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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.03.2024

ehrliche authentische Stimmen in einem Sammelband

Vögel im Kopf
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Patient:innen und Zugehörige erzählen in der Rückschau über Ihre Zeit und Erfahrung in und mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerahmt wird das Buch von Worten von in der KJP tätigen Menschen, diese ...

Patient:innen und Zugehörige erzählen in der Rückschau über Ihre Zeit und Erfahrung in und mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerahmt wird das Buch von Worten von in der KJP tätigen Menschen, diese kommen auch in eigenen Beiträgen im Buch zu Wort. Jeder Beitrag hat seine eigene Stimme, eine Verallgemeinerung ist kaum möglich. Manche Beiträge beleuchten die selbe Situation aus jeweils anderen Perspektiven, einige stehen für sich. Je nach Beitrag finden sich nüchternere Beschreibungen und Ablaufsberichte, kunstvoll erzählte Puzzel oder Dramaturgien und offene, ehrliche Einblicke in Gedanken und Fühlen der Autor:innen. Zu den Texten gibt es kleine Biografien. Jeder Text ist einzigartig, sie verbindet erstmal nur der Ort an dem sie spielen und von dem sie, mal mehr mal weniger, handeln. Trotzdem kommen manche Gedanken oder Themen immer wieder, in unterschiedlichen Schattierungen und Wärmestufen, zusammen ergeben die Texte einen Chor der erstaunlich harmonisch klingt. Ob das an gelungenen Lektorat lag oder eine Wirklichkeit abbildet vermag ich nicht zu sagen.

Einzelne Texte haben mich sehr berührt, haben an meine eigenen Erfahrungen freundlich angeklopft, mich in den Arm genommen oder sind mir auch wie Geister kalt den Rücken herunter gerutscht. Ich habe nach ein paar Texten das Buch weglegen müssen um erstmal zu weinen und zuzulassen, dass ich berührt werde. Denn berührt haben sie mich, diese Texte. Manchmal war es nur ein Nebensatz oder ein sprachliches Mittel. Wenn Patient*innen authentisch zu Wort kommen dürfen, so wie hier, ist das wertvoll. Es wird nichts von außen beschönigt oder abgewertet. Ich bin mir sicher, die Texte, die mich nicht derartig tief berührt haben, taten dies bei anderen Lesenden.

Es ist keine Lektüre für Zwischendurch oder Nebenbei, diese Texte haben Aufmerksamkeit verdient und Zeit. Es ist keine Unterhaltung oder Bespaßung für die Lesenden, trotzdem ist das Buch kein -metaphorischer- schwerer Klotz sondern behält im Chor der Beiträge eine Weitsicht und Öffenheit, die gut tut.

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Veröffentlicht am 09.02.2026

Eine tiefe Auseinandersetzung mit Trauer

Wache halten
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Der englische Originaltitel "breath" übers. Atme, passt sehr gut, aber auch der deutsche Titel fängt eine wichtige Facette der Erzählung ein.
Lyrisch, poetisch, bruchstückhaft folgt die Erzählungen dem ...

Der englische Originaltitel "breath" übers. Atme, passt sehr gut, aber auch der deutsche Titel fängt eine wichtige Facette der Erzählung ein.
Lyrisch, poetisch, bruchstückhaft folgt die Erzählungen dem Sterben des Ehemannes der Protagonistin, die, zumindest überwiegend, unsere Erzählerin ist. Eine unzuverlässige wohlgemerkt, es ist nie ganz klar, was faktisch passiert und was Ausdruck ihrer inneren Erfahrung ist. Zumal die Erzählperspektive wechselt und wir als Lesende zwischendurch mit du angesprochen und in die Position der Protagonistin gezogen werden.
Das ganze ist nicht leicht zu lesen und mir ein Urteil zu bilden ist schwer. Aber, das Buch hat mich emotional sehr mitgenommen und hat eine poetische klare Kraft die gerade in seiner Verworrenheit liegt.

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Veröffentlicht am 07.11.2025

ein wichtiges Thema, stilistisch bemerkenswert umgesetzt

Da, wo ich dich sehen kann
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Das Thema Femizide, dem Jasmin Schreiber sich hier widmet, ist ein wichtiges und sowohl emotionales, als auch komplexes. Die Umsetzung im Buch kommt bei mir widersprüchlich an. Da sind große Sensibilität ...

Das Thema Femizide, dem Jasmin Schreiber sich hier widmet, ist ein wichtiges und sowohl emotionales, als auch komplexes. Die Umsetzung im Buch kommt bei mir widersprüchlich an. Da sind große Sensibilität genauso wie plakative Aussagen, die zu schwarz-weiß wirken und obwohl mir das Buch insgesamt gut gefallen hat, hat mich letzteres auch nachhaltig gestört.

Wir hören aus den Erzählperspektiven der Hinterbliebenen, von den Eltern, der besten Freundin und der Tochter der getöteten Emma. Diese sich abwechselnden Perspektiven führen bei mir zu einem Kaleidoskop-artigen Lesegefühl, nicht nur ergänzen sich die Perspektiven, sie verschieben auch immer wieder bereits Erzähltes in seiner Interpretation und fassen es neu. Dieser Stil wird gut von „was wäre wenn“ Kapiteln ergänzt. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ebenfalls mit durch die vielen Perspektivwechsel bedingt liest sich das Buch eher szenenhaft, wodurch die Momente in denen wir tief eintauchen und emotional sehr berührt werden mehr für sich stehen und wir beim Lesen Atempausen angeboten bekommen. Dazu passend ist die Erzählstimme eher distanziert und bietet über die verschiedenen Perspektiven hinweg eine Konstanz, auf die wir uns beim Lesen verlassen dürfen. Ebenso distanziert kommen Einschübe wie Obduktionsprotokoll und Gerichtsbeschlüsse rüber, wobei gerade dieses realitätsnahe Erzählen meiner Meinung nach die emotionale Wucht des Buches steigert. Insbesondere im Kontrast zwischen dieser amtlichen Sprache und den eindrücklichen Beschreibungen aus der Perspektive der Tochter, Maja.

Maja war der Charakter, der mir persönlich am Meisten gegeben hat und den ich auch am besten geschrieben fand. Es steckt meiner Meinung nach viel Sensibilität und Feingefühl hinter den Maja-Kapiteln. Aber auch die anderen Charaktere waren für mich greifbar und aussagestark. In der Auswahl der Charaktere (und Erzählperspektiven) liegt der Fokus ganz klar auf dem Opfer des Femizid und seinen nahen Angehörigen. Es geht nicht darum, den Täter zu verstehen oder zu entschuldigen, im Gegenteil, die Charaktere müssen mit ihren eigenen Schuldgefühlen umgehen lernen. Insgesamt reflektieren und äußern sich die Charaktere immer wieder rund um gesellschaftliche Themen zu Femiziden, zb true crime podcasts. Das sind zum einen sehr starke Momente im Buch, diese geraten zum anderen aber auch gelegentlich zu „einfach“ und schwarz-weiß und hätten von einer sorgfältigeren Ausarbeitung profitiert. An manchen Stellen wäre weniger wohl mehr gewesen, so spielt zum Beispiel die Mutter der besten Freundin des Opfers nach einer sehr geladenen Szene keine weitere Rolle, ob es das gebraucht hat finde ich fragwürdig.
Dies ist auch meine Kritik zum Ende des Buches, das sich etwas übereilt anfühlt. Es fehlt dann bei ein paar Themen für mich die Tiefe, um es gut zu dem hoffnungsvollen Abschluss zu bringen, den die Autorin gewählt hat.

„Da, wo ich dich sehen kann“ war für mich ein stilistisch sehr gut ausgearbeitetes Buch, dessen Lektüre mich bewegt hat, dessen Mängel meine Leseerfahrung aber auch deutlich beeinflusst haben.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Eigenwillig

Die Spur der Vertrauten
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Bei manchen Büchern frage ich mich hinterher, was war denn das jetzt?
Dystopisch, schon, ja. Sci-fi? Nicht so richtig. Mystery? Irgendwie schon, zumindest die erste Hälfte. Philosophisch? Im Kern des Themas. ...

Bei manchen Büchern frage ich mich hinterher, was war denn das jetzt?
Dystopisch, schon, ja. Sci-fi? Nicht so richtig. Mystery? Irgendwie schon, zumindest die erste Hälfte. Philosophisch? Im Kern des Themas. Horror, auch, irgendwie, zumindest in der zweiten Hälfte.

"Die Spur der Vertrauten" lässt sich nicht so einfach in eine Schublade stecken. Inhaltlich und im Schreibstil geht die Autorin etwas eigenwillige Wege. Sie macht das handwerklich geschickt. Die sprachlichen Gestaltungselemente schaffen eigentümliche Stimmungen, die sich erst nach und nach explizit inhaltlich erklären. Vieles musste ich mir beim Lesen selber erschließen. Auch wenn die Charaktere und die Art zu erzählen emotional distanziert rüber kommen, schaffen es diese Stimmungen mich sehr zu erfassen und ich war dadurch beim Lesen in klarer Auseinandersetzung mit dem Text. Die Autorin spielt hier meiner Meinung nach auch bewusst damit uns Lesende zu irritieren oder sogar abzustoßen. An manchen Stellen wird der Text dafür sehr graphisch. Diese Art zu Erzählen fordert einiges an Aufmerksamkeit und sich-drauf-ein-lassen, belohnt beides aber auch gut.

Grundsätzlich fand ich, das, doch recht dicke, Buch las sich flüssig und schnell. Die erste Hälfte entsprach gut meinen Erwartungen vom Klappentext und war in sich schlüssig und spannend. In der zweiten Hälfte gab es für mich ein paar Längen, auch, weil ich kein klares Ziel der Handlung mehr ausmachen konnte. Dieser Teil war stärker character-driven. Das Ende wiederum fand ich sehr interessant und passend, für das ganze Buch.

Also, ich würde sagen, es ist eine relativ atmosphärische Erzählung mit immer wieder herausfordernden Themen und Charakteren, die sich anregend liest.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Super Serienabschluss

Liga Lexis – Silberhelle Welten
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Die "bookford manor" Reihe ist für mich perfekte Jugendbuchnostalgie. Mein 14-jähriges Ich hätte sich in der Bibliothek vor dem Regal vor Freude im Kreis gedreht und die Bücher dann überglücklich umarmend ...

Die "bookford manor" Reihe ist für mich perfekte Jugendbuchnostalgie. Mein 14-jähriges Ich hätte sich in der Bibliothek vor dem Regal vor Freude im Kreis gedreht und die Bücher dann überglücklich umarmend zum Ausleihschalter getragen.

Die Reihe war von Anfang an eine für Lesende, für Menschen die sich den Migras nahe fühlen, weil auch sie, zumindest metaphorisch, das Gefühl haben Bücher zum Leben zu brauchen. Die Begegnungen mit Buchcharakteren und -Orten macht natürlich besonders Spaß, weil wir die Referenzbücher gelesen haben. Und diese kleinen Fan-Momente tun diesem Band besonders gut, denn in der Welt der Migra ist es ganz schön düster geworden und unsere Hauptcharaktere sind von den Ereignissen gezeichnet, physisch und psychisch.

Mo Enders schafft es die ganze Bandbreite authentisch rüber zu bringen, schmerzhafte Szenen berühren genauso wie sie mich mit ihrem Stil und dem geschickten Ausspielen der Eigenheiten ihrer Charaktere zwischendurch immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Annie ist inzwischen ziemlich selbstsicher geworden, ihr Umgang mit allem, was in diesem Band mit ihrem Leben passiert ist echt beeindruckend. Die Charakterentwicklung von Cassian hat mich sehr angesprochen, das war für mich mit Highlight der Geschichte.

Mit viel Action, kleinen und großen fantastischen Momenten und Gesprächen voller Gefühle geht die Trilogie also ihrem Ende entgegen. Einem Ende das nicht nur wunderbar zur Geschichte passt, sondern auch so gut vorbereitet wurde, dass es nach dem ersten Schock vor allem das Bedürfnis hervorruft, die ganze Reihe nochmal von vorne zu lesen.

Und warum auch nicht? Es lohnt sich schließlich.

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