer ausüben, wie nicht zuletzt real existierende Mörder wie Ted Bundy und Charles Manson beweisen, deren Geschichte unzählige Male beschrieben und verfilmt wurde. Auch wenn die Autorin diese Faszination kritisch sieht, können weder sie noch der Leser sich davon völlig befreien. Außerdem übt Kukafka deutliche Kritik am amerikanischen Justizsystem und insbesondere an der Grausamkeit der Todesstrafe durch die Giftspritze. Dem Zeitungsleser ist noch deutlich der aktuelle Fall des Häftlings im Gedächtnis, der reinen Stickstoff einatmen musste, als es in mehreren Versuchen nicht möglich war, ihm die Spritze zu setzen.
“Notizen zu einer Hinrichtung“ ist kein handlungspraller Reißer. Dafür sorgt schon die Erzählstruktur mit dem Wechsel der Zeitebenen und der Perspektiven. Der Roman hat durchaus Längen. Entbehrlich fand ich zum Beispiel die Ausführungen zu den ungelebten Leben der Opfer am Ende der Geschichte. Dennoch ein durchaus empfehlenswerter Roman, den ich gern gelesen habe.

Veröffentlicht am 28.01.2024

HaSchem meint es nicht gut mit Chani und Baruch

Die Hoffnung der Chani Kaufman
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Chani und Baruch stammen aus einer jüdisch orthodoxen Gemeinde in London. Zur Zeit leben sie in Jerusalem, wo sich Baruch zum Rabbi ausbilden lässt. Sie sind seit zehn Monaten verheiratet und lieben ...


Chani und Baruch stammen aus einer jüdisch orthodoxen Gemeinde in London. Zur Zeit leben sie in Jerusalem, wo sich Baruch zum Rabbi ausbilden lässt. Sie sind seit zehn Monaten verheiratet und lieben sich. Ihr einziges Problem ist, dass ihre Ehe bisher kinderlos geblieben ist. Schließlich bitten sie Baruchs reiche Eltern um Hilfe, um eine Untersuchung und eventuell eine Fruchtbarkeitsbehandlung in einer Londoner Klinik zu finanzieren. Die Schwiegermutter hat Chani immer als unpassende Partnerin für ihren Sohn abgelehnt und nimmt die kostspieligen Dienste einer unsympathischen Heiratsvermittlerin in Anspruch, um eine neue Frau für Baruch zu finden. In einem zweiten Handlungsstrang geht es um Rabbi Chaim Zilberman und seine Frau, die Rebbetzin Rifka. Rifka hat ihren Mann und ihre Kinder ein Jahr zuvor verlassen, weil sie ihren Glauben verloren hat und das Leben in der strenggläubigen Gemeinschaft nicht mehr ertrug. Nun lebt sie unter ärmlichen Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung und muss Anfeindungen und Schikanen der Frommen ertragen, wo auch immer sie ihnen begegnet. Ihr Mann wird von seinen Vorgesetzten zur Scheidung gedrängt. Als Rifka mit der Zustimmung zögert, gerät sie in Lebensgefahr. Auch ihr jüngster Sohn Moishe wird in der Schule gemobbt und schikaniert, ohne dass die Schulleitung ihn schützt. Am Beispiel von Rifka und ihrem 20jährigen Sohn Avromi, der eine Talmudschule in Jerusalem besucht und eigentlich in die Fußstapfen seines Vaters treffen soll, zeigt die Autorin, dass es Alternativen zur strenggläubigen Lebensführung der Orthodoxen geben muss, denn einige der Gesetze beruhen nicht auf der Tora, sondern sind menschengemacht, genauer gesagt: von Männern, häufig zum Nachteil der Frauen. Deutlich kritisiert sie auch die Niedertracht, mit der die ach so Frommen die Abtrünnigen verfolgen.
Ich habe diesen Roman gern und sehr schnell gelesen, denn er hat mich in eine mir bisher weitgehend unbekannte Welt eingeführt. Ein Glossar erleichtert das Verständnis einer Vielzahl von jiddischen Ausdrücken. Die Kenntnis des ersten Teils ist nicht erforderlich. Von mir gibt es eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 19.11.2023

Familie ist eine schädliche Einrichtung

Endstation Malma
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In Alex Schulmans Roman “Endstation Malma“ fahren verschiedene Menschen mit dem Zug nach Malma, ein kleiner Ort, der mehrere Stunden von Stockholm entfernt liegt. Sie fahren jedoch keineswegs gleichzeitig ...


In Alex Schulmans Roman “Endstation Malma“ fahren verschiedene Menschen mit dem Zug nach Malma, ein kleiner Ort, der mehrere Stunden von Stockholm entfernt liegt. Sie fahren jedoch keineswegs gleichzeitig im selben Zug, sondern zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens. Tatsächlich handelt es sich um drei Generationen einer Familie. Ein Vater fährt mit seiner kleinen Tochter Harriet, Harriet mit ihrem Mann Oskar, als ihre Ehe bereits gescheitert ist und schließlich deren Tochter Yana, nachdem der Vater gestorben und die Mutter schon vor Jahren spurlos verschwunden ist. Was hoffen sie, in Malma zu finden? Die Perspektiven und die Zeitebenen wechseln, so dass die Aufmerksamkeit des Lesers gefragt ist. Yana erhofft sich von der Reise nach Malma Aufklärung über Rätsel der Vergangenheit. Verschiedene Geheimnisse kommen ans Licht und vor allem sehr problematische familiäre Beziehungen. Die Ehen scheitern, und sowohl Harriets Mutter als auch Harriet selbst lässt ihre Tochter im Stich. „Familie ist eine schädliche Einrichtung“ könnte man meinen, wenn man diesen Roman liest, so traurig sind die Schicksale der Kinder, die verlassen oder früh von einer Schwester getrennt werden. Alex Schulman stellt diese Schicksale einfühlsam und empathisch und auch sprachlich außerordentlich gelungen dar.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, dessen Figuren im Gedächtnis haften und zum Nachdenken anregen.

Veröffentlicht am 12.11.2023

Locked Room Thriller

The Institution
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In Helen Fields neuem Roman “The Institution“ geht es um einen Mord in einer speziellen Einrichtung für psychisch kranke Straftäter, der Parry Institution. Sie wurde auf den Resten einer alten Festung ...


In Helen Fields neuem Roman “The Institution“ geht es um einen Mord in einer speziellen Einrichtung für psychisch kranke Straftäter, der Parry Institution. Sie wurde auf den Resten einer alten Festung hoch über einem Stausee fern von jeglicher Zivilisation errichtet. Hier hat Dr. Connie Woolwine einen Einsatz als verdeckte Ermittlerin, zusammen mit ihrem Partner Brodie Baarda, der angeblich in seiner Zeit beim Militär schreckliche Verbrechen begangen hat und auf der Station H. von ihr als Psychologin betreut werden soll. Sie wollen auf diese Weise herausfinden, wer die Krankenschwester Tara Cameron ermordet und ihr ungeborenes Baby entführt hat und sich nun mit Lösegeldforderungen an die Familie wendet.
Im Lauf des Romans führt Dr. Connie, wie sie genannt wird, Gespräche mit den fünf Serientätern und dem Personal. Fast jeder wirkt irgendwie verdächtig, und lange fehlt jede Spur. Die erfahrene Profilerin arbeitet unter Zeitdruck, weil sie überzeugt ist, dass die kleine Aurora lebt, als Frühgeburt jedoch spezielle Betreuung braucht. Connie vermutet, dass der Mörder einer der Serienkiller ist und Hilfe von jemand hatte, der zum Personal gehört.
In der ersten Hälfte des recht umfangreichen Romans passiert nicht allzu viel. Erst in der zweiten Hälfte nimmt die Geschichte Fahrt auf, als ein schwerer Sturm dafür sorgt, dass es laufend Stromausfälle gibt und die Anstalt komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. Insgesamt ist der Roman interessant und spannend, auch wenn ich zum Ende hin nicht alle Wendungen glaubwürdig fand. Wegen der vielen grausamen Details der von den Insassen verübten Verbrechen ist der Roman für empfindliche Leser nicht so gut geeignet.

Veröffentlicht am 31.10.2023

Flucht und Fremdsein

Der Geruch von Ruß und Rosen
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Im Mittelpunkt von “Der Geruch von Ruß und Rosen“ von Julya Rabinowich steht das junge Mädchen Madina. Sie ist mit ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder Rami und ihrer Tante Amina, der Schwester der Mutter, ...

Im Mittelpunkt von “Der Geruch von Ruß und Rosen“ von Julya Rabinowich steht das junge Mädchen Madina. Sie ist mit ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder Rami und ihrer Tante Amina, der Schwester der Mutter, vor dem Krieg in ein anderes, sicheres Land geflohen, wo nicht jeder sie willkommen heißt. Sie finden jedoch auch Unterstützung, z.B. von Susi, in deren Haus sie nach der Unterbringung in einem Flüchtlingsheim wohnen. Madina hat in Laura eine sehr liebe Freundin, auf die sie sich immer verlassen kann. Dann ist der Krieg vorbei, und Madina reist mit ihrer Tante heimlich in die alte Heimat zurück, um ihren Vater zu finden, bzw. sein Schicksal aufzuklären. Auch Amina hat noch eine Rechnung offen, sucht den Kontakt zu ihrer Familie.
Die Autorin zeigt in diesem dritten Band einer Serie, dass es im Krieg nur Verlierer gibt. Niemand kann jemals vergessen, was ihm widerfahren ist: physische und psychische Qualen, materielle Verluste, der Tod geliebter Menschen: „Man kann nicht weglaufen vor dem, was der Krieg gesät hat.“ (S. 193) und “Krieg ist ein Arschloch.“ (S. 194). Die Autorin nennt bewusst weder das Land, in dem der Krieg stattfand noch die Sprache, die die Figuren sprechen, weil die Schicksale, die sie beschreibt, für unzählige andere, gleichartige stehen. Die Protagonistin ist sehr sympathisch, ihre Sprache authentisch. Sie wird im Laufe der Geschichte erwachsen, legt die viel zu früh übernommene Verantwortung ab wie einen viel zu schweren Rucksack (S. 229) und beschließt von nun an, ihr eigenes Leben zu leben, nachdem sie jahrelang eine Art Pufferzone in ihrer Familie war und bei Konflikten immer ausgleichend gewirkt hat.
Der Leser ist aufgefordert, Empathie zu zeigen und Hilfe zu leisten, statt etwa Flüchtlinge pauschal als Sozialschmarotzer zu verunglimpfen. Ein wichtiges, empfehlenswertes Buch.