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Veröffentlicht am 30.11.2025

Verliert sich in vielen Nebensächlichkeiten

Die Ausweichschule
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"Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann hat es immerhin auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft. So etwas macht neugierig auf ein Buch. Doch nachdem ich die Lektüre beendet habe, ...

"Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann hat es immerhin auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft. So etwas macht neugierig auf ein Buch. Doch nachdem ich die Lektüre beendet habe, lässt es mich ratlos rätselnd zurück, wie es dazu gekommen sein könnte. Wenn sich etwas wirklich ganz Besonderes und Preisverdächtiges darin verstecken sollte, dann hat es sich zumindest mir als Vielleserin und geübter Bucheinschätzerin nicht gezeigt. Gegen Ende klingt es auch so, als ob der Autor tatsächlich einen Roman über die Geschehnisse rund um das Attentat an seiner Schule in Erfurt schreiben hätte wollen, der aber von allen Verlagen abgelehnt worden sei.

Hier handelt es sich nun um etwas, das ich kritisch die Überbleibsel aus diesem misslungenen Schreibprozess nennen würde. Mit sehr viel Wohlwollen könnte es etwas Ähnliches wie ein Memoir sein - dafür gibt es für mich aber deutlich zu wenig gelungene Selbstreflexion in diesem Buch. Für mich wirkt es wie ein künstlich konstruierter Versuch, eine Geschichte um etwas zu schreiben, das der Autor ganz am Rande als 11-jähriger mitkommen hat: den Amoklauf in Erfurt. Leider gibt das eigene Erleben des Jungen nicht viel her, das berichtenswert wäre, eben so wenig wie die spärlichen Informationen, die er rund um den Amoklauf zusammenträgt. Vielleicht kann man ihm mit viel Wohlwollen zu Gute halten, dass er nichts erfinden wollte? Geschätzt 70 Prozent des Buches bestehen aber leider aus für mich sehr uninteressant geschilderten Details aus dem Alltagsleben des Autors, viel wird dabei einfach irgendetwas gegessen oder irgendwo herumgegangen. Weder die psychische Befindlichkeit des Autors noch der Amoklauf an sich sind mir durch dieses Buch in irgendeiner Weise näher gekommen. Am ehesten bleiben noch die Referenzen auf andere Autoren im Gedächtnis, die sich an ähnlichem versucht haben: einer nicht zu reißerischen Aufarbeitung realer Mordfälle anhand weniger Details, und die dahinter stehende Frage, ob es zwangsläufig ein langweiliges Buch werden muss, wenn man so wenige Informationen hat und selbst nur ganz am Rande betroffen war.

Vielleicht verbirgt sich in diesem Buch irgendetwas Großartiges, das die Jury des Deutschen Buchpreises erkannt hat und sich vor mir verbirgt. Persönlich tendiere ich zu 2 bis 3 Sternen, wobei ich schon viele bessere Bücher gelesen habe, die ich mit 3 Sternen bewertet habe. Dem Buch nur deshalb 3 Sterne zu geben, weil es ein Buchpreiskandidat war, wäre nicht mehr meine ehrliche Meinung. Also 2 Sterne für ein Buch, aus dem mit Überarbeitung sicher etwas viel Interessanteres werden hätte können - ohne zugleich in die Sensationsberichterstattung zu gehen - es hätte gereicht, wenn der Autor selbst mit seiner Persönlichkeit für mich greifbarer geworden wäre, abseits all der Alltagsbanalitäten.

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Veröffentlicht am 05.11.2025

Kein Land ohne Blut

Adama
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"Adama" von Lavie Tidhar ist ein hartes Buch. Die Härte, mit der sich die Überlebenden des Holocausts und die schon früher nach Israel ausgewanderten oder dort geborenen Juden dieses Land mit der Waffe ...

"Adama" von Lavie Tidhar ist ein hartes Buch. Die Härte, mit der sich die Überlebenden des Holocausts und die schon früher nach Israel ausgewanderten oder dort geborenen Juden dieses Land mit der Waffe erkämpft haben, wird spürbar. Erzählt wird eine Geschichte über mehrere Generationen. Gründungsperson dieser Familie ist Ruth, die große Teile ihrer Familie im Holocaust verloren hat und die es geschafft hat, schon vor der Shoah nach Palästina auszuwandern und dort im Kibbuz lebt. Später kommt ihre Schwester Shosh(ana), die ein Konzentrationslager überlebt hat, für eine Weile dazu, außerdem gibt es Kinder und Enkel. Familie soll aber im Kibbuz nicht wirklich gelebt werden, die Kinder werden von Anfang an ihren Eltern entfremdet, gemeinschaftlich aufgezogen und sollen die Eltern nicht "Mama" oder "Papa" nennen, sondern nur beim Vornamen, siehe z.B. diese Stelle: "Yael gehörte ihr nicht, ihr gehörte nichts, jedenfalls nicht, solange sie im Kibbuz lebte. Yael war nur eine von vielen Rotznasen in der Masse der Kinder, unterschied sich durch nichts von Yoram und Ophek, den Kindern ihrer Schwester. Sie gehörten alle dem Kibbuz." (S. 228). Auch deshalb scheint in späteren Generationen, die so nicht mehr leben möchten, der Kibbuz ein aussterbendes Konzept zu sein.

Am interessantesten war für mich an diesem Buch tatsächlich die Schilderung des harten Alltags des Ankommens in Palästina in den späten 1940er Jahren und danach, sowie der kommunistisch organisierte Alltag im Kibbuz, ohne traditionelle Familienstrukturen oder Privateigentum und die extreme Betonung des Werts von Arbeit, siehe z.B. diese Stelle: "Jetzt traf Ruth sich mit all ihren alten Freunden und Freundinnen in einem hübschen, gemütlichen Saal, wo sie Produkte aus der Fabrik verpackten: eine leichte, unanstrengende Arbeit, aber immer noch Arbeit. Und die war im Kibbuz von allerhöchstem Wert. Arbeiter sein. Wer arbeitete, war jemand und war kein Schmarotzer. Ein Wort, das Ruth ausspie wie die schlimmste Beleidigung, schlimmer als alles andere. Wenn man hart arbeitete, spielte es keine Rolle, was man sonst machte." (S. 44)

Und sonst gemacht wird eine Menge, unter anderem mit der Waffe für das Land gekämpft, aber auch, in einer späteren Generation, für Geld Auftragsmorde verübt, und noch so einiges mehr. Es ist eine kalte Zeit, in der arabische Dörfer einfach ausgelöscht werden, denn: "Die Tzabarim waren nicht schwach wie die alten europäischen Juden. Sie waren neu und hart und die Herrscher in diesem Land, diesem "Adama". Sie hatte das Wort im Hebräischunterricht gelernt und hasste es. "Es gibt kein A-d-a-am-a ohne d-a-m", hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. "Dam" war Hebräisch und bedeutete Blut. Kein Land ohne Blut. Shosh hatte Blut satt." (S. 224)

Aber auch jüdische Flüchtlingskinder nicht sicher sind und laufen Gefahr, skrupellosen Menschenhändlern zum Opfer zu fallen, ohne dass es die meisten anderen Menschen besonders kümmert. Stark spürbar sind die tiefen Wunden und Traumatisierungen durch die NS-Zeit, und der starke Wunsch, weiterzuleben und das Leben weiterzugeben, siehe z.B. diese Stelle: "Shosh wünschte sich auch ein Baby. Von wem, spielte keine Rolle. Sie wollte neues Leben in die Welt setzen, neues Leben für all das verlorene. Schon allein, um den Nazis zu sagen, ihr konntet uns nicht alle töten, und jetzt sind wir hier, wir leben noch und wir schaffen neues Leben. Ein Baby zu bekommen, hatte etwas von einem Wunder." (S. 156)

An diesen erwähnten Themen sieht man also: das Buch behandelt wichtige Aspekte der Geschichte Israels und regt zum Nachdenken an. Damit komme ich allerdings auch schon zur Kritik: sprachlich und literarisch ist es weit entfernt davon, ein Meisterwerk zu sein. Die Sprache ist überwiegend sehr einfach, teilweise voll mit übertriebenen, unpassenden Metaphern. Es gibt unzählige für die weitere Handlung irrelevante Szenen zum Rauchen oder Essen, die in wiederholender Art detailliert geschildert werden. Die Charaktere sind simpel konstruiert, keinen davon konnte ich wirklich nachfühlen, insgesamt verbindet sie fast alle nur die Härte, die sie in sich tragen, ansonsten werden sie wenig individuell spürbar. Von der inhaltlichen Konstruktion her sind es auch eher einzelne Szenen, die geschildert werden, als ein in sich schlüssiger Thriller. Spannung kommt auch nicht wirklich auf. Insgesamt ist es also ein bestenfalls mittelmäßiges Buch, das ich nicht wirklich empfehlen kann, denn auch zu oben geschilderten Themen gibt es in der israelischen Literatur weit besseres.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Wichtige Themen, aber Erzählstil fast unlesbar für mich

Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich
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"Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich" ist ein Buch, dessen Beschreibung mich sehr neugierig gemacht hat: Familiengeschichten, alte Traumata, vielleicht ein bisschen Selbsterkenntnis - das ist genau ...

"Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich" ist ein Buch, dessen Beschreibung mich sehr neugierig gemacht hat: Familiengeschichten, alte Traumata, vielleicht ein bisschen Selbsterkenntnis - das ist genau meines, dachte ich. Nun steht es auch noch auf der Longlist für den diesjährigen Österreichischen Buchpreis.

Das Buch behandelt auch wirklich spannende Themen und vermittelt eine besondere, sehr eindringliche Atmosphäre. Man merkt, dass die Autorin viel zu sagen hat und sprachlich einiges wagt. Aber genau mit dieser Sprache hat sich mich leider auch verloren: das Buch besteht fast nur aus bewusstseinsstromartigen, unglaublich langen Sätzen, sodass sich die Lektüre für mich äußerst mühsam gestaltet hat. Ich habe überlegt, zur Anschauung einen davon zu zitieren, sehe aber wieder davon ab, weil die Sätze so extrem lang sind, dass dieses Zitat hier unverhältnismäßig viel Raum einnehmen würde. Fast jeder Satz zieht sich über mehrere Seiten, man kommt kaum zum Durchatmen und Pause machen zwischendurch. Das ist möglicherweise ein bewusst gewähltes Stilmittel, um die Eindringlichkeit der vermittelten Botschaften zu unterstreichen, freundlich gegenüber Lesenden ist es aber definitiv nicht.

Dadurch war es für mich auch sehr schwierig bis stellenweise unmöglich, mich wirklich auf die Geschichte einzulassen. Schade, denn inhaltlich steckt viel drin: die Auseinandersetzung mit Herkunft und Prägung durch die Geschichte des Vaters, die Schwere von Erinnerungen und transgenerationalen Traumata und das Suchen nach einem Platz in der Welt als queere Person.

Insgesamt ist es ein Buch mit wichtigen Botschaften und einer sehr ungewöhnlichen Erzählweise, das für mich aber leider ein eher zähes Leseerlebnis war. Empfehlen würde ich es nur bedingt, es braucht schon viel Konzentration, Interesse und Hingabe, um sich auf dieses sehr speziell geschriebene Buch einzulassen.

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Veröffentlicht am 20.04.2025

Ohne Folgeband wertlos

Eislotus. Wasser findet seinen Weg
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Ich liebe Bücher und bin immer eher geneigt, sie wohlwollend zu beurteilen, was sich auch daran zeigt, wie viele ich schon mit vier oder fünf Sternen bewertet habe. Ein Buch muss mich also schon sehr verärgern ...

Ich liebe Bücher und bin immer eher geneigt, sie wohlwollend zu beurteilen, was sich auch daran zeigt, wie viele ich schon mit vier oder fünf Sternen bewertet habe. Ein Buch muss mich also schon sehr verärgern oder enttäuschen, damit es von mir nur zwei Sterne bekommt. Leider ist das bei "Eislotus - Wasser findet seinen Weg" der Fall und das bedaure ich selbst, denn das Buch hat so vielversprechend begonnen.

Äußerlich ist es wunderschön und passend zum Element Wasser gestaltet und insbesondere der Farbschnitt sieht selbst wie ein Seelenbuch aus. Und auch die Geschichte beginnt und entwickelt sich erst einmal vielversprechend.

Aufwendig und liebevoll wurde eine eigene High-Fantasy-Welt der Elementemagie geschaffen, in der sich Menschen an die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer mittels eines Seelenbuches binden und dann entsprechende Magie ausüben und eine Art Unsterblichkeit erlangen können, da sie nach ihrem physischen Tod in das Buch als Seele eingehen, sich dort mit anderen geliebten Seelen im selben Buch wiedervereinigen können und "zu Tinte werden". Je mehr Seelen ein Buch enthält, desto mächtiger ist es.

Diese Idee hat mir sehr gefallen - endlich mal wieder ein spannendes High-Fantasy-Buch, in dem es um eine seltenere Art von Magie geht (mal keine Werwölfe, Vampire, Hexen oder ähnliches) und das nicht so stark in Richtung Romantasy geht, sondern klar Fantasy ist (auch wenn zwei Charaktere sich ein bisschen zueinander hingezogen fühlen, aber mehr als tiefe Freundschaft entwickelt sich in dem Buch zwischen ihnen nicht und es gibt keinerlei romantische oder "spicy" Szenen, das habe ich zur Abwechslung sehr angenehm gefunden).

Um neue Bücher an Seelen binden zu können, braucht es die Buchbinder, und damit die den verschiedenen Elementen nahestehenden Menschen nicht mehr, wie in der Vergangenheit, blutige Kriege um diese knappe Ressource führen, gibt es eine Art Turnier, einen "Stellvertreterkrieg", bei dem ausgewählte Angehörige der vier Elemente miteinander darum kämpfen, wer die Buchbinder für den nächsten Zyklus in die eigene Region und Stadt führen darf. Die ausgewählten beziehen für diese Zeitspanne eine Akademie in Lort, der Stadt, die auf den Ausgleich der Elemente achtet, werden dort untergebracht, verpflegt und ausgebildet und müssen sich immer wieder Aufgaben und einer Auswahl durch die Stadtbewohner stellen.

Das ist eine durchaus bekannte Idee, die sich auch in anderen Fantasybüchern und Dystopien findet, hier aber auf eine ganz eigene Art und Weise ausgetragen wird. Originell habe ich gefunden, dass es nicht hauptsächlich um Kämpfe geht, sondern auch um Intelligenz und Kreativität, um Verbindungen der Elemente miteinander und darum, die Dinge kritisch zu hinterfragen. Geschildert ist das Buch abwechselnd aus den Perspektiven der Mondgebundenen (Wasser-Element) Nara und des Sonnengebundenen (Feuerelement) Katso, das macht es auch nochmal interessanter.

Bis kurz vor dem Ende hätte ich das Buch insgesamt mit soliden vier Sternen bewertet (keine fünf Sterne, weil es speziell am Anfang einige Längen aufweist). Ein aufwendiges, interessantes Worldbuilding, spannende Aufgaben und glaubwürdige Charaktere, das mag ich. Während der Lektüre baut sich Spannung auf und man hofft auf die Beantwortung vieler offener Fragen, die sich stellen, z.B. was mit Naras angeblich verstorbenen Eltern wirklich passiert ist, was es mit den Ungebundenen auf sich hat, wer hinter gewissen Attentaten steckt, wer die Stimme ist, die immer wieder in den Fußnoten kommentiert, wem zu trauen ist und wem nicht und natürlich, wer am Ende das Turnier gewinnt.

Ohne spoilern zu wollen, muss ich an dieser Stelle sagen: so gut wie keine dieser Fragen wird am Ende beantwortet. Das Buch endet einfach mittendrin, wir sind noch nicht einmal in der Nähe des Endes des Turniers, da ist das Buch auf einmal zu Ende, und auch sonst wird so gut wie keine dieser und meiner weiteren offenen Fragen beantwortet, nur eine einzige, eher irrelevante, Kleinigkeit in Bezug auf einen Verrat wird aufgedeckt. Aber ansonsten endet das Buch gefühlt einfach in der Mitte der Handlung und lässt mich ratlos und enttäuscht zurück.

Mir ist klar, dass es sich dabei um den ersten Band eines Zyklus handelt und dieser somit nicht absolut alle offenen Fragen klären wird. Ich habe aber schon viele mehrbändige Fantasy-Zyklen gelesen, und die guten davon sind so verfasst, dass man auch am Ende eines einzelnen Bandes ein befriedigendes Leseerlebnis hat. Üblich ist zum Beispiel, dass viele offene Fragen sich am Ende des Bandes klären, aber eine offen bleibt, es also einen Cliffhanger gibt, der neugierig macht, weiterzulesen. Das würde ich angebracht finden. Aber das Ende dieses Buches ist eine einzige Sammlung an offenen Themen und Fragen, es wird so gut wie nichts aufgeklärt.

Und genau das verärgert und enttäuscht mich und macht mich auch nicht geneigt, die Folgebände zu lesen... wer sagt mir, dass dann meine Fragen beantwortet werden und nicht jeder Band und vielleicht am Ende auch die komplette Serie mit vielen offenen Fragen endet?

Ein guter Anfang und eine spannende Idee, die aber völlig unzureichend ins Ziel bzw. eben nicht ins Ziel gebracht wurde. Fast scheint es so, als wären die letzten 50 oder 100 Seiten verloren gegangen. Schade, dass das Lektorat die Autorin hier nicht darauf hingewiesen hat. Sie hat zweifellos Erzähltalent und es wäre sonst so ein spannendes Buch, aber mit so einem unbefriedigenden Ende kann ich von diesem Buch nur abraten.

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Veröffentlicht am 06.04.2025

Enttäuschend langweilig, langatmig und unplausibel

Flusslinien
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"Flusslinien", das neue Buch von Katharina Hagena, hätte ich so gerne gemocht. So ansprechend waren das schöne Cover mit der Flusslandschaft und die Kurzbeschreibung. Ich habe mich auf ein witziges, lebenskluges ...

"Flusslinien", das neue Buch von Katharina Hagena, hätte ich so gerne gemocht. So ansprechend waren das schöne Cover mit der Flusslandschaft und die Kurzbeschreibung. Ich habe mich auf ein witziges, lebenskluges und unterhaltsames Buch gefreut, doch wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Damit ich ein Buch mit nur zwei Sternen beurteile, muss schon einiges zusammenkommen, denn ich bemühe mich immer, Bücher so großzügig wie möglich zu betrachten und zu beurteilen. Deshalb werde ich nun genau darauf eingehen, in welchen Bereichen mich dieses Buch enttäuscht hat.

Was schätze ich am Lesen?

1) Eine interessante, glaubwürdige Geschichte:

Hier haben wir die 102-jährige Margrit, die in einer noblen Seniorenresidenz in Hamburg lebt. Ihre 18-jährige Enkelin Luzie, die aufgrund des Traumas eines Vergewaltigung bei einem Auslandsaufenthalt in Australien (wo ihr Vater lebt) die Schule abgebrochen hat und Tätowiererin werden will. Arthur, in seinen 20ern, der seinen Zwillingsbruder Theo verloren hat, als Taucher gearbeitet hat und außerdem Kunstsprachen erfindet und verkauft, aber nebenbei in der Seniorenresidenz als Fahrer jobbt. Abwechselnd erleben wir die Geschichte aus den Perspektiven dieser drei Personen mit. Das wusste ich schon aus der Kurzbeschreibung und das hätte eine nette Geschichte werden können. Leider passiert aber sehr wenig und das Buch ist voll von irrelevanten, ausgiebig erzählten, langweiligen Szenen, die für mich nirgendwo hingeführt haben. Dieses fast vierhundert Seiten lange Buch reiht Szene an Szene an Szenen, ohne wirklichen Spannungsaufbau oder Höhepunkt.

2) Gut gezeichnete, glaubwürdige Figuren, die tiefgründig und authentisch dargestellt sind und eine interessante Entwicklung aufweisen:

Wir lernen die oben erwähnten Figuren kennen und dann noch einige weitere in ihrem Umfeld, z.B. Mutter und Vater von Luzie (sind getrennt) Arthurs Zwillingsbruder Theo, oder Gregor, einen Mitbewohner Margrits in der Seniorenresidenz. Sowohl die drei Hauptfiguren als auch alle Nebenfiguren blieben für mich aber sehr blass charakterisiert. Nach der Lektüre des Buches könnte ich kaum jemanden von ihnen abseits von sehr plumpen Stereotypen (Luzie ist verletzt und rebellisch aufgrund des Traumas, Margrit ist weise und gütig,....) charakterlich tiefgehender beschreiben. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Figuren eine sonderliche Entwicklung durchgemacht hätten und sie bleiben für mich sehr blass. Auch habe ich mich während der Lektüre den meisten von ihnen innerlich nicht nahe gefühlt, was mir normalerweise bei gut geschriebenen Büchern sehr schnell gelingt, selbst bei unsympathischen Figuren, wenn diese authentisch gezeichnet sind.

3) Eine besondere, schöne und einprägsame Sprache:

Insgesamt zeichnet sich dieses Buch dadurch auch nicht sonderlich aus. Gelegentlich gibt es schöne und einprägsame Sätze insbesondere in den Margrit-Kapiteln, die ja als weise dargestellt werden soll, so z.B. auf S. 44: "Nun, da die Schatten länger und die Risse tiefer werden, muss sie noch einmal ihre letzten Bilder einordnen." In diesem Bereich schneidet das Buch also für mich weder bemerkenswert noch besonders schlecht ab.

4) Ausgiebige Recherche, sodass man beim Lesen auch etwas über die beschriebenen Themen lernt oder diese zumindest nicht komplett unglaubwürdig wirken:

Das ist ein weiterer Punkt, der mich in diesem Buch sehr enttäuscht hat. Plakativ werden so gut wie alle Zeitgeistthemen (Coronazeit, Ukrainekrieg, Klimawandel, Fridays for Future,...) oberflächlich genannt und eingebaut, ohne sie aber tiefer mit dem Buch zu verbinden. Das wirkt auf mich, als ob die Autorin regelrecht eine Liste all dieser Themen abgearbeitet hätte. Ich mag durchaus Romane mit aktuellem Bezug, aber hier wäre es mir lieber gewesen, die Autorin hätte sich auf wenige dieser Themen beschränkt, diese aber authentischer und tiefgehender in das Buch eingebaut. Überhaupt empfinde ich das Buch über weite Strecken als sehr oberflächlich: immer wieder kamen durchaus interessante Themen auf, z.B. zur Umweltproblematik, die mit der immer weiter betriebenen industriellen Elbvertiefung für die Schifffahrt verbunden ist, aber diese wurden meistens nur kurz gestreift, bis das nächste von gefühlt hunderten Themen kurz angeschnitten wurde. Manches war auch schlicht extrem klischeehaft beschrieben, z.B. reist Arthur nach Belarus, wo sich eine Gruppe für eine seiner Kunstsprachen interessiert, diese Gruppe hat die Kunstsprache in kürzester Zeit nahezu perfekt gelernt, hält darin komplexe faschistische Vorträge und Arthur flieht angeekelt und reist mit dem nächsten Flieger um 4000 Euro zurück nach Deutschland, wobei er die gesamten Ersparnisse von sich und noch welche von seinem Bruder aufbraucht. Hier hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin mit Belarus, mit Kunstsprachen oder mit sonst etwas näher auseinandergesetzt hat. Auch das Tätowieren alter Menschen in der Seniorenresidenz wirkte auf mich nicht sehr glaubwürdig und authentisch geschildert. Damit hat mich das Buch auch in dieser Hinsicht sehr unzufrieden zurückgelassen.

5) Gut unterhalten zu werden:

Wenn ein Buch schon nicht sonderlich glaubwürdig ist, literarisch kein hohes Niveau aufweist, keine besondere Figurenentwicklung hat und ich auch nicht wirklich was dabei lernen kann, dann wäre es schön, wenn es wenigstens so spannend oder witzig geschrieben wäre, dass ich mich dabei gut unterhalten würde. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Autorin versucht hat, humorvoll und weise rüberzukommen, aber, wie gesagt, über weite Strecken hat mich das Buch mangels wirklich interessanter Handlung sehr gelangweilt.

6) Interessante historische Bezüge:

Was mich wirklich gewundert hat, war das Nachwort. In diesem gibt die Autorin an, dass sie speziell über die Gestalterin des Römischen Gartens in Hamburg, Else Hoffa, schreiben habe wollen, da sie festgestellt habe, dass einiges, was über diese zu finden sei, korrigiert und ergänzt werden könnte. Ja, zu Else Hoffa gibt es immer wieder Exkurse, speziell in den Erinnerungen der alten Margrit, denn Else Hoffa wird fiktiv als lesbische Partnerin von deren Mutter Johanne dargestellt. Allerdings haben diese Elemente für mich als Fremdkörper im Roman gewirkt, nicht wirklich mit dem Rest der Geschichte verbunden, und ich wäre allein aufgrund der Lektüre nie draufgekommen, dass das ein zentrales Element des Buches sein sollte, dazu war es als Thema viel zu wenig präsent.

Fazit: Ich nehme der Autorin nicht ab, über sehr alte Menschen, Kunstsprachen oder sonstige der im Buch behandelten Themen wirklich tiefgründig recherchiert zu haben. Die Geschichte an sich war für mich langatmig und langweilig erzählt, die Figurencharakterisierung blass, kaum Charakterentwicklung da und das Leseerleben unbefriedigend und langweilig. Schade. 2 Sterne für die Bemühung, eine humorvolle, berührende Geschichte zu schreiben, und für stellenweise gute Ansätze dazu. Keine Leseempfehlung.

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