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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.07.2024

differenziert ohne dabei unkritisch zu werden

Unter Verrückten sagt man du
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Lea de Gregorio legt mit „Unter verrückten sagt man du“ ein sehr tief recherchiertes, dichtes und trotzdem von persönlicher Erfahrung und Überzeugung getragenes Buch vor. Dir Fülle an Zitaten und Referenzen ...

Lea de Gregorio legt mit „Unter verrückten sagt man du“ ein sehr tief recherchiertes, dichtes und trotzdem von persönlicher Erfahrung und Überzeugung getragenes Buch vor. Dir Fülle an Zitaten und Referenzen von medizinischen, soziologischen, philosophischen Konzepten erfordert viel Mitdenken und Vorwissen und wird zum Teil ermüdend. Angesichts des Gegenwindes von Gegnern des Buches sind sie aber auch ein solides Fundament und Mauer gegen „die hat ja keine Ahnung“ Aussagen. Es ist traurig, dass es das braucht und De Gregorio geht auf genau diese epistemischen Angriffe und saneistischen Gesellschaftsmuster ein. Ihre eigenen Erfahrungen werden immer wieder reflektiert und rückgebunden, sie ist sehr sorgsam darin graphische Beschreibungen oder „Schockmomente“ und Zuspitzungen zu vermeiden ohne die Realität der eben auch gewaltsamen Geschichte und Gegenwart des Psy-systems und die Folgen dessen zu leugnen. Das Bemühen um Ausgewogenheit und Fairness, darum deutlich zu sein ohne vor den Kopf zu stoßen, wird an vielen Stellen deutlich. Mich haben die späteren Kapitel mehr angesprochen als die ersten, was sicherlich auch an meinen eigenen Interessensgebieten im Thema liegt. Ich habe unterstrichen, an mehreren Stellen „Wiederfindezettel“ verteilt und ein paar Sätze bzw Abschnitte so gut und mutig und treffend gefunden, dass ich sie abgeschrieben habe. „Unter verrückten sagt man du“ ist in vielerlei Hinsicht keine leichte Lektüre, dieses Buch fordert seine Leser*innen heraus, bietet ihnen aber auch viel. Ich möchte es gerne empfehlen!

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Veröffentlicht am 05.05.2024

unterhaltsam, berührend und manchmal vielleicht ein bisschen Klischee

The Happiness Blueprint
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Dieses Buch ist eine gelungene Mischung aus Witz, Herzschmerz, Zuckerguss und schweren Themen. Gerade am Anfang war ich etwas erschlagen von der Schwere der Alex-Kapitel, da es sehr viel um den Tod seines ...

Dieses Buch ist eine gelungene Mischung aus Witz, Herzschmerz, Zuckerguss und schweren Themen. Gerade am Anfang war ich etwas erschlagen von der Schwere der Alex-Kapitel, da es sehr viel um den Tod seines Bruders und Alex Trauer geht. Das kam etwas unerwartet, passt aber zu dem Charakter und letztlich auch zur Geschichte. Die Missverständnisse zwischen Alex und Klara sorgen für jede Menge Herzschmerz, manchmal auch Frust und ein die beiden schütteln wollen „verdammt jetzt redet halt mal drüber!“. Witzig ist es allerdings und die Beziehung zwischen Alex und Klara wartet neben diesem Humor auch mit genug Zuckerguss auf um für den Herzschmerz zu entschädigen (oder ihn noch mehr in die Höhe zu treiben?). Slow burn im Sinne von sweet torture, ich habe gelitten und es geliebt. Ally Zetterberg hat hier zwei Charaktere wie für einander geschaffen und trotzdem legen beide noch eine ordentliche Charakterentwicklung hin. Nebencharaktere, die am Anfang etwas einseitig erscheinen, wie Klaras Schwester, werden im Laufe der Zeit immer runder, was direkt auf Klaras Entwicklung zurückzuführen ist und meiner Meinung nach einen sehr gelungenen Umgang mit dem perspektivischen Erzählen darstellt. Wie sehen die Welt wirklich durch Klaras und Alex Augen, was insbesondere dann spannend wird, wenn die beiden einander sehen.
Diese Geschichte ist unterhaltsam, berührend und manchmal vielleicht ein bisschen Klischee.

(Ich fand leider die gewählten Schriftarten fast durchgängig anstrengend zu lesen, zt waren die Kontraste nicht gut und das Druckbild unscharf.)

Achtung, (eventuell) Spoiler:
Klara war für mich sehr offensichtlich autistisch, dies kommt allerdings erst zum letzten Drittel hin explizit zur Sprache, da Klara dies selber zu Beginn nicht weiß. Auf diese Art dürfen Lesende Klara mit ihrer Art die Welt zu sehen und in ihr zu interagieren erstmal unvoreingenommen kennenlernen, lachen mit ihr aber nicht über sie. Ally Zetterberg schafft gerade bevor das Thema explizit wird eine sehr runde ausgewogene Darstellung, die durch ihre Selbstverständlichkeit überzeugt. Die Auseinandersetzung mit der Diagnose ist dann doch etwas oberflächlich beschrieben, der Prozess der Verarbeitung für die Geschichte beschleunigt dargestellt. Kernelemente sind trotzdem vorhanden und in gewisser Weise wird auch hier die Selbstverständlichkeit des so-seins aus dem Beginn der Erzählung beibehalten. Insgesamt aus meiner Sicht eine gelungene Darstellung einer autistischen Hauptperson, bei der weniger Wert auf sachliche Aufklärung gelegt, sondern einfach fundamental das autistische Erleben dieser einen Person dargestellt wird.

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Veröffentlicht am 14.03.2024

ehrliche authentische Stimmen in einem Sammelband

Vögel im Kopf
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Patient:innen und Zugehörige erzählen in der Rückschau über Ihre Zeit und Erfahrung in und mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerahmt wird das Buch von Worten von in der KJP tätigen Menschen, diese ...

Patient:innen und Zugehörige erzählen in der Rückschau über Ihre Zeit und Erfahrung in und mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerahmt wird das Buch von Worten von in der KJP tätigen Menschen, diese kommen auch in eigenen Beiträgen im Buch zu Wort. Jeder Beitrag hat seine eigene Stimme, eine Verallgemeinerung ist kaum möglich. Manche Beiträge beleuchten die selbe Situation aus jeweils anderen Perspektiven, einige stehen für sich. Je nach Beitrag finden sich nüchternere Beschreibungen und Ablaufsberichte, kunstvoll erzählte Puzzel oder Dramaturgien und offene, ehrliche Einblicke in Gedanken und Fühlen der Autor:innen. Zu den Texten gibt es kleine Biografien. Jeder Text ist einzigartig, sie verbindet erstmal nur der Ort an dem sie spielen und von dem sie, mal mehr mal weniger, handeln. Trotzdem kommen manche Gedanken oder Themen immer wieder, in unterschiedlichen Schattierungen und Wärmestufen, zusammen ergeben die Texte einen Chor der erstaunlich harmonisch klingt. Ob das an gelungenen Lektorat lag oder eine Wirklichkeit abbildet vermag ich nicht zu sagen.

Einzelne Texte haben mich sehr berührt, haben an meine eigenen Erfahrungen freundlich angeklopft, mich in den Arm genommen oder sind mir auch wie Geister kalt den Rücken herunter gerutscht. Ich habe nach ein paar Texten das Buch weglegen müssen um erstmal zu weinen und zuzulassen, dass ich berührt werde. Denn berührt haben sie mich, diese Texte. Manchmal war es nur ein Nebensatz oder ein sprachliches Mittel. Wenn Patient*innen authentisch zu Wort kommen dürfen, so wie hier, ist das wertvoll. Es wird nichts von außen beschönigt oder abgewertet. Ich bin mir sicher, die Texte, die mich nicht derartig tief berührt haben, taten dies bei anderen Lesenden.

Es ist keine Lektüre für Zwischendurch oder Nebenbei, diese Texte haben Aufmerksamkeit verdient und Zeit. Es ist keine Unterhaltung oder Bespaßung für die Lesenden, trotzdem ist das Buch kein -metaphorischer- schwerer Klotz sondern behält im Chor der Beiträge eine Weitsicht und Öffenheit, die gut tut.

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Veröffentlicht am 14.04.2026

Was zur undefinierten Apokalypse ist denn hier los?!

Ich, die ich Männer nicht kannte
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"I who have never known men" ist eins dieser Bücher die Genre sprengen. Der Stil ist detached, philosophisch, anthropologisch, beobachtend und introspektiv. Die Erzählerin ist außergewöhnlich in ihrer ...


"I who have never known men" ist eins dieser Bücher die Genre sprengen. Der Stil ist detached, philosophisch, anthropologisch, beobachtend und introspektiv. Die Erzählerin ist außergewöhnlich in ihrer Distanz zu dem, was Kultur ausmacht und das prägt ihre Erzählstimme. Es ist, als wäre alles bis auf die Knochen und Grundfeste freigelegt. Mir hat das gut gefallen, obwohl ich den Stil als dissoziations-fördernd empfand.

Die Bilder und Assoziationen zu der Erzählung sind stark. Gleichzeitig wird uns nichts geschenkt, als Lesende müssen wir uns unser Verständnis selbst erarbeiten. Ob wir Parallelen ziehen wollen zu Platons Höhlengleichnis, ob wir Gender hinterfragen wollen, ob wir dem nachspüren möchten, was Würde ausmacht und so weiter. Das Buch liefert Themen und Ansätze zum darauf herumkauen.

Wer statt Fragen lieber Antworten möchte wird mit diesem Buch nicht glücklich werden und einige der Fragen, die uns das Buch spiegelt sind gewissermaßen brutal. Am Ende haben wir im Kern unserer Existenz mehr mit der Erzählerin gemein, als man glauben möchte. Ich finde, es lohnt sich, aber es gibt definitiv leichtere Kost.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Was läuft in Piesnitz?

Bevor der Himmel reißt
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Mein erstes Buch dieser Autorin und es hat mir gut gefallen.
"Bevor der Himmel reißt" hält das Verlagsprogramm-Versprechen des Arctis Verlag. Es ist ein aktuelles Jugendbuch, dass sich auf unterhaltsame ...

Mein erstes Buch dieser Autorin und es hat mir gut gefallen.
"Bevor der Himmel reißt" hält das Verlagsprogramm-Versprechen des Arctis Verlag. Es ist ein aktuelles Jugendbuch, dass sich auf unterhaltsame und nahbare Weise mit einem großen Thema auseinander setzt. Ich würde sagen, es geht um Rassismus und rassistisch motivierte Gewalt. Genauso geht es aber auch um Freundschaft, Familie, Nachbarschaft und die Frage, wie wir alle gut mit rechtem Gedankengut umgehen können.

Ich mochte Heer und Dilly. Ihre Gedanken und Gefühle werden so lebendig erzählt. Sie leben ein doch recht anderes Leben als ich und die Autorin hat es gut geschafft mir das nahe zu bringen. Piesnitz und die Menschen darin mögen erfunden sein, wie die Autorin im Nachwort schreibt, viele ihrer Erlebnisse sind es nicht.

Am Anfang haben mich die Zeitsprünge etwas irritiert, aber das hat sich schnell gelegt und Dillys E-Mails aus der Zukunft haben der Erzählung gut getan. Auch die Nebencharaktere haben die Geschichte gestützt. Ich mochte besonders, wie viel Tiefe auch sie bekommen haben.

Insgesamt würde ich die Stimmung im Buch als gedrückt beschreiben. Gleichzeitig sind da kleine und große Momente und Entwicklungen, die sehr real werden und in/neben/mit dieser Grundstimmung existieren. Auch die kleinen Zeichnungen und Chatverläufe lockern den Lesefluss ein wenig auf, zusammen mit den kurzen Kapiteln zum Ende hin, schaffen sie Raum langsamer zu lesen und das gelesene wirken zu lassen.

Ich finde, die Erzählung bleibt ein wenig offen und bietet sich mit seiner Wahrheit an ohne ein moralischer Knüppel oder ganz hoffnungslos zu sein. Sie bietet viel Anknüpfungspunkte um selber weiter zu reflektieren, ich habe zb gemerkt, dass ich über die DDR noch nie etwas zum Thema Migration gelesen oder gelernt habe und da eigentlich gerne mehr wissen möchte.

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